Eine kurze Geschichte der Lobotomie

Man kann es sich kaum vorstellen, aber das Herumschnippeln am Hirn von Menschen ist schon seit Jahrtausenden eine gängige Operationstechnik. Also nix mit sterilem OP, Narkose und so’n Schnickschnack, dafür Feuersteinkeil und los ging es. Diese OP-Methode nennt sich Trepanation und wurde erstmals im Zeitraum von 12.000 bis 11.000 v.Chr. in Marokko durchgeführt. Ab etwa 10.000 v.Chr. wurden auch in Osteuropa Schädel aufgesägt und ab ca. 5.000 v.Chr. auch in Westeuropa.

Bei diesen frühen Trepanationen muss allerdings davon ausgegangen werden, dass diese nicht aus medizinischen, sondern eher aus rituellen Gründen durchgeführt wurden. Es war wohl so, dass man entweder böse Geister aus oder gute Geister in den Schädel bekommen wollte. Deswegen blieben wohl die damaligen Schädellöcher offen und die ausgesägten Knochenplatten wurden wohl als Schmuckstück getragen.

Erst mit den ersten Hochkulturen, wie den Ägyptern, Griechen und Römern wurden auch Schädelöffnungen als medizinische Eingriffe durchgeführt.

Wahre Weltmeister bei der Schädelöffnung waren allerdings die südamerikanischen Inkas. Das kam daher, dass dieses Volk quasi im Dauer-Kriegszustand lebte und somit auch mit recht vielen Verwundeten konfrontiert war. Nachdem die Inkas die örtliche Fauna dazu nutzten, um Medikamente gegen Infektionen, zum Blutstillen oder zum Desinfizieren herzustellen, waren die Überlebensquoten nach einer Trepanation mit wahrscheinlich 50 bis 70 % dann doch recht hoch. Als Funfact am Rande: die meisten Verletzungen befanden links oben am Schädel, was zeigt, dass die Inka-Krieger meistens von Rechtshändern eine drübergezogen bekommen haben.

Ihr seht also, der Schädel und das darin enthaltene Hirn als Sitz des Verstandes haben unsere Vorfahren schon seit je her interessiert. Es wurden auch immer neue Behandlungsmethoden für Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns entwickelt. Mit einem schrecklichen Irrweg beschäftigen wir uns heute: die Lobotomie.

Die Lobotomie (aus den altgriechischen Wörtern „lobos“ und „temno“ für „Lappen“ und „schneiden“ zusammengesetzt) war eine Operationstechnik, bei der die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt werden (Denervierung). (1)

Darüber hinaus gibt es noch den Begriff der „Leukotomie“, der sich vom altgriechischen „leukos“, also weiß, ableitet. Hierunter versteht man die Faserverbindungen, aus denen die weiße Substanz des Zentralnervensystems besteht. Darum dürfte diese Bezeichnung strenggenommen nur bei der Schädigung der weißen Substanz verwendet werden. Da bei der Operation jedoch sowohl graue als auch weiße Substanz zerstört wird, verwendet man die Begriffe Lobotomie und Leukotomie praktisch synonym. (1)

Es gab zwei Techniken, diese Operation durchzuführen. Der portugiesische Arzt António Egas Moniz führte erstmals 1936 eine Lobotomie nach der von ihm entwickelten Methode durch. Diese wurde dann in den USA noch verfeinert.

Die Wikipedia beschreibt das Vorgehen recht ähm … eindrucksvoll: Es wurde bilateral (auf beiden Kopfseiten) ein etwa zwei Zentimeter großes Loch in den Schädel gebohrt, wobei man sich an der vorderen Schädelnaht (Sutura koronalis) und weiteren Punkten orientierte. Die Löcher befanden sich in etwa drei Zentimeter vor und fünf Zentimeter oberhalb des Ohres – also im Bereich des präfrontalen Kortex. Anschließend wurden die beiden Bohrlöcher manuell um einige Millimeter erweitert. Nun führte der Chirurg auf (etwa) horizontaler Ebene ein längliches Messer oder ein spezielles Leukotom in den Schädel ein. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Kopfes, befand sich der Neurologe, welcher die Vordringungsrichtung des Leukotoms dirigierte. Zunächst wurde dieses vom Chirurgen unter Anpeilen der gegenüberliegenden Schädelbohrung bis kurz vor die Mitte des Schädels bzw. Gehirns (vor Erreichen der fissura longitudinalis) geschoben. Die Orientierung erfolgte dabei zudem an weiteren, innenliegenden Schädelpunkten. An diesem Punkt führte der Chirurg die eigentliche Lobotomie durch, bei welcher weite Teile der Faserbahnen in der weißen Substanz sowie einige Bereiche der grauen Substanz im Gebiet des präfrontalen Kortex irreversibel zerstört wurden. Dazu schwenkte er das eingeführte Leukotom in vorgeschriebenen Winkeln in der koronaren Ebene nach oben und unten. Somit wurden Teile des Gehirns einfach „zerschnitten“. Anschließend wurde die gleiche Prozedur in der anderen Hirnhemisphäre durchgeführt. (1)

Der Nachteil bei dieser Methode war, dass zwei Personen anwesend sein mussten, ein Neurologe und ein Neurochirurg. Deshalb entwickelte der us-amerikanische Psychiater Walter Freeman die sogenannte „Transorbitale Methode“, die auch noch die Vorteile bot, dass sie schneller ging und weniger kostete. Bei der Beschreibung dieser OP-Technik möchte ich wieder die Wikipedia zu Wort kommen lassen: Bei der Operation wurde dem lokal oder vollständig anästhetisierten Patienten vom Operateur (der in den seltensten Fällen ein ausgebildeter Chirurg war) ein langes spitzes Werkzeug oberhalb der Augenhöhle in den Kopf eingeführt. Dafür wurde dem Patienten das Augenlid angehoben, die Spitze des Werkzeuges oberhalb des Augapfels eingeführt und durch den Schädel durchgeschlagen. Da der Schädel im Bereich der Augenhöhlen seinen dünnsten Bereich aufweist, genügte meist ein leichter Schlag an das hintere Ende des Werkzeuges, um in das Gehirn vorzudringen. Freeman entwickelte als Werkzeug ein Gerät, welches einem Eispickel nachempfunden war – weshalb diese Methode oft als „Eispickelmethode“ bezeichnet wird. War die Spitze des Werkzeuges im Gehirn bis zu einem des subjektiven Schätzens überlassenen Punktes vorgeschoben, wurde es wie bei der alten Methode geschwenkt, um das Gewebe in den anvisierten Hirnbereichen zu zerstören. Die gleiche Prozedur wurde anschließend in der anderen Hemisphäre durchgeführt. Die einzigen sichtbaren Schäden, welche die Patienten davontrugen, waren meist lediglich Hämatome am Auge. Anfangs ließ Freeman seine Patienten noch in Narkose versetzen. Später führte er seine Operationen unter lokaler Betäubung durch. Dies hatte den Vorteil, dass er die Patienten simultan befragen konnte. Besonders bizarr erscheint dabei die Tatsache, dass Freeman nur dann das Ausmaß der Substanzzerstörung im Gehirn für ausreichend erachtete, wenn seine Patienten ernsthafte kognitive Probleme, z. B. bei arithmetischen Aufgaben, zeigten, denn er habe beobachtet, dass anscheinend nur Patienten, welche zumindest vorübergehend derlei Beeinträchtigungen aufwiesen, auch wirklich eine Symptomlinderung ihrer psychischen Beschwerden zeigten. Letztlich verwendete Freeman zur Narkotisierung seiner Patienten Elektroschocks. Diese Methode entlehnte er der elektrokonvulsiven Behandlung von Depressionen. Er versetzte den Patienten drei aufeinanderfolgende starke Schocks über am Kopf angebrachte Elektroden. Dies führt in der Regel (neben Krampfanfällen) zu vorübergehender Bewusstlosigkeit. (1)

Helfen sollte dies gegen sämtliche psychischen Erkrankungen wie Psychosen, Depressionen, Schizophrenie oder „Idiotie“, wie es damals rigide hieß.

Ob diese brutale Methode (also ich komm da nicht drüber weg, mit dem Eispickel übers Auge ins Hirn… brrrrr…) auch wirksam war, kann man nicht so richtig sagen, denn es gibt leider keine einzige objektive Studie hierzu, sondern nur subjektive Anekdoten. Weltweit wurden ca. eine Million Menschen lobotomiert, das muss man sich mal vorstellen.

Entwickelt wurde die Lobotomie durch den portugiesischen Arzt und Politiker António Egas Moniz (29. November 1874 – 13. Dezember 1955), der für diese Operationsmethode 1949 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Die erste derartige Operation führte Moniz 1935 an John Farquhar Fulton durch.

Traurige Berühmtheit verschaffte aber ein anderer Mann der Lobotomie und zwar der us-amerikanische Psychiater Walter Jackson Freeman II (14. November 1895 – 31. Mai 1972).

Freeman vereinfachte gemeinsam mit dem Neurochirurgen James Winston Watts die Methode von Moniz. Später entwickelte er die bereits genannte „Eispickelmethode“. Er sagte dazu: Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.

Betonen muss man, dass Freeman nie eine chirurgische Ausbildung erhalten hatte. Trotzdem operierte er in seiner Hochzeit mehrere Dutzend Patienten pro Tag, teilweise in Hörsälen, teilweise sogar vor Fernsehkameras. Freeman kaufte sich auch ein Wohnmobil, in dem er durch die gesamten USA reiste, um zu operieren. Dieses Wohnmobil nannte er sein „Lobotomobil“. Insgesamt hat er wohl um die 3.600 Patienten „behandelt“.

Die Lobotomie hatte natürlich erhebliche Nebenwirkungen. Zwar konnte ein Gutteil der Patienten danach als „geheilt“ entlassen werden, aber das Leben, das sie nach einem solchen Eingriff führten, war ein reines funktionieren ohne jede Lebensqualität. Ein Teil der Patienten allerdings konnte nach solch einer Behandlung nicht mehr in ihr Leben zurückkehren, sondern blieben bis an ihr Lebensende pflegebedürftig.

Der prominenteste Fall dürfte hier wohl der von Rosemary Kennedy, einer Schwester des ehemaligen Präsidenten John F. Kennedy, sein.

Rosemary Kennedy wurde 1918 in Boston geboren und nach den Maßstäben ihres Vaters Joseph Kennedy nicht leistungsfähig genug. Ein umstrittener Intelligenztest attestierte ihr eine leichte geistige Behinderung, trotz der sie mit 20 Jahren einen Abschluss in Montessoripädagogik erreichte. Je älter Rosemary wurde, desto eigensinniger und jähzorniger wurde sie allerdings und ihre Eltern fürchteten, dass sie Schande über den Ruf der Familie bringen könnte.

Drei Jahre nach ihrem Abschluss brachte ihr Vater sie heimlich und ohne ihr Einverständnis zu Walter Freeman und ließ eine Lobotomie an ihr durchführen. Die Folgen waren katastrophal: Rosemary konnte nur noch „kindlich vor sich hinbrabbeln“, wurde inkontinent und konnte nur noch schlecht gehen.

Ihr Vater versteckte sie daraufhin im weitentlegenen Wisconsin in einem Pflegeheim und – was ich noch schlimmer finde – verleugnete sie bis zu seinem Tode.

86 Jahre wurde Rosemary Kennedy alt. 64 Jahre davon verbrachte sie in dem Zustand, in den sie Freeman und ihr Vater gezwungen hatten. Für mich eine erschütternde Vorstellung. Und Kennedy war nicht die einzige Patientin, der es so erging.

Die Lobotomie wurde übrigens teilweise auch zwangsweise von staatlicher Seite aus angeordnet. So wurden noch bis in die 1950er Jahre hinein in Schweden Homosexuelle und in Norwegen Frauen, die Affairen mit deutschen Besatzungssoldaten hatten, zwangslobotomisiert.

Und hier muss natürlich auch massive Kritik an den medizinischen Fachgesellschaften geübt werden, die Freeman keinen Einhalt geboten haben. Erst als sich zu Anfang der 1950er Jahre die Berichte über den verstümmelnden Charakter der Lobotomie häuften und dazu noch die ersten wirksamen Psychopharmaka auf den Markt kamen, wurde massive Kritik an Freeman und der Lobotomie auf.

Erst 1967 führte Freeman seine letzte Operation durch und nur der Tod seiner Patientin konnte ihn stoppen. Seine letzten fünf Lebensjahre verbrachte er mit dem Versuch, die Lobotomie zu rehabilitieren.

Der große Irrtum der Lobotomie zeigt uns aber trotzdem einen enorm
wichtigen Aspekt der Wissenschaft. Denn wir wissen, dass es sich um einen
Irrtum gehandelt hat. Obwohl die Lobotomie mit der höchsten aller
wissenschaftlichen Auszeichnungen bedacht worden war, hörte man trotzdem auf, sie anzuwenden. Man hat erkannt, dass diese Methode nicht funktioniert. Man hat erkannt, dass psychische Störungen andere Ursachen haben, die anders behandelt werden können und müssen. Kurz gesagt: Die Wissenschaft hat sich weiterentwickelt!

Die Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren, ist eine fundamentale Eigenschaft der Wissenschaft und eine ihrer größten Stärken. Sie ist aber das, was sie von Pseudowissenschaft unterscheidet. Wenn Homöopathen heute ihre
Pseudomedizin praktizieren, dann machen sie das im Wesentlichen genau so, wie es damals im 18. Jahrhundert ihr Erfinder Samuel Hahnemann getan hat. Die Berufung auf „altes Wissen“ ist in der Welt der Pseudomedizin ein regelrechtes Qualitätskriterium – je älter, umso besser. In der Geschichte jeder echten wissenschaftlichen Disziplin finden sich jede Menge Irrtümer. Dass das bei Homöopathie und Co nicht so ist, ist der beste Beleg für ihre Unwissenschaftlichkeit.
(2)

(1) Seite „Lobotomie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. August 2019, 16:43 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Lobotomie&oldid=190954209

(2) Freistetter, Florian: Lobotomie: Ein gefährlicher Irrtum,
gekrönt mit dem Nobelpreis. In: https://www.derstandard.de/story/2000074114546/lobotomie-ein-gefaehrlicher-irrtum-gekroent-mit-dem-nobelpreis?ref=article vom 13. Februar 2018.

3 Gedanken zu “Eine kurze Geschichte der Lobotomie

  1. Der letzte Absatz von Freistädter reißt leider alles mit dem Arsch wieder ein.
    Was war denn an der Lobotomie Wissenschaft? Wo ist denn der Gegenstand der Befassung systematisch untersucht worden? Empirisches Herumdoktorn ohne die leiseste Ahnung über die Gründe psychischer Erkrankungen ist bloß Ausdruck der Problembehandlung durch eine Therapiebranche. Die Aufgabenstellung könnte man viel einfacher durch Erschießen erfüllen. Der Erkenntnisgewinn wäre der selbe gewesen.
    Nur weil der Kontext in dem das stattfand, irgendwie innerhalb der institutionalisierten Medizin eingebunden war, muss man dem nicht das Prädikat Wissenschaft anheften, das einem bloß das Problem schafft, diese rechtfertigen zu müssen.
    Nicht überall wo Wissenschaft draufsteht, ist auch welche drin.

    1. Da geb ich dir in allen Punkten unumwunden recht, nur muss man auch zur Kenntnis nehmen dass die Lobotomie, auch wenn sie nicht durch heute gültige, wissenschaftliche Methoden entwickelt wurde, seinerzeit unter Wissenschaftlern tatsächlich jahrelang kaum zur offenen Kritik Anlass bot. Eher das Gegenteil war der Fall. Zumindest in der Außenwahrnehmung.

      Das mag an den scheinbaren Erfolgen der L. gelegen haben, aber auch an den damals üblichen wissenschaftlichen Gepflogenheiten und eine von sehr viel stärkere Prägung durch Autoritäten, als es heute der Fall ist.

      Somit muss man der L., zum Trotze ihrer kompletten Unwissenschaftlichkeit, dennoch aus damaliger Sicht das Prädikat „wissenschaftlich anerkannt“ anheften. Auch wenn es heute so natürlich nicht mehr gültig ist.

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