Zwischen Kritik und Ressentiment – Wann Israel-Kritik antisemitisch wird

Kaum ein anderes Thema entzweit die Öffentlichkeit so zuverlässig wie die Politik Israels. Wo die einen nur eine „normale“ Regierung sehen, deren Entscheidungen wie die anderer Staaten Gegenstand scharfer Kritik sein dürfen, erkennen andere eine Sonderstellung: Israels Politik sei mit der Geschichte des Antisemitismus so untrennbar verbunden, dass Worte hier schneller verletzen, abgleiten, entgleisen. Der Streit entzündet sich immer wieder an derselben Frage: Wann wird aus legitimer Kritik an einem Staat Antisemitismus?

Die Grauzone der Sprache

Die Schwierigkeit liegt in der Sprache. Wer von „Besatzungspolitik“ im Westjordanland spricht, äußert eine politische Position. Wer dagegen von „zionistischem Weltplan“ raunt, verlässt den Boden der Sachkritik und greift zu antisemitischen Verschwörungsmythen. Der Übergang geschieht oft unmerklich – eine Metapher, eine rhetorische Übersteigerung, und schon reproduziert der Redner jahrhundertealte Klischees, die Juden als allmächtig oder perfide konstruieren.

Kritik wird dort problematisch, wo sie nicht mehr Taten, sondern „die Juden“ im Kollektiv trifft. Wenn Israel zum „ewigen Fremdkörper“ stilisiert wird, wenn der jüdische Staat als an sich illegitim dargestellt wird, dann steckt hinter der vermeintlichen Staatskritik ein altes Ressentiment.

Drei Prüfsteine

Um den Unterschied zu benennen, haben Wissenschaftler und Institutionen Kriterien entwickelt, etwa die sogenannte Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Drei zentrale Prüfsteine lassen sich daraus ableiten:

  1. Dämonisierung: Wird Israel mit NS-Vergleichen überzogen, als „Nazistaat“ diffamiert oder mit einer einzigartigen Bosheit belegt, die anderen Staaten nicht zugeschrieben wird, spricht vieles für antisemitische Motive.
  2. Delegitimierung: Wird Israels Existenzrecht als jüdischer Staat bestritten – nicht einzelne Gesetze, nicht bestimmte Regierungen, sondern die Existenz überhaupt –, dann steht nicht Politik, sondern das Judentum als nationale Heimstätte am Pranger.
  3. Doppelstandards: Wer von Israel eine moralische Reinheit verlangt, die er keinem anderen Staat abverlangt, oder systematisch nur dort Empörung zeigt, wo es um Juden geht, bewegt sich in Richtung eines alten Musters: Juden als besondere, ewig verdächtige Ausnahme.

Diese Kriterien sind keine endgültige Formel, aber sie helfen, die Unschärfe der Debatte zu ordnen.

Der deutsche Tonfall

In Deutschland hat die Diskussion eine besondere Schwere. Aus der historischen Schuld erwächst eine doppelte Versuchung: die einen schweigen lieber, um nicht „das Falsche“ zu sagen; die anderen wiederum wenden sich mit umso größerer Heftigkeit gegen Israel, gerade weil sie glauben, so die historische Last abstreifen zu können. Beides verrät letztlich mehr über den deutschen Umgang mit der Vergangenheit als über Israel selbst.

Zwischen Kritik und Verantwortung

Niemand ist verpflichtet, die Politik Jerusalems zu bejubeln, und Israels Regierungen handeln keineswegs jenseits jeder Kritik. Aber Kritik muss auf der Ebene der Argumente, der Fakten, der Politik bleiben. Wer dagegen alte Bilder vom „ewigen Juden“ reaktiviert, sei es in Karikaturen, sei es in globalen Verschwörungstheorien, rutscht ab – oft unbewusst, manchmal kalkuliert.

Die Grenze zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus verläuft also nicht entlang der Frage „Darf man Israel kritisieren?“, sondern: Wie wird kritisiert? Mit welchen Bildern, welchen Maßstäben, welchen Absichten?

Die Antwort entscheidet darüber, ob jemand die Stimme erhebt wie ein politischer Beobachter – oder ob er in die alte Sprache des Ressentiments zurückfällt.

Aktuelle Debatten und Beispiele

Statistische Entwicklung und Einschätzungen

  • Der Jahresbericht 2024 der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) dokumentiert 8.627 antisemitische Vorfälle in Deutschland – ein Anstieg von etwa 77 % im Vergleich zu 2023.
  • Besonders auffällig: Mehr als 5.800 Vorfälle wurden als „israelbezogener Antisemitismus“ eingestuft, also Fälle, in denen Juden in Deutschland für Handlungen der israelischen Regierung in Haftung genommen wurden, in denen Israel dämonisiert wird oder sein Existenzrecht in Frage steht.
  • Auch Schulen und Hochschulen sind betroffen: 2024 wurden allein 450 Vorfälle an Hochschulen gemeldet, an Schulen 284, darunter auch gewaltsame Angriffe. Dies unterstreicht, dass das Problem nicht nur im Netz oder bei Demos liegt, sondern in alltäglichen Begegnungen.

Öffentliche Reden und politische Statements

  • Bundeskanzler Friedrich Merz warnte im September 2025, dass Kritik an Israel in Deutschland zunehmend als Vorwand genutzt werde, um Judenhass zu schüren – etwa durch Täter-Opfer-Umkehr. Er macht klar, dass Kritik an der israelischen Regierung möglich sein müsse, aber dort stoppe, wo sie zum Deckmantel für Antisemitismus werde.
  • Bei der Berliner Freien Universität protestierten Angestellte gegen Polarisierung und forderten Differenzierung. Ein konkretes Beispiel: Der Angriff auf einen jüdischen Studenten, der schwere Verletzungen erlitt, wurde in Stellungnahmen als Ausdruck einer Debattenkultur beschrieben, die sich von sachlicher Kritik hin zu Gewalt und antisemitischer Hetze verschiebt.
  • Auf der Berlinale (Filmfestspiele) wurde Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen laut, während aber der auslösende Anschlag (z. B. der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober) kaum oder gar nicht mit diskutiert wurde. Einige Redner wurden später beschuldigt, Israel in die Nähe von NS-Verbrechen gerückt zu haben – und dies sei ohne Widerspruch geblieben.

Rechtliche Fälle und Urteile

  • In Berlin wurde eine Frau zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie über Social-Media-Posts anti-israelische Inhalte verbreitet hatte, die als antisemitisch gewertet wurden. Die Richterin argumentierte, dass solche Äußerungen dazu beitrügen, dass sich Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlten – z. B. mit Kippa auf der Straße.
  • In den RIAS-Berichten finden sich ebenfalls Fälle, z. B. körperliche Angriffe gegen Menschen, die Hebräisch sprachen, oder Vorfälle, bei denen Juden auf offener Straße beleidigt, bespuckt wurden – allein aufgrund ihrer Sprache, Kleidung oder sichtbaren jüdischen Identität.

Kontroversen um Debattenkultur, Standards und Raum der Kritik

  • Mehrere Stimmen warnen davor, dass die Vorwürfe des Antisemitismus in manchen Fällen verwendet werden, um Kritik pauschal zu diskreditieren oder zu unterdrücken. Beispielsweise argumentiert Itay Mashiach, ein israelischer Journalist, dass die Meldestelle RIAS in manchen Auswertungen „undurchsichtige Methoden“ benutze und die Grenze zwischen legitimer Kritik und antisemitischen Äußerungen zu eng gezogen werde.
  • Auch der SPD-Politiker Helge Lindh und andere fordern, klarer zu unterscheiden, z. B. zwischen Kritik an konkreter Politik, wie Siedlungspolitik oder Militäraktionen, und pauschaler Delegitimierung Israels. Lindh nennt problematisch, wenn „Israelkritik“ mit Doppelstandards oder mit der Androhung seines Existenzrechts verbunden sei – oder wenn Vergleiche mit Kolonialismus oder gar mit dem Holocaust gezogen werden.
  • Die Bundestagsresolution vom 9. Oktober 2024 mit dem Titel „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“ wurde breit unterstützt, löste aber auch Kritik aus, insbesondere aus Hochschulen, aus der Wissenschaft und von Teilen der Zivilgesellschaft. Kritiker bemängeln, dass solche Resolutionen Druck erzeugen könnten, bestimmte Ausdrucksformen zu meiden, und damit Grundrechte wie Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit gefährdet seien.

Online-Debatten und Social Media

  • RIAS dokumentiert einen starken Anstieg antisemitischer Äußerungen in sozialen Medien und Online-Foren. Viele Vorfälle entstammen dem antiisraelischen oder pro-palästinensischem Umfeld. Dabei sind nicht nur Beleidigungen und Hasstiraden gemeint, sondern auch das Teilen von Verschwörungserzählungen und stereotypen Bildern.
  • Ein Beispiel: Kommentare zu Nachrichten oder Videos über den Nahostkonflikt enthalten oftmals Holocaustvergleiche, Aussagen wie „Israel ist Nazistaat“ oder Prophezeiungen eines angeblichen jüdischen Weltherrschaftsplans – Formulierungen, die über politische Kritik hinausgehen, weil sie bewusst alte antisemitische Stereotype reaktivieren. (Belege dafür finden sich in verschiedenen RIAS-Meldungen und in Berichten über Schul- und Uni-Vorfälle.)

Interpretation und Grenzlinien in den aktuellen Fällen

Durch diese Beispiele lassen sich einige Muster erkennen, wo Kritik oft über das hinausgeht, was politisch oder moralisch vertretbar ist, hin zu antisemitischen Tendenzen:

  • Personalisierung und Generalisierung: Wenn nicht nur die Regierung, sondern „die Juden“ insgesamt für das Agieren Israels verantwortlich gemacht werden, wenn also die Kritik kollektiv erfolgt.
  • Täuschende Vergleiche und Metaphern: Holocaust-Vergleiche oder ähnliches werden oft herangezogen, um israelische Politik zu diskreditieren – ohne angemessene Kontextualisierung oder Differenzierung.
  • Doppelstandards: Forderungen oder Erwartungen an Israel, die kaum in vergleichbarer Weise an andere Staaten gestellt werden – z. B. dauerhafte moralische Reinheit, mediale Präsenz von Schuld oder Verantwortung.
  • Verbale Gewalt und Drohkulisse: Wenn Kritik nicht mehr auf Argumentationsebene bleibt, sondern in Einschüchterung, Beleidigung, Angriffen oder realer Gefährdung mündet – physisch oder psychisch.
  • Unscharfe Grenzen im Diskursraum: Wenn öffentliche Institutionen, Hochschulen oder Medienrollen so interpretiert werden, dass bestimmte Formen der Kritik keinen Raum mehr haben, aus Angst vor Antisemitismusvorwürfen.

4 Gedanken zu “Zwischen Kritik und Ressentiment – Wann Israel-Kritik antisemitisch wird

  1. Die universelle, unteilbare, absolute Menschenwürde; sie gilt für uns alle. Die Würde des Menschen bleibt unbeachtet, wenn sie vorsätzlich, in Wort und Tat verletzt wird,

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  2. Die »drei Prüfsteine«, als »3D-Test« bekannt, wurden von Nathan Scharanski schon 2003 formuliert. Die »Arbeitsdefinition« kam erst viel später, 2016.

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  3. Danke für den Artikel! Ich empfinde den frappierendsten Doppelstandard, dass Israel und der IDF Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, aber das terroristische Verhalten der Hamas als legitimer Widerstand angesehen wird. Als Terroristen halten sie sich an keine Regelung und fallen immer wieder mit gezielter Grausamkeit gegen Zivilisten auf. Wie man ein solch barbarisches Vorgehen wie am 07.10.2023 legitimieren kann, während man bei der IDF strengste Maßstäbe anlegt, will mir nicht in den Kopf. Wenn Israel einen Genozid durchführen wollte, hätten sie ihn schon lange abgeschlossen. Die Hamas hat den Genozid in ihrer Charta. Die Täter Opfer Umkehr ist schwer zu ertragen.

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