Seit Jahrzehnten geistern sie durch Schulbücher, Museen und Streaming-Serien: die schlammverschmierten, wildhaarigen Germanen. Ihre Welt scheint aus Lederfetzen, Rauch und Nebel zu bestehen – ein ewiges Feuchtbiotop der Barbarei. Doch das Bild, das unsere Vorstellung von den Bewohnern des alten Mitteleuropas prägt, ist verstaubt. Es stammt aus einer Zeit, als Geschichte noch als Waffe im Dienst nationalistischer Mythen diente.
Tatsächlich lebten die Germanen, so zeigen neuere Forschungen, in einer erstaunlich geordneten, ja fast bürgerlich anmutenden Welt. Ihre Dörfer bestanden aus Langhäusern, die über Generationen nach demselben Plan errichtet wurden: Eingang, Wohnteil, Stall – stets dieselbe Aufteilung, dieselben Maße. Kein Haus überragte das andere, keine Familie versuchte, sich durch Größe zu behaupten. Archäologen erkennen darin eine Kultur des Gleichgewichts, vielleicht sogar des Misstrauens gegenüber Macht. Eine frühe Form des sozialen Korrektivs, gebaut aus Holz.
Auch im Inneren sah es anders aus, als man denkt. Teppiche schmückten die Wände, Hocker und Sitzbänke standen in Reihe, und die Kleidung war alles andere als eintönig. Frauen trugen Hochsteckfrisuren, teils mit Fremdhaar, und farbenfrohe Gewänder, die an die römische Mode erinnerten. Wer heute an graubraune Lumpen denkt, unterschätzt die Lust dieser Menschen an Farbe und Ornament. Das Leben der Germanen war weit weniger düster, als es in Film und Fernsehen inszeniert wird.
Auch ihre Religion war kein abgeschottetes, „rein germanisches“ System. Vielmehr übernahmen sie Kultformen ihrer Nachbarn: lokale Muttergottheiten, die sogenannten Matronen, römische Götterfiguren, die ihren Weg in germanische Siedlungen fanden. Was die Forschung heute zeigt, ist weniger eine klar umrissene Volksreligion als ein fließendes Nebeneinander.
Das verbreitete Bild des kriegerischen, ungestümen Germanen hält der Realität ebenfalls nicht stand. Zwar waren diese Gesellschaften militarisiert – nicht zuletzt durch den Kontakt mit Rom –, doch sie kannten auch das Gegenmodell: temporäre Heerführer, die nach getaner Arbeit wieder abgesetzt wurden. Macht war etwas, das man sich auf Zeit lieh, nicht erbte. Die politische Kultur dieser Gemeinschaften schwankte zwischen Autorität und Gleichrangigkeit, zwischen Ordnung und improvisierter Demokratie.
Selbst im Ackerbau wählten die Germanen einen anderen Weg als ihre römischen Nachbarn. Sie betrieben Landwirtschaft, ja, aber ohne den fanatischen Fleiß, den Tacitus ihnen absprach. Ihre Felder waren gemeinschaftlich genutzt, das Land wurde regelmäßig neu verteilt – ein Mechanismus, der sozialen Frieden schuf. Reichtum konnte kaum jemand anhäufen. Und während Rom Überschüsse für den Markt produzierte, setzten die Germanen auf eine pragmatische Mischung aus Getreide, Wildpflanzen und Sammelgut – auf Effizienz, nicht auf Expansion.
Überhaupt war vieles, was wir heute „typisch germanisch“ nennen, das Ergebnis römischer Beobachtung. Der Begriff selbst ist eine römische Sammelbezeichnung, geboren aus der Perspektive des Imperiums. Dass Tacitus den Arminius als „Befreier Germaniens“ bezeichnete, bedeutete nicht, dass dieser ein Nationalheld gewesen wäre – nur, dass Rom sich zeitweilig zurückziehen musste. Eine germanische Selbstbeschreibung existierte nicht; die Schriftkultur der Germanen war flüchtig, oft in Holz geritzt, und nur in seltenen Fällen erhalten. Doch die Funde, die es gibt, erzählen von Alltag, Handel, sogar Klatsch – und sie zeigen, dass Schriftlichkeit kein exklusives Privileg römischer Eliten war.
Wir brauchen einen Perspektivwechsel: Weg von ethnischen Kategorien, hin zu wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Germanen und Römer unterschieden sich weniger in Religion oder Kleidung als in ihrer Art zu wohnen, zu wirtschaften, ihr Zusammenleben zu organisieren. Manches verband sie enger, als heutige Vorstellungen ahnen lassen – etwa die Mode. In norddeutschen Gräbern fanden sich Kleider, die jenen der römischen Oberschicht zum Verwechseln ähnelten.
So entsteht ein ganz anderes Bild: nicht das des wilden Gegners, sondern das eines gut vernetzten, mobilen, selbstbewussten Volkes. Funde aus Thüringen zeigen, dass Menschen aus dem Nahen Osten in germanischen Dörfern lebten – Spuren römischer Söldner oder Reisender, die blieben. Handel verband Mitteleuropa mit Regionen bis zum Hindukusch. Germanien war kein Randgebiet, sondern Teil einer frühglobalisierten Welt.
Dass dieses Wissen dennoch kaum Eingang in die populäre Vorstellung findet, hat Gründe. Nach 1945 war das Thema verbrannt; das Germanenbild, das der Nationalsozialismus zur Ideologie überdehnt hatte, wollte niemand anfassen. Die Folge: ein jahrzehntelanges Vakuum, in dem alte Vorstellungen ungestört weiterlebten. Als in den 1980er-Jahren das Interesse an der Frühgeschichte wieder wuchs, griff man auf überkommene Deutungen zurück.
Bis heute bedienen sich rechte Milieus dieser Bilder: blonde Kämpfer, reine Rasse, nordische Überlegenheit. In einschlägigen Magazinen und Onlineforen blüht ein mythisches Germanentum, das mehr über die Gegenwart aussagt als über die Antike. Geschichte wird hier zur Projektionsfläche, zum ideologischen Rohstoff, aus dem man ein Gefühl von Auserwähltheit destilliert. Doch die wissenschaftliche Forschung zerlegt diese Erzählung inzwischen Schicht für Schicht.
Gegen die Mythen der Blut-und-Boden-Romantik können wir nur die Nüchternheit der Archäologie setzen: Zwischen uns und der Varusschlacht liegen etwa achtzig Generationen – genug Zeit, um jedes vermeintlich „reine Erbe“ in eine unübersehbare genetische Vielfalt zu verwandeln. Unser Genom hat sich seit damals milliardenfach gemischt, verästelt, verdünnt. Ein „Germanen-Gen“ existiert nicht – und wenn es eines gäbe, wäre es längst entdeckt worden. Das, was uns mit den Menschen jener Zeit verbindet, ist nicht die biologische Linie, sondern die kulturelle: das stetige Weitergeben von Ideen, Praktiken, Symbolen, die über Grenzen wanderten, sich veränderten und neu zusammensetzten.
Das, was uns mit den Menschen jener Zeit verbindet, ist nicht das Blut, sondern die Idee von Wandel: das ständige Weitergeben und Umformen von Kultur, die Fähigkeit, sich anzupassen, Neues aufzunehmen und Eigenes daraus zu machen. Die germanische Welt war in diesem Sinn keine Keimzelle nationaler Reinheit, sondern ein frühes Experiment in europäischer Durchlässigkeit. Ihre Bewohner handelten über Kontinente hinweg, nahmen fremde Götter in ihre Hausaltäre auf, trugen persische Glaswaren in mecklenburgischen Gruben zu Grabe.
Mobilität, Austausch, Anpassung – das waren die Prinzipien, die ihre Gesellschaft trugen. In dieser Mischung aus Offenheit und Pragmatismus liegt vielleicht ihr eigentliches Vermächtnis: dass Identität nichts Starres ist, sondern etwas, das sich immer wieder neu formt.
Vielleicht liegt die eigentliche Provokation dieser neuen Sicht gar nicht in der Entdeckung des „anderen Germanen“, sondern in der Erkenntnis, dass unsere vermeintlich barbarischen Vorfahren uns ähnlicher waren, als wir lange wahrhaben wollten. Sie lebten in Gemeinschaften, die Macht begrenzten, handelten über weite Distanzen, pflegten Stil, Religion und Austausch. Kurz: Sie waren Menschen einer komplexen, vernetzten Welt – nicht die wilden Ahnen, die man brauchte, um nationale Gründungsmythen zu erzählen.
Das macht die Geschichte unbequem. Denn wer akzeptiert, dass es das „reine Volk“ nie gegeben hat, dass Kultur immer schon ein Mischprodukt war, der entzieht modernen Identitätsphantasien den Boden. Die Germanen, so unscheinbar ihre Überreste auch sein mögen, werden damit zu einem Prüfstein unseres historischen Selbstbildes. Ihre Welt erinnert uns daran, dass Zivilisation nicht mit Monumenten beginnt, sondern mit der Bereitschaft, Vielfalt zuzulassen – und dass die Grenzen zwischen „uns“ und „den anderen“ oft erst von jenen gezogen werden, die daraus Macht gewinnen wollen.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Geschichte: Dass ausgerechnet jene, die wir so gern zu Barbaren erklärt haben, uns heute lehren, wie fragil die Idee von kultureller Reinheit ist – und wie fortschrittlich die Bereitschaft, sich gegenseitig zu durchdringen.
das klingt sehr plausibel, der Limes war sicherlich weit durchlässiger als der eiserne Vorhang, und der hatte für Spione, RAF, DKP und Verwandtenbesuche genug Löcher. und: Nobody is an island
Allerhochverehrtester Onkel , gibst Du Deine Quellen preis? – ich würde gern mehr zum Thema lesen.
Wolfi
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Hallo Wolfi,
kein Problem. Meine Hauptquellen waren:
Banghard, Karl: Die wahre Geschichte der Germanen. Propyläen, 2025. ISBN 9783549100905
Künzl, Ernst: Die Germanen. Theiss, 2021. ISBN 9783806243628
Wolters, Reinhard: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Beck, 2025. ISBN 978-3406838095
dazu noch die Ausgabe 1/2021 von Zeit Geschichte: „Die Römer in Germanien“
und die Ausgabe 5/2025 von Spiegel Geschichte: „Roms Kampf um Germanien“
Ich hoffe, dass ich Dir damit weitergeholfen habe. Falls Du noch Fragen hast, kannst Du mich unter onkel_michael@gmx.net auch jederzeit anmailen.
Viele Grüße
der Onkel
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insgesamt interessanter Blog. Vielleicht besuchst du auch meinen malfertheiner.wordpress.com – beste Grüße
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Da schaue ich doch gerne mal vorbei!
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Dank für den Artikel, der zeigt, wie tiefe Emotionen gefährliche Praktiken in Form gewalttätigen Männer hervorrufen können. Eine weitere gute Quelle zur Aufklärung ist das FREILUFTMUSEUM OERLINGHAUSEN, dessen Chef ein gutes, aufklären könnendes Buch gegen die Ideologie des Germanentums veröffentlicht hat.
Grüße an Alle Menschen- und Naturfreunde,
Wolfgang aus BS
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