„Salz der Vernunft“ – Eine Geschichte der Royal Society

In den ehrwürdigen Salons des alten Europas, wo der Duft von Pergament und Paraffin einst das Denken der Welt durchdrang, wo Gelehrte sich in der Sprache der Antike begegneten und die Gedanken in feinsinnigen arabesken Logiken durch die Salons und Bibliotheken der höfischen Aufklärung zogen, ward im Jahre 1660 zu London eine Gesellschaft gegründet, der die Welt mehr verdanken sollte als manch Monarch auf seinem Thron.

Die Royal Society – oder in ihrer vollen Würde: The Royal Society of London for Improving Natural Knowledge – entstammt jener Epoche, in der die Naturwissenschaften begannen, sich von den dogmatischen Fesseln der Scholastik zu befreien und stattdessen dem Beobachtbaren, dem Experimentellen und, ja, dem Menschlichen zugewandt wurden. Ihre Gründung war kein bloßer Akt institutioneller Schöpfung, sondern vielmehr ein Fanal: ein Zeichen dafür, dass Europa nach Jahrhunderten theologischer Erstarrung wieder bereit war, dem freien Denken, der Empirie und dem Zweifel eine Heimstatt zu geben.

Die Geburt einer Idee – Gründung und Gründer

Am 28. November des Jahres 1660, einem kühlen Mittwoch, versammelten sich in Gresham College eine Reihe distinguierten Herren, deren Namen heute noch durch die Hallen wissenschaftlicher Geschichte hallen. Unter ihnen befanden sich der Naturphilosoph Robert Boyle, der spätere „Vater der modernen Chemie“, der Mathematiker und Astronom Christopher Wren, ein Architekt mit himmlischem Maß, und Robert Hooke, dessen Mikroskop die Welt in ihren kleinsten Details enthüllte.

In einer Zeit, da der englische Thron wieder besetzt war – Charles II. hatte die Rückkehr der Monarchie eingeleitet – schien auch der Geist sich nach einer neuen Ordnung zu sehnen. Doch diese Ordnung war nicht die der Herrschaft, sondern des Wissens. Und so beschlossen die Herren, „eine Collegium zur Förderung experimenteller Philosophie“ zu begründen – der Keim der Royal Society.

Der Name „Royal Society“ wurde ihr allerdings erst im Jahr 1663 offiziell verliehen, als der König selbst – mit einem Scharfsinn, den man selten in gekrönten Häuptern findet – sich als Schirmherr dieser Unternehmung erklärte. Fortan trug sie ihren Titel mit Recht und Stolz.

Die Intention: Naturerkenntnis als noble Tugend

Die Gründungsintention dieser Gesellschaft war nicht weniger als revolutionär. In einer Zeit, da Alchemie noch das Vokabular der Naturerkenntnis diktierte, wollten die Herren des neuen Zeitalters einen Paradigmenwechsel herbeiführen. Sie glaubten – wie es in der Gründungscharte heißt – an die „Verbesserung des natürlichen Wissens“ durch „Erfahrung, Beobachtung und Experimente“.

Hier liegt die tiefe, fast spirituelle Würde dieser Institution: Sie wollte die Natur nicht bezwingen, sondern verstehen. Nicht mit metaphysischen Spekulationen, sondern mit der Sanftheit der Beobachtung, der Demut des Messens und dem Ethos der Wiederholbarkeit.

Es war, um es mit Goethe zu sagen, „Erkenntnis durch Anschauung“. Doch diese Anschauung war nun mathematisiert, messbar gemacht, verallgemeinerbar – eine Revolution der stilleren Art.

I. Die Gründerzeit (1660–1703): Zwischen Experiment und Episteme

Die Anfänge der Royal Society sind untrennbar mit einem Mann verbunden, dessen Einfluss auf das wissenschaftliche Denken kaum überschätzt werden kann: Francis Bacon. Zwar war er selbst kein Mitglied – er starb 34 Jahre vor der Gründung –, doch seine Werke, insbesondere Novum Organum, wurden von den Gründungsmitgliedern wie eine Art Evangelium gelesen. Die Bacon’sche Methode – empirische Untersuchung und induktives Denken – bildete den ideellen Grundstein.

Unter den Gründern stach besonders Robert Boyle hervor, ein irischer Naturforscher und Theologe, dessen Experimente zur Gasgesetzgebung und zur chemischen Analyse revolutionär waren. Boyle verband in seiner Person Wissenschaft und Frömmigkeit in einer Weise, die typisch war für die frühe Royal Society: Die Entschlüsselung der Natur war für viele ein Akt der Gotteserkenntnis.

Christopher Wren, heute vor allem für seine barocken Kirchenbauten bekannt, war in seiner Jugend ein ebenso brillanter Astronom und Mathematiker. Seine Mitwirkung an der Society zeugt von einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Architektur, Astronomie und Philosophie fließend waren.

Diese Periode war noch nicht von Spezialisierung geprägt, sondern vom Ideal des homo universalis, des gelehrten Menschen, der sich in allen Wissenschaften zu Hause fühlte. Ihre Versammlungen waren gelehrte Konversationen, durchzogen von Experimenten, Demonstrationen und philosophischer Reflexion.

II. Newtons Ära (1703–1727): Die Mathematisierung der Welt

Mit der Präsidentschaft von Sir Isaac Newton trat die Royal Society in eine neue Phase: Strenge trat an die Stelle geselliger Gelehrsamkeit. Newton, bereits zu Lebzeiten eine Legende, verwandelte die Society in eine Institution mit beinahe priesterlicher Ernsthaftigkeit.

Sein Werk, die Principia Mathematica, war das Gravitationszentrum des neuen Denkens. Nicht mehr vage Kräfte oder göttliche Einflüsse bestimmten die Bewegungen der Himmelskörper, sondern mathematisch präzise formulierte Naturgesetze. Der Kosmos wurde zur Maschine – berechenbar, deterministisch, rational.

Doch Newtons Ära war auch von Konflikten geprägt. Sein erbitterter Streit mit Robert Hooke, dem er das Konzept der Gravitationskraft abgesprochen hatte, führte zu persönlichen wie institutionellen Verwerfungen. Hooke, ein geniales Enfant terrible, war nicht nur als Mikroskopiker, sondern auch als Bauingenieur und Physiker von eminenter Bedeutung. Doch sein Einfluss wurde durch Newtons Machtstellung marginalisiert.

Diese Epoche zeigt die Royal Society als Spiegelbild der Ambivalenz der Aufklärung: Sie war zugleich Arena für wissenschaftlichen Fortschritt und Schauplatz für menschliche Eitelkeit.

III. Das Zeitalter der Aufklärung (1727–1800): Kosmopolitismus und Katalogisierung

Im 18. Jahrhundert erweiterte sich der Horizont der Royal Society. Mit der aufkommenden Naturgeschichte, der Entdeckung ferner Kontinente und der Systematisierung von Wissen rückten neue Fragen in den Mittelpunkt: Wie klassifiziert man Pflanzen? Welche Kräfte bestimmen das Magnetfeld der Erde? Wie navigiert man auf hoher See?

Zentrale Gestalten dieser Epoche waren:

  • Joseph Banks, der als Naturforscher James Cook auf dessen erster Weltumsegelung begleitete. Später, als Präsident der Society (1778–1820), machte er sie zu einem Zentrum globaler Naturerforschung – eine Art „wissenschaftliches Kolonialministerium“.
  • Benjamin Franklin, Ehrenmitglied und internationaler Brückenbauer. Seine Experimente zur Elektrizität, namentlich mit dem Blitzableiter, zeigten, dass auch praktische Wissenschaft die höchsten Weihen erhalten konnte.

Diese Zeit war geprägt von einem Ideal des aufgeklärten Weltbürgers: Der Gelehrte war nicht länger ein Einsiedler im Elfenbeinturm, sondern ein reisender Beobachter, ein Kartograf der Realität, ein Sammler der Vielfalt der Welt.

IV. Das Viktorianische Zeitalter (1800–1900): Triumph der Technik und der Disziplin

Mit der industriellen Revolution wandelte sich auch das Selbstverständnis der Royal Society. Die Ära der Spezialisierung begann. Disziplinen wie Chemie, Physik, Biologie, Geologie wurden professionalisiert, Universitäten und Forschungslabore institutionalisierten den Fortschritt.

Hier traten Männer wie:

  • Michael Faraday hervor, ein Autodidakt, der durch seine Experimente zur Elektrizität und zum Elektromagnetismus die Fundamente der modernen Physik legte.
  • James Clerk Maxwell, der mit seinen Gleichungen die klassische Elektrodynamik schuf und damit den Weg für die Relativitätstheorie bereitete.
  • Charles Darwin, dessen Evolutionstheorie – obwohl umstritten – durch die Mitgliedschaft in der Royal Society eine gewisse wissenschaftliche Weihe erhielt.

Die Society wurde zur Schaltzentrale einer Welt, die sich zunehmend als technisch beherrschbar verstand – mit aller Hybris und aller Hoffnung, die das mit sich brachte.

V. Das 20. Jahrhundert: Zwischen Atom und Ethik

Die Moderne brachte nicht nur neue Entdeckungen, sondern auch neue Verantwortlichkeiten. Mit der Entdeckung der Kernenergie, der Gentechnologie und der Informationstheorie wurde die Royal Society zur moralischen Instanz.

Große Namen dieser Epoche:

  • Ernest Rutherford, Vater der Kernphysik, Nobelpreisträger und Präsident der Society in den 1920er-Jahren.
  • Dorothy Crowfoot Hodgkin, erste weibliche Fellow und Nobelpreisträgerin für ihre Arbeiten zur Röntgenstrukturanalyse.
  • Stephen Hawking, dessen Mitgliedschaft zwar symbolisch war, aber den Brückenschlag zwischen Populärwissenschaft und Hochtheorie verkörperte.

Die Royal Society trat zunehmend in Dialog mit Politik und Öffentlichkeit. Sie wurde zum Wächter über die Verantwortung des Wissens – ein ethisches Gewissen inmitten einer Welt der Möglichkeiten.

VI. Gegenwart und Zukunft: Der Ort des Wissens im Zeitalter der Krise

Heute steht die Royal Society vor einer neuen Aufgabe: Die Verteidigung der Vernunft in einer Welt der „alternativen Fakten“, der digitalen Desinformation und der rasenden Komplexität. Sie bezieht Stellung zu Themen wie:

  • Klimawandel
  • Gentechnik
  • Künstliche Intelligenz
  • Wissenschaftliche Bildung in der Demokratie

Präsidenten wie Paul Nurse (Nobelpreis für Zellzyklus-Regulation) oder aktuell Sir Adrian Smith vertreten nicht nur eine Disziplin, sondern eine Haltung: dass wissenschaftliches Denken der Demokratie dient, nicht ihrer Aushöhlung.

Ein Epilog

In einer Welt, die zunehmend von digitalen Echoräumen, Verschwörungserzählungen und dem Niedergang des rationalen Diskurses heimgesucht wird, ist die Royal Society heute mehr denn je eine moralische Instanz. Sie gibt Empfehlungen zur Klimapolitik, zur Gentechnologie, zur künstlichen Intelligenz – stets im Geiste dessen, was sie seit 1660 auszeichnet: der nüchternen, unbestechlichen Suche nach Wahrheit.

Was ist also das Vermächtnis der Royal Society? Es ist nicht bloß eine Liste von Nobelpreisträgern, keine Sammlung von Gelehrtenporträts in goldgerahmten Ölbildnissen. Es ist die Idee, dass die Welt erklärbar ist. Dass das Licht der Vernunft durch die Ritzen der Welt dringt, so klein sie auch seien. Und dass es – jenseits aller Machtpolitik – einen Ort gibt, an dem Wahrheit noch zählt.

In einer Zeit, in der mancherorts der Wert des Wissens geringgeschätzt wird, bleibt die Royal Society das, was sie seit jeher war: das stille, aber standhafte Salz der Vernunft.

2 Gedanken zu “„Salz der Vernunft“ – Eine Geschichte der Royal Society

  1. Hallo Michael,

    sehr schön recherchierter Artikel. Ich möchte nur auf einen kleinen, aber bedeutsamen (weil sinnverdrehenden) Fehler hinweisen:

    Am Ende des ersten Absatzes formulierst Du: „…, die der Welt mehr verdanken sollte …“, dabei muss es heißen: „… der die Welt mehr verdanken sollte…“

    Ansonsten: wieder einiges gelernt

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..