ApothekerInnen sollten künftig nach „Hundertmark-Standard“ arbeiten!

Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Werner Bertelsen, Bremen

Seit vielen Jahren geht sie nun schon, die Diskussion um die Homöopathie. Die Diskussion hat durch umfangreiche Aufklärungsarbeit sehr viele Menschen bereits erreicht und auch gewarnt. Die parallel mit den Zuckerkugeln transportierte Botschaft von „Natürlichkeit“ und „Sorglosigkeit“ verfängt nicht mehr, seitdem immer mehr von tragische Fehldiagnosen und verpassten Therapiechancen bei TumorpatientInnen mit oftmals tödlichem Ausgang berichtet wird. (Quelle)

Es ist erfreulich, dass sich Wissenschaftler aus vielen Bereichen an der Aufklärungsarbeit beteiligen. Es findet sich hier ein buntes Orchester von engagierten Menschen aus Biologie, Psychologie, Medizin, Physik, Mathematik, Philosophie, Soziologie und vielen anderen Disziplinen. Eine wichtige Stimme jedoch, ausgestattet mit hohem Maß fachlicher Expertise, ist wider Erwarten auffällig unterrepräsentiert. Erwartet man im Orchester der Aufklärung eine Beteiligung der Apothekerschaft in wahrnehmbarer Mannschaftsstärke, so wird man bitter enttäuscht. Es ist nur eine Stimme zu vernehmen. Zwar nur eine einzige Stimme, dafür ein glasklarer Sopran: Iris Hundertmark, die Apothekerin aus dem oberbayrischen Weilheim, steht mutterseelenallein auf der großen Bühne der Aufklärung. Ihre Performance als Solistin ist dabei brilliant und über alle Zweifel erhaben. (Quelle)

So überzeugend der Auftritt von Frau Hundertmark ist, die Reduktion der pharmakologischen Aufklärung auf eine Einzelkämpferin wirft Fragen auf, die wir uns zuletzt in dieser Intensität beim Pferderennen von Loriot stellen mussten: Wo laufen sie denn? Ja, wo sind sie denn? Die anderen Apotheker und Apothekerinnen? Angesichts der Millionenumsätze, die mit dem magischen Milchzucker generiert werden, wundert sich mancheiner über das große Schweigen in den Reihen der ApothekerInnen. Meine eigenen bescheidenen Versuche, eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, führten mich bereits in einige Bremer Apotheken. Ich bin neugierig und wollte wissen, ob es nicht verlockend sei, die erste von „Homöopathie“ befreite Bremer Apotheke zu erklären. Die Antworten verwirrten mich indes. Eine kleine (nicht repräsentative) Auswahl:

„Dann lachen sich meine Kollegen tot und dann freuen die sich über das zusätzliche Geschäft!“ oder

„Das geht nicht – wo sollen sie dann alle hingehen, die jungen Mütter?“

aber auch ein ehrliches:

„Das kann ich mir nicht leisten. Dann würde ein Teil meines Umsatzes wegfallen und dann wäre der Verdienst noch geringer!“

Mit einem älteren und sehr erfahrenen Apotheker habe ich ein langes und von beidseitigem Respekt und Vertrauen begleitetes Gespräch geführt, in dem er sich über eine Ärztin aufregte, die bei schweren Infekten von Kindern regelmäßig Zuckerkugeln rezeptiere. Nein, den Namen wolle er mir auf keinen Fall nennen, aber die Ärztin sei im

Stadtteil schon bekannt und durchaus berüchtigt. Auch aus seinen Augen sprach dabei eine große Enttäuschung und Ohnmacht.

„Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“

Dieser Imperativ beschreibt die Aufgabe von Medizinern und Apothekern und ihre Pflicht, korrekt aufzuklären. Sie sollen ihr wertvolles Wissen weitergeben, notfalls intervenieren und nicht etwa aus dem „Glauben“ Kapital schlagen – das machen schon die religiösen Institutionen und Sekten. Der bewusste Einsatz einer nicht wirksamen Therapie ohne Aufklärung kann im Falle eines eintretenden Schadens als ,,sittenwidrig‘‘oder gar als,,strafrechtlich relevant‘‘ eingeordnet werden. Dieser von dem Juristen Prof. Maximilian Becker formulierte Einschätzung deute ich als eine Mitwirkungspflicht für ApothekerInnen. (Quelle)

Auch der Bundesgerichtshof ist hier auf Kurs: Werden Patienten mit Verfahren oder Methoden behandelt, die als ,,unmöglich‘‘ eingestuft werden, so tritt im juristischen Sinne eine ,,Leistungsstörung im Behandlungsvertrag‘‘ ein. Der BGH definiert eine Unmöglichkeit einer Leistung nach §275 Abs. 1 BGB, wenn diese ,,nach den Naturgesetzen oder auch nach dem Stand der Erkenntnis von Wissenschaft und Technik nicht erbracht werden kann‘‘. (Quelle)

Iris Hundertmark zeigt uns nicht nur, wie es gehen kann. Sie zeigt uns, wie es gehen muss, um Schäden abzuwenden. Kommt ein PatientIn und verlangt nach „homöopathischen“ Mitteln, so versucht Frau Hundertmark, das jeweilige Motiv zu ergründen und klärt über die Wirkung, die nicht über einen Placebo-Effekt hinaus geht, auf. In den allermeisten Fällen lässt sich so der zweifelhafte Einsatz von Scheinmedikamenten verhindern. Besteht nach dieser wichtigen Aufklärungsarbeit noch immer der Wunsch nach „homöopathischen“ Mitteln, so werden diese auf Wunsch bestellt. Ich bin überzeugt: Es ist höchste Zeit für eine Apothekenkultur, die nach „Hundertmark-Standard“ arbeitet, weil auf diese Weise die Patientensicherheit auf einfache Weise wirksam erhöht werden kann. Prof. Becker erinnert an die Sorgfaltspflicht der verschreibenden Ärzte: Eine Schadensersatzpflicht kann entstehen bei anfänglicher oder nachträglicher Unmöglichkeit der Methode. Auch der Verweis auf einen gewünschten Placebo-Effekt entbindet den Arzt nicht von seiner Sorgfaltspflicht: ,,Die Grenzen der Sorgfaltspflicht bei der Methodenwahl sind überschritten, d.h. ein ,,Therapieauswahlverschulden‘‘ liegt vor, ,,wenn die ausgewählte diagnostische oder therapeutische Behandlungsmethode von vornherein ungeeignet war‘‘. Die Verschreibung von Scheinmedikamenten ist nicht nur für PatientInnen gefährlich. Nach Meinung des Bundesgerichtshofes besteht eine Regresspflicht auch dann, wenn ÄrztInnen PatientInnen über die zu erwartende medizinische Nutzlosigkeit einer Therapie aufklären, diese Therapie aber dennoch – wider besseren Wissens – durchführen. (Quelle)

2 Gedanken zu “ApothekerInnen sollten künftig nach „Hundertmark-Standard“ arbeiten!

  1. Zu den beliebtesten Argumenten seitens der Apothekerschaft für die Apothekenpflicht für Homöopathika gehört ja, dass nur so eine fachkundige Beratung der Patienten gewährleistet sei – zur Not auch in Form des Abratens bei augenscheinlich ernsten Symptomen.

    Nur dass dieses Argument der Realität draußen in der Welt einfach nicht standhält. So prüft etwa die Stiftung Warentest wiederkehrend die Quaität der Patientenberatung in deutschen Apotheken. Schon alleine die Ergebnisliste beim Suchbegriff „Apothekenberatung“ auf http://www.test.de ist nederschmetternd und peinlich (https://www.test.de/suche/?q=Apothekenberatung). Auszug: „Beratung in Apotheken: Mehr schlecht als recht“ (2004). „Apotheken: Selten gut beraten“ (2010). „Apotheken beraten eher schlecht als recht“ (2014).

    Die Deutsche Apothekerzeitung hat 2015 eine Umfrage unter 559 Apotheker/inne/n speziell zur Homöopathieberatung durchgeführt. Auch deren Ergebnis ist ernüchternd und gibt nur wenig Hoffnng. Nur (oder immerhin?) 18 Prozent frt Befragten gaben an, von Homöopathie aktiv abzuraten (https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2015/08/03/Nur-wenige-Homoopathie-Verweigerer). Die Ergebnisse beruhen natürlich auf Selbstauskünften, also einem wenig zuverlässigen Studiendesign, und sie wollen nicht recht zur Einsamkeit von Frau Hundertmark passen.

    Eine 2017 durchgeführte wisenschaftliche Studie von Tilmann Betsch et al (Beratungsgespräche in Form verdeckter strukturierter Interviews in 100 zufällig ausgewählten Apotheken) zur Qualität der Beratung in Sachen Homöopathie erbrachte erwartungsgemäß ein differenziertes, gleichwohl für die Apothekerschaft in toto beschämendes Ergebnis (https://www.gwup.org/infos/nachrichten/1986-neu-erschienen-skeptiker-1-2018). Amüsant, dass Betsch am Ende nicht wie in wissenschaftlichen Publikationen üblich „weiteren Forschungsbedarf“ feststellt, sondern weiteren Bildungsbedarf in der Apothekerschaft.

    Der Apotheker-Weltkongress 2018 war da schon weiter als wir hier: „Mehrheit gegen Homöopathie in der Apotheke“ (https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/09/05/apotheker-weltkongress-mehrheit-gegen-apothekenpflicht-fuer-homoeopathie). Zumindest ein wenig weiter, denn im Artikel heißt es auch: „Der Verband relativiert aber.“ Allerdings spricht schon die im Artikel hervorgehobene (und sowieso überall zu beobachtende) Emotionalität der Debatte dagegen, dass dabei rein wissenschaftliche, evidenzbasierte Argumente ausgetauscht werden.

    Natürlich darf man aus der Gruppenzugehörigkeit nie einfach so auf deren Individuen schließen. Soll heißen: Nicht alle Apotheker/Pharmazeuten sind verblendet oder geldgierig. So hat sich z.B. die damalige Pharmaziestudentin Claudia Graneis im Jahr 2013 über die Beziehung der praktizierten Pharmazie zur Homöopathie Gedanken gemacht und darüber in der Zeitschrift „Skeptiker“ geschrieben (https://www.gwup.org/147-wurzel/archiv-zeitschrift-skeptiker/1347-zeitschrift-skeptiker-02-2013), darin enthalten ein kleiner Selbsttest der Beratung in Apotheken. Der Artikel war auch Grundlage eines Vortrags auf der Skepkon 2013, von dem es offenbar kein Video, über den es aber eine Zusammenfassung im Netz gibt (https://blog.gwup.net/2013/05/19/gwup-konferenz-globuli-und-pharmazie-eine-liebesgeschichte/).

    Abschließend noch der Hinweis auf eine Linksammlung zum Thema, veröffentlicht im Blog der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) – nicht neu, aber wohl unverändert aktuell (https://blog.gwup.net/2014/09/10/spon-uber-bach-bluten-und-anderen-scheis-des-monats-aus-der-apotheke/).

  2. Man wird deutlich aussprechen müssen, dass NUR Frau Hundertmark den eigenen Standards der Apothekerschaft gerecht wird. Ein Beispiel dafür, dass die Mehrheit nicht deshalb recht hat, weil sie die Mehrheit ist. Denn die Berufsordnung für Apotheker verlangt eine Beratung der Kundschaft „nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis“.

    Hier ist einer der Haken. Warum wohl, meint ihr, hält die homöopathische Fraktion entgegen aller Vernunft und entgegen der klaren wissenschaftlichen Erkenntnislage immer noch mit allen Mittel eine Scheindebatte am Laufen, indem sie nach wie vor zu tut, als existiere eine wissenschaftliche Debatte, womöglich auch noch „auf Augenhöhe“. Um damit den Eindruck zu erwecken, es gebe noch gar keine definitive „wissenschaftliche Erkenntnis“ über die Wirkung von Zuckerkugeln… Auch auf dieser Ebene lebt die Homöopathie sozusagen von Suggestion.

    Ja, die Rechtsprechung. Schon 1958 hat der BGH ausgeurteilt, jedenfalls Potenzen oberhalb der Avogadrogrenze könnten nicht als wirksame Medikamente angesehen werden… wen interessiert das? Und wie viele Fälle werden ausgeurteilt, ja, überhaupt rechtshängig gemacht? Und sind wir sicher, dass die Gerichte genug Sachverstand aufbringen, um die Kernproblematik zu erkennen? Das noch nicht rechtskräftige Urteil aus Darmstadt zu dem seltsamen Präparat „HCG C30“ lässt daran zweifeln. Die Jurisprudenz ist im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Fragen ein schwankendes Boot.

    Deshalb: Die Diskussion muss da geführt werden, wo es zur Sache geht und da, wo die Konsequenzen auch gezogen werden können: In der Wissenschaft, in der Ärzteschaft (vor allem der organisierten) und – natürlich in der Apothekerschaft. Um zum Welt-Apothekerkongress noch etwas zu ergänzen: Dort stand ein Apotheker aus Irland auf und stellte die Frage, wie es sein könne, dass auf einem Apothekerkongress im Jahre 2019 überhaupt Homöopathie noch thematisiert werden könne. Sehr richtig. Darauf gab es eine durchaus peinliche und völlig fehlgehende Replik: von einer Delegierten aus – Deutschland…

    Ohne eine umfassende Aufklärung darüber, dass Homöopathie spezifisch unwirksame Scheintherapie ist, wird sich nichts ändern, weil die Nachfrage sich nicht ändert. Daher brauchen wir den Wegfall des gesetzlichen Schutzschirms über der Homöopathie, des „Binnenkonsens“. Damit erledigen sich auch „Folgeprobleme“ wie Apothekenpflicht und Krankenkassenerstattung von selbst. Ceterum censeo: Der Gesetzgeber macht sich schuldig an jeder verspäteten oder versäumten Therapie, an jeder Minute, die ein Kind mit Mittelohrentzündung unnötig Schmerzen leiden muss, so lange er der Homöopathie den Arzneimittelstatus belässt, ohne einen wissenschaftlichen Wirkungsnachweis zu verlangen. Nur gleiches Recht für alle. Mehr nicht.

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