Die Hagiotherapie

Die Vorstellung, dass Krankheiten und noch schlimmer Epidemien, auf den Zorn eines Gottes zurückgehen und dessen Strafe für Fehlverhalten waren, geht bis ins Altertum und noch weiter zurück. Um die Götter zu besänftigen, sind zu allen Zeiten auf allen Kontinenten Opferzeremonien bekannt. Dies beginnt bei harmlosen Räucherritualen und geht hin bis zu Opferungen von Menschen und Tieren. Die medizinische Effektivität dieser Maßnahmen ist allerdings mehr als fraglich.

Gab es bei den „heidnischen Völkern“ zwar Besänftigungsrituale, war dieser Opferkult aber kein spezifischer Teil der Religionen. Diesen Aspekt brachte erst die christliche Kirche auf und perfektionierte ihn sogleich. So gab es die wildesten Auswüchse hauptsächlich im Mittelalter und der frühen Neuzeit, als der Einfluss der Kirche auf das tägliche Leben noch immens größer war als heute. Allerdings brauchen wir hier nicht arrogant auf unsere Vorfahren hinabblicken, googelt man heutzutage „Krankheit als Strafe“, erhält man über zehn Millionen Treffer. Und das im Jahr 2019.

Aus dieser Denkweise heraus bildete sich eine Volksmedizin, die man als „Hagiotherapie“ bezeichnet. Das bedeutet, dass man religiöse Praktiken als Therapien gegen Krankheiten anwandt. Schauen wir uns an, was es hier so alles gab.

An erster Stelle stehen hier natürlich Bittgebete. Gerade die katholische Kirche hat hier ja Bataillone von Heiligen, die man bei den entsprechenden Krankheiten anrufen kann. So betet man bei Atemnot zum Hl. Salaman von Dobach, bei Blähungen zum Hl. Blasius und bei Hexenschuss zum Hl. Laurentius und alles wird wieder gut. Werden diese Gebete von einem Priester gesprochen, schließt sich ein Bannspruch, angelehnt an das increpare febrim, daemonem sowie die Besprengung mit Weihwasser an.

Während Epidemien sind auch öffentliche Kirchengebete (Fürbitten) überliefert, so 1531, als der „Englische Schweiss“ in Würzburg ausbrach.

Aus diesem Milieu stammen auch die sogenannten „Gesundbeter“. Hierbei handelte es sich um Menschen, die von sich selbst behaupteten, über ganz besondere Kräfte oder Mächte zu verfügen und ihre Gebete hierdurch viel wirkungsvoller seien. Ihre Dienste ließen (und lassen) sich diese Menschen gut bezahlen. Wenn die Gebete nicht halfen, waren die Sünden des Erkrankten zu schwer, man hat nicht richtig gebetet oder man hat irgendwas Anderes falsch gemacht.

Auch Räucherungen und Segnungen des Patienten sowie Besprechungen des erkrankten Körperteils standen an der Tagesordnung. Bei den Besprechungen handelte es sich um eine krude Mischung von Überresten „altheidnischer“ Zaubersprüche und kirchlichen Ritualen.

Weiters erhielt der Kranke geweihte Amulette oder Stücke von Opferstöcken, die er sich umhängen solle. Auch wurden die schmerzenden oder entzündenden Stellen mit Heiligenreliquien berührt, die die Krankheit wegnehmen sollten. Gerne wurden auch Gelübde abgelegt und Wallfahrten versprochen.

Besonders interessant sind hier die Gebildvotive. Bei diesen Gebildvotiven handelte es sich um die Nachbildungen von bspw. gebrochenen oder missgestalteten Gliedmaßen aus Wachs. Diese wurden dann an bestimmten Gnadenorten (Nothelfer-Basilika Vierzehnheiligen, Gnadenkapelle Altötting) unter Gebeten niedergelegt. Dies sollte die Heilung voranbringen. Dies konnte in vielerlei Aspekten des Lebens eingesetzt werden. So wurden durchaus im Fall ungewollter Kinderlosigkeit auch Wachsmodeln in Form von Säuglingen niedergelegt. War man dann von der Krankheit geheilt, wurde als Dank zumeist ein Votivbild für diese Kirche gestiftet, die in sog. „Votivkammern“ ausgestellt wurden.

Aus Altötting ist auch noch der Brauch bekannt, dass Pilger entweder zu Fuß oder auf Knien Sühnekreuze durch den gedeckten Umgang der Gnadenkapelle tragen und dabei Bitt- oder Sühnegebete aufsagen.

Es gab noch weitere, etwas skurrile Bräuche, die die Heilung von Krankheiten herbeiführen sollen. So wie in der Marienkapelle in Würzburg, wo das Aufsetzen des Schädels des Hl. Makarius Kopfleiden heilen sollte. Am 3. Februar, dem Jahrestag des Hl. Blasius sollte man sich Kerzen um den Hals hängen, um Halsleiden vorzubeugen. Küssen und Berühren der Reliquien des Hl. Valentin in der Franziskanerkirche Würzburg soll gegen Epilepsie und Fraisen (Krämpfe, bes. bei Kindern) helfen.

Litt man unter einer Augenkrankheit oder sah schlecht, sollte man seine Augen mit der Schürze der Hl. Gertudis, die in der Pleichacher Kirche aufbewahrt wird, berühren, ebenso das Wässern der Augen Wasser aus dem Brunnen der Kiliansgruft und das Beten zur Hl. Ottilia  

Das Trinken aus dem Brunnen des Hl. Amor in Amorbach soll gegen Unfruchtbarkeit helfen. In der Gruft der Hl. Walburgis in Eichstätt wird das sog. „Walburgisöl“ gewonnen und am Tegernseel das „Quirinusöl“. Beide „Öle“ wurden gegen allerlei Beschwerden eingesetzt. In Köln trank man aus dem Schädel des Hl. Quirinus, was Kopfschmerzen lindern sollte. Das Wasser aus der Quelle des Hl. Korbinian in Weihenstephan soll gegen Aussatz und Augenleiden helfen. Die „Anastasiahaube“ wurde als heilende Reliquie gegen Kopfleiden eingesetzt.

Im Grab des Hl. Otto in der Benediktinerabtei Michelsberg in Bamberg befindet sich ein Durchschlupf. Wer diesen passiert, kommt sehr nahe an den Reliquien des Heiligen vorbei, was von Rückenschmerzen befreien soll.

Wein, der am 27. Dezember, dem Tag des Evangelisten Johannes, geweiht wurde, galt in Oberbayern als Universalmedizin.  

Besonders interessant sind die sogenannten „Schluckbildchen“, die den Kranken verabreicht wurden. Hierbei handelte es sich um kleine Zettel oder Marken mit der Abbildung von Heiligen, die geschluckt wurden und heilen sollten. Dazu gab es noch „Esszettel“, kleine Blättchen mit Heil- und Segensformeln. Die Schluckbildchen wurden wie Briefmarken bogenweise gedruckt und von Devotionalienhändlern an Wallfahrtsorten verkauft. Während die mit Heiligenbildern verzierten Schluckbildchen hauptsächlich in katholischen Gegenden ihre Verbreitung fanden, gab es in evangelischen Gegenden eher die nur mit Text versehenen Esszettel. Esszettel wurden auch an Tiere verabreicht. Sie waren als „Fieberzettel“ schon in der Antike bekannt.

Die Einstellung der römischen Kirche zur Krankheit kann man gut und gerne als „Victim Blaiming“ bezeichnen. Krankheiten als Folgen von Sünden und Fehlverhalten zu sehen waren allerdings nicht nur Sache des Mittelalters, sondern sind es auch heute noch. So veröffentlichte am 11. Februar 1984 Papst Johannes Paul II. das apostolische Schreiben Salvifici Doloris, in dem er sich mit dem Sinn des Leides aus christlicher Sicht auseinandersetzt. Bereits im ersten Satz spricht er von der heilbringenden Kraft des Leidens und fährt fort über psychologische Dimension des Leides und die Erfahrung eines Übels zu schwadronieren. Der einzige „fortschrittliche Ansatz“ im Denken des damaligen Papstes ist, dass er nicht davon ausgeht, dass jede Krankheit als Strafe für eine Sünde zu sehen ist. Wenigstens etwas, so nach fast 2.000 Jahren…  

2 Gedanken zu “Die Hagiotherapie

  1. Wenn man sich mit den oben beschriebenen Methoden gegen die ganzen Wehwehchen des Lebens wappnen will, kommt man aber ganz schön weit rum.

    Da Pinsel ich mir doch lieber mit nem Edding seltsame Ziffernfolgen auf diverse Körperteile. Heilzzahlen rocken alles weg. Vom leichten Unwohlsein, über schleichenden Schwachsinn, bis zum fiesen Spliss. Kannste alles mit Zahlen behandeln, dir darf halt nur nix zu doof sei.
    Dazu noch nen Aquamarin ins Portemonnaie gelegt, damit das Geld niemals versiegt.

    So, jetzt muss ich aber los. Die Barcodes auf den letzten Einkäufen entenergetisieren sich nicht von selbst.

  2. Besten Dank für den schönen Überblick. Ein paar Jahreszahlen hätten mich noch interessiert, bis wann diese oder jene Praxis noch rege in Gebrauch war. Und zu erfahren wo, wie lange, würe meine Neugier auf einen nächsten Beitrag animieren. Hatte mal gelesen, dass im ländlichen Bayern noch in den 1950ger Jahren allerlei magischer Hokuspokus zum Alltag gehörte.

    Eine kleine Sprach- oder Rhetorik-Kritik noch:
    „Allerdings brauchen wir hier nicht arrogant auf unsere Vorfahren hinabblicken, …“

    Da hat sich so ein Dingsda, so ein „wir“ eingeschlichen. Wer seid „Ihr“ denn?, frag ich in solchen Fällen meist. Mich kann das ja nicht meinen. Man muss die Leute, die sich weigern, ihren Verstand zu gebrauchen, nicht in einem abstrahierten Menschheits-Metasubjekt eingemeinden, um ihnen das Nötige zu sagen. Und arrogant sollte man weder auf die Leute damals, noch auf die heute gucken. Vor allem die von heute haben eine undiplomatische Kritik nötig, denn sie könnten’s im Gegensatz zu denen damals besser wissen. Das ist nicht arrogant, sondern „Erste Hilfe“. Das umgeht bloß den pseudoharmonischen Schleim, der unter dem Vorwand, Leute nicht brüskieren zu wollen, nur dazu führt, dass man zwar selber schlau getan hat, aber alles schön nebeneinander stehen bleiben kann. Der Aufklärer sollte den Zwist in Kauf nehmen.

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