Ist eine Entfernung bestehender Amalgam-Restaurationen problemlos und bedenkenlos durchführbar?

Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Werner Bertelsen

Während für die Verwendung den Dentalwerkstoffes Amalgam klare Einschränkungen formuliert wurden, existieren für die Entfernung bestehender Amalgam-Restaurationen lediglich unscharf formulierte Empfehlungen, mit deren Hilfe das Risiko einer gesundheitlichen Belastung der Patienten durch eine Entfernung vermieden werden soll. (1)

Bei der zahnärztlichen Behandlung von Frauen „sollen während der Schwangerschaft und Stillzeit (Amalgam-Füllungen; d. Verf.) nicht entfernt werden, sofern keine dringende zahnärztliche Indikation dazu besteht. Bei dringlicher zahnmedizinischer Indikation können jedoch einzelne Füllungen mit schonender Technik entfernt werden.“ (1)

Unerwähnt bleiben in dieser Empfehlung des Robert-Koch-Instituts sowohl die Definition einer „dringlichen zahnärztlichen Indikation“, als auch die Definition einer „schonenden Technik“.
Als geeignete Maßnahmen, die eine hiermit verbundene Quecksilber-Exposition verringern helfen sollen, sind eine ausreichende Wasser-Spray-Kühlung und die Verwendung geeigneter Instrumente empfohlen, die eine Entfernung möglichst großer Fragmente unter geringem Anpressdruck ermöglichen.

Weil bis dato zum Umgang mit dem hochgiftigen Quecksilber über die Definition der maximalen Arbeitsplatzkonzentration (MAK) hinaus nur vereinzelte Untersuchungen im zahnmedizinischen Kontext durchgeführt wurden, die Rückschlüsse zur Ermittlung von Quecksilberdampf-Konzentrationen ermöglichen (2), gleichzeitig aber die Nachfrage nach Entfernung der Amalgamfüllungen in den zahnärztlichen Praxen sehr hoch ist, besteht nach Ansicht des Autors hier dringender Forschungsbedarf. Die momentan existierende Datenlage basiert teilweise auf Untersuchungen der 1960er Jahre. (3) Quecksilberdämpfe, insbesondere, wegen der leichten Inhalationsmöglichkeit, die beim Herausbohren von Amalgamfüllungen entstehenden, sind aus toxikologischer Sicht als besonders schädlich einzustufen. (12)

Künftige, mit moderner Messmethodik durchzuführende Untersuchungen sollten diese entstehenden Belastungen quantifizieren und valide Daten liefern, ob beispielsweise die definierte MAK für Quecksilberdampf bei Versagen einer ausreichenden Wasser-Spray-Kühlung noch eingehalten wird. (4, 5)

Da ein Versagen einer suffizienten Wasser-Spray-Kühlung während der Behandlung nicht ausgeschlossen werden kann, ist es wichtig, wie hoch die Werte für Quecksilberdampf ansteigen und ob im Falle eines Versagens der Wasser-Spray-Kühlung bei gegebenenfalls ansteigenden Konzentrationen gesundheitliche Gefahren verbunden sind (6, 7).

Weitere, die Höhe der Quecksilberdampf-Konzentration modulierende Faktoren können sein: Bohrerform und Bohrerschärfe. Ohne dass diese Einflussfaktoren durch nähere Untersuchungen beleuchtet werden, können keine validen Aussagen zum Für und Wider einer Entfernung von bestehenden Amalgam-Restaurationen, insbesondere im Hinblick auf einzelne Patientenkohorten, gemacht werden.

Da die Angaben über den Grad der Toxizität einer Substanz fast immer von der Dosis, also der zugeführten, resp. resorbierten Menge einer Substanz pro Körpergewicht, abhängen, sind ohne die bei einer Amalgam-Entfernung entstehenden Werte einer wahrscheinlichen Dosis auch keine seriösen kohortenbezüglichen Empfehlungen abzugeben. So stellt eine QuecksilbedampfKonzentration von 50ug/m3 Raumluft für einen 70-jährigen Patienten ein anderes Belastungsprofil dar, als für eine 23-jährige werdende Mutter im ersten Trimenon.

Bisherige Empfehlungen, die trotz dieser mangelhaften Untersuchungslage publiziert wurden, bleiben daher im Kern ihrer Aussage unscharf und vage und besitzen daher nur einen reduzierten wissenschaftlichen Aussagewert.

Die Empfehlung, zur Entfernung geeignete Instrumente – sprich: Bohrer – zu verwenden, beinhaltet den Ruf nach genauerer Definition.
Ab wann ist ein Instrument geeignet, bei welcher Drehzahl sollte gearbeitet werden, um eine unerwünscht hohe Quecksilberdampf-Konzentration zu minimieren?

Welche Instrumente lassen bei welchem Anpressdruck bei welcher Drehzahl unerwünschte Reibungswärme entstehen?

Wie viele Amalgam-Restaurationen lassen sich mit welchem Instrument entfernen, bevor dieses stumpf wird und sowohl Anpressdruck und Reibung zu hoch werden. Wird durch einen erhöhten Anpressdruck die Quecksilberdampf-Konzentration in die Höhe getrieben?

Da vermehrt chronisch Erkrankte und auch viele Tumorpatienten eine Amalgam-Entfernung wünschen (9), ist aus zahnärztlicher Sicht die kompetente Beratung mithilfe einer Risiko-Nutzen-Abwägung, die sich auf aktuelle wissenschaftlich ermittelte Daten berufen können muss, erforderlich. Nicht grundlos veröffentlicht das Deutsch Krebsforschungszentrum (dkfz, Heidelberg) gezielt Informationen zum Thema („Amalgam als Krebsrisiko“) auf der Homepage (10).

Die hohe pulmonale Resorptionsquote inhalierter Quecksilberdämpfe (bis zu 80 %) und ihre teratogenen Eigenschaften, sollten ein kritisches Nachdenken über eine Amalgam-Entfernung z. B. in der Frühschwangerschaft ermöglichen. (13)

Zusammenfassung:
Aufgrund der großen Häufigkeit noch vorhandener Amalgamfüllungen und der damit verbundenen hohen Durchführungsquote von Amalgam-Entferungen in den zahnärztlichen Praxen, insbesondere bei chronisch Erkrankten und Tumorpatienten, wäre bei der bekanntermaßen hohen Toxizität von Quecksilberdampf eine genaue Quantifizierung der möglichen entstehenden Belastungsbreite sehr vorteilhaft und wichtig. Die momentan zu diesem Thema vorhandenen Untersuchungen berufen sich zum Großteil auf Daten, die teilweise vor 50 Jahren ermittelt worden sind und daher mit Daten, die auf heutiger Messmethodik beruhen, nicht zu vergleichen sein dürften.

Sollten bei nicht-optimalen Bedingungen Quecksilberdampf-Konzentrationen ermittelt werden, die ein Überschreiten der MAK oder der von der WHO empfohlenen Werte (11) nachweisen, so müssten sich hieraus in der Folge klare arbeitsbezogene und notfalls auch behandlungsrelevante und auch behandlungs-einschränkende Konsequenzen ergeben.

Literatur:
(1) Empfehungen des Robert-Koch-Instituts: Amalgam: Stellungnahme aus umweltmedizinischer Sicht Mitteilung der Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch -Gesundheitsschutz 2007 · 50:1304–1307DOI 10.1007/s00103-007-0338-zOnline publiziert: 5. Oktober 2007
https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/287/2569lt94O74HM.pdf?sequence=1&isAllowed=y

(2) Prof. Gottfried Schmalz (Regensburg) in einer persönlichen Mitteilung v. 26.10.2019

(3) Berufsgenossenschaft: BGW Forschung: Quecksilber in Zahnarztpraxen
https://web.archive.org/web/20140228223054/http://www.bgwonline.de/SharedDocs/Downloads/DE/Medientypen/bgw_forschung/GP4_Quecksilber_in_Zahnarztpraxen_Download.pdf?__blob=publicationFile

(4) Mercury-Tracker 3000 IP
http://mercury-instrumentsusa.com/Brochures/MI%20Tracker%203000-IP%20Brochure.pdf

(5) Anseros Quecksilber-Analysator
https://www.anseros.de/de/produkte/quecksilbermessung/

(6) D. Arenholt-Bindslev, G. Schmalz: Quecksilber-Exposition beim Entfernen von Amalgam-Füllungen; Dtsch Zahnärztl Z 50, 870-874, 1995

(7) LV Powell, GH Johnson, M. Yashar, DJ Bales: Mercury vapor release during insertion and removal of dental amalgam. Oper Dent. 1994 Mar-Apr;19(2):70-4.

(8) dkfz: Amalgam als Krebsrisiko:
https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/amalgam.php

(9) Prof. Jutta Hübner (Onkologie, Jena) in einer persönlichen Mitteilung v. 21.1.2020

(10) dkfz (Heidelberg): Amalgam als Krebsrisiko:
https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/amalgam.php

(11) Umweltlexikon-Katalyse-Institut, Köln,
http://umweltlexikon.katalyse.de/?p=6460

(12) Prof. Thomas Eschenhagen (Toxikologie, Hamburg) in einer persönlichen Mitteilung v. 23.1.2020

(13) H. – W. Bertelsen: Three Trends In “Alternative Dentistry” Part 3: Amalgam Removal and Avoidance; Blog: Edzard Ernst, 2018
https://edzardernst.com/2018/09/three-trends-in-alternative-dentistry-part-3-amalgam-removal-and-avoidance/

2 Gedanken zu “Ist eine Entfernung bestehender Amalgam-Restaurationen problemlos und bedenkenlos durchführbar?

  1. Nicht zu vernachlässigen scheinen mir bei der hohen Nachfrage nach Entfernung von Amalgam-Restfüllungen auch die von pseudomedizinischen Heilsversprechen irregeleiteten Menschen, die sich die Besserung aller möglichen Beschwerden und Misshelligkeiten auf Rat des „Heilpraktikers des Vertrauens“ davon versprechen. Die gibts nämlich offenbar auch in nicht zu vernachlässigendem Umfang.

    Dr. Natalie Grams hat auf die toxischen Gefahren eines solchen Vorgehens auch schon 2018 bei „Grams‘ Sprechstunde“ hingewiesen (1). Kein Zahnmediziner sollte ohne klare medizinische Indikation nur wegen eines pseudomedizinisch hinterfütterten Patientenwunsches vorhandenes funktionsfähiges Amalgam entfernen. Denn das wäre zweifellos noch schlimmer als das „Absahnen“ halbseidener Scharlatane für eine daran anschließende unsinnige „Ausleitungsbehandlung“.

    Das Einfordern klarer Standards für das Vorgehen bei einer Amalgamentfernung sollte, wie der vorstehende Artikel ausführt, natürlich selbstverständlich sein. Darauf sollte sich auch die Patientenschaft verlassen können.

    (1) „Erstens sollten vorhandene, intakte Füllungen nicht aus esoterischen Gründen oder unnötiger Angst extra herausgefräst werden. Denn dabei können tatsächlich größere Quecksilbermengen frei werden als im Normalfall – und verschluckt oder als Quecksilberdampf eingeatmet werden, der besonders toxisch wirken kann.“
    https://www.spektrum.de/kolumne/die-quecksilberbombe-in-der-plombe/1607242

  2. Das Problem besteht darin, dass es bis dato keine genauen Daten gibt, ob die Maximale Arbeitsplatz Konzentration (MAK) beim Herausbohren von Quecksilber-Amalgam-Füllungen überschritten wird.

    Meine Forderung:

    Solange wir nicht wissen, wie hoch die Quecksilber-Dampf-Konzentrationen sind, solange wir hier „im Dunkeln tappen“, sollte, um ein Missbildungsrisiko auszuschließen (siehe Spiegel-Bericht: „Waren die Schwangeren beim Zahnarzt?“, V. Hackenbroch, 20.9.19) aus ethischen Gründen bei Frauen im gebärfähigen Alter sowohl auf ein Herausbohren quecksilberhaltiger Füllungen, als auch auf Trepanationsbohrungen verzichtet werden.

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