Man stelle sich einen Raum vor, in dem die Gedanken nicht frei sind, sondern sich an der Leine der Ideologie führen lassen müssen. Kein Fenster offen, kein Flüstern ungehört. Die Luft darin: dicht von Verdacht. Hier, im stalinistischen Sowjetreich, wurde ein Prinzip zur Maxime erhoben, das eine Bewegung vor ihren eigenen Gliedern schützen sollte: revolutionäre Wachsamkeit. Was auf den ersten Blick nach entschlossener Selbstbehauptung einer jungen Ideologie klingt, war in Wahrheit die Einladung zu einem beständigen Verhör – an den Anderen, aber vor allem an sich selbst.
Revolutionäre Wachsamkeit bedeutete, dass man die Augen nicht senken durfte. Nicht vor dem Genossen, nicht vor dem Freund, nicht vor dem eigenen Spiegelbild. Stalin selbst formulierte es 1936 sinngemäß: „Man darf die Partei nicht einschläfern, sondern muss sie im Zustand der Kampfbereitschaft halten.“ Eine Wachsamkeit, die nie zur Ruhe kam, eine Bereitschaft, die nie in den Frieden mündete. Im Gegenteil: der Frieden war selbst verdächtig, denn wer nicht klagte, schwieg vielleicht schon zu lange. Und wer schwieg, hatte etwas zu verbergen.
Der Apparat, der dieses Misstrauen systematisch kultivierte, war präzise gebaut. Mit Befehlen wie dem NKWD-Dekret Nr. 00486 wurde ein Prinzip etabliert, das die juristische Moderne bis ins Mark erschüttert: die Kontaktschuld. Es reichte, jemanden zu kennen, der unter Verdacht stand. Ein Gespräch, ein Handschlag, ein gemeinsamer Tee – plötzlich trug das alles das Aroma der Subversion. Wer sich nicht abwandte, machte sich schuldig. Und so entstand eine Kultur der Präventivverleugnung, der moralischen Vorausexekution: „Ich kenne ihn kaum… wir sprachen nur kurz.“
Doch der Schrecken war nicht nur ein äußerer. Es war die ständige Selbstvergewisserung, die lähmte. Man lernte, in sich selbst nach dem Konterrevolutionär zu suchen, wie ein Arzt, der im eigenen Körper den Tumor ertastet. Jeder war verdächtig, auch sich selbst. In den Parteiversammlungen, in der Literaturkritik, selbst im Blick eines Kollegen auf dem Flur – stets lauerte die Möglichkeit des Abweichens. Die Dialektik wurde zur Falltür: wer zu viel dachte, war ein Intellektueller. Wer zu wenig sagte, ein Opportunist. Wer beides war, verschwand.
Es ist kein Zufall, dass diese Ära mit Begriffen wie „Säuberung“ arbeitete. Die Sprache des Stalinismus ist die Sprache des Waschzwangs. Sie trieft von Reinheitspathos. Der „Volksfeind“, so hieß es in einem ZK-Brief vom Juli 1936, sei ein „Chamäleon“ – er müsse „überall erkannt“ werden. Der Feind wurde nicht mehr bekämpft – er wurde imaginiert, konstruiert, hineinassoziiert. Und während Millionen in Lagern verschwanden oder auf Listen endeten, blieb die Maschinerie moralischer Reinheit nie stehen. Man hatte sie auf sich selbst programmiert.
Und heute?
Es wäre billig, die heutige „Woke“-Bewegung direkt mit dem Stalinismus zu vergleichen. Nichts an ihren Absichten gleicht dem Gulag. Und doch: Stilistische Verwandtschaften, Echoformen, semantische Rhythmen sind nicht zu übersehen. Auch die Woke-Kultur lebt vom Impuls der Reinheit – nur moralisch statt ideologisch. Auch hier existiert ein ausgeprägtes Sensorium für Abweichung, eine Art moralisches Echolot, das ständig scannt, wer aus der Reihe tanzt. Wer ein falsches Wort sagt, einen unbedachten Tweet absetzt, kann sich schnell im Zentrum eines digitalen Tribunals wiederfinden.
Wo Stalin den „Volksfeind“ sah, sprechen heutige Aktivisten von „toxischen Strukturen“. Wo der NKWD mit Akten hantierte, operiert man heute mit Screenshots. Was früher die Parteiversammlung war, ist heute die Kommentarspalte. Der Ton ist anders, das Werkzeug ein anderes – doch das Grundgefühl ist mitunter ähnlich: ein Hang zur totalen Aufmerksamkeit, zur Denunziation als Tugend. Auch hier gilt: Schweigen kann verdächtig sein, Ironie wird misstrauisch beäugt, und Abweichung von der Norm wird nicht selten als Schuld gedeutet, nicht als Chance auf Dialog.
Roger Willemsen hätte dazu wohl gesagt: Die Gesellschaft ringt mit ihrer Sprache wie ein Hypochonder mit seinem Körper – jedes Wort ein mögliches Symptom, jedes Schweigen ein Schatten auf dem Röntgenbild. Es geht um Sensibilität, ja. Aber irgendwann auch um Fixierung. Und man fragt sich: Ist das noch Wachen oder schon Wahn?
Vielleicht braucht es heute wie damals einen Raum der Unaufgeregtheit, eine Oase der Gesprächsoffenheit – ein Ort, an dem Fehler möglich sind, ohne dass sie in Verbannung münden. Revolutionäre Wachsamkeit und woke Aufmerksamkeit – beide entstehen aus dem Wunsch, die Welt besser zu machen. Doch wehe dem, der vergisst, dass man eine Gesellschaft nicht reinigt, indem man sie ständig von sich selbst säubert.
Denn eine Moral, die keine Gnade kennt, ist am Ende nur ein neues Dogma. Und der Dogmatiker, ob mit rotem Stern oder Regenbogenflagge, bleibt immer ein Verwandter des Totalitären.
Nachwort: In der Zwischenzeit
Ich erinnere mich an eine Begegnung in einem Café in Tiflis. Es war ein warmer Abend, der Tee dampfte in kleinen Gläsern, und neben mir saß ein Mann mit einem Gesicht wie aus einer Zeit gefallen. Er hatte die Lager überlebt. Nicht die Idee, wie er sagte – nur den Vollzug. „Weißt du“, murmelte er auf Deutsch mit georgischem Akzent, „das Misstrauen hat nie wieder aufgehört. Es zieht mit einem um, wie eine alte Kiste, die man nie auspackt.“ Er meinte die revolutionäre Wachsamkeit. Ich dachte: Es gibt Traumata, die reisen mit, ohne dass sie einen Ort brauchen. Sie leben weiter in den Automatismen, mit denen wir auf die Welt reagieren.
Ich schreibe das in einer Gegenwart, die selbst an einem Kippmoment steht. Der Ton wird schärfer, das Gewissen empfindlicher, die Worte fragiler. Vielleicht ist das notwendig. Vielleicht auch nicht. Was mich bewegt, ist weniger der politische Furor als die poetische Frage: Wie bleibt man offen in einer Zeit, die sich oft selbst verengt? Wie unterscheidet man zwischen echtem moralischem Fortschritt und jenem Eifer, der eher die Kontrolle liebt als die Gerechtigkeit?
Ich glaube nicht, dass wir zurück in den Stalinismus tappen. Aber ich glaube, dass jedes System – selbst das gutmeinende – die Tendenz hat, sich zu verabsolutieren. Und dass es unsere Aufgabe ist, ihm immer wieder das Menschliche entgegenzusetzen. Nicht das Reine. Sondern das Unfertige. Das Fragende. Das Widersprüchliche.
In einem seiner letzten Interviews sagte Willemsen: „Es gibt ein moralisches Hören – das heißt, man hört, ob jemand die Welt größer machen will oder kleiner.“ Vielleicht ist das der Prüfstein: Macht eine Bewegung die Welt größer, oder macht sie sie kleiner? Leiser? Ängstlicher?
In der Zwischenzeit bleibe ich bei meinem georgischen Bekannten. Auch ich werde die Kiste nicht mehr los. Aber ich habe gelernt, dass man sie nicht öffnen muss, um zu wissen, was darin liegt. Manchmal reicht es, sie nicht weiterzureichen.
Servus Onkel,
die Sache mit der Kontaktschuld ist genauer betrachtet eine Kombination aus zwei altbekannten Manipulationstaktiken: Immunisierung gegen Einwände und Bestätigungsfalle.
Die Anklage „böser Kontakt“ nimmt im Grunde alle a priori aus der Debatte, die eine „falsche“ bzw. „andere“ Meinung vertreten: Immunisierung der eigenen Position.
Übrig bleiben dann als akzeptabel nur noch diejenigen Personen bzw. Meinungen, die der des Anklägers entsprechen: Bestätigungsfalle.
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Bravo!
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Während Ihr faulenzt und Euch amüsiert, habe ich gearbeitet. Nach dem Weißwein war heute Rote dran. 130 l Maische liegen jetzt in zwei Fässern und sollen bald gären. Hat von 8 bis 17 Uhr gedauert, trotz Susi’s Mithilfe, und jetzt bin ich groggy. Sie hat auch Bilder gemacht, aber ich bin zu blöd, die von meinem Handy auf meinen Rechner zu bringen. Vielleicht kann sie mir die als email-Anhang schicken.
Manfred
Der Weiße ist bis auf 15 l Federweißen, den wir jetzt nach und nach trinken, nach Radolfzell gegangen. Dort hat der andere Hobbywinzer eine Kühlanlage gebaut, um eine kühle Gärung zu erzielen. Ist beim Weißen wichtig.
Prof. Dr. Manfred Rösch
Universität Heidelberg
privat: Sonnenhang 1
78343 Gaienhofen
Tel. 07735/939614
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