Ein moralhistorischer Essay mit Anflügen von Galgenhumor, geschrieben in gemütlicher Polemik.
Prolog: Einbildung ist auch eine Bildung
Es gibt Dinge, die man mit dem gesunden Menschenverstand nicht mehr begreift. Und das ist gut so – sonst wären Literaturwissenschaftler, Satiriker und betrunkene Philosophieprofessoren arbeitslos. Eines dieser Dinge ist die frappierende Ähnlichkeit zwischen den selbsternannten Tugendwächtern des digitalen Zeitalters – der sogenannten Woke-Bewegung – und ihren streng calvinistischen Vorläufern aus dem 17. Jahrhundert: den Puritanern.
Zunächst denkt man vielleicht: Ach komm, das ist doch Quatsch! Hier ein paar TikTok-Aktivist*innen mit bunten Haaren und Hang zur Überkorrektur – da ein Haufen bleichgesichtiger Müsli-Fundamentalisten mit Prädestinationsfetisch. Wo soll da die Verbindung sein?
Aber sobald man tiefer bohrt, mit einem metaphorischen Spaten aus Ironie, Soziologie und ein paar Gläsern Portwein, offenbaren sich erstaunliche Parallelen. Und wie bei jeder guten Verschwörungstheorie – nur dass diese stimmt – merkt man: Es geht nicht um Mode. Es geht ums Menschenbild. Um Schuld, um Erlösung, um Sühne. Und, vielleicht am meisten, ums Recht, andere zur Rechenschaft zu ziehen.
I. Der Mensch: Gefallenes Wesen oder latent privilegierter Aggressor
Beginnen wir mit dem Grundsätzlichen. Der Puritaner ging davon aus, dass der Mensch durch die Erbsünde moralisch verdorben ist. Er lebt in ständiger Angst, vom rechten Pfad abzukommen – und schlimmer noch: dass sein Nachbar es schon längst ist. Deshalb die lückenlose Kontrolle des eigenen Verhaltens und das wachsame Auge auf alle anderen.
Der Woke-Mensch unserer Tage – oft aus gutem Hause, stets aus bester Absicht – glaubt zwar nicht an die Erbsünde im biblischen Sinne, hat aber deren säkulare Variante adoptiert: strukturelle Schuld. Weißsein, Männlichkeit, Heterosexualität, Cis-Sein, westliche Sozialisierung – lauter Eigenschaften, die man sich nicht ausgesucht hat, die einem aber dennoch als moralisches Handicap angerechnet werden. Nicht aktiv schuldig, aber passiv schuldig durch Mit-Profitieren, durch Nicht-Verhindern, durch unreflektiertes Existieren.
In beiden Fällen ist der Mensch also irgendwie „falsch“. Und braucht entweder Gnade (Puritaner) oder Dekonstruktion (Woke-Aktivist). Beides klingt nicht nach einem besonders entspannten Sonntagnachmittag.
II. Das Tribunal der Reinen: Damals Kirchenbank, heute Kommentarspalte
Die moralischen Gemeinschaften beider Bewegungen definieren sich weniger durch Mitgefühl als durch Ausschlussmechanismen. Wer nicht mitzieht, wer abweicht, wer – um Gottes Willen – einen unpassenden Witz macht, wird öffentlich gerügt, getilgt oder zum Schweigen gebracht. Die Puritaner nannten es Exkommunikation. Die Woken nennen es Cancel Culture. Das Prinzip ist dasselbe: die Säuberung des Kollektivs durch Opferung des Individuums.
Der Pranger hat sich von der Stadtmitte in die Timeline verlagert, aber das Gefühl bleibt: einer steht da, allein, beschämt, während eine Menge ihn mit moralischen Ziegelsteinen bewirft. Manchmal zu Recht. Oft zu hysterisch. Und stets mit dem Gefühl, selbst zu den Guten zu gehören.
III. Die Liturgie der Läuterung: Geständnis, Buße, Sprachregelung
Die Puritaner verlangten von Sündern ein öffentliches Schuldbekenntnis. Auch das gibt es heute wieder – in Form von YouTube-Videos mit tränenerstickter Stimme und Titeln wie „My Apology“ oder „I want to address what happened in 2011“. Man bekennt seine Unwissenheit, seine strukturelle Blindheit, gelobt Besserung und bietet Workshops an.
Wichtig dabei: die Sprache. Der Puritaner sagte „Sünde“, der Woke sagt „toxisch“. Der Puritaner hatte „Heilsgewissheit“, der Woke hat „Awareness“. Und beide verlangen das richtige Vokabular. Nicht weil’s schöner klingt, sondern weil Sprache die Welt formt – oder zumindest so tut.
Das führt dazu, dass man irgendwann nicht mehr spricht, sondern deklamiert. Kein Gespräch, sondern ein ideologisches Singspiel mit Pflichtübungen: Triggerwarnung, Check-In, korrekter Pronomengebrauch, Land Acknowledgement. Alles wohlmeinend. Alles im Geist der Gerechtigkeit. Und doch alles sehr… protestantisch.
IV. Die totale Innerlichkeit: Wenn Moral zur Ersatzreligion wird
Was man beiden Bewegungen nicht vorwerfen kann, ist Gleichgültigkeit. Der Puritaner lebte in ständiger Selbstbefragung. Hatte er genug gebetet? Genug verzichtet? Genug gesühnt? Auch die Woke-Bewegung kultiviert eine fast schon spirituelle Form der Selbstvermessung: Bin ich dekolonial genug? Habe ich meine Privilegien reflektiert? Kann ich mich überhaupt zu diesem Thema äußern?
Es ist eine Religion ohne Gott, aber mit Inquisition. Ohne Himmel, aber mit moralischer Erlösung – erreichbar durch rigorose Selbstoptimierung und ständiges Anzweifeln des eigenen Standpunkts. Was auf den ersten Blick modern wirkt, ist in Wahrheit ein alter Hut. Nur halt aus veganem Filz.
V. Humor: Der große Verdacht
Sowohl bei Puritanern als auch bei Woken gilt: Der Humor ist verdächtig. Lachen lenkt ab. Lachen verharmlost. Lachen ist unkontrollierbar. Und was nicht kontrollierbar ist, macht Angst. Deshalb haben Puritaner Theater verboten. Und Woke-Aktivisten warnen vor ironischen Texten wie diesem, weil sie „Ambiguitätstoleranz“ verlangen. Ein schönes Wort. Klingt fast nach Krankheit.
Dabei war Humor schon immer ein Schutz gegen geistige Monokultur. Er ist der Sand im ideologischen Getriebe. Und deshalb so wichtig. Oder wie Rowohlt es vielleicht gesagt hätte: Wer den Witz verliert, verliert auch die Welt. Und wird irgendwann ganz traurig beim Gendern.
Epilog: Was bleibt, ist der Mensch
Es wäre falsch, die Woke-Bewegung auf ihre übergriffigen Auswüchse zu reduzieren. Sie hat Missstände sichtbar gemacht, marginalisierte Stimmen gestärkt, Diskurse aufgebrochen, die längst verknöchert waren. Gut so. Aber wie bei den Puritanern droht der gute Wille zur kalten Dogmatik zu werden. Zur Zwangsjacke des Denkens.
Der Mensch will gut sein. Aber wehe, er wird sich dessen zu sicher. Dann wird aus Moral schnell ein Feldzug. Und aus Gerechtigkeit ein Dogma. Dann stehen wir wieder im Kreis, murmeln Bekenntnisse, beäugen einander – und vergessen, wie man einfach nur lebt.
Oder lacht.