„Alleiner kannst du gar nicht sein“

Zugegeben, die Überschrift ist identisch mit dem Titel des Buches von Horand Knaup und Peter Dausend über „Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst“. In dieser Rezension geht es auch um Sucht, um die Abhängigkeit von den Social Media und noch genauer: um die in den letzten Tagen heraufbeschworene Einsamkeit der deutschen Jugend, aber auch der Erwachsenen. So fühlen sich ein Drittel dieser Gruppen in einem im erschreckenden Maße ansteigenden Gefühl der Isolation, der Kontaktarmut und der Vereinzelung.

Woher kommt diese Entwicklung? Haben doch die Menschen tausendfache Ansprache über all die verfügbaren Kanäle der Tech-Unternehmen. Sie genießen die Möglichkeit, jederzeit, an jedem Ort und zu jeder x-beliebigen Person Kontakt aufzunehmen, sich im Gegenzug einbinden zu lassen in Events, Gruppenaktivitäten oder in persönliche Gespräche. Jetzt hast du eine Kröte zu schlucken: Die ungebremste Nutzung dieser Kommunikationskanäle macht süchtig, und diese Sucht macht einsam!

Wer hat diesen Beweis geliefert? Die Analyse zu diesem Problem liefert Christian Montag in seinem Buch: Du gehörst uns! Die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat & Co. Wenn du die nächsten Zeilen liest, stehen dir zwei Optionen offen: Die Tatsachen aufmerksam lesen, Schlüsse für dich ziehen, dein Verhalten ändern – und der Weg heraus aus der Einsamkeit ist gefunden. Oder: Du wählst die Einsamkeit und bleibst in deiner Sucht stecken. Eines ist dir gewiss: Du wirst von den Tech-Unternehmen missbraucht. Du bezahlst für deine Sucht sehr viel, letztendlich mit deiner Persönlichkeit.

Jetzt werden wir einige Schritte heraus aus der Sucht gemeinsam gehen. Schritt eins: Du hast wie jeder Mensch die Fähigkeit, dich in einen Zustand der Raum- und Zeitlosigkeit zu begeben. Du interessierst dich für Musik, Autos, Fußball, Mode, Politik. Dieses Eintauchen in dein Spezialgebiet lässt dich alles um dich herum vergessen, und es verschafft dir ein Wohlgefühl. Deine ganze Aufmerksamkeit zieht dich dorthin. Und genau diese Aufmerksamkeit missbrauchen die Tech-Unternehmen. Sie führen einen unerbittlichen Kampf mit dem Ziel: den Nutzer so in einen Online-Kanal zu vereinnahmen, dass er dabei die Außenwelt komplett ausblendet.

Man spricht auch von einer „Unaufmerksamkeitsblindheit“. Wenn es den Tech-Unternehmen also gelingt, deine Aufmerksamkeit so auf ihre Angebote zu lenken und zu fesseln, wirst du blind für große Teile um dich herum in der Welt. Damit ist deine Gedankenwelt in Gefangenschaft und du bist unfrei. Und somit hast du den ersten Schritt in die Vereinsamung gemacht.

Und der Preis für deine Nutzungserlaubnis? Schritt zwei: Du zahlst für die Nutzung einer App oder dahinter liegenden Plattform mit deinen Daten. Da die Tech-Unternehmen mit deinen Daten Geld verdienen, haben sie großes Interesse, digitale Plattformen zu schaffen, die möglichst „süchtig“ machen. Mit der verlängerten Online-Verweilzeit hinterlässt du einen größeren digitalen Fußabdruck, der extrem interessant für die Werbeindustrie ist.

Du bekommst punktgenau auf den Social-Media-Plattformen die passenden Werbebotschaften, die dich besonders interessieren. Informationen werden bewusst vorgefiltert, um eine potenzielle Langeweile auf den Plattformen entgegenzuwirken. Deine Gedankenfreiheit wird eingeschränkt, du wirst deiner Privatheit beraubt und du traust dich nicht mehr, andersartige Standpunkte zu vertreten als in der sozial erwünschen Art und Weise zu denken. Unfreiheit der Gedanken bedingen die Notwendigkeit, sich nur noch mit den Menschen auszutauschen, die dir ähnlich sind. Damit hast du auch bewusst einen Schritt die Einsamkeit vollzogen, da nur ein kleiner Teil deiner Gruppe ähnlich denkt wie du.

Kommen wir in einem dritten Schritt zu den psychologischen Tricks der Tech-Unternehmen. Die Forschung über das seelische Funktionieren einer Persönlichkeit liefert ein weites Feld, um den Nutzer „auszuziehen“. Stelle dir die Frage, warum du überhaupt neue Technologien ausprobierst und warum du an der Nutzung eines bestimmten Online-Angebots festhältst. Technologien werden besonders dann genutzt, wenn sie menschliche Grundbedürfnisse befriedigen, z. B. Austausch mit anderen Menschen. Man spricht hier von der Nutzen- und Belohnungstheorie. So haben Followers das Gefühl, am echten Leben von Stars teilzunehmen.

Ein weiteres Grundbedürfnis ist der Drang nach sozialen Begegnungen. Damit knüpfen die Social-Media-Hersteller an den Grundfesten des menschlichen Daseins. Es war und ist für unsere Spezies überlebenswichtig, sich immer wieder des Rückhaltes der eigenen Gruppe zu versichern. Das Individuum versucht so zu erfahren, wie es von anderen wahrgenommen wird. Die großen Tech-Unternehmen haben diese elementaren Bestandteile des Menschseins berücksichtigt. Die entscheidende Frage laute: Warum benutzt du ein Medium (Mittel) und suchst nicht den direkten Kontakt mit dem Menschen, der deine Aufmerksamkeit erregt hat?

Wenn du Langeweile oder Stress spürst, ist diese Tatsache die beste Voraussetzung für Plattformen. Mittlerweile „erahnen“ viele Nutzer sogar dauernd im Alltag, wann es gleich langweilig sein könnte und verhindern durch den schnellen Griff, dass das unangenehme Gefühl erst aufkommt. Wir haben verlernt, es im Alltag mit uns allein auszuhalten. Warum erlaubst du dir nicht Zeit, deinen Gedanken nachzuhängen und ein wenig tagzuträumen?

Die psychischen Schäden sind neben der besprochenen Vereinsamung von schwerer Natur. Dazu zählen Depression, Angstzustände und Persönlichkeitsstörungen. Darüber werde ich in einem der nächsten Beiträge berichten.

2 Gedanken zu “„Alleiner kannst du gar nicht sein“

  1. Was die Sache besonders für junge Menschen noch schwieriger macht:

    Zeigen sich den asozialen Netzwerken den Rücken, sind sie noch einsamer, wenn die anderen jungen Menschen dies nicht ebenfalls tun.

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  2. Danke für die Rezension – ein kluger Lesetipp, der mich dort abholt, wo es weh tut. Ich brauche die Sozialen Medien, um die Follower meiner Agentursatire zu unterhalten und zu informieren. Und doch steigt mein Puls ins Ungesunde, wenn ich darumherum so viel an Hetze und Demokratiefeindlichkeit lesen muss.

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