Ein Beitrag zur Verklärung des Unmoralischen unter dem Anschein des Absoluten
Einleitung
Die Ideologie des Nationalsozialismus stellte eine radikale Zäsur in der Geschichte des moralischen Denkens in Deutschland dar. Sie war weder bloß eine politische Bewegung noch lediglich eine nationalistische Strömung – sie war eine umfassende Weltanschauung, die mit der Penetranz einer Religion und der Unerbittlichkeit einer innerweltlichen Eschatologie den Anspruch erhob, über Gut und Böse endgültig zu entscheiden. In dieser systematischen Umwertung aller moralischen Kategorien liegt eines ihrer gefährlichsten und zugleich faszinierendsten Merkmale.
„Was Hitler will, ist nicht bloß eine neue Ordnung – er will einen neuen Menschen.“
— Victor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen¹
I. Die Ideologie als moralisches Surrogat
Die nationalsozialistische Ideologie ersetzte das ethische Fundament des abendländischen Denkens – gegründet auf Humanismus, Aufklärung und christliche Nächstenliebe – durch ein pseudomoralisches System, das sich in der biologistischen Konstruktion von „Rasse“, „Volk“ und „Gemeinschaft“ erschöpfte. Das moralisch Gute wurde in dieser Doktrin gleichgesetzt mit dem „Gesunden“, „Starken“, „Reinen“, während das moralisch Böse nicht mehr aus der Tat, sondern aus der bloßen Existenz des „Fremden“, „Entarteten“ oder „Schwachen“ abgeleitet wurde.
„Die rassistische Ideologie lieferte die pseudowissenschaftliche Legitimation für das Böse – nicht trotz, sondern wegen ihrer moralischen Rigidität.“
— Saul Friedländer²
Diese Umdeutung schuf ein Koordinatensystem, in dem traditionelle Gewissensregungen als sentimentale Schwäche galten und in dem das Gewissen, sofern es nicht dem „Volksganzen“ diente, als dekadent betrachtet wurde. Moral wurde in den Dienst der Macht gestellt, Ethik durch Biopolitik ersetzt.
II. Der moralische Nihilismus unter dem Anschein der Notwendigkeit
Der Nationalsozialismus entfaltete seine moralische Wirkkraft nicht durch Argumente, sondern durch Mythen. Seine Ethik war nicht diskursiv, sondern affirmativ. Sie appellierte nicht an das Individuum, sondern an das Schicksal des Kollektivs. Hannah Arendt hat diese Dynamik treffend charakterisiert:
„Der totalitäre Mensch sieht sich nicht als Mörder, sondern als Exekutor geschichtlicher Notwendigkeiten.“
— Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft³
So wurden Verbrechen – die systematische Vernichtung von Millionen von Menschen – als Ausdruck einer pervertierten moralischen Notwendigkeit inszeniert. Gerade hierin liegt der erschütternde Zynismus dieser Ideologie: Sie operierte nicht ohne Moral, sondern mit einer anderen, unbarmherzigen, in sich geschlossenen Moral, die aus dem Innersten heraus jedes Mitgefühl delegitimierte.
III. Die Entmenschlichung als moralisches Prinzip
Die Sprache des Nationalsozialismus war nicht bloß Propaganda, sie war performativ: Sie formte Realität, indem sie Kategorien des Denkens und Fühlens zerstörte. Wer als „Untermensch“ galt, war nicht mehr Träger von Rechten, sondern ein „Problem“, das es zu „lösen“ galt.
„Sprache kann töten. Wo Menschen zu Läusen oder Ungeziefer werden, ist ihr Tod schon sprachlich vorbereitet.“
— Victor Klemperer¹
Diese Entmenschlichung war nicht etwa ein Nebeneffekt, sondern konstitutives Element einer Ideologie, die das Lebensrecht selektiv verteilte. Die moralische Rechtfertigung des Mordens speiste sich aus der Umkehrung ethischer Prämissen: Nicht die Tat entschied über Schuld, sondern die Herkunft.
IV. Die Pervertierung des Pflichtbegriffs
Besonders perfide war die nationalsozialistische Inanspruchnahme des kantischen Pflichtbegriffs. Wo Kant die Pflicht an das autonome Vernunftsubjekt band, hob der Nationalsozialismus die Autonomie auf und band die Pflicht an das Kollektiv.
„Ich habe nur Befehle befolgt“ – diese Formel war nicht die Ausrede der Gewissenlosen, sondern das Credo eines Staates, der die moralische Verantwortung delegierte.
— Hermann Lübbe⁴
Der Raum des Gewissens selbst wurde durch ideologische Indoktrination zerstört. In der Folge konnte das moralische Ungeheuerliche nicht mehr als solches erkannt werden – es wurde zur administrativen Normalität.
V. Schlussbetrachtung: Das Erbe des moralischen Zusammenbruchs
Die Ideologie des Nationalsozialismus war nicht einfach unmoralisch – sie war anti-moralisch. Sie strebte nicht bloß Macht an, sondern die moralische Transformation des Menschen im Sinne einer rassistischen Utopie. In dieser Totalität lag ihre zerstörerische Kraft.
„Die moralische Katastrophe bestand nicht nur in den Taten, sondern in der moralischen Ordnung, die sie ermöglichte.“
— Dan Diner⁵
Die intellektuelle und moralische Verantwortung der Nachgeborenen besteht nicht nur im Gedenken, sondern im Verstehen dieser Transformation. Moral ist nicht unzerstörbar – sie bedarf der Pflege, der Kritik, des Bewusstseins.
„Die Banalität des Bösen“ „Darum musste er sterben“
Die Menschenwürde ist universell, unteilbar und absolut.
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