Es ist ein ungeschriebenes Gesetz unserer Zeit – oder besser: ein ziemlich schlecht mit Kuli auf eine Serviette gekritzeltes – dass man zu allem eine Meinung haben darf. Besonders dann, wenn man keine Ahnung hat. Und niemals tritt diese Regel so zuverlässig in Aktion wie dann, wenn jemand öffentlich – oder auch nur auf Nachfrage – einräumt, dass er oder sie an Depressionen leidet.
Kaum hat man das Wort ausgesprochen, als fände es sich nicht ohnehin schon in jedem zweiten Ratgeberregal zwischen „Achtsamkeit für Anfänger“ und „Detox mit Dinkel“, beginnt das große Besserwissen. Es ist, als hätte man damit eine Leuchtpistole in den Himmel geschossen, auf der steht:
„Bitte reden Sie jetzt mit mir wie mit einem störrischen Teenager oder einem Labrador mit schlechter Laune.“
„Lach doch mal wieder!“, kräht die empathische Glühbirne, die sich selbst für eine Mischung aus Mutter Teresa und Eckart von Hirschhausen hält.
Ach was. Lachen. Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen? Wo doch Lachen bekanntlich die beste Medizin ist – gleich nach Ibuprofen, Pfefferminztee und völliger Ignoranz gegenüber psychiatrischen Diagnosen.
„Du musst dich halt mal wieder aufraffen.“
Ja, genau. Wie früher im Sportunterricht. Da war Depression ja auch schon eine Frage des Willens. Wenn man nur hart genug an sich glaubte, konnte man die Mathelehrerin durch den bloßen Glauben daran, nicht geprüft zu werden, in einen Erdkundelehrer verwandeln. Hat nie funktioniert, aber immerhin gab’s damals noch Bleistifte zum Kauen.
„Geh doch mal raus.“
Natürlich. Weil die frische Luft bekanntlich depressive Gedanken absaugt wie ein Dyson-Staubsauger mit Seelenaufsatz.
Und wenn man draußen ist, trifft man vielleicht direkt den nächsten passionierten Hobbypsychologen mit dem strahlenden Blick eines Bausparberaters nach der ersten erfolgreichen Beratung, der einem ungefragt erklärt, wie wichtig Vitamin D sei. Was er selbst natürlich regelmäßig zu sich nimmt – meistens in Kombination mit selbstgepresstem Selleriesaft und einem völligen Mangel an emotionaler Intelligenz.
Und dann – der Klassiker:
„Mach doch wieder mal Sport!“
Klar. Am besten gleich morgens um sechs. Joggen. Mit Leuten, die dabei aussehen, als seien sie mit einem Endorphin-Abo auf die Welt gekommen. Während man selbst schon beim Gedanken an eine Jogginghose innerlich zusammenbricht, weil sie Erinnerungen an Krankenhausaufenthalte und das letzte Mal weckt, als man versuchte, irgendetwas „mal wieder“ zu machen.
Diese Menschen – nennen wir sie ruhig beim Namen: Trosttrolle, Besserfühler, Seelenpädagogen mit Hauptfach Unwissen – sind davon überzeugt, dass Depression nichts weiter ist als schlechte Laune in Strickjacke. Dass man da einfach mal kurz durch muss. So wie bei Regen oder der Schwiegermutter. Und dass jeder, der „wirklich will“, sich doch da wieder rausholen kann. Mit einem Spaziergang. Ein bisschen Bewegung. Oder ein paar guten Gedanken, die man sich auf ein Post-it schreiben und neben die Kaffeemaschine kleben kann.
Dass Depression eine Krankheit ist – nicht eine Stimmung, nicht eine Marotte, kein Charakterfehler, sondern eine ausgewachsene, neurobiologisch nachweisbare Erkrankung – kommt diesen Beziehungscoachs ohne Zulassung nicht in den Sinn. Weil sie sich selbst noch nie in einem Zustand befanden, in dem der bloße Gedanke, aufzustehen, so absurd war wie ein Duschvorhang aus Sandpapier.
Sie meinen es gut, sagen sie.
Und das ist das Gefährlichste.
Denn Gutgemeintes ist der kleine Bruder von Übergriffigkeit. Und Verharmlosung im Glitzergewand.
Was man dann tun kann? Vielleicht das, was Rowohlt selbst getan hätte: Ein Glas guten Whiskys eingießen, den nächsten Blödmeier höflich mit einem Zitat von Mark Twain verabschieden („Man sollte lieber den Mund halten und für einen Idioten gehalten werden, als ihn aufmachen und alle Zweifel beseitigen“) – und sich daran erinnern, dass Trost nicht laut ist. Und Hilfe nicht besserwisserisch.
Und lachen? Ja. Vielleicht irgendwann.
Aber garantiert nicht, weil jemand „Lach doch mal wieder“ sagt.