Ein altes Gespenst geht um – nicht nur in Europa, sondern in der ganzen zivilisierten Welt. Es ist nicht der Kommunismus und nicht der Kapitalismus, sondern eine moralische Chimäre, die sich unter dem Deckmantel der Tugend verbirgt: die Kontaktschuld. Sie ist das rhetorische Mittel des Faulen, die Waffe des Ignoranten und das Vergnügen des Denunzianten.
Die Magie der Ansteckung
Der Gedanke der Kontaktschuld beruht auf einer archaischen Idee: der der rituellen Unreinheit. Wer mit einem Sünder isst, ist selbst ein Sünder. Wer mit einem Ausgestoßenen spricht, hat sich selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Diese Logik entbehrt jeder Rationalität und ist dennoch höchst wirksam. Sie hat in der Vergangenheit Hexenprozesse befeuert, politische Säuberungen legitimiert und totalitäre Systeme stabilisiert.
Heute erscheint sie in der Gestalt einer digitalen Inquisition. Wer mit dem Falschen spricht, wer sich nicht augenblicklich und mit gebotener Vehemenz distanziert, wird selbst zum Geächteten. Der Diskurs gerät so zur prophylaktischen Selbstverbrennung: Es genügt nicht mehr, die richtige Meinung zu haben – man muss auch jeden Verdacht vermeiden, sie mit dem Falschen zu teilen.
Legitime Kritik oder inquisitorische Eifererei?
Dabei ist nicht jede Form der Kritik an problematischen Verbindungen gleichbedeutend mit ungerechtfertigter Kontaktschuld. Wenn jemand aktiv mit nachweislich rassistischen, antisemitischen oder verschwörungsideologischen Gruppen kooperiert, kann eine kritische Einordnung gerechtfertigt sein. Doch was sich zunehmend zeigt, ist ein Missbrauch dieses Prinzips: Statt Fakten zu prüfen, reicht oft allein die Assoziation, um jemanden in Misskredit zu bringen.
Diese Dynamik lässt sich auch an realen Beispielen beobachten. Wissenschaftler, die in einer sachlichen Debatte mit Andersdenkenden auftreten, geraten unter Verdacht, deren Ideologie zu teilen. Journalisten, die mit missliebigen Quellen sprechen, werden diskreditiert. Selbst politische Entscheidungsträger werden für Kontakte belangt, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen und in völlig anderen Kontexten stattfanden. Mitglieder fremder peer groups werden für tatsächliche oder vermeintliche Ansichten anderer Mitglieder der Gruppe in Haftung genommen, die sie vielleicht nicht einmal kennen.
Das Tribunal der Hypermoral
Die Mechanismen der Kontaktschuld operieren in einer eigenartigen Sphäre der Absolution durch Verdammung. Indem man den Anderen opfert, erklärt man sich selbst für rein. Hierin liegt eine unheimliche Nähe zu inquisitorischen Prozessen vergangener Zeiten: Wer einen Ketzer nicht laut genug verurteilt, gerät selbst in Verdacht.
Es gibt keine Unschuldsvermutung, keine Möglichkeit der Rehabilitation. Die bloße Nähe zu einem Verdächtigen genügt, um das eigene Urteil zu besiegeln. Die digitale Ächtung ersetzt den physischen Pranger: Der öffentliche Ruf ist ruiniert, die beruflichen Chancen verdorrt, die soziale Existenz auf eine einsame Insel der Vergessenen verbannt.
Ein Spiel ohne Gewinner
Doch wem nützt diese Logik? Nicht der Wahrheit, denn die Wahrheit erfordert Nuancen. Nicht der Gerechtigkeit, denn Gerechtigkeit verlangt eine faire Anhörung. Nicht der Demokratie, denn Demokratie lebt vom offenen Diskurs, nicht vom moralischen Exorzismus. Die Kontaktschuld ist eine Waffe, die irgendwann gegen jeden gerichtet wird, auch gegen ihre eifrigsten Anwender. Niemand ist sicher, denn jeder kann eines Tages der falschen Person zu nahe gekommen sein.
Der Mut zur Unabhängigkeit
Es bleibt nur eine Möglichkeit: Widerstand durch intellektuelle Redlichkeit. Wer sich der Kontaktschuld verweigert, wer es wagt, Gedanken von Personen zu trennen, wer argumentiert statt exkommuniziert, stellt sich gegen die Regression.
Denn die Zivilisation begann nicht mit der Angst vor Schuld, sondern mit der Fähigkeit zur Differenzierung. Und wenn wir nicht wollen, dass die Geschichte als Farce der Inquisition endet, sollten wir beginnen, uns wieder als denkende Wesen zu begreifen – und nicht als hüpfende Schatten auf der Wand eines moralischen Tribunals.
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Zur Klarstellung!
Bevor irgendwer auf falsche Ideen kommt: Ich meine mit diesem Text nicht Friedrich Merz und die gestrige Abstimmung im Bundestag. Ich meine die alltäglichen Hetzjagden und sonstige kleinen Schweinereien, mit denen die selbsternannten „Guten“ die Social-Media-Plattformen (egal ob X, Bluesky und wie sie alle heißen) zu einem toxischen Habitat machen. Wer etwas anderes hineininterpretiert, kann das natürlich zum persönlichen Vergnügen tun, hat aber mehr als Unrecht.
Ein Gedanke zu “Kontaktschuld – Die perfide Logik der inquisitorischen Gesellschaft”