Nationalsozialismus und die divergente Aufarbeitung in BRD und DDR
Es gibt Erinnerungen, die nicht bloß wie Schatten in der Geschichte verweilen, sondern wie Gespenster, die an den Mauern der Gegenwart kratzen. Der Nationalsozialismus ist ein solcher Ungeist – so umfassend, so entmenschlichend, dass jede nachfolgende Ordnung ihn bannen musste, um sich selbst zu legitimieren. Doch wie unterschiedlich man einen Dämon austreibt, sagt viel über das Selbstbild der Exorzisten. In den zwei Deutschlands, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Trümmerlandschaft hervorkrochen, wurde der Nationalsozialismus nicht nur unterschiedlich aufgearbeitet – er wurde unterschiedlich erinnert, um jeweils eine andere moralische Architektur zu errichten.
Die Stunde Null und die Entnazifizierung: Zwei Theater, ein Bühnenbild
Nach 1945 standen beide Teile Deutschlands unter dem gleichen Himmel der Schuld, aber auf getrennten Bühnen des Schicksals. Die Alliierten hatten das große Reinemachen angekündigt – denazification, das Säubern der Gesellschaft von nationalsozialistischer Ideologie und ihrer Akteure. Doch was in der Theorie wie ein chirurgischer Eingriff erschien, erwies sich in der Praxis als ein Tanz auf dem Minenfeld von Opportunismus, Notwendigkeit und Selbsttäuschung.
Die Nürnberger Prozesse, zwischen 1945 und 1949, waren der erste große Versuch, das Unvorstellbare in juristische Form zu zwingen. Sie setzten ein Zeichen: Dass es kein Verbrechen gibt, das groß genug ist, um ungesühnt zu bleiben. Doch dieser Akt der Gerechtigkeit war zugleich ein Symbol der Begrenzung. Nur eine kleine Elite der NS-Führung wurde dort zur Verantwortung gezogen – die großen Architekten der Vernichtung, wie Göring, Kaltenbrunner, Jodl. Die Gesellschaft selbst blieb weitgehend unberührt. Millionen Mitläufer, Mitwisser, Profiteure – sie verschwanden in der grauen Masse der Entnazifizierten, als ob das Böse nur an seinen Generälen haftete.
In der westlichen Besatzungszone, die später zur BRD wurde, begann die Entnazifizierung als rigoroses Tribunal. Doch bald wich das Pathos der Gerechtigkeit dem Pragmatismus der Rekonstruktion. Der Fall Hans Globke illustriert dieses Dilemma in seiner ganzen Abgründigkeit: Globke, Mitverfasser der Kommentierung zu den Nürnberger Rassengesetzen, wurde unter Kanzler Adenauer Staatssekretär und damit einer der mächtigsten Männer im neuen westdeutschen Staat. Der Mann, der einst den legalistischen Rahmen für die Ausgrenzung und Entrechtung der Juden mitdefinierte, war nun Hüter der neuen Demokratie. Die politische Logik war einfach: Globke war antikommunistisch, loyal und juristisch geschickt – drei Eigenschaften, die im Kalten Krieg mehr wogen als moralische Reinheit.
In der DDR hingegen wurde der Nationalsozialismus bereits im Gründungsmythos durch einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit ersetzt – zumindest im Narrativ. Hier wurde der Faschismus als letzter Ausdruck der kapitalistischen Verrottung gedeutet, und die neue sozialistische Ordnung stilisierte sich zur legitimen Erbin des Widerstands. Die Entnazifizierung verlief mit brutaler Konsequenz: Zehntausende wurden interniert, enteignet, verurteilt – häufig ohne rechtsstaatliche Verfahren, mit zweifelhafter Schuldzuweisung. Doch die DDR begnügte sich nicht mit Säuberung. Sie transzendierte die Geschichte in einen Mythos: Wir, die antifaschistischen Helden, sie, die kapitalistische Brutstätte des Faschismus im Westen.
Doch dieser Mythos begann zu bröckeln, als 1986 in Wien der DDR-freundliche Politiker Kurt Waldheim, ehemaliger UN-Generalsekretär und Kandidat für das österreichische Bundespräsidentenamt, wegen seiner verschwiegenen NS-Vergangenheit in die Schlagzeilen geriet. Waldheim hatte in der Wehrmacht gedient, und seine Einheit war in Kriegsverbrechen auf dem Balkan verwickelt. Die DDR-Presse, die sonst keine Gelegenheit ausließ, NS-Verstrickungen im Westen anzuprangern, verstummte merkwürdig. Waldheim war in der sozialistischen Welt hoch angesehen – und so wog die geopolitische Loyalität schwerer als die historische Wahrheit. Die Waldheim-Affäre entlarvte, wie auch der Osten bereit war, sein antifaschistisches Selbstbild zu opfern, wenn es politisch opportun erschien.
Die Architektur des Gedächtnisses: Erinnerung als Machtinstrument
In beiden deutschen Staaten wurde Erinnerung nicht einfach rekonstruiert – sie wurde konstruiert. In der BRD etablierte sich über Jahrzehnte hinweg ein zögerliches, oft schmerzliches Ringen mit der Schuld. Erst mit der Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre begann eine echte Konfrontation mit der Elterngeneration. Aus dem Schweigen brach langsam ein Diskurs hervor – ein Diskurs der Selbstkritik, der heute weltweit als einzigartig gilt.
In der DDR hingegen wurde die Erinnerung nicht reflektiert, sondern dirigiert. Die Gedenkstätten von Buchenwald bis Sachsenhausen wurden zu Bühnen staatlich gelenkter Geschichtsschreibung. Im Zentrum stand nicht die Singularität der Shoah, sondern der kommunistische Märtyrerkult. Der Holocaust wurde nicht geleugnet, aber dezentralisiert – eingepasst in ein Narrativ, das die kommunistischen Opfer überhöhte und jüdisches Leid marginalisierte. Die Erinnerungsarbeit diente der Legitimation des Staates – nicht der Offenbarung der Wahrheit.
Ein besonders düsteres Kapitel dieser instrumentellen Erinnerungspolitik offenbart sich in der Rolle der Stasi, der Staatssicherheit. Diese Geheimdienstmaschinerie, die sich selbst als „Schild und Schwert der Partei“ verstand, nutzte die Vergangenheit nicht zur Aufarbeitung, sondern zur Disziplinierung. Altnazis wurden nicht selten nicht strafverfolgt, sondern rekrutiert – als Inoffizielle Mitarbeiter. Ihre Schuld wurde in Akten abgeheftet, aber nicht verurteilt – stattdessen als Druckmittel genutzt. In einer kafkaesken Umkehrung wurde Schuld zur Währung im Machtspiel des Staates. Täter wurden zu Werkzeugen, Verstrickungen zu Druckmitteln, das Erinnern zu einer Form der Kontrolle.
Der Stachel im Fleisch: Vom Mythos zur Wahrheit
So begegnen sich die zwei deutschen Staaten wie zwei Spiegelbilder – verzerrt, asymmetrisch, aber auf paradoxe Weise komplementär. Die BRD schwieg lange und wagte schließlich den Schritt in die Selbstreflexion. Die DDR sprach früh, aber aus einer Position der ideologischen Immunisierung heraus. Beide Wege führten an die Grenzen der Wahrheit – nur auf unterschiedlichen Pfaden.
Nach der Wiedervereinigung trat die Asymmetrie offen zutage. Während sich die BRD bereits in einem fortgeschrittenen Prozess der Vergangenheitsbewältigung befand, musste die DDR-Bevölkerung erleben, dass ihr antifaschistisches Selbstbild bröckelte. Die nachholende Aufarbeitung offenbarte verdrängte Komplizenschaften, antisemitische Kontinuitäten und eine über Jahrzehnte kultivierte Selbstgerechtigkeit. Es war ein doppelter Schock – politisch wie emotional.
Epilog: Die Erinnerung als lebendiges Wesen
Erinnerung ist kein Archiv, kein abgeschlossener Kellerraum, in dem man die Ordner der Geschichte alphabetisch sortieren kann. Sie ist ein lebendiges, manchmal widerspenstiges Wesen, das sich zwischen den Generationen hindurchwindet – mal flüsternd, mal schreiend. Die unterschiedlichen Wege, auf denen BRD und DDR den Nationalsozialismus aufarbeiteten, sind keine bloßen Kapitel in einem Geschichtsbuch. Sie sind Spuren in einem kollektiven Bewusstsein, das bis heute mit dem Gespenst ringt, das einst Europa verheerte.
Und vielleicht liegt in der Komplexität, ja in der Widersprüchlichkeit dieser beiden Narrative eine stille Mahnung: Dass Erinnerung nicht aus Wahrheit besteht, sondern aus dem ständigen Versuch, sich ihr zu nähern. Wahrheit, so zeigt sich, ist kein Monument. Sie ist eine Bewegung – tastend, schmerzlich, notwendig.