Ein feierlich-historischer Bericht über die Riten, Zeremonien und Akte der päpstlichen Nachfolge im Vatikan
Prolog: In der Stille der Ewigkeit
Wenn im Apostolischen Palast ein Fenster sich schließt, nicht durch Windstoß, sondern durch die Hand der Vorsehung, und wenn die Glocken Roms nicht zum Gebet, sondern zur Trauer rufen, dann beginnt in der Ewigen Stadt ein Ereignis von weltkirchlicher Bedeutung – die Sedisvakanz. Der Thron Petri ist leer, die Stimme des Hirten verstummt, doch die Ordnung der Kirche lebt fort im Ritual, in der ununterbrochenen Linie der Nachfolge. In diesen Tagen, wo liturgische Strenge auf metaphysische Tiefe trifft, versammelt sich das Erbe zweier Jahrtausende in Form, Geste und Gebet.
I. Tod und Sedisvakanz: Der Beginn der großen Stille
Die offizielle Feststellung des Todes obliegt dem Camerlengo, derzeit Kevin Kardinal Farrell. Zwar wurde früher der Tod durch dreimaliges Klopfen mit einem silbernen Hämmerchen auf die Stirn des Verstorbenen und dem Ruf seines Taufnamens festgestellt, doch diese Praxis wurde abgeschafft. Stattdessen wird nun eine amtliche Sterbeurkunde ausgestellt, ohne dass eine Autopsie erforderlich ist.
Nach der Feststellung des Todes nimmt der Camerlengo dem verstorbenen Papst den Fischerring ab, das Symbol der päpstlichen Autorität. Dieser Ring wird später in einer Zeremonie zerbrochen, um das Ende des Pontifikats zu symbolisieren.
Die Privatgemächer des Papstes werden versiegelt, und sein persönlicher Nachlass wird, falls ein Testament vorliegt, von einem Testamentsvollstrecker verwaltet.
II. Die Trauertage: „Novemdiales“ und das letzte Geleit
Mit dem Hinscheiden des Stellvertreters Christi auf Erden beginnt im Vatikan eine Zeit ehrfürchtiger Trauer – ein würdevoller Reigen aus Ritualen, Andacht und jahrhundertealter Zeremonialkunst, eingefasst in das neuntägige Totenoffizium der „Novemdiales“. Diese liturgischen Trauertage folgen einer genauen Dramaturgie, die in ihrer Symbolik sowohl die Vergänglichkeit des Menschenlebens als auch die ewige Gültigkeit der göttlichen Ordnung widerspiegelt.
Aufbahrung und letzte Ehrerweisungen
Der Leichnam des Papstes wird in der vollen liturgischen Pracht: mit rotem Pileolus, der Mozzetta und den päpstlichen Schuhen aufgebahrt.– gewöhnlich in der Kapelle des Allerheiligsten. In einer Atmosphäre sakraler Stille defilieren Gläubige, Würdenträger und Pilger an der catafalque vorbei und neigen in Demut ihr Haupt. Die Schweizer Garde, regungslos und in voller Rüstung, versieht die Ehrenwache am Totenbett – ein Bild, das tiefe Eindrücke in die kollektive Erinnerung der Christenheit eingräbt.
Die römische Liturgie kennt für den Papst ein feierliches Requiem – die Exequien – das sogenannte Pontifikalrequiem, das vom Camerlengo oder dem Dekan des Kardinalskollegiums zelebriert wird. Es ist von einer liturgischen Erhabenheit, die an byzantinische Hoheit erinnert. Die Lektüren und das Evangelium werden auf Latein verkündet, der gregorianische Choral erfüllt den weiten Kirchenraum, Weihrauch steigt empor wie das Gebet der Gläubigen. Jedes Gebet, jeder Gesang ist codifzierte Pietät.
Die Beisetzung
Am vierten bis sechsten Tag erfolgt die Beisetzung. Der Leichnam wird in drei aufeinanderliegenden Särgen zur letzten Ruhe gebettet:
- Ein schlichter Sarg aus Zypressenholz, in dem die sterblichen Überreste ruhen, enthält auch eine Medaille und eine Beschreibung des Pontifikats.
- Dieser wird in einen Zinksarg eingelassen, der verlötet und versiegelt wird.
- Zuletzt wird das Ganze in einen Eichensarg eingefasst, mit den päpstlichen Insignien geschmückt und der Grabesruhe übergeben.
Die Grabstätte befindet sich in der Krypta des Petersdoms, der sogenannten Grotte Vaticane, unweit des apostolischen Grabes des heiligen Petrus. Dort ruhen die Päpste, vereint in Tod und Amtswürde, an dem Ort, an dem sich Himmel und Erde aus der Sicht der Kirche am nächsten sind. Die Marmorplatte schließt sich über dem Grab des Pontifex, doch der Himmel hält Wache.
III. Konklave: Die Stunde des Geistes
Sobald der Heilige Stuhl vakant ist, beginnt eine Phase, die in den Annalen der Kirchengeschichte stets von welthistorischer Bedeutung war: das Konklave, jene geheimnisvolle, rituell tief durchdrungene Wahlversammlung, in deren Zentrum die Frage steht: Wer wird der nächste Pontifex Maximus?
Die Vorbereitung
Das Kardinalskollegium, bestehend aus jenen Purpurträgern, die unter 80 Jahre alt sind, versammelt sich zur sogenannten Generalversammlung, den Generalkongregationen. Diese beginnen spätestens am dritten Tag nach dem Tod des Papstes und dienen der organisatorischen Vorbereitung: der Wahlort, die Abstimmung über Modalitäten, das Gelöbnis der Verschwiegenheit, aber auch die berühmten „Generalkongregationen“, in denen – hinter verschlossenen Türen – über den Zustand der Kirche, über Hoffnung und Not, über Fehlentwicklungen und Leitlinien gesprochen wird.
Ort und Abschirmung
Der eigentliche Wahlvorgang findet in der Sixtinischen Kapelle statt, dem wohl erhabensten Raum christlicher Kunst. Unter den Fresken Michelangelos und in einem sakral hermetisch abgeriegelten Bereich sind die Kardinäle von der Außenwelt abgeschieden – das Wort Konklave leitet sich aus dem lateinischen cum clave („mit Schlüssel“) ab. Sie wohnen im Gästehaus Domus Sanctae Marthae und dürfen keinerlei Kontakt zur Außenwelt haben.
Der Ablauf der Wahlgänge
Zweimal täglich, vormittags und nachmittags, werden Wahlgänge durchgeführt. Jeder Kardinal schreibt auf einen vorbereiteten Zettel in gut lesbarer Handschrift den Namen des von ihm gewählten Kandidaten. Dieser Zettel wird dann gefaltet, zur Wahlurne getragen und mit der Formel:
„Testor Christum Dominum, qui me iudicaturus est, me eligere illum, quem secundum Deum iudico eligi debere.“
abgelegt – „Ich rufe Christus, den Herrn, der mich richten wird, zum Zeugen an, dass ich jenen gewählt habe, von dem ich nach Gottes Willen glaube, dass er gewählt werden soll.“
Die Wahlzettel werden durch drei dafür bestimmte Kardinäle ausgezählt und anschließend auf einem eigens dafür vorbereiteten Ofen verbrannt. Dem Rauch, der durch einen eigens angebrachten Kamin aus der Sixtinischen Kapelle aufsteigt, kommt dabei eine symbolische Schlüsselrolle zu: Schwarzer Rauch (fumata nera) bedeutet: nicht gewählt – weißer Rauch (fumata bianca): ein Papst ist gefunden. Die Glocken läuten.
Die Entscheidung
Sobald ein Kardinal mit einer Zweidrittelmehrheit gewählt ist, wird er gefragt:
„Acceptasne electionem de te canonice factam in Summum Pontificem?“ – „Nimmst du die kanonisch gültige Wahl zum Papst an?“
Im Fall der Annahme folgt die zweite Frage:
„Quo nomine vis vocari?“ – „Welchen Namen willst du tragen?“
IV. Habemus Papam – Der Ruf, der die Welt umspannt
Die Annahme der Wahl ist ein Akt tiefster Demut und größter Verantwortung. Sodann wird er zur sogenannten Stanza delle lacrime geführt – das „Zimmer der Tränen“ – wo viele seiner Vorgänger unter der Last ihrer neuen Würde Tränen vergossen. Dort wird ihm das päpstliche Gewand angelegt, gefertigt in verschiedenen Größen – auf dass der Heilige Geist entscheide, welches passt.
Nach etwa 45 Minuten öffnet sich die kleine Tür zur Loggia der Benediktionshalle am Petersdom. Der Kardinalprotodiakon tritt hervor, in Ornat und mit festlicher Miene, und verkündet in lateinischer Sprache:
„Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus Papam! Eminentissimum ac reverendissimum Dominum, Dominum [Vorname], Sanctæ Romanæ Ecclesiæ Cardinalem [Nachname], qui sibi nomen imposuit [Papstname]!“
Die Welt hält den Atem an – der neue Papst tritt hervor, erhebt die Hände und spricht den ersten apostolischen Segen: „Urbi et Orbi“ – der Stadt und dem Erdkreis.
V. Insignien und Symbole: Die sichtbare Würde
Mit dem Habemus Papam beginnt eine neue Epoche, und die Symbole dieser Epoche sind nicht bloße Ornamente – sie sind theologisch codierte Zeichen der Würde und des Amtes.
- Die weiße Soutane: Zeichen des Friedens, Reinheit und universalen Hirtenamtes.
- Der Fischerring (Anulus Piscatoris): Symbol der apostolischen Sukzession; er wird eigens gefertigt und dem neuen Papst übergeben.
- Das Pallium: aus Lammwolle gefertigter Kragen mit fünf Kreuzen – Zeichen der Hirtensorge, in Kontinuität mit dem Erzbischofsamt.
- Die Tiara, wenngleich seit Johannes Paul I. nicht mehr getragen, bleibt ein Symbol des dreifachen Amtes Christi: als Priester, König und Lehrer.
VI. Inthronisation und feierliche Amtseinführung
Die feierliche Inthronisation erfolgt meist am darauffolgenden Sonntag. Der Petersplatz ist erfüllt von Hunderttausenden Gläubigen, von Staatschefs, Pilgern und Klerikern. In einem Pontifikalamt überreicht der Dekan des Kardinalskollegiums dem neuen Papst das Pallium und den Fischerring. Der neue Bischof von Rom nimmt auf der Kathedra Petri Platz – dem Lehrstuhl des heiligen Petrus.
Diese Zeremonie ist keine Krönung – denn der Papst ist kein König unter Königen, sondern servus servorum Dei – der Diener der Diener Gottes. In dieser Haltung liegt seine wahre Größe.
Epilog: Die Kirche lebt weiter
Und so, wenn die Glocken wieder verklingen, der weiße Rauch verweht ist und die Welt sich an ein neues Gesicht auf dem Balkon gewöhnt hat, dann ist es nicht der Prunk, der bleibt. Es ist die ununterbrochene Linie, die Kontinuität des Heiligen – ein Band, das sich über Jahrtausende zieht. Der Papst ist tot – vivat Papa novus. Die Kirche steht, weil sie nicht auf einem Menschen ruht, sondern auf dem Fels Petri. Und weil jeder neue Papst, so einzigartig er sei, Teil eines Mysteriums ist, das größer ist als jeder einzelne Name.
Nachtrag
Papst Franziskus hat zu Lebzeiten umfassende Änderungen für sein eigenes Begräbnis verfügt, die bewusst mit traditionellen vatikanischen Zeremonien brechen. Diese Neuerungen wurden im aktualisierten „Ordo Exsequiarum Romani Pontificis“ festgehalten, den er im April 2024 genehmigte.
Hier sind die wichtigsten Änderungen im Überblick:
- Vereinfachung des Sargsystems
Anstelle der traditionellen drei ineinandergelegten Särge aus Zypresse, Blei und Eiche wird künftig nur noch ein schlichter Holzsarg mit einem inneren Zinksarg verwendet. - Ort der Todesfeststellung
Die offizielle Feststellung des Todes erfolgt nicht mehr im Schlafzimmer des Papstes, sondern in seiner Privatkapelle. - Aufbahrung und Abschiednahme
Der Leichnam wird direkt im Sarg aufgebahrt, ohne Verwendung eines Katafalks. Gläubige können am offenen Sarg Abschied nehmen. - Verzicht auf bestimmte Stationen
Die Überführung des Leichnams in den Apostolischen Palast entfällt. Stattdessen erfolgt die Aufbahrung direkt im Petersdom. - Reduzierung liturgischer Titel
In der Liturgie wird der Papst nur noch mit den Titeln „Papa“, „Episcopus“ und „Pastor“ genannt. Titel wie „Vicarius Christi“ oder „Servus servorum Dei“ entfallen. - Anpassung liturgischer Texte
Die verwendeten liturgischen Texte wurden aktualisiert und an die aktuelle theologische und kirchliche Sensibilität angepasst. - Beisetzungsort außerhalb des Vatikans
Franziskus wünschte sich, nicht in den vatikanischen Grotten, sondern in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom beigesetzt zu werden.
Diese Änderungen spiegeln Franziskus’ Wunsch nach Bescheidenheit und einer stärkeren Betonung der spirituellen Rolle des Papstes wider, im Gegensatz zu weltlichem Pomp. Erzbischof Ravelli dazu: „Der erneuerte Ritus unterstreicht, dass die Beerdigung des Papstes die eines Hirten und Jüngers Christi ist und nicht die eines mächtigen Mannes dieser Welt“.