Bier ist schuld!

Bevor mich nun die Gilde der Brauer und die der Getränkehändler sowie die vereinigten Konsumenten ob der Überschrift aufs Schafott zerren und meinen Schädel dann als Warnung am hiesigen Ortseingang auf einen Speer stecken, hier die Feststellung: Nein, es geht in diesem Artikel nicht um des Deutschen liebsten Gerstensaft, sondern um einen Mediziner gleichen Namens.

Ja genau, um den Bier August geht es. Und ja, von dem war schon einmal auf diesem Blog die Rede. Sonderlob fürs Aufmerken, die beiden Herrschaften in der dritten Reihe bekommen je einen Keks!

August Bier ist eine hochinteressante Persönlichkeit. Auf der einen Seite war er ein ernstzunehmender Wissenschaftler, der zusammen mit seinem Assistenten August Hildebrandt erste Versuche zur Spinalanästhesie durchgeführt hat, auf der anderen Seite setzte er sich mit der Homöopathie auseinander und versuchte, die Seele zu erforschen.

Aber fangen wir am Anfang an. August Bier wurde am 24. November 1861 in Helsen (Grafschaft Waldeck) geboren. Sein Abitur legte er 1881 an der Alten Landesschule in Korbach ab und studierte bis 1886 Humanmedizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, an der Universität Leipzig und an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Hiernach wurde er Land- und dann Schiffsarzt. 1888 ging er nach Kiel und wurde an der dortigen Chirurgie erst Assistent unter Friedrich von Esmarch. Dann habilitierte er sich 1889 und wurde 1894 Extraordinarius. Hier führte er auch seine Versuche zur Spinalanästhesie durch. 1899 verließ er Kiel und ging an die Universität Greifswald, bis er 1903 den Lehrstuhl für Chirurgie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn übernahm. Von 1907 bis zu seiner Emeritierung 1932 war Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik. 1920 wurde er dann noch der erste Leiter der Hochschule für Leibesübungen in Berlin.

Auf Bier geht nicht nur die Spinalanästhesie zurück, er entwickelte auch einige neue Operationsmethoden, erfand einen neuen Schröpfkopf und entwickelte den Stahlhelm M1916, der unzähligen Soldaten im Ersten Weltkrieg das Leben rettete. Seine große Leidenschaft neben der Medizin war die Forstwirtschaft, die er auf seinem Waldgut Sauen bei Beeskow in der Mark Brandenburg praktizierte und hier durch seinen Waldumbau große Aufmerksamkeit in Fachkreisen erregte.

1932 emeritiert, stand Bier in seinen letzten Lebensjahren dem Nationalsozialismus nahe. Am 3./4. April 1932 publizierte er im Völkischen Beobachter einen Aufruf zugunsten der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Seine höchste Auszeichnung erhielt Bier 1937. Beim Reichsparteitag wurde ihm und Ferdinand Sauerbruch der mit 100.000 Reichsmark dotierte Deutsche Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft verliehen, der laut Verordnung einen „Ersatz“ für den Nobelpreis darstellen sollte. Am 18. August 1942 ernannte Adolf Hitler ihn zum außerordentlichen Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeressanitätswesens. Bier war auch Mitherausgeber der MMW-Fortschritte der Medizin. (1) Er verstarb am 12. März 1949 im Alter von 88 Jahren in Berlin.

August Bier lernte während seiner Tätigkeit an der Universität Greifswald durch den Pharmakologen Hugo Schulz die Homöopathie kennen. 1925 publizierte Bier dann in der Münchner Medizinischen Wochenschrift einen zweiteiligen Artikel mit dem Titel „Wie sollen wir uns zur Homöopathie stellen?“

In diesem Aufsatz schilderte Bier nun, wie er die Homöopathie kennenlernte und seine Sichtweise auf diese pseudomedizinische Therapieform. Insbesondere versuchte er, die damals moderne Reizkörpertherapie mit der Homöopathie in Einklang zu bringen. Allerdings konnte er auch nur Anekdoten zu vermeintlichen Heilerfolgen (von denen sich manche doch sehr „innovativ“ ausnehmen) berichten.

Genau wie Hahnemann machte er einen grundlegenden Denkfehler, indem er davon ausging, dass so etwas wie eine immaterielle Lebenskraft (Qi, Prana etc.) existiert. Obschon ab 1850 durch Rudolf Virchow und Emil Du Bois-Reymond die „Ära des materialistischen Reduktionismus“ angebrochen war und hier die Physiologie und die Pathologische Anatomie zu Leitwissenschaften der Medizin geworden waren, hing Bier noch 1925 dem Glauben an eine solche Lebenskraft an.

Sein Biograph Martin Müller führt in der Neuen Deutschen Biographie folgendes hierzu aus: B. führte die Naturphilosophie als Ordnungs- und Erkenntnismittel wieder in die Wissenschaft ein. Seine Philosophie trug ein ganz persönliches Gepräge, er richtete seinen Blick auf das Ganze der Natur. Beobachtungen – er pflanzte Pappeln auf seinem Gut in märkischen Sand – führten ihn zu der Erkenntnis, daß die Seele in der Biologie und Medizin mindestens die gleiche Rolle spiele wie in den Geisteswissenschaften. B. meinte hier nicht die Seele als Trägerin des Bewußtseins, seine Überlegungen galten der Seele als der Dominante der Lebensvorgänge. ‚Seele ist Belebung.‘ Ihre Grundeigenschaften sind Reizbarkeit und Zielstrebigkeit. Diese teleologische Betrachtungsweise kündete sich schon in seinen wissenschaftlichen Anfängen an. B. sprach nicht vom regulativen Prinzip oder von Ganzbezogenheit. Sein Ideal war Heraklit. In den spärlichen Fragmenten des alten Griechen erkannte er seine eigenen Gedanken wieder, nach dessen Wortschatz bildete er seine eigene Redeweise: Rhythmus, die regelmäßige Abfolge der Erscheinungen, Harmonie durch Gegensätze, offenbar die allseitige Betrachtung eines Gegenstandes, Logos, die Gesetzmäßigkeit und Vernünftigkeit im Naturgeschehen. Die Zergliederung des Einzelnen war nicht sein Ziel, der Arzt und Forstmann wollte in lebendiger Schau die großen Zusammenhänge erfassen. So hat er ein eigenartiges teleologisches System ausgebildet- B. hielt Systeme für notwendig -, und er hat dem neovitalistischen Denken eine breite Gasse geöffnet in die medizinische Welt. Er sprach von seinem ‚heraklitischen Experiment‘, aber auch von seinem hippokratischen Experiment. Die hippokratische Welle in der heutigen Medizin ist nicht von ihm verursacht worden, aber er hat ihre Kraft vermehrt. Natürlich ist für ihn Hippokrates ein Heraklitiker. Aus seinem ‚biologischen System‘ wird verständlich sein Eintreten für Heilgymnastik, Leibesübungen und Sport. Er gründete Hohenlychen, sogar das ϒυμνάζειν der Griechen befürwortete er. – B. war ein sehr beliebter Lehrer, bekannt durch seine Kernsprüche aus verdichteter Erfahrung. Ein Außenseiter unter Ärzten und Philosophen, ist er eine scharf umrissene Gestalt. (2)

Bier ging ebenso wie Hahnemann in seinem Spätwerk davon aus, dass die homöopathischen Arzneimittel keine Heilung im klassischen Sinne herbeiführen, sondern durch eine Korrektur der Lebenskraft diese wieder in geordneten Bahnen fließen lassen.

Obschon man Biers Aufsatz als Werbe-Eloge für die Homöopathie werten muss, so plädiert er für ein Nebeneinander der Homöopathie und der richtigen Medizin. Er benennt auch klar Probleme, auf Seiten der Homöopathen. So schreibt er zum schlechten Verhältnis der Homöopathie zur „Allopathie“: Die Einwände, die man aus dem allopathischen Lager dagegen machen wird, sehe ich voraus, nämlich: 1. Die wissenschaftliche Medizin, wir wollen sie einmal die Allopathie nennen, sei durch die Homöopathie aufs ärgste beschimpft und herabgezogen. Das ist wahr. Hahnemann selbst ist mit sehr schlechtem Beispiele vorangegangen. Sogar den prächtige Hufeland, der die Homöopathie keineswegs ablehnte und ihrem Stifter sein ‚Journal der praktischen Heilkunde‘ für Veröffentlichungen zur Verfügung stellte, schonte er nicht, weil er nicht überall mit ihm übereinstimmte.
Von dem ausgezeichneten Pharmakologen Gren sagte er: ‚Der Scheidekünstler Gren, der von der Heilkunde nichts verstand‘, weil dieser behauptete, die Kenntnisse der Chemie bestimme die Heilmittel.
Hahnemann erklärte die Allöopathik für eine Afterkunst, die durch eine unüberbrückbare Kluft von der Homöopathik getrennt ist; ähnliche Ausdrücke kehren in seinen Schriften häufig wieder. Das Tollste aber, was er geleistet hat, ist sein Büchlein: ‚Die Allöopathie, ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art‘. Er greift darin die damalige ‚Schulmedizin‘ in der unerhörtesten Weise an, beschuldigte sie, dass sie die Menschen krank und siech mache, warnt die Laien vor ihrer Afterkunst und empfiehlt ihnen die allein heilende Homöopathie.
Seinem Beispiel sind eine Reihe seiner Anhänger gefolgt. Andererseits ist aber auch die Homöopathie nicht gerade sehr freundlich von der Gegenseite behandelt, denn kränkender als grobes Schimpfen ist es schliesslich, wenn Aerzte, die von der Wahrheit ihrer Lehre und von der Vortrefflichkeit ihres Handelns überzeug sind, von ihren Fachgenossen als unwissenschaftliche Pfuscher oder gar als Schwindler hingestellt, oder auch nur völlig totgeschwiegen und missachtet werden.

2. Das weit bedeutendere Hindernis für eine Verständigung aber ist das grosse Heer der wirklichen Pfuscher, der Schwindler und Wirrköpfe aus dem Aerzte- und Laienstande, die sich der Homöopathie an die Rockschösse hängen, sehr zum Verdruss der ehrlichen und wissenschaftlich gebildeten homöopathischen Aerzte. Das sollte aber erst recht kein Hindernis sein. Denn wird das Gute, das in der Homöopathie steckt, von der ‚Schulmedizin‘ anerkannt, so schwindet für Pfuscher und Schwindler der Anreiz, mit ihr Reklame zu machen. (3)

Bier schloss seinen Aufsatz mit einem Zitat von Rudolf Virchow: Ich schliesse mit Virchows beherzigenswerten Worten: ‚Mag der eine durch die anatomische Untersuchung des Krankhaften, der andere durch die klinische Beobachtung der Vorgänge, der dritte durch das pathologische und der vierte durch das therapeutische Experiment, einer durch chemische und physikalische, und wieder ein anderer durch historische Forschungen vorwärts zu schreiten suchen, die Wissenschaft ist gross genug, alle diese Richtungen gewähren zu lassen, wenn sie nicht exklusiv sein wollen, wenn sie nicht ihre Grenzen überschreiten, wenn sie nicht alles zu leisten prätendieren. Zu grosse Versprechungen haben noch immer geschadet, zu grosse Ansprüche immer verletzt, Selbstüberschätzung beleidigt, oder sich selbst lächerlich gemacht.‘ Die medizinische Wissenschaft sollte meiner Meinung nach auch noch Platz für die Homöopathie haben. Freilich müssen wir auch von den Homöopathen verlangen, dass sie die zweite Hälfte des Virchow’schen Ausspruches beherzigen, was viele von ihnen nicht tun. (3)

Bereits in der Ausgabe vom 5. Juni 1925 der Münchner Medizinischen Wochenschrift erfolgte die erste Gegenrede von Dr. Wolfgang Heubner aus Göttingen, der die Kritik an der Homöopathie auf den Punkt bringt: Solange uns also die Homöopathen keine zuverlässigen Methoden zur Prüfung ihrer Behauptungen mitteilen können, müssen sie es hinnehmen, dass diesen Behauptungen nicht dieselbe wissenschaftliche Bedeutung zugemessen wird, wie solchen Beobachtungen, die mit einer gewissen Sicherheit nachzuprüfen und anderen zu demonstrieren sind. (4)

Dies war aber nur der Auftakt zu einer in den verschiedenen Fachblättern ausgetragenen kontroversen Diskussion. Und auch August Bier setzte seine Lobby-Arbeit für die Homöopathie ebenfalls fort und war maßgeblich daran beteiligt, dass 1928 der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin ein eigener Lehrauftrag für Homöopathie erteilt wurde.

 

(1) Seite „August Bier“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 27. August 2018, 04:38 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=August_Bier&oldid=180372408 (Abgerufen: 17. November 2018, 15:16 UTC)
(2) Müller, Martin, „Bier, August“, in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 230-231.
(3) Bier August: Wie sollen wir uns zur Homöopathie stellen? In: Münchner medizinische Wochenschrift. 72(1925) 713-717, 773-776.
(4) Heubner, Wolfgang: Zur Frage der Homöopathie. In: Münchner medizinische Wochenschrift. 72(1925) 931-933.

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