Politik in Zeiten der Vierten Welle

Als sich dareinst die Griechen die Sache mit der Demokratie haben einfallen lassen und sich auf der attischen Agora die Boule erstmalig zusammenfand, fußte dieses Prinzip auch darauf, dass sich in dieser Versammlung die Gebildetsten, die Intelligentesten und die Integersten Bürger Athens zum Wohle des Volkes trafen, um ihre Entscheidungen zu treffen. (1) Könnten die ollen Griechen allerdings die heutigen Zustände sehen, würden sie sich sicherlich erstmal einen hinter die Binde kippen bei dem Schreck und dann das gesamte System nochmal überarbeiten.

Nein, im Ernst, ich möchte hier jetzt wirklich kein unreflektiertes Politikerbashing betreiben, aber wir müssen den Fakten ins Auge sehen und uns eingestehen, dass ein guter Teil der aktuellen Corona-Lage eben auf unsere politischen Verantwortlichen zurückzuführen ist.

Das erste große Problem war natürlich die Bundestagswahl im September. Es dürfte das größte Unglück gewesen sein, dass diese Wahl mitten in die Pandemie fiel. Hatte dies doch zur Folge, dass das Hauptaugenmerk unserer Politiker hierauf lag und nicht auf der Pandemie. Wir bekamen einen Sommer, in dem von allen Seiten aus herumlaviert wurde und niemand den Mumm in den Knochen hatte, die anstehenden Entscheidungen zu treffen. Man könnte ja Wähler vergraulen. Und so tanzte unsere politische Kaste auf Zehenspitzen um den unsichtbaren Corona-Elefanten im Raum herum.

RKI-Chef Wieler, die Virologen Drosten, Brinkmann, Ciesek und wer noch alles, redeten sich den Mund fusselig, dass man jetzt handeln müsse, sonst bekämen wir im Herbst/Winter massive Probleme. Die Politik unternahm nichts und jetzt haben wir die Probleme am Hals. Und jetzt stellen sich die Herrschaften hin und sagen, dass eine solche Entwicklung nicht absehbar gewesen wäre. Spätestens das war der Punkt, wo der Onkel einmal ganz tief durchatmen musste.

Dazu kam noch, dass ja die Boulevard-Medien spätestens seit Anfang Juni einen scheinheiligen Entrüstungschor anstimmten und nach Lockerungen plärrten, wie ein Säugling nach der Mutterbrust. Kaum jemand habe in den vergangenen Monaten so vehement gegen Masken, Tests und andere Anti-Corona-Maßnahmen gekämpft wie die “Bild”-Redaktion. Warnungen von Expertinnen und Experten wurden als “Panikmache” abgetan, um nun in einer wilden Kehrtwende der Politik Untätigkeit vorzuwerfen. Medienkritiker Stefan Niggemeier macht es noch einmal ganz klar: “Dieser journalistische Kurs von ‘Bild’ hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Menschen glauben, die Pandemie sei beendet, das Tragen von Masken sei überflüssig, das Verlangen von Tests sei völlig abwegig und hinter all den Maßnahmen stünden nur ein übergriffiger Staat und Politiker, die einfach ihre sadistische Lust ausleben wollen, die Bürger zu gängeln. Letztlich hat dieser journalistische Kurs von ‘Bild’ auch dazu beigetragen, dass die Corona-Lage jetzt noch schlimmer ist, als sie sein müsste.”

Quelle: https://bildblog.de/132375/bilds-corona-pranger-intensivbetten-umgang-mit-reichelt/

So kam es zu einem Lockerungswettstreit zwischen den Bundesländern und man tat so, als wäre das Thema Corona erledigt und die Wissenschaftler und nur oller Miesknödel und Grantelheimer.

Tja, wohin das führte ist ja bekannt, die Infektionszahlen steigen schneller als mein Blutdruck und die Intensivstationen platzen aus allen Nähten wie die Gaststube beim Händ’l-Wirt, als es den Schweinsbraten mit Kloß für Dreifuffzich gab.

Und diese kritische Lage trifft auf eine geschäftsführende Bundesregierung, von der ich den Eindruck habe, dass sie sich absolut nicht mehr zuständig fühlt und auf drei Koalitionäre, die trotz aller Umstände noch immer nicht einen Gang zulegen mit ihren Verhandlungen. Gut, die Ampel-Mehrheit hat das neue Infektionsschutzgesetz durchgebracht. Dieses kam nicht von der Regierung, sondern „aus der Mitte des Parlaments“, wie es so schön hieß. Aber wenn ich lese, dass darin der epidemische Notfall nationaler Lage (heißt das so? Naja, ihr wisst was ich meine) beendet wurde, nur um die Kubicki-Lindner-FDP zufrieden zu stellen, dann wird mir für die Zukunft Himmelangst.

Die von der Ampel-Mehrheit durchgebrachten Beschlüsse sind ja schon mal ein guter Anfang, aber doch wirken sie wie… ja nicht gerade wie ein zahnloser Tiger, sondern eher wie ein Tigerchen mit Milchzähnen. (Haben Tiger Milchzähne? Ich weiß es nicht. Hab beim ollen Grzimek nicht aufgepasst)

Um es klar und deutlich zu sagen, was wir jetzt brauchen – auch wenn diese Maßnahmen so unbeliebt sind wie nur was – sind massive Kontaktbeschränkungen, bundesweites 2G, massives Boostern für alle Geimpften und eine Impfpflicht für all jene die noch immer nicht geimpft sind und bei denen aus medizinischen Gründen nichts dagegenspricht. Aber das wird sich wieder nicht getraut, stattdessen meint Herr Söder, man müsse über eine Impfpflicht „nachdenken“. Ja Herrgott, wie lange soll denn noch nachgedacht werden? Wie lange soll denn dem Kollaps der Intensivstationen noch zugeschaut werden?

Unsere „Freunde von der anderen Feldpostnummer“ (2) hingegen laufen schon jetzt wieder auf Hochtouren und versuchen, schon diese Maßnahmen zu unterlaufen. Aber das muss man ja verstehen, sie mussten ja auf so viel verzichten. Bei so viel Unvernunft kann ich nur noch den Kopf schütteln. Was ist aus dem guten, alten „Arschbacken zusammenkneifen und durch!“ geworden? Stattdessen veranstalten diese Herrschaften Demonstrationen, auf denen sie sich beklagen, dass es keine Meinungsfreiheit mehr gäbe. Wüsste man es nicht besser, würde man dies für ein neues Comedy-Konzept im Privatfernsehen halten.

Ganz subjektiv fühle ich mich tatsächlich von den Entscheidungsträgern im Stich gelassen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass meine Bedürfnisse und Sorgen – aus welchen Gründen auch immer – denen der Querdenker untergeordnet werden. Vielleicht sollte ich mich auch einmal aufführen wie ein präpubertäres Ich-will-Schreikind.

Mir will es einfach nicht in meinen Schädel rein, dass es jetzt noch immer so viele Menschen gibt, die zwar sehen, was hier im Lande vor sich geht, dies aber mit den abenteuerlichsten Begründungen und Theorien umdeuten und ableugnen. Anstatt dass sie froh sind, dass wir genügend gute Impfstoffe und – noch – eine gute Infrastruktur im Gesundheitswesen. Anstatt dass man für eine begrenzte Zeit seine eigenen Bedürfnisse etwas zurückstellt, heißt es nur „Ich will feiern! Ich will in Urlaub fliegen! Ich will dies und ich will jenes!“  

Ich verstehe die Welt absolut nicht mehr! Ich fühle mich an den alten Film „Baron Münchhausen“ aus dem Jahr 1943 erinnert, mit Hans Albers in der Hauptrolle. Etwa, wenn Münchhausen zu seinem Diener, der meinte „Entweder ist Ihre Uhr kaputt, Herr Baron, oder die Zeit selber“ sagt: „Die Zeit ist kaputt, Christian“.

  • JAHA! Ich weiß, dass das keine historisch korrekte Darstellung ist. Aber das hier ist mein kleiner Blog und nicht die Redaktion des großen Pauly, deswegen seien mir einige Freiheiten dann doch erlaubt *Zwinkersmiley*
  • Diese Bezeichnung für die Gegenseite wurde während des Zweiten Weltkrieges von Teilen des Offizierskorps verwendet.

2 Gedanken zu “Politik in Zeiten der Vierten Welle

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