Autismusmythen – Ein Gastbeitrag von Mela Eckenfels

Autisten sind männlich, stehen auf Züge und Listen
Ein altes Vorurteil. Tatsächlich kann man bei Männern die typischen Anzeichen oft leichter erkennen. Sie entsprechen eher – aber nicht immer – dem gängigen Klischee. Mädchen werden auch schon im frühen Kindesalter stärker unter Druck gesetzt, für Mädchen erwünschtes Verhalten zu zeigen. Das führt dazu, dass Frauen sehr früh lernen, den Autismus zu maskieren. Sie werden oft erst auffällig, wenn die gesellschaftlichen Anforderungen ab einem Alter von ca. 30 Jahren so zunehmen, dass bisherige Strategien nicht mehr ausreichen und sie krank werden oder ihnen ihr Leben aus den Händen gleitet. Der Irrglaube, nur Männer könnten Autisten sein, führt auch dazu, dass selbst früh sehr auffällige Frauen übersehen oder aktiv ignoriert werden. So berichten spät-diagnostizierte Frauen mit früh als Autisten diagnostizierten Brüdern zum Beispiel darüber, dass sie zwar die gleichen Symptome zeigten, aber man ihnen statt mit Verständnis gegenüberzutreten und eine Diagnostik in die Wege zu leiten, lediglich sagte, sie sollten sich zusammenreißen.
Auch Faszination für Züge ist lediglich ein klischeehaftes Spezialinteresse. Autistische Spezialinteressen können viele Arten und Formen annehmen. Von Musik bis Raumfahrt ist alles dabei.
Und Listen … Verdammt. Ihr habt uns erwischt.

Autisten leben in ihrer eigenen Welt
Nein, leider nicht. Vielleicht mag es so wirken, als würden sich Autisten im Shutdown von der Welt abkapseln und in eine eigene zurückziehen, aber das sind nur Rolläden, ein hauchdünner Schutz zwischen uns und dieser Welt. Es ist diese Welt, die uns belastet. Es ist diese Welt, mit der wir klar kommen müssen. Es ist diese Welt, die wir oft klarer wahrnehmen, als uns lieb ist.

Ein ’schwer betroffener‘, non-verbaler Autist bekommt nichts von seiner Umwelt mit
Das Gegenteil ist der Fall. Das wissen wir, von Autisten, die im Verlauf ihres Lebens entweder begonnen haben zu sprechen oder andere Möglichkeiten fanden, sich ihrer Umwelt mitzuteilen.

Ein ’schwer betroffener‘, non-verbaler Autist wird sein ganzes Leben ein Pflegefall bleiben
Auch das ist falsch. Bei Autisten scheint Entwicklung einmal nicht gleichmäßig zu verlaufen, sondern eher sprungweise und oft auch stark verzögert. Voreilig schlechte Prognosen erweisen sich oft als unzutreffend.

Autisten können nicht kommunizieren
Doch. Nicht jede Kommunikationsweise ist aber für jeden Autisten geeignet. Non-verbale Autisten sprechen nicht, das heißt aber nicht, dass sie nicht kommunizieren. Einige von ihnen können Gebärdensprache lernen, andere kommunizieren über Bildkarten oder Talker. Wieder andere können sich schriftlich sehr eloquent ausdrücken, obwohl sie nicht sprechen können. Auch verbalen Autisten fällt schriftliche Kommunikation immer noch leichter als Sprache. Auch Verhalten ist Kommunikation.

Alle Autisten sind geistig behindert
Früher wurde davon ausgegangen, dass bei non-verbalen (Kanner-)Autisten immer eine geistige Behinderung vorliegt. Eine ähnliche Fehlinterpretation kennt man von Gehörlosen, bei denen hörende Menschen auch Jahrhunderte die Kommunikationsbarriere als geistige Zurückgebliebenheit interpretierten. Tatsächlich liegen auch non-verbale Autisten meist im durchschnittlichen IQ-Spektrum und können ebenfalls hochbegabt sein. Das fand man mit Hilfe von non-verbal orientierten IQ-Tests, wie dem ‚Ravens Matrix‘-Test, heraus. Bei Autisten mit Lernschwierigkeiten spricht man heute von einer Mehrfachbehinderung. (‚Geistig behinderte‘ Menschen möchten „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ genannt werden. Bitte respektiert ihren Wunsch.)

Alle Autisten sind hochbegabt
Einige Autisten sind hochbegabt, die Mehrheit nicht. Es gilt auch hier die Normalverteilung,
Meine These: Hochbegabte Autisten sind sicht- und hörbarer, da ihnen mehr Mittel zur Maskierung ihrer Nachteile zur Verfügung stehen.

Autisten haben eine Inselbegabung
Bei Autisten spricht man zwar oft von einem ungleichen Begabungsprofil – ein Autist kann zum Beispiel extrem gut in Mathe sein aber ein völliger Versager bei Fremdspachen und umgekehrt – aber eine Inselbegabung ist etwas ganz anderes. Von einer Inselbegabung redet man, wenn eine Person, bei allgemeiner Intelligenzminderung in einem Punkt ein ansonsten scheinbar übermenschliches Talent besitzt – zum Beispiel eine Skyline detailgetreu aus dem Gedächtnis abzeichnen kann. Auch viele Autisten halten sich daran fest, eine Inselbegabung zu haben. Für viele bedeutet der Gedanke, zumindest in einem Punkt übermenschlich genial zu sein, Flucht und Hoffnung nach einem Leben voller Ablehnung und Verachtung. Sehr oft sind hervorstechende Talente aber auch rein durch Jahre intensiver Beschäftigung mit autistischen Spezialinteressen erklärbar. Faustregel: Autisten haben Spezialinteressen, keine Inselbegabung.

Autisten lügen nie
Doch, tun wir. Tatsächlich scheint uns Lügen aber schwerer zu fallen, als Nichtautisten, viele Autisten empfinden es körperlich unangenehm und wir sind weniger erfolgreich darin. Sehr oft sehen wir einfach keinen Sinn darin zu lügen. Zum Beispiel in den vielen kleinen Alltagslügen, wie der Frage ‚wie geht es dir?‘ obwohl man keine ehrliche Antwort erwartet.

Autismus ist schlimmer als der Tod
Kein Witz. Einige Autismusforscher reden ernsthaft von einer ‚worse than death condition‘. Damit reden sie vor allem über non-verbale Autisten, zu denen keine Kommunikationsbasis zu bestehen scheint und deren Verhalten oft erratisch und aggressiv wirkt. Meine These: hier wurden den beschriebenen Autisten alte Dogmen übergestülpt, man versuchte ihre Verhaltensweisen abzutrainieren, ohne erst überhaupt ihre Ursache herauszufinden und man versäumte herauszufinden, welche Kommunikationsform für sie machbar ist. Sehr oft wird diese Behauptung benutzt, um Forschung an Pränataltests finanziert zu bekommen. Es riecht dezent nach Eugenik.
Leider leiden aber verbale Autisten oft so sehr unter einer ihnen gegenüber feindselig eingestellten Gesellschaft, dass die Selbstmordrate unter Autisten neun mal so hoch ist, wie unter Nichtautisten.

Autisten nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie wirklich ist. Sie können daher auch politisch und gesellschaftlich nicht mitreden.
Viele Menschen verstehen unter der ‚anderen Wahrnehmung‘ von Autisten, dass diese Halluzinationen haben oder quasi nur ein Zerrbild der Realität erkennen. Tatsächlich besteht die veränderte Wahrnehmung anscheinend vor allem in einer anderen ‚Software‘-Ausstattung, die mehr aus dem herausholt, was uns unsere Sinne zeigen und die weniger filtert. Was wiederum dazu führen kann, dass wir in dem Wust auf uns hereinprasselnder Informationen, die wichtigen übersehen oder überhören, während wir weniger wichtige sehr deutlich wahrnehmen. Beispielsweise wäre da der „Adlerblick“ zu nennen, der überdurchschnittlich häufig bei Autisten festgestellt wird. Heißt, Autisten können Details auch auf Entfernung sehr gut erkennen. Dabei haben sie keine besseren Augen. Die These ist, dass die Wahrnehmungsverabeitung eines Autisten hier einfach mehr aus den auf die Netzhaut treffenden Informationen herausholt.
Persönliches Beispiel: Als Kind galt ich als schwerhörig, was sich nach einem Hörsturz und den folgenden Untersuchungen als nicht zutreffend heraustellte. Als sich mein Gehör vom Hörsturz erholt hatte, bescheinigte man mir ein im Sprachbereich nahezu perfektes Gehör. Auch heute verwundere ich meine Familie damit, einem leisen Gespräch zwei Räume weiter folgen zu können, obwohl im Raum dazwischen ebenfalls geredet wird. (Vor allem, wenn ich das Gespräch eigentlich absichtlich nicht hören sollte.)

Alle Autisten sind 100% logisch und handeln nicht aus dem Bauch heraus
Tatsächlich scheinen Autisten zu logischem Denken zu neigen und es auch zu brauchen, um überhaupt Sinn aus dieser chaotischen Welt zu machen. Dass sie ausschließlich logisch denken würden, ist aber eine Legende. Weniger auf den Bauch zu hören, hat auch nicht nur Vorteile. Bauchentscheidungen machen uns handlungsfähig. Alles zu durchdenken, lässt uns verzögert handeln oder gar davor zurückschrecken. Tatsächlich findet man bei vielen Autisten eine, wie es Mediziner nennen, Entscheidungsschwäche.

Autisten haben keine Emotionen
Doch, haben wir. Sogar so starke, dass sie uns oft quasi den Atem rauben. Inzwischen rankt sich auch eine eigene Autismustheorie darum, dass wir im Gegenteil alles – auch Emotionen – viel stärker erleben, als Nichtautisten. Die ‚Intense World‘-Theorie von Markram, die sich unter Autisten großer Beliebtheit erfreut. (Deren Evidenz aber eher mau ist.) Etwas besser belegt ist das ‚Double Empathy Problem‘. Das besagt quasi, dass Autisten und Nichtautisten zwei unterschiedliche Sprachen sprechen und Nichtautisten ebensowenig in der Lage sind Emotionen von Autisten richtig zu erkennen, wie umgekehrt. Dieses Problem stellt eine große Gefahr für Autisten dar, da man uns auch extreme Not teils lange nicht ansieht. Autisten mit extemen Schmerzen wirken zum Beispiel auf Nichtautisten völlig normal und werden bei Ärzten oder in Krankenhäusern oft nicht ernst genommen. Die Folge sind falsche, verzögerte oder gar verweigerte Behandlung.
Auch ist Alexithymie unter Autisten stärker verbreitet, als in der Normalbevölkerung. Aber auch Alexithymie ist keine Abwesenheit von Emotionen, sondern lediglich die Schwierigkeit die eigenen Emotionen wahrzunehmen und zu beschreiben.

Autisten sind empathielos
Viele Autisten haben tatsächlich Probleme damit, sich in die Beweggründe anderer Menschen hineinzuversetzen. Das heißt, es scheint so, als bestünden Nachteile im Bereich der kognitiven Empathie. Aber mal ganz ehrlich: mein Eindruck ist, Nichtautisten raten da auch eher und liegen nicht selten daneben. Womit Autisten meist gar kein Problem haben, ist die emotionale Empathie. Das heißt: Mitfühlen, wenn andere leiden. Der starke Gerechtigkeitssinn, der Autisten oft (wenn auch nicht immer) korrekterweise nachgesagt wird, entsteht genau durch dieses intensive Mitfühlen. Wie oben erwähnt, haben Autisten aber manchmal Probleme damit, Körpersprache und Mimik von Nichtautisten zu interpretierten. Eben, als würde man unterschiedliche Sprachen sprechen. Ich persönlich kann Lachen und Weinen nur sehr schwer auseinanderhalten. Bei Beidem beben die Schultern, bei Beidem ist das Gesicht verzerrt und der Mund offen, die Geräusche sind ähnlich, bei Beidem können Tränen im Spiel sein und bei Beidem wird manchmal das Gesicht in den Händen verborgen.

Autisten schauen anderen nicht in die Augen, weil sie kein Interesse an ihnen haben.
Autisten schauen anderen nicht in die Augen, weil sie sich sonst nicht auf das Gesagte konzentrieren können.

Autisten gibt es erst seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts
Im vergangenen Jahrhundert wurde Autismus zum ersten Mal beschrieben, aber natürlich gab es Autisten sehr wahrscheinlich schon immer. Vorher wurden non-verbale Autisten einfach ‚debil‘ oder ‚zurückgeblieben‘ bezeichnet und siechten oft in Irrenanstalten dahin. Verbale Autisten galten als ungezogen und wurden sehr oft mit Prügeln gebrochen. Hochbegabte Autisten oder Autisten in den höheren Gesellschaftschichten, galten als exzentrisch oder genial, sie hatten das Geld oder lebten in familiären Zusammenhänge, in denen es möglich wahr, sich ganz auf ihre Interessen zu konzentrieren und den Alltag von anderen regeln zu lassen.

Autismus ist eine Epidemie
Diese Legende wird vor allem von jenen geführt, die mit der Angst vor Autismus eine Agenda verfolgen. Zum Beispiel von Impfgegnern, Esoterikern und leider auch Tier- und Umweltschützern.
Tatsächlich lässt sich der Anstieg der Autismusdiagnosen und das stärkere Bewusstsein in der Bevölkerung auf wenige Faktoren zurückführen: 1. Eine großangelegte, weltweite ‚Awareness‘-Kampagne des Elternvereins „Autism Speaks“, dessen Mitgründer vorher im Vorstand eines große US-Medienkonzerns saß. 2. Eine Erweiterung der Diagnosehandbücher in den 90er Jahren um das „Asperger-Syndrom“ 3. Ein dadurch allgemein höheres Bewusstsein um die Existenz von Autismus in der Bevölkerung und verstärkte Suche nach Diagnostik als auch ein stärkeres Bewusstsein um die Existenz von Autismus unter Fachleuten, wie Ärzten, Erziehern und Psychologen.
Wie beim Bekanntwerden jeder neuen Diagnose wird sicherlich derzeit auch Autismus manchmal überdiagnostiziert, tatsächlich dürfte es aber noch mehr Autisten geben, die keine Diagnose oder eine falsche Diagnose haben, denn immer noch ranken sich zu viele Klischees um das Thema und qualifizierte Diagnosestellen sind rar gesät.
Non-verbale Autisten waren immer schon Autisten. Früher wurden sie aber viel häufiger als ‚geistig zurückgeblieben‘ diagnostiziert. Tatsächlich nahm die Diagnoserate ‚geistige Behinderung‘ im selben Maße ab, wie die Rate der Autismusdiagnosen zunahm.
Verbale Autisten galten oft nur als schlecht erzogen, faul, dumm oder absichtlich unhöflich. Viele wurden ausgegrenzt und die meisten blieben lebenslang unter ihren Möglichkeiten.
Lehrer, Erzieher und andere, die sagen: Früher gab es keine Autisten in meiner Klasse/Gruppe etc. Vergessen, dass ‚zurückgeblieben‘ Autisten in Behindertenheime abgeschoben wurden und sie diese somit nie zu sehen bekamen. Jeder, erst im Erwachsenenalter diagnostizierte, Autist kann von den Kommentaren von Kindergärtnern, Lehrern oder anderen Menschen berichten, welche ‚alternativen‘ Theorien diese für das anscheinend absonderliche und unerklärliche Verhalten von Autisten in ihren Klassen oder Gruppen hatten. Dumm, faul, rücksichtslos, unhöflich, Abschaum, ungeschickt, unsportlich, lahm, ‚könnte, will aber nicht‘, ‚will keine Freunde haben‘, ‚will sich nicht anpassen‘ sind nur einige der Attribute, die den meisten spätdiagnostizierten Autisten über die Jahre zugedacht wurden.
Viele Autisten gab es immer (mindestens 1:100). Inzwischen können sie eine Diagnose erhalten und das ist eine gute Sache.

Autismus entsteht durch Impfungen, Paracetamol in der Schwangerschaft, Feinstaub, Amalgam in den Zähnen der Eltern, Milch, Gluten, Parasiten oder Vitamin-D-Mangel.
Nein.

Autisten haben eine niedrige Frustrationstoleranz
Dieses sehr schmerzhafte und schädliche Vorurteil existiert vor allem in den Köpfen von Fachpersonal und Eltern. Es ist Vorurteil, das durch die reine Aussensicht entsteht, bei der Autisten scheinbar schon durch geringste Anlässe aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Diese Außensicht ignoriert, wie es ist in einer Welt zu leben, in der Menschen ständig unlogisch handeln, Dinge sagen, die sie gar nicht so meinen, ständig Hintergedanken haben und in der ein unentwegter Strom extremer und kaum gefilterter Sinneseindrücke auf Autisten einprasselt. Diese Welt ist verstörend, bedrohlich und einfach viel zu viel. Bis ein Autist in den Melt- oder Shutdown gerät, bis der, für Außenstehende ‚unerklärliche‘ Zustand ‚aus heiterem Himmel‘ eintritt, hat sich bei Autisten meist über Tage oder Stunden ein Druck aufgebaut, der dann nicht mehr kontrolliert werden kann. Die Folge sind Meltdowns (oft mit Wutausbrüchen verwechselt) und Shutdowns, bei denen der Autist nicht mehr ansprechbar erscheint.

Autisten sind nur schlecht erzogen und brauchen lediglich eine harte Hand
Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung mit Auswirkungen auf die soziale Interaktion, die Wahrnehmung und die Kommunikation. Die Welt ist nicht lauter, heller, chaotischer für uns, weil wir schlecht erzogen sind, sondern weil sie lauter, heller und chaotischer ist. Daraus ergeben sich Verhaltensweisen, die für andere schlecht erzogen wirken können. Ein autistisches Kind, das auf dem Spielplatz schreiend um sich schlägt, ist meist nicht schlecht erzogen, sondern in Not. Auch wenn die Ursache der Not für nichtautistische Erwachsene nicht zu erkennen ist. Autisten, die sich aus einem belanglosen Gespräch zurückziehen, sind nicht ungehobelt, ihre Kraft den Sinn aus inhaltsleeren Phrasen herauszufinden, ist einfach aufgebraucht.
Natürlich kann man auch Autisten durch Brutalität und schwarze Erziehung beibringen, sich so zu verhalten, wie es andere von ihnen erwarten. Sie werden zu stark maskierenden Autisten. Sie leiden schweigend und ihnen wurde die Möglichkeit genommen, sich belastenden Situationen zu entziehen. Sie sind immer noch Autisten, aber unglückliche und oft auch sehr früh tote Autisten.

Autisten kann man heilen in dem man ihnen nur mal zeigt, wie es geht nicht autistisch zu sein
Dieses extrem schädliche Vorurteil findet man vor allem in der medialen Darstellung. Zum Beispiel in ‚Fack ju Göthe 2‘, wo der Autist nur mal ins Wasser geworfen werden muss, um sich anschließend normal zu benehmen. Auch die vielkritisierte Serie „Ella Schön“ scheint darauf hinzuarbeiten, dass Ella irgendwann erkennen wird, dass sie sich nicht autistisch verhalten muss, wenn sie nur genug geliebt wird. Tatsächlich erleben viele Autisten jahrelanges Mobbing und auch teils sehr bedrohliche Situationen, die dazu führen, dass sie ihr Autistisch-Sein stärker verbergen, also maskieren. Das Maskieren kostet enorme Energie und ist wahrscheinlich ein Faktor, der mit zu der hohen Selbstmordrate führt. Wer also glaubt, einen Autisten durch drastische Maßnahmen zum Nicht-Autisten machen zu müssen, gefährdet dessen Leben.

Autisten müssen zwanghaft Rituale einhalten
Autistische Rituale werden oft mit Zwängen verwechselt, weil viele Autisten heftig reagieren, wenn ihre Rituale durcheinandergebracht werden. Ein Zwang verursacht aber Leidensdruck, ein autistisches Ritual nicht. Rituale bieten auch für Nichtautisten Sicherheit und etwas Gewohntes in einer hektischen Welt. Viele brauchen es, ihren Tag mit einer Tasse Kaffee zu starten und haben das Gefühl, dass der ganze Tag aus den Fugen gerät, wenn das Morgenritual gestört wird.
Auch für Autisten sind Rituale eine Art Geländer in einer chaotischen Welt. Sie geben Sicherheit und kosten weniger Kraft als unstrukturierte Tage. Werden die Rituale gestört geht der Schutzmechanismus verloren. Die Belastung steigt dann oft so stark an, dass es zu einem Meltdown oder Shutdown kommen kann.

Autisten haben Ticks
Es gibt Autisten, die auch Ticks haben. Die Mehrheit der Autisten, zeigt stereotype Verhaltensweisen, die aber keine Ticks sind. Sie dienen der Selbststimulierung und helfen dabei inneren Druck abzubauen. Manchmal können diese Stereotypien auch selbstverletztend sein. Statt zu versuchen, die Stereotypien zu unterdrücken, sollte man versuchen herauszufinden, was sie auslöst und wie man Autisten entlasten kann.

Autismus ist, menschliches Miteinander, anderen in die Augen zu schauen oder das Erkennen von Mimik nicht richtig gelernt zu haben
Auf diesem Vorurteil basieren extrem viele ‚Hilfen‘ und Interventionen. Ob es eine Ausbildung speziell für Autisten (natürlich in der IT) ist, mit extra Stunden für Verhaltenstraining, ob es ein gruseliger Roboter ist, der Kindern den Umgang mit anderen Menschen beibringen soll, ob es eine Brille ist, die erklären soll, was das Gegenüber gerade fühlt oder ob es eine App ist, mit der man das Erkennen von Gesichtsausdrücken üben kann. Alle gehen davon aus, dass Autisten irgendwann mal verpasst haben, dieses Fähigkeiten zu erlernen, und man das quasi nachholen kann und sollte. Eine ganze Forschungsrichtung baut auf der Theorie auf, dass Autisten kein Interesse an anderen Menschen haben, sie diese deswegen schon als Kleinkinder nicht richtig ansehen und dadurch Mimik und Gestik nicht richtig erkennen lernen.
All diese Angebote und Theorien zusammen, ignorieren, dass Autisten ein Problem haben, wenn zu viele Informationen auf sie einprasseln, für die ihnen die notwendigen Filter fehlen. Autisten darauf zu trainieren, mehr Informationen besser zu erkennen, ist daher kontraproduktiv. Auch ignorieren Anhänger dieser Thesen und Methoden, dass auch ihre eigene Kommunikation, Mimik und Körpersprache nicht so eindeutig, so logisch oder klar ist, wie sie selbst gerne glauben. Ein Mensch, dem gerade fassungsloser Unglaube auf das Gesicht geschrieben steht, sieht fast genauso aus, wie ein Mensch der milde lächelt.
Was Autisten wirklich helfen würde, ist klare und eindeutige Kommunikation. Und wie bei fast allem, das wir „Inklusion“ nennen, wäre klare und eindeutige Kommunikation gut für alle. Es würden viel weniger Mißverständnisse entstehen und das auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen. Denn mal ganz ehrlich. Die meisten Nichtautisten kommunizieren richtig schlecht.


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Ich danke Mela recht herzlich für diesen wirklich starken Artikel. Einige der Mythen zum Thema Autismus kannte ich auch noch nicht, aber ich finde es immer wieder erschreckend, welchen Vorurteilen sich Autisten noch immer gegenüber sehen. Deswegen finde ich Melas Aufklärungsarbeit so wichtig. Wenn ihr sie ebenfalls unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier tun:
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Nachweis Beitragsbild: Von White_ribbon.svg: MesserWolandJigsaw_Puzzle.svg: Psyonderivative work: Melesse (talk) – White_ribbon.svgJigsaw_Puzzle.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11331355

5 Gedanken zu “Autismusmythen – Ein Gastbeitrag von Mela Eckenfels

  1. Der Artikel ist von einer Autistin geschrieben?
    Ich erkenne mich da ziemlich wieder…hab aber andere Diagnosen bekommen. Was kann ich tun, um da Klarheit zu bekommen und gegebenenfalls Hilfe zu kriegen?
    Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden kann…

    1. Am Besten hörst du dich nach einer Diagnosestelle in deiner Umgebung um. Welche es – für Erwachsene – gibt, kannst du u.a. in Autismusgruppen für Erwachsene auf Facebook erfahren oder z.B. auch in Autisten-Chats, wie https://aspiechat.12hp.de/.

      Die Wartezeiten sind allerdings recht lange und ich muss auch in Sachen Hilfe leider sagen, dass es derzeit eher wenig Hilfen und noch weniger sinnvolle Hilfen für erwachsene Autisten gibt. Wie auch nur wenige Kliniken, Tageskliniken oder Rehazentren, die sich mit Autismus (und Komorbiditäten) auskennen. Es kommt natürlich aber drauf an, welche Art Hilfe du genau brauchst.

  2. Die Aussagesätze über den Abschnitten sollten doch eigentlich Mythen sein, also fehlerhaft. Tatsächlich fallen mir aber zwei Sätze auf, die einen korrekten Sachverhalt beschreiben:

    1.) „Autisten nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie wirklich ist.“

    Jeder Mensch nimmt die Welt durch seine Sinnesorgane wahr und konstruiert sich daraus ein Bild von der Realität. Jeder Mensch lebt also in seiner eigenen Realität. Hinzu kommt, daß Menschen viele Eigenschaften unserer Welt gar nicht direkt wahrnehmen können, sondern sich lediglich durch technische Geräte Informationen dazu verschaffen können. Dies betrifft zum Beispiel Funkwellen oder Radioaktivität.

    Die Wissenschaft hat uns außerdem gezeigt, daß es eine „Welt, wie sie wirklich ist“ gar nicht gibt: Die Relativitätstheorie zeigt, wie Raum und Zeit sich für verschiedene Beobachter ganz anders darstellen. Und die Quantenphysik zeigt, daß die Realität im Detail ganz abstrusen Gesetzen gehorcht, die wir lediglich durch mathematische Formeln, nicht aber durch sinnliche Erfahrung fassen können.

    Wenn ohnehin kein einziger Mensch die Welt wahrnehmen kann, wie sie wirklich ist, dann kann natürlich auch kein einziger Autist die Welt so wahrnehmen, wie sie wirklich ist. Das ist also kein Mythos. Ein zu widerlegender Mythos wäre vielmehr „Nicht-Autisten nehmen die Welt so wahr, wie sie wirklich ist“.

    2.) „Autisten schauen anderen nicht in die Augen, weil sie kein Interesse an ihnen haben.“

    Die vermeintliche Widerlegung „Autisten schauen anderen nicht in die Augen, weil sie sich sonst nicht auf das Gesagte konzentrieren können“ ist in Wahrheit eine Bestätigung dieser Aussage. Ich möchte mich auf das Gesagte konzentrieren, deshalb habe ich in diesem Moment tatsächlich kein Interesse an den Augen. Die Augen liefern keine sinnvolle Information, statt dessen verwirrt der Anblick der Augen lediglich, wieso sollte ich also Interesse an ihnen haben?

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