Die Kuratoren der Erinnerung

Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus in BRD und DDR

Es gibt kein neutrales Gedächtnis. Jedes Erinnern ist ein Entwerfen – ein Sortieren von Licht und Schatten, ein Entscheiden, was man beleuchtet und was man im Halbdunkel lässt. Nirgends tritt diese Konstruktion deutlicher zutage als in der offiziellen Geschichtsschreibung. Denn was Schüler lernen, was Professoren dozieren, was Zeitungen drucken – all dies ist nicht bloß Beschreibung der Vergangenheit, sondern ein Entwurf für die Gegenwart. In Deutschland, geteilt durch Mauer, Ideologie und Identitätswille, entwickelten sich zwei konträre Narrative über ein und dasselbe historische Trauma: den Nationalsozialismus.

Die Schule als Katheder der Nation

Die Schule, so schrieb ein französischer Historiker, sei das Labor der kollektiven Identität. In den Klassenzimmern der BRD wie der DDR wurde die Geschichte des Nationalsozialismus nicht nur gelehrt – sie wurde interpretiert, gerahmt, gezähmt oder dramatisiert. Doch während die BRD zunächst zögerte, fast schüchtern um die Wahrheit herumtastete, zelebrierte die DDR einen pädagogischen Furor, der bereits in der Grundschule zur antifaschistischen Katechese geriet.

In der frühen Bundesrepublik der 1950er und 60er Jahre war der Nationalsozialismus im Schulunterricht ein Schatten, der selten beim Namen genannt wurde. Die Lehrpläne endeten häufig mit dem Ersten Weltkrieg oder übersprangen die NS-Zeit in vagen Formulierungen. Lehrbücher schrieben von „der Zeit des Dritten Reiches“ wie von einer Naturkatastrophe, deren Ursprung und Mechanik man kaum erklären könne. Die Sprache war passiv, entlastend, gelegentlich sogar apologetisch. Der Täter wurde zum Opfer historischer Umstände – und das Opfer blieb oft namenlos.

Erst ab den 1970er-Jahren wandelte sich dieser Ansatz. Der Holocaust, zunächst als peripheres Thema behandelt, rückte ins Zentrum. Die Schülergeneration stellte Fragen, auf die die Lehrkräfte oft keine Antworten hatten. Neue Lehrmittel, kritischere Geschichtsdidaktik und eine wachsende Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung veränderten die Schulpraxis nachhaltig. Die Erinnerung wurde problematisiert, kontextualisiert, ins Verhältnis gesetzt. Doch es war kein homogener Prozess. Die Debatte um das „Historikerstreit“ in den 1980er-Jahren offenbarte: Selbst die akademische Geschichtsschreibung war ein Schlachtfeld der Deutungsmacht.

In der DDR dagegen war die Geschichtsschreibung von Beginn an staatlich durchdrungen, didaktisch zielgerichtet und ideologisch kompromisslos. Der Nationalsozialismus wurde nicht als Ausdruck einer gesamtdeutschen Katastrophe verstanden, sondern als Fratze des Imperialismus, eine Mutation des westdeutschen Kapitalismus. Die Schulen der DDR lehrten einen gereinigten Antifaschismus: Der Arbeiterstaat war aus dem Widerstand geboren, der Westen aus der Restauration.

Die Lehrbücher nannten Täter beim Namen – allerdings selektiv. Hitler, Himmler, Göring – gewiss. Aber auch Adenauer, Schumacher und alle, die in der Bundesrepublik Verantwortung trugen, wurden in eine ideologische Kontinuitätslinie zum Faschismus gesetzt. Der Holocaust wurde erwähnt, aber nicht als singuläres Menschheitsverbrechen, sondern eingebettet in eine Gesamtanalyse des „imperialistischen Krieges“. Die jüdischen Opfer rückten hinter die heroisierten Kommunisten zurück – Thälmann verdrängte Anne Frank.

Die Universität: Zwischen Archiv und Altar

Die Hochschulen der Bundesrepublik entwickelten sich nur langsam zu Zentren kritischer NS-Forschung. Nach 1945 blieben viele Professoren in ihren Ämtern, oft mit NSDAP-Vergangenheit. Die Geschichtswissenschaft war lange geprägt von nationalkonservativen Deutungsmustern. Die eigentliche Pionierarbeit der kritischen NS-Forschung wurde von Außenseitern geleistet – Journalisten, Sozialwissenschaftlern, Publizisten. Erst in den 1960er- und 70er-Jahren drangen Themen wie die „Volksgemeinschaft“, die Rolle der Eliten, der Antisemitismus und die Mittäterschaft der Gesellschaft ins Zentrum akademischer Diskurse vor.

Ein Wendepunkt war die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte in München 1949 – ein Versuch, systematische Aufarbeitung unter wissenschaftlichen Vorzeichen zu betreiben. Doch selbst hier galt lange eine gewisse Zurückhaltung. Die NS-Zeit war ein heißes Eisen – politisch heikel, gesellschaftlich umstritten. Erst mit Historikern wie Martin Broszat, Hans Mommsen und Saul Friedländer entstand eine neue, multiperspektivische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

In der DDR war die Universitätsgeschichtsschreibung gleichsam ein verlängerter Arm der SED. Die marxistisch-leninistische Methodologie dominierte – Geschichte war Klassenkampf in der Rückschau. Die Erforschung des Nationalsozialismus war selektiv: Die ökonomische Struktur des Faschismus, die Rolle der Monopole, die Klassencharakteristik des NS-Staats – all das wurde erforscht. Doch moralisch-psychologische Fragen, die individuelle Verantwortung oder die Ambivalenz des Mitläufertums blieben außen vor. Die Geschichte wurde nicht problematisiert, sondern verurteilt. Nicht analysiert, sondern nachgewiesen.

Die Medien: Zwischen Aufklärung und Ästhetisierung

Im Medium zeigt sich die Gesellschaft wie im Spiegelkabinett: verzerrt, aber erkenntnisreich. Die bundesdeutsche Medienlandschaft wandelte sich vom Schweigen zum Sprechen – und dann zum Fragen. Die 1950er Jahre waren geprägt von Verdrängung. Filme wie Des Teufels General (1955) oder Canaris (1954) konstruierten ein Bild des „guten Deutschen“, der innerlich distanziert, aber tragisch verstrickt war. Der Widerstand wurde verklärt, die Schuld individualisiert, das System dämonisiert, nicht analysiert.

Doch mit dem Fernsehfilm Holocaust (1979) wurde das Schweigen durchbrochen. Millionen sahen zum ersten Mal die industriell organisierte Vernichtung – nicht in nüchternen Dokumenten, sondern als emotional erfahrbares Drama. Die Serie wirkte wie ein Katalysator. Danach konnte man nicht mehr so tun, als sei nichts geschehen.

Die DDR-Medien hingegen funktionierten als Verstärker der ideologischen Linie. Der Nationalsozialismus wurde permanent thematisiert – in Dokumentationen, Filmen, Zeitungsartikeln. Doch diese Thematisierung war keine Öffnung, sondern eine Festschreibung. Filme wie Nackt unter Wölfen oder Die Abenteuer des Werner Holt inszenierten den antifaschistischen Widerstand als Heldengeschichte – oft wahrhaftig, manchmal pathetisch, aber immer politisch nützlich.

Epilog: Das gespaltene Gedächtnis und seine Nachbeben

So wuchsen zwei Generationen – getrennt durch eine Mauer, aber vereint im Schatten – mit unterschiedlichen Erzählungen über das Gleiche auf. Die einen lernten, dass ihre Väter Täter waren, aber oft auch Opfer von Verführung und Angst. Die anderen lernten, dass ihre Republik aus der Reinheit des Widerstands geboren sei und die Schuld allein im Westen liege.

Die Wiedervereinigung brachte nicht nur ökonomische, sondern auch erinnerungskulturelle Spannungen. Der Westen hatte gelernt, zu zweifeln. Der Osten war es gewohnt, zu wissen. Die kritische Geschichtsschreibung der BRD traf auf die monumentale Selbstsicherheit der DDR-Narrative. Und so begann ein neues Kapitel der Auseinandersetzung – nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Art, wie man sie erzählte.

Denn Erinnerung ist keine Konserve, sondern ein Prozess. Und die Geschichtsschreibung ist nicht ihr Ende, sondern ihr Anfang – ein Versuch, in der Dunkelheit ein Muster zu erkennen, das nicht nur erklärt, sondern verpflichtet.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..