Der historische Schamanismus im Vergleich zum modernen Neoschamanismus

Der Begriff „Schamanismus“ wird heute oft mit einer Vielzahl von spirituellen Praktiken und Ritualen in Verbindung gebracht, die sowohl in traditionellen Kulturen als auch in modernen esoterischen Bewegungen Anwendung finden. Dabei unterscheidet sich der historisch gewachsene, kulturell eingebettete Schamanismus der indigenen Völker grundlegend von den Formen des sogenannten „Neoschamanismus“, die seit dem 20. Jahrhundert in westlichen Gesellschaften populär wurden. Der Neoschamanismus wird von vielen als eine neue Erfindung betrachtet, die sich nicht nur von der historischen Praxis unterscheidet, sondern auch oftmals mit kulturellen Missverständnissen und einem Verlust des ursprünglichen spirituellen Kontextes konfrontiert ist. Dieser Artikel untersucht die Unterschiede zwischen dem traditionellen Schamanismus und dem modernen Neoschamanismus und beleuchtet, warum letzterer als Pseudobrauchtum bezeichnet werden kann.

Der historische Schamanismus

Schamanismus ist eine Bezeichnung für spirituelle Praktiken, die in vielen indigenen Kulturen der Welt seit Jahrhunderten, teils Jahrtausenden, gepflegt werden. Der Begriff „Schamane“ selbst stammt aus dem Tungusischen, einer Sprache der sibirischen Völker, und bezeichnete ursprünglich einen „Heiler“ oder „Priester“. Die Grundpraktiken des Schamanismus umfassen den Kontakt mit spirituellen Welten durch Trance, Meditation, Rituale und den Gebrauch von bestimmten Mitteln, wie etwa Heilpflanzen oder Trommeln.

Im traditionellen Kontext sind Schamanen keine von einer religiösen Institution eingesetzten Priester, sondern vielmehr Heiler, Berater und Mittler zwischen der Welt der Menschen und der Geisterwelt. Schamanen wurden von den Gemeinschaften ausgebildet und sind oft Teil eines engeren kulturellen Systems, das ihre Fähigkeiten, einschließlich der Kommunikation mit Geistern und Ahnen, mit einer tieferen kosmologischen und sozialen Ordnung verbindet.

Hauptmerkmale des traditionellen Schamanismus:

  • Trance und Ekstase: Der Schamane versetzt sich häufig in einen veränderten Bewusstseinszustand, um mit Geistern oder Ahnen zu kommunizieren und Heilung zu bringen. Dies kann durch Musik (z.B. Trommeln), Tänze oder den Konsum von psychoaktiven Substanzen geschehen.
  • Kulturelle Einbettung: Schamanismus ist tief in der jeweiligen Kultur und Weltanschauung verankert. Er ist kein universelles, sondern ein kultur- und traditionsgebundenes Phänomen.
  • Heiler und Mittler: Der Schamane ist oft derjenige, der Krankheiten diagnostiziert und heilt, aber auch als psychologischer Berater fungiert und die Gemeinschaft vor Naturgeistern oder Unglück warnt.
  • Kollektive Verantwortung: Schamanismus dient nicht nur der individuellen Heilung, sondern auch der spirituellen und sozialen Stabilität der gesamten Gemeinschaft.

Der Aufstieg des Neoschamanismus

Der Begriff „Neoschamanismus“ bezieht sich auf eine moderne, westliche Interpretation von schamanischen Praktiken, die seit den 1960er Jahren in den spirituellen und esoterischen Bewegungen populär wurde. Anders als der historische Schamanismus, der fest in eine kulturelle und soziale Struktur eingebunden war, wird der Neoschamanismus vor allem als eine persönliche, individualisierte Praxis betrachtet. Viele Anhänger des Neoschamanismus nutzen Elemente aus verschiedenen Traditionen, ohne die historischen oder kulturellen Kontexte zu berücksichtigen.

Hauptmerkmale des Neoschamanismus:

  • Individualismus: Der Neoschamanismus wird oft als individuelle Praxis verstanden, bei der jeder Teilnehmer seine eigene spirituelle Erfahrung macht, unabhängig von den traditionellen sozialen Strukturen.
  • Oberflächliche Aneignung: Viele Praktiken und Symbole des Neoschamanismus stammen aus verschiedenen indigene Kulturen, oft ohne ein tiefes Verständnis für die Bedeutung und den Ursprung dieser Praktiken.
  • Vermarktung und Kommerzialisierung: Der Neoschamanismus hat sich zu einem Markt für spirituelle Dienstleistungen entwickelt, bei dem Workshops, Seminare und Retreats angeboten werden, die oft weit von der ursprünglichen Bedeutung entfernt sind.
  • Psychologische und therapeutische Ausrichtung: Im Neoschamanismus geht es häufig um persönliche Heilung und Selbstfindung, oft mit dem Fokus auf psychologische Problembewältigung, statt um eine tiefere spirituelle Transformation im traditionellen Sinne.

Der Unterschied in der spirituellen und kulturellen Bedeutung

Ein zentraler Unterschied zwischen dem historischen Schamanismus und dem Neoschamanismus liegt in der kulturellen Bedeutung der Praxis. Traditioneller Schamanismus ist eine tief verwurzelte, kulturell eingebundene Form der Spiritualität. Er stellt die Verbindung zwischen dem Individuum, der Gemeinschaft und der Natur dar. Schamanen sind nicht nur spirituelle Führer, sondern auch die Hüter des Wissens und der Kultur ihrer Völker. Diese Funktion hat für die Erhaltung der sozialen Ordnung und der kulturellen Identität eine fundamentale Bedeutung.

Im Gegensatz dazu ist der Neoschamanismus weitgehend von den kulturellen und sozialen Kontexten der indigenen Völker losgelöst. Die spirituellen Praktiken werden oft zu einer Art „spirituellem Tourismus“ oder Konsumgut, bei dem es darum geht, bestimmte Erlebnisse zu haben, ohne in die tatsächlichen kulturellen oder spirituellen Weltanschauungen einzutauchen. Neoschamanistische Praktiken können auch die komplexen sozialen und ökologischen Dimensionen des traditionellen Schamanismus simplifizieren oder verzerren.

Die Kommerzialisierung des Neoschamanismus

Ein markanter Aspekt des modernen Neoschamanismus ist die zunehmende Kommerzialisierung. Im Gegensatz zum traditionellen Schamanismus, der in der Regel eine Form von Spiritualität darstellt, die der Gemeinschaft dient, hat sich der Neoschamanismus in westlichen Gesellschaften zu einem profitablen Geschäft entwickelt. Es werden teuer bezahlte Retreats, Seminare und Workshops angeboten, die den Teilnehmern spirituelle „Erfahrungen“ vermitteln sollen. Diese Praxis entstellt den Ursprung des Schamanismus, der oft ein Akt des Dienstes an der Gemeinschaft war, zu einer profitablen Selbstverwirklichungsindustrie.

Der Pseudobruchcharakter des Neoschamanismus

Neoschamanismus wird in der wissenschaftlichen und kulturellen Diskussion zunehmend als eine Form von Pseudospiritualität oder Plastikschamanentum bezeichnet. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der moderne Neoschamanismus oft ohne tieferes Verständnis für die Ursprünge und den kulturellen Kontext der traditionellen schamanischen Praktiken betrieben wird. Im Neoschamanismus sind viele der ursprünglichen spirituellen und sozialen Bedeutungen verwischt oder missverstanden. Es handelt sich dabei eher um eine westliche Konstruktion von „Spiritualität“, die die Form und einige Elemente traditioneller Praktiken übernimmt, jedoch ohne deren kulturelle und historische Tiefe zu bewahren.

In vielen Fällen wird der Schamanismus durch westliche Esoteriker vereinfacht, um die Bedürfnisse und Wünsche eines Konsumentenmarktes zu befriedigen, der auf der Suche nach schnellen, individuell zugeschnittenen spirituellen Erlebnissen ist. Dies steht im Gegensatz zu den traditionellen Praktiken, bei denen spirituelle Heilung und Rituale in die gesellschaftlichen Strukturen integriert sind und ein tieferes Verständnis der Weltanschauung der jeweiligen Kultur erfordern.

Neoschamanismus als Pseudobrauchtum

Obwohl der moderne Neoschamanismus Elemente des traditionellen Schamanismus übernommen hat, fehlt es ihm an den kulturellen, sozialen und spirituellen Tiefen, die den historischen Schamanismus auszeichnen. Der Neoschamanismus ist weitgehend eine westliche Erfindung, die oft ohne ein echtes Verständnis für die Traditionen und Praktiken indigener Völker auskommt. Insofern kann der Neoschamanismus als Pseudobrauchtum bezeichnet werden – eine spirituelle Bewegung, die nicht auf echten, lebendig weitergeführten Traditionen basiert, sondern vielmehr eine Mischung aus westlicher Esoterik, Selbsterfahrung und kultureller Aneignung darstellt. Der historische Schamanismus war ein integraler Bestandteil der sozialen und spirituellen Struktur von Gemeinschaften, während der moderne Neoschamanismus häufig eine individualistische, kommerzialisierte Erscheinungsform ist, die wenig mit der ursprünglichen Praxis zu tun hat.

4 Gedanken zu “Der historische Schamanismus im Vergleich zum modernen Neoschamanismus

  1. “ Er ist kein universelles, sondern ein kultur- und traditionsgebundenes Phänomen.“
    Ein sibirischer Schamane bewegt sich in einem anderen kulturellen und Naturraum als ein afrikanischer oder südamerikanischer. Allerdings, ist es nicht so, dass in jeder schamanistischen Religion Gott in seiner Form als Schöpfer sich in seinen Eigenschaften in der Natur, aber auch in den Zwischenwelten in der Gestalt von Pflanzen, Tieren, Erde, Himmel, Wasser und Luft manifestiert

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    1. Nein. Das ist eine der typisch eurozentrisch-romantisierenden Darstellungen. Alleine der Schamanismus in Südamerika ist derart heterogen, dass von einer Universalität nicht gesprochen werden kann.

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