Zwischen Schöpfung und Belagerung: Die Geburt Israels im Feuer der Geschichte

„Und ich werde euch in das Land führen, das Ich euren Vätern geschworen habe zu geben.“
– Exodus 6:8

Am 14. Mai 1948, um Punkt vier Uhr nachmittags, unterzeichnete David Ben-Gurion in einem unscheinbaren Haus in Tel Aviv die israelische Unabhängigkeitserklärung. Während draußen britische Truppen ihre letzten Posten räumten, erklang im Innern die Hatikva, die Hoffnung, auf eine Heimkehr nach zweitausend Jahren Diaspora. Doch wie jede Gründung eines Staates, die nicht nur eine territoriale, sondern eine metaphysische Dimension hat, war auch diese ein Akt zwischen Schöpfung und Katastrophe – ein Genesisereignis mit feindlicher Belagerung im Hintergrund.

Israel wurde nicht geboren wie ein gewöhnlicher Staat. Es wurde erschaffen wie ein Text – aus Fragmenten, aus Erinnerung, aus Schmerz, aus Liturgie. Und sofort nach seiner Gründung wurde es mit jener alttestamentarischen Realität konfrontiert, die im modernen Völkerrecht keinen Platz hat: die Belagerung des Neuen durch das Alte, der Angriff auf das Geborene noch in der Wiege.

I. Der Gründungsmythos – zwischen Theologie und Topographie

Zion war nie nur ein Ort. Es war Idee, Metapher, liturgische Richtung. Wenn Juden über Jahrhunderte sagten: Nächstes Jahr in Jerusalem, so war das nicht bloß ein geographischer Wunsch, sondern ein metaphysischer Zustand, eine Hoffnung auf Erlösung durch Heimkehr. Das macht die Gründung Israels zu einem einmaligen Ereignis in der modernen Geschichte: ein Staat als Rückübersetzung eines Traums in politische Realität.

Doch jeder Mythos hat seine Schattenseite. Für die arabischen Staaten war die Gründung Israels kein Neuanfang, sondern eine Kränkung. Kein Staat im Nahen Osten war aus solch apokalyptischem Stoff gemacht worden. Und keiner wurde mit solcher Kompromisslosigkeit empfangen: Nur Stunden nach der Unabhängigkeitserklärung marschierten Armeen aus Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak und dem Libanon in das Territorium des neugeborenen Staates ein – vereint weniger durch Ideologie als durch die Ablehnung seiner bloßen Existenz.

In der Unabhängigkeitserklärung Israels heißt es unmissverständlich: Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.

Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem unabhängigen hebräischen Volk in seiner Heimat auf.

Die arabische Seite schlug diese ausgestreckte Hand zum Frieden in der Region aus und wählte Hass und Krieg.

II. Die Chimäre des Friedens – der unmögliche Anfang, der doch gelang

Man muss sich die Situation vor Augen führen: Israel, mit weniger als 650.000 Einwohnern, fast ohne schwere Waffen, mit einer Armee, die eben erst aus Untergrundbewegungen wie der Haganah, der Irgun und Lechi formiert worden war, stand fünf regulären Armeen gegenüber – ausgestattet mit britischem Gerät, ausgebildet und organisiert nach westlichem Vorbild. Alleine die Zahlen waren beängstigend: etwa 30.000 schlecht ausgerüstete Haganah, Palmach und Irgun-Kämpfer standen über 45.000 Arabern mit guter Ausrüstung gegenüber. Auf Seiten des jungen Staates Israel gab es dazu gerade einmal vier einsatzbereite Messerschmitt Bf 109G-Jagdflugzeuge und zu Anfang des Krieges faktisch keine Panzer. Auf arabischer Seite dagegen standen gut 50 Kampfflugzeuge und 60 Panzer.

Die israelische Führung wusste: Der Krieg würde nicht über Territorien entschieden werden, sondern über das Sein oder Nichtsein des Staates selbst. Während in Europa die Ruinen des Holocaust noch rauchten, während Überlebende aus den Lagern an die Küsten Haifas und Jaffas gespült wurden wie biblische Schiffbrüchige, begann in der Levante ein Krieg, der kein strategisches Ziel kannte – sondern nur ein ontologisches: Israel sollte nicht existieren.

Was ist Frieden in einem Kontext, in dem das Gegenüber deine bloße Existenz negiert? Was bleibt vom Dialog, wenn die Sprache selbst verweigert wird? Israel hatte keine Gelegenheit zu wählen. Der Frieden war nie eine realpolitische Option. Er war ein Abwesender, der nie eingeladen war – eine weiße Fahne in einem Raum ohne Fenster.

III. Der Krieg – Chronik eines paradoxen Sieges

Der israelische Unabhängigkeitskrieg, den die Israelis als Milchemet Ha’Atzma’ut (Unabhängigkeitskrieg) und die Palästinenser als Nakba (Katastrophe) bezeichnen, war nicht ein einzelner militärischer Konflikt, sondern ein Prisma, das die Widersprüche des 20. Jahrhunderts bündelte: Dekolonisierung, Nationalismus, religiöse Symbolik, postfaschistische Traumata.

Trotz materieller Unterlegenheit gelang es Israel, nicht nur zu überleben, sondern Gebiete zu sichern, die im UN-Teilungsplan von 1947 nicht vorgesehen waren. Die israelischen Verteidigungskräfte, improvisiert aus Not und vereint durch existentielle Entschlossenheit, wuchsen zu einem Paradox heran: eine moderne Armee mit biblischem Sendungsbewusstsein.

Doch was ist ein Sieg, wenn er das Trauma nicht löscht, sondern nur konserviert? Der Krieg endete mit Waffenstillständen, nicht mit Frieden. Die arabischen Staaten weigerten sich, Israel anzuerkennen. Flüchtlingslager wuchsen zu ständigen Mahnmalen. Der Neuanfang war eine Ruine mit Nationalhymne.

IV. Die arabische Ablehnung – politischer Wille oder symbolischer Reflex?

Viele westliche Intellektuelle machten es sich einfach. Sie erklärten die arabische Ablehnung Israels als Reaktion auf den westlichen Kolonialismus, auf den Zionismus als „Siedlerprojekt“. Doch das greift zu kurz. Es war nicht nur Politik. Es war auch Kultur, Identität, Stolz – und Scham.

Der jüdische Staat war eine Anomalie in einer arabischen Welt, die selbst noch unter dem Erbe des Osmanischen und britischen Kolonialismus stand. Seine bloße Existenz stellte die Ordnung in Frage. Wie ein Text, der nicht zum Kanon gehört, aber sich weigert, gelöscht zu werden. Israel wurde nicht als Nachbar gesehen, sondern als Korrektur. Und wer akzeptiert schon gern seine eigene Korrektur?

V. Das ewige Dazwischen – Israel als Grenzstaat des Bewusstseins

Israel war – und ist – ein Staat im Dazwischen. Zwischen Westen und Osten. Zwischen Shoah und Prophetie. Zwischen den Trümmern Europas und den Versprechungen Kanaans. In seiner Gründung liegt der Stachel der Moderne: Dass Erinnerung eine politische Kraft ist. Dass Identität tödlich sein kann. Dass Nationen nicht aus Verträgen geboren werden, sondern aus Not.

Die Tragik liegt nicht nur in den Kriegen. Sie liegt in der Unmöglichkeit des normalen Seins. Israel hat nie den Luxus gehabt, einfach nur Staat zu sein. Es musste Archetyp, Exempel, Symbol und Feindbild zugleich sein. Kein Staat wurde so sehr geliebt, so sehr gehasst, so sehr verklärt.

Epilog – Das Gelobte Land als Fragment

In einer kleinen Synagoge in Safed sah ich einmal ein Kind, das auf eine Landkarte Israels zeigte und fragte: „Ist das alles?“ Der Rabbiner antwortete nicht. Vielleicht, weil es keine Antwort gibt. Oder weil die Antwort nicht in Grenzen liegt, sondern im Herzen der Fragestellung selbst.

Israel wurde nicht gegründet, um Krieg zu führen. Es wurde gegründet, weil es keinen Ort mehr gab, an dem Juden in Frieden leben konnten. Doch gerade deshalb war der Frieden nie eine Option unter anderen – sondern eine existenzielle Sehnsucht, immer im Schatten der Belagerung.

In der Gründung Israels liegt eine Botschaft, die jenseits der Politik existiert: Dass das Recht auf Existenz manchmal nicht verteidigt wird durch Argumente, sondern durch Beharrlichkeit. Und dass der Frieden vielleicht nie am Anfang steht – sondern immer als ferne Verheißung, wie das gelobte Land, das man durch die Wüste suchen muss.

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