Sprechen wir über angebliche Denunzianten und Wohlstandsmaden

Die Tage las ich einen Artikel in unserem lokalen Käseblä… äääh… unserer hochverehrten Lokalzeitung, dass sich am Karfreitag auf einem Parkplatz eine Gruppe von bis zu 25 jungen Erwachsenen zusammengefunden hat, um den stillen Feiertag „in geselliger Runde“ zu verbringen. Das Treiben wird wie folgt beschrieben: Die Insassen aus über einem Dutzend Autos – etwa 25 junge Leute – haben es sich teilweise in Campingstühlen bequem gemacht. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Auf der einen Seite rauchen sieben Leute gemeinsam aus einem Shisha-Schlauch. Auf der anderen gibt es Getränke aus dem Sixpack.
Dann wird es laut. Zwischen dem Shisha- und dem Getränkelager kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, es wird sich gegenseitig geschubst. Fast gibt es eine Schlägerei, doch dann beruhigen sich die erhitzten Gemüter. Es ist ja schließlich Karfreitag.

Und dies war kein Einzelfall, heißt es am Ende des Artikels doch: Einen Tag nach der illegalen Oster-Party fahren mehrere aufgetunte Sportwagen vor. Es wird lautstark gedriftet. Und auch an den darauffolgenden Tagen fungierte der Parkplatz in den Abendstunden als Treffpunkt.

Sowohl am Karfreitag wie auch an den anderen Tagen schritt die Polizei ein und die Herrschaften erwarten nun Bußgelder. Dazu muss man noch wissen, dass an diesem langen Osterwochenende die Inzidenz im betreffenden Landkreis weit über 300 lag. Das war zu dieser Zeit der bundesweite Platz 2 oder 3 im RKI-Ranking.

Der Artikel war keine fünf Minuten online und bei Facebook gepostet, schon gab es dutzende Kommentare, wie schlimm das alles sei. Also das Einschreiten der Polizei, nicht das Verhalten der jungen Erwachsenen. Das seien doch arme Menschen, die so viele Entbehrungen erleiden müssen, dass so ein Ausbruch ja vollkommen verständlich sei. Die armen, armen Hascherl, die solche großen Entbehrungen auf sich nehmen müssen. Mir kamen schon fast die Tränen… Gut, die kamen mir fast, weil die Orthographie so dermaßen grottig war, dass ich schon fast körperliche Schmerzen hatte.

Aber einen großen Schuldigen an dieser Misere hat der vereinte Kommentar-Pöbel ausgemacht: DIE DENUNZIANTEN! Die sind schuld! Am besten aufhängen, vierteilen, und zuvor noch alle Florian-Silbereisen-Folgen des Traumschiffs sehen lassen! Das wäre die gerechte Strafe dafür, dass Menschen angerufen haben und diese armen, armen jungen Erwachsenen ans Messer der Polizei geliefert haben!

Ja, genau so ging es zu, im Facebook-Kommentarbereich unter dem Artikel. Die Rollen waren klar verteilt: auf der einen Seite die armen Jugendlichen, die nur ein bisschen Spaß haben wollten und auf der anderen Seite die böse Polizei, gerufen von noch böseren Denunzianten.

Aber ist das so einfach? Ich muss ehrlich sagen, dass ich das ein bisschen anders sehr. Eigentlich nicht nur ein bisschen, sondern sehr viel anders. Die desolate, ja desperate, Lage der Corona-Infektionen hier im Landkreis war und ist bekannt. Und auch, dass es sich bei den neuen Infektionen um solche mit der aggressiven britischen Mutation handelt.

Trotzdem haben diese jungen Erwachsenen aus ihrem persönlichen Egoismus und Hedonismus heraus beschlossen, dass ihnen ihr eigenes Vergnügen wichtiger ist, als der Schutz vor einer Infektion. Gut, man kann sagen, dass es sich hierbei um junge Menschen handelte, die eine Infektion besser weggesteckt hätten, das kann ich nicht beurteilen, aber was ist mit den Eltern/Großeltern/Geschwistern und dem restlichen Umfeld, das hier dem Risiko einer Infektion ausgesetzt wird? Nur weil Heiko, Kevin, Chantall und Emily gemeinsam am gleichen Mundstück einer Shisha ziehen oder aus der gleichen Flasche trinken mussten? (Was ich beides schon ohne Corona für absolut eklig halte.) Denkt an die eigentlich jemand von den Kommentatoren? Sicherlich nicht.

Und ich muss ehrlich sagen, dass mich solche Kommentare durchaus und ziemlich ankotzen! Dieses Geplärre von „Denunzianten“ und „Blockwarten“. Wissen Menschen, die solche Vergleiche ziehen überhaupt von was sie reden? Ganz sicher nicht, sonst würden sie derartige Begriffe gar nicht wählen. Wissen Menschen, die solche Vergleiche ziehen, überhaupt, wie infam ein solcher ist? Sicher nicht, weil sie gar nicht die Bedeutung der Begriffe kennen und nur nachblöken wie es gute Herdenschafe so tun.

Wobei ich persönlich jeden, der die Ordnungsbehörden auf derartige Versammlungen aufmerksam macht, verstehen kann. Es kann doch nicht sein, dass sich ein Großteil der Bevölkerung, im Sinne der Solidarität mit den Schwächsten, gemäß der aktuell geltenden Corona-Auflagen verhält, während auf der anderen Seite Menschen stehen, die auf eben jene Solidarität pfeifen und ihr persönliches Vergnügen über die Gesundheit anderer stellen und mutwillig eine Verschärfung der Pandemielage in Kauf nehmen. Diese Menschen pfeifen auf ihre Mitmenschen, auf deren Gesundheit und stellen ihren persönlichen Hedonismus über alles andere. Und da soll dann plötzlich derjenige falsch handeln, der so ein Treiben zu unterbinden trachtet? Das kann doch nicht sein! Das ist ja, als würde ich jemand ein Messer in den Rücken rammen und wenn derjenige wegläuft noch rufen „Haltet den Dieb! Er hat mein Messer!“

Die Lage ist wirklich brisant, wie wir mit einem Blick auf’s RKI-Dashboard sehen, aber das hat einfach noch nicht jeder Begriffen. Es handelt sich bei diesen Fällen nicht um einen Plausch am Gartenzaun mit genügend Abstand oder Ähnliches. Nein, es handelt sich um verantwortungslose Individuen, die durch ihr Verhalten zeigen, wie egal ihnen ihre Mitmenschen sind. Warum sonst sollten innerhalb weniger Minuten sieben Leute ein und dasselbe Shisha-Mundstück benutzen? Sowas macht man schon ohne Corona nicht und jetzt doch gleich dreimal nicht. Ich verstehe das einfach nicht. Die Welt steht Kopf…