Einigkeit mit Recht auf Grillwurst – Oder: Sprechen wir über Querdenker

Wenn es nicht nach dem Willen von kleinen Kindern geht, haben diese eine einfache, oft aber wirksame Methode, um diesen Willen durchzusetzen: sie schreien. Oder weinen. Oder kreischen. Was ab einer gewissen Eskalationsstufe durchaus das Gleiche ist. Das kennen wir ja beispielsweise von der „Quengelware“ an der Kasse. Bekommt das Kind den Lutscher/das Überraschungsei/den Doornkaat nicht, wirft es sich auf den Boden und beweint in der Lautstärke einer durchschnittlichen Luftschutzsirene aus dem Kalten Krieg sein Schicksal. Wehe der Begleitperson oder anderen Umstehenden, die hierdurch an den Rande eines Gehörsturzes gebracht werden.

Gut, bei kleinen Kindern hat man ja Verständnis, haben diese doch noch nicht gelernt, sich zu beherrschen und unangenehme Situationen auszuhalten, also Contenance zu üben. Die Lektion, dass nicht jedem Impuls sofort und auf der Stelle nachgegeben werden kann, muss das Kindlein erst noch lernen. Und das Leben sorgt in brutaler Härte dafür, dass es dies lernt. Legt ein Erwachsener allerdings dieses Verhalten an den Tag, so ist dies natürlich umso befremdlicher, muss hier doch von einer eklatanten Reifeverzögerung ausgegangen werden.

Dieses Verhalten, also nicht jedem hedonistischen Trieb oder vermeintlichen Bedürfnis nachzugehen, liegt auch dem Großteil des larmoyanten Genörgels der so genannten „Querdenker“ zu Grunde. Jede noch so kleine Einschränkung wird gleich als Raub der Grundrechte angesehen. Jedes ausgefallene Volksfest, jeder ausgefallene Urlaub, jede ausgefallene Grillfeier wird hochstilisiert zum Eingriff eines faschistoiden Staates in das elementare Grundrecht des Querdenkers. DDR 2.0 eben. Einigkeit mit Recht auf Grillwurst. Immer und zu jeder Zeit.

Dabei muss ja gesagt werden, dass es in der aktuellen Corona-Lage tatsächlich eine Einschränkung von Grundrechten gibt. Allerdings sind diese zeitlich begrenzt und können jederzeit von Gerichten überprüft werden. Außerdem muss man sehen, dass diese Maßnahmen ja nicht aus Jux und Tollerei erlassen wurden, sondern aus einem ganz bestimmten Grund: um die Bevölkerung vor einem potentiell tödlichen Virus zu schützen, das auch noch solche Späßken wie Long Covid & Co. mit im Gepäck hat, wenn man nicht daran stirbt.

Allerdings tun die Herrschaften von der Querfront so, als hätte Frau Merkel diese Maßnahmen nur erlassen, um SIE und ganz allein SIE zu unterdrücken und zu knechten und warum? Nur weil vielleicht ihr Morgenstuhl zu hart war oder ähnliches. Ja, genau so denken diese Herrschaften. Sie nehmen sich viel, viel zu wichtig.

Angeblich wird ihr Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt. Dabei gibt es doch unendlich viele Demonstrationen (sogar vor dem Reichstag), Autokorsos (Autokorsi? Autokorsos mit Opel Corsas? Egal…), Webseiten, Youtube-Videos und und und, auf denen diese Herrschaften ihre krude Ideologie breittreten können. Was diese Flitzpiepen allerdings nicht begreifen ist, dass wenn man sich mit seiner Meinung exponiert, man auch mit Widerspruch zu rechnen hat. Jahaha, lieber Querdenker, Deine Meinung ist nicht sakrosankt und die Gegenrede, die wahrscheinlich kommt, wenn Du Deinen intellektuellen Sondermüll absonderst, musst Du jetzt einfach ertragen. Deal with it, Loser!

Aber auch, wie die Querdenker auf die Schutzmaßnahmen gegen das Corona-Virus reagieren, lässt uns wieder an kleine Kinder denken. Da wird sich heimlich getroffen, vorsätzlich etwas Verbotenes getan, wie damals, als man den Eltern ein paar Zigaretten geklaut hatte, um sie dann mit Freunden heimlich zu rauchen. Und man kommt sich groß vor dabei, tapfer, weil man ja dem pöhsen pöhsen Staat ein Schnippchen geschlagen hat und sich trotzdem zum Grillen getroffen hat oder trotzdem irgendwohin gefahren ist. Und natürlich werden fleißig Fotos gemacht und dann bei Facebook, Twitter, Tiktok, Instagram und der TKKG-Fanclub-Homepage hochgeladen, damit nur jeder sieht, was für ein toller Hecht man ist und wie mutig man der Staatsmacht die Stirn geboten hat. Die Querdenkerfront verläuft am Biertisch! Auf auf Kameraden, den Flaschenöffner zur Hand und zum Angriff!

Und wisst ihr, warum diese Menschen die Klappe so weit aufreißen können? Weil sie keine Verantwortung tragen. Weil sie nur ihren eigenen kleinen Tellerrand als Horizont haben. Weil sie nicht sämtliche Interessen gegeneinander abwägen müssen. Weil sie keine Entscheidungen treffen müssen, die vielleicht über das Leben von Menschen entscheiden und dann noch dafür angefeindet werden. Deswegen können sie am Biertisch sitzen und ihre Parolen in die Welt rülpsen, weil es keine Auswirkung hat. Und ich für meinen Teil bin heilfroh, dass ich solche Entscheidungen nicht treffen muss.

Bitte versteht mich nicht falsch, ich möchte niemandem den Mund verbieten. Und auf keinem Fall möchte ich Menschen, die Kritik an den Corona-Schutzmaßnahmen äußern, pauschal in die Querdenker-Schublade stecken. Wir leben in einer Demokratie und eben nicht in einer „DDR 2.0“ und unsere Demokratie hält eine Diskussion über das Für und Wider der Maßnahmen aus, aber wer dabei so ausklinkt, so jegliche Kontrolle über sich verliert wie die Querdenker, der kann nicht toleriert werden.

Soll ich euch mal was sagen? Ja, mir geht dieses ganze Corona-Gedöns auch auf die Nerven. Ich möchte auch, dass endlich mal ein Tritt zugelegt wird beim Impfen und wir bald möglichst alle gepiekst werden. Es ist wirklich nicht so, dass ich die aktuelle Situation genieße, aber wisst ihr was? Ich kann diese Situation nicht ändern. Ich kann nur einen kleinen Teil dazu beitragen, dass die Pandemie ein bisschen schneller vorbei geht, nämlich indem ich mich an die AHA-Regeln halte, meine Kontakte beschränke und jetzt ein bisschen zurückstecke. Und dann sehe ich, wie die ganzen Querdenken-Dödel vorsätzlich dagegen verstoßen. Vorsätzlich, nur weil sie jetzt sofort ihr Überraschungsei wollen. Und dann fühle ich mich erschöpft. Und dann habe ich so die Schnauze voll…

Beitragsbild: Von selbst photographiert (Thomas Kees) – eigenes Archiv, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25418013