Quo vadis Deutschland?

Als Heinrich Heine den Vers „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“ notierte meinte er mitnichten die politischen Verhältnisse in seinem Geburtsland, sondern er meinte seine Mutter, die zu der Zeit schwer erkrankt darnieder lag. Die Sorge um sie brachte ihn um den Schlaf. Gut, das stört heutzutage niemand, das Zitat wird aus dem Zusammenhang gerissen und über irgendwelche pseudo-intellektuellen Pamphlete gesetzt. Aktuell zumeist von den Herrschaften aus dem querdenkenden Lager. Ich kannte ja Herrn Heine nicht persönlich, aber ich kann mir vorstellen, dass er darüber recht verärgert wäre, wenn er wüsste, dass sein Zitat über irgendwelchen kruden Telegram-Posts als Überschrift auftaucht.

Ich persönlich finde das Zitat auch nicht so ganz treffend, denn auch wenn ich aktuell nicht ganz so gut schlafe wie sonst, an den Zuständen in Deutschland liegt dies sicher nicht. Das wäre dann doch zuviel der Ehre. Wenn ich an das Deutschland unserer Tage denke, dann fällt mir eher ein anderes Zitat ein. Oder viel mehr der Titel eines Schriftstückes. Nämlich der Titel der am am 14. März 1937 unterzeichneten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von Papst Pius XI. Denn ja, Sorgen mache ich mir große, wenn ich mir die aktuelle Lage anschaue.

Seit zwei Jahren leben wir schon in der Pandemie-Situation und noch immer zeichnet sich kein wirkliches Ende ab. Dafür steigen die Frustrations-Parameter bei allen Beteiligten in ungeahnte Höhen. Woran liegt es nun, dass noch immer nichts vorwärts geht? Einmal natürlich an der föderalen Struktur der Bundesrepublik. Während in zentralistischen Ländern wie Großbritannien, Frankreich oder Italien die Regierung Maßnahmen beschließen kann, die landesweite Geltung haben, mischen hier neben der Bundes- auch noch die Landespolitiker mit. In Bayern verästeln sich die Zuständigkeiten sogar bis auf Landkreis- und Kommunalebene. Das ergibt natürlich nach außen das Bild eines hysterischen Hühnerhaufens, wo jede Henne in eine andere Richtung rennt. Nicht vergessen dürfen wir auch, dass Bund und Länder seit der Wiedervereinigung die notwendige Infrastruktur für den Katastrophenfall entweder komplett geschlossen oder personell wie finanziell stark abgebaut haben. Das rächt sich natürlich in der aktuellen Situation.

Aber auch die Medien haben sich in diesen zwei Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Immer wieder konnte man sehen, wie die Journalist*innen, statt auf fundierte Informationen zu warten, mit halbgaren Halbinformation herausgekommen sind und die Bevölkerung dadurch nur noch mehr verunsicherten. Verkaufszahlen/Quote schlägt im Moment eindeutig die journalistische Sorgfalt. Hauptsache man berichtet als erster, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist, ist egal. Erinnern wir uns nur an das Theater um den AstraZeneca-Impfstoff und genauso ist es jetzt auch wieder bei der Omikron-Variante. Die paar Daten, die vorliegen reichen noch nicht für eine aussagekräftige Analyse aus, aber schon sind die Blätter und TV-Sender voll mit Berichten darüber und letztendlich hat die gesamte Berichterstattung den gleichen Wert wie die alte Bauernregel zum Wetter: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.

Den größten gesellschaftlichen Zündstoff bergen allerdings die impfungsverweigernden Querdenker in sich. Dieser Teil der Bevölkerung war – und als Beleg für diese Aussage muss man sich nur Videos von den ersten Demonstrationen ansehen – schon immer äußerst aggressiv und radikalisiert sich quasi von Tag zu Tag immer mehr. Natürlich bin ich immer für eine fundierte Aufklärung und dafür, Menschen mit Argumenten zu überzeugen, statt sie einfach zu beleidigen oder abzustempeln, aber wir müssen den Fakten ganz klar ins Auge sehen: bei Menschen, die auf ihren Demonstrationen Galgen für Politiker, Bilder von Politikern und Wissenschaftlern in Sträflingskleidung mit sich führen und auf ihren Schildern zu einem „Tribunal Nürnberg 2.0“ aufrufen, war ein sachlicher Dialog von Anfang an nicht möglich, egal wie sehr man sich auch bemühte. Diese Herrschaften machen es sich natürlich auch leicht, sie leugneten so ziemlich alles und hatten immer neue Ausreden, sich nicht mit den wissenschaftlichen Fakten auseinanderzusetzen. Der Drosten? Der wird doch von der Pharma bezahlt! Der Wieler? Der ist doch nur Tierarzt! Die Nguyen-Kim? Auch von der Pharma bezahlt! und so weiter und so fort. Man glaubt nur der handverlesenen Zahl von „Wissenschaftlern“, deren Meinung die eigene bestärkt. Wie Bhakdi. Der kann den größten Schmarrn behaupten und die Querdenker tun so, als wäre es das Evangelium. Charakteristisch für diese Gruppe ist aber auch das larmoyante Selbstmitleid, bzw. die Selbstinszenierung als arme Opfer, die allenthalben geschieht. Dabei gehen diese Herrschaften sogar so weit, die Shoa und die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren.

Besonders in Sachsen ist die breite Radikalisierung der „Querdenker-Masse“ sehr gut zu beobachten. Immer wieder werden Polizeikräfte provoziert, beleidigt und angegriffen. Vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin rottete sich ein Pöbelhaufen zusammen, mit dem Ziel die Politikerin einzuschüchtern. Das sind Methoden, die schon die SA angewandt hatte. Und in Gruppen des russischen Messengers „Telegram“ wurde über die Hinrichtung des sächsischen Ministerpräsidenten diskutiert. Das sind Vorkommnisse, die mich sprachlos zurücklassen und die gesamte Härte des Rechtsstaates nach sich ziehen müssen.

Der politische Arm der Querdenker, die AfD, tut noch ihr Übriges dazu. Seit Anfang der Pandemie tut diese Organisation nur eines: die Maßnahmen der Regierung torpedieren und die Verantwortlichen diskreditieren. Als zu Anfang des ganzen Schlamassels die Regierung nicht schnell genug harte Lockdownmaßnahmen einleitete, schrieen Weidel, Brandner & Co. auf wie getretene Hunde. Kaum wurde der Lockdown eingeleitet, schrieen Weidel, Brandner & Co. vom Freiheitsentzug und ähnlichem Unsinn. Und in einer Chatgruppe der bayerischen AfD wird über einen gewaltsamen Umsturz durch einen Bürgerkrieg fabuliert. Der Erfahrung nach, sind diese charakterlosen Typ*innen, die von Bürgerkrieg und Kampf schwadronieren zwar pure Maulhelden, die den Schwanz einziehen, wenn es ernst würde, auf die leichte Schulter darf man so ein Geschwafel aber doch nicht nehmen.

Aber trotz allem sage ich: nein, die Gesellschaft spaltet sich nicht! Ist es doch die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sich impfen lässt und noch immer hinter den Maßnahmen der Regierung steht. Das Problem ist diese kleine, aber laute Gruppe von Querdenkern, die sich willent- und wissentlich außerhalb unserer Gesellschaft stellt. Und wir müssen uns im Klaren sein: diesen Herrschaften geht es primär nicht um die Corona-Maßnahmen oder die Impfung, diesen Menschen geht es ums prinzipielle Dagegensein und das Ausleben ihres larmoyanten Selbstmitleids gegenüber dem Staat. Ich habe die Tage einen schönen Vergleich gelesen, leider weiß ich nicht mehr wo, darin heißt es, dass die Querdenker erst bewusst das Familienporzellan zerschlagen und die Tür hinter sich zugeschlagen, und sich jetzt darüber beschweren, dass es draußen kalt ist. Auch Sarah Bosetti hat ja einen schönen Vergleich gebracht. Querdenker seien wie Kinder, die den Pudding an die Wand werfen und sich dann beschweren, dass es keinen Nachtisch gibt. Auch sehr treffend. Trotz allem führen sie die Regierung und die Mehrheitsgesellschaft am Nasenring durch die Arena und führen sie vor.

Nun gut, ich frage mich nur, wie man diese Menschen wieder in die normale Gesellschaft integrieren soll. Wie geht man mit einer Gruppe um, die jede ausgestreckte Hand und jedes Angebot mutwillig ausschlagen und von sich aus gar nicht bereit sind, sich zu wieder in die Gesellschaft einzuordnen? Wie geht man mit einer Gruppe um, die sich gegen alle Normen des menschlichen Zusammenlebens in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stellt und für sich stets und ständig eine Extrawurst fordert?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, wenn diese Pandiemie-Situation noch länger so weiter geht, eskalieren die Querdenker endgültig und dann tut es den sprichwörtlichen „großen Knall“


3 Gedanken zu “Quo vadis Deutschland?

  1. „Besonders in Sachsen ist die breite Radikalisierung der „Querdenker-Masse“ sehr gut zu beobachten. Immer wieder werden Polizeikräfte provoziert, beleidigt und angegriffen.“

    Gerne gehören die „Polizeikräfte“ auch derselben Fraktion an und geben sich kaum Mühe, das zu verschleiern. Statt endlich rigoros diesem Mummenschanz Einhalt zu gebieten, werden die Querdenker et al noch protegiert und stattdessen lieber Gegendemonstranten und die Presse drangsaliert.

    Aber wieso wundert mich das nicht, wenn Sachsen Innenminister Wöller als Chef der Polizei den „Feind“ immer noch links verortet und die Mär des Redenmüssens mit diesen „besorgten Bürgern“ weiter gepflegt wird. Und warum sollte sich ausser dem Namen seit den brennenden Flüchtlingsheimen und Bedrohungen von Bürgermeistern, Helfern, Ärzten usw. an diesem Mob etwas geändert haben?

  2. Da ist was dran. Diese Situation gibt es nicht nur in Deutschland, bei uns in Österreich ist es genau so. Überhaupt glaube ich, dass diese Pandemie dauerhaft nur global ausgelöscht werden kann oder gar nicht. Die Notwendigkeit des Teilens mit Allen und eine Bewahrung der Schöpfung ist aus meiner Sicht die Basis für eine ganzheitliche Heilung der Erde und aller die darauf leben.

  3. Ich finde die Berichterstattung der Medien (gelinde gesagt) auch suboptimal.
    Allerdings haben wir das Problem, dass wissenschaftliche Schriften schon eingelesen werden können, bevor sie verifiziert werden – man muss das jedoch als solches auch bewerten können.
    Zudem entwickelt sich das Wissen um das Virus ständig weiter.
    Wie also damit umgehen?
    Einem Anti-Coronamaßnahmen-Mediziner das erste Wort überlassen?
    Erfahrungsgemäß bleibt die erste negative Kunde in den Köpfen der Menschen hängen – und nicht die nachfolgende Korrektur.

    Über diese Mischung aus Nazis, Reichsbürgern und Hardcore-Esoterikern bin ich auch immer wieder erstaunt … haben die alle im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst? Sie beschwören die persönliche Freiheit – aber wieviel Freiheiten gab’s denn im 3. Reich?

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