Die Wiener Ringstraße – Boulevard der Freiheit für die Wiener Juden

Man braucht ja nur in Wien an den Ring schauen, die ganzen jüdischen Pracht-Palais. Da sieht man wieder, dass die Juden immer Geld hatten. Und das konnten sie ja sicher nicht auf ehrlichem Weg erwirtschaftet haben!

Das ist ein Vorurteil, das ich immer wieder bei den Diskussionen nach meinen Vorträgen höre. Das Perfide an diesem „Argument“ ist, dass es zum Teil stimmt (ja, es gibt am Wiener Ring prachtvolle Palais, die von reichen jüdischen Familien erbaut wurden) und zum Teil in der wirtschaftlichen Rolle von Juden begründet liegt, die ihnen von christlicher Seite aufgezwungen wurde. Gemeint ist natürlich das christliche Zinsverbot und die jüdische Rolle dabei. Darüber habe ich ja [HIER] und [HIER] bereits geschrieben.

Die Situation der österreichischen Juden vor 1848

Über die Stellung der Juden in Österreich vor 1848 werde ich noch einen extra Artikel schreiben, von daher hier nur soviel, dass die Jüdinnen und Juden bis ins späte 18. Jahrhundert hinein in den habsburgischen Ländern einem strengen Regime von Sondergesetzen unterworfen waren. Sie durften oft nur in bestimmten Städten oder Vierteln wohnen, mussten hohe Sondersteuern zahlen und waren aus vielen Berufen ausgeschlossen. In Wien war die Zahl der „Schutzjuden“ stark begrenzt, und selbst Eheschließungen unterlagen restriktiven Quoten.

Erst mit dem Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. vom 2. Jänner 1782 durften Juden an Universitäten studieren, einige bestimmte Handwerksberufe zu betreiben, und erhielten auch einige zusätzliche Handelsrechte. So durften Juden ab da ohne Sondergenehmigung Fabriken betreiben. Dies alles brachte zwar keine rechtliche Gleichstellung, hob aber die schärfsten Einschränkungen der Maria-Theresien-Zeit auf. Ziel war die „Nützlichmachung“ der jüdischen Bevölkerung für Staat und Wirtschaft.

Aber nur 16 Jahre später kam es unter Kaiser Franz II. wieder zu Verschärfungen. So wurden Wohn- und Eheschließungsbeschränkungen wieder strenger gehandhabt, und das System der „Schutzjuden“ beibehalten.

1848 – Krebsgänge: zwei Schritte vor und drei zurück

Die liberale Bewegung von 1848 brachte in Wien und anderen Teilen der Monarchie die Forderung nach bürgerlicher Gleichstellung aller Konfessionen auf die Tagesordnung.
Im Zuge der revolutionären Umbrüche:

  • Fielen zahlreiche Berufsverbote
  • Wurde die Niederlassungsfreiheit für Juden weitgehend eingeführt
  • Konnten sie in Städten wie Wien frei Wohnsitze nehmen und Grundstücke erwerben (wenn auch noch nicht völlig ohne Einschränkungen)

Der jüdischen Bevölkerung bot sich damit erstmals die Möglichkeit, aus den engen wirtschaftlichen Nischen des 18. Jahrhunderts herauszutreten. Besonders in Wien führte dies bald zu einem Zuzug von Unternehmer- und Bankiersfamilien aus den Kronländern.

Und schon sind wir wieder beim „Aber“: dem Silvesterpatent, mit dem Kaiser Franz Joseph I. am 31. Dezember 1851 wieder zum autoritären „Neoabsolutismus“ zurückkehrte und die liberalen Errungenschaften der Revolution teilweise zurücknahm. Für die Juden hieß dies etwa, dass ihre politischen Mitwirkungsrechte wieder eingeschränkt wurden.

1867 – Emanzipation

Die 1860er Jahre brachten mit dem Oktoberdiplom von 1860 und dem Februarpatent von 1861 erst eine Liberalisierung und dann 1867 mit der Dezemberverfassung eine Emanzipation der jüdischen Bevölkerung.

In diesem „Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger“ heißt es: Vor dem Gesetz sind alle Staatsbürger gleich. Der Genuss der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnisse unabhängig.

Juden erhielten damit die uneingeschränkte Niederlassungsfreiheit in allen Teilen der Monarchie, Eigentumsrechte auch für Grund und Immobilien, politische Rechte und durften ihren Beruf ohne konfessionelle Schranken wählen.

Hier noch einmal eine Zusammenfassung

JahrRechtsakt / EreignisInhalt / Bedeutung
1782Toleranzpatent Joseph II.Zulassung jüdischer Schulen; Zugang zu Universitäten und einigen Handwerksberufen; Verpflichtung zu deutschsprachiger Korrespondenz; keine völlige Gleichstellung, aber erste Öffnungen.
1797Verschärfungen unter Franz II.Rücknahme mancher Freiheiten; Begrenzung der Niederlassung und Eheschließungen; „Schutzjuden“-System bleibt.
1848 (März–Oktober)Revolution von 1848Aufhebung vieler Sonderabgaben und Berufsverbote; Niederlassungsfreiheit in Städten weitgehend gewährt; erste politische Rechte im Rahmen der Revolution.
1851Silvesterpatent (Rückkehr zum Neoabsolutismus)Teilweise Rücknahme liberaler Errungenschaften; Gleichstellung nicht vollständig, aber wirtschaftliche Betätigung bleibt freier als vor 1848.
1860OktoberdiplomBeginn einer vorsichtigen Liberalisierung; mehr Autonomie für Länder und Gemeinden, gewisse Erleichterungen für jüdische Gemeinden.
1861FebruarpatentEinführung von Landtagen und gewählten Vertretungen; Zugang für Juden möglich, wenn Zensus erfüllt.
1867Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger (Dezemberverfassung)Vollständige rechtliche Gleichstellung: gleiche bürgerliche und politische Rechte unabhängig vom Religionsbekenntnis; uneingeschränkte Niederlassungs-, Berufs- und Eigentumsrechte.

Die Ringstraßen-Palais – Zeichen jüdischen Selbstbewusstseins

Der Abriss der Stadtmauer (ab 1857) und der Bau der Ringstraße war ein enorm prestigeträchtiges Projekt. Grund und Boden in dieser Gegend war teuer und symbolträchtig. Wer dort ein Palais errichtete, demonstrierte gesellschaftlichen Rang und kulturellen Anspruch. Viele wohlhabende jüdische Familien – etwa die Ephrussi, Todesco, Schey oder Epstein – nutzten diese Chance, um durch prachtvolle Palais auch soziale Anerkennung zu erlangen. Diese Bauten waren nicht nur private Wohnsitze, sondern auch Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs und des kulturellen Selbstverständnisses einer nun rechtlich gleichgestellten Minderheit.

Der Bau eines repräsentativen Palais an der Ringstraße war auch ein Ausdruck des Strebens nach Integration in die bürgerlich-aristokratische Gesellschaft der k. u. k. Monarchie. Durch Architektur, Kunstförderung und Mäzenatentum versuchten jüdische Eliten, sich als gleichwertiger Teil des städtischen Establishments zu präsentieren.

Allerdings muss man sagen, dass trotz formalen Gleichberechtigung blieb der gesellschaftliche Antisemitismus bestehen. Im öffentlichen Dienst, im Militär und in der höheren Verwaltung gab es weiterhin informelle Barrieren. Ab den 1880er Jahren gewannen offen antisemitische Parteien wie jene unter Karl Lueger in Wien Einfluss, was die Emanzipation erschwerte.

Die bedeutendsten Palais

1861–1864 – Palais Todesco (Kärntner Straße 51)
Bauherr:
Eduard von Todesco (1814–1887), Bankier und Industrieller, stammte aus einer wohlhabenden Wiener Bankiersfamilie.
Bedeutung der Familie: Die Todescos waren in der Textilindustrie, im Bankwesen und als Investoren in Eisenbahnen tätig. Eduard war bekannt für sein Mäzenatentum, seine Frau Sophie von Todesco führte einen berühmten literarisch-musikalischen Salon.
Architektur: Neorenaissance, entworfen von Theophil Hansen, mit prunkvoller Innenausstattung.
Geschichte: 19. Jh.: Wohn- und Repräsentationssitz von Eduard und Sophie von Todesco; bekannter Treffpunkt von Künstlern, Literaten und Musikern.
NS-Zeit: 1938 „arisiert“; Eigentümer vertrieben.
Nach 1945: Nutzung u. a. durch UNESCO und andere Organisationen.
Heute: Erdgeschoß mit Geschäftslokalen, Obergeschosse Büro- und Veranstaltungsräume.

1863–1864 – Palais Schey von Koromla (Ecke Goethegasse 3/Opernring 10)
Bauherr:
Friedrich Schey von Koromla (1815–1881), Bankier ungarischer Herkunft.
Bedeutung der Familie: Schey war einer der führenden Eisenbahnfinanziers der Monarchie und stand an der Spitze mehrerer Großbanken. 1859 geadelt.
Architektur: Frühes Ringstraßenpalais mit italienischen Renaissanceelementen, repräsentative Loggia.
Geschichte: 19. Jh.: Privatresidenz; Schey starb 1881, Familie verkaufte später.
Zwischenkriegszeit: Nutzung als Sitz verschiedener Firmen.
NS-Zeit: Enteignet; nach 1945 Restitution.
Heute: Sitz der israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), damit wieder ein zentraler Ort jüdischen Lebens.

1864–1868 – Palais Wertheim (Schwarzenbergplatz 17/Kärntnerring 18)
Bauherr:
Franz von Wertheim (1814–1883), Industrieller und Erfinder.
Bedeutung der Familie: Wertheim machte sein Vermögen mit feuer- und diebstahlsicheren Tresoren, belieferte Banken, Kaufhäuser und Regierungsgebäude.
Architektur: Großdimensionierter Prachtbau im Neorenaissance-Stil; wurde später durch Umbauten stark verändert.
Geschichte: 19. Jh.: Familienwohnsitz; auch repräsentative Empfänge.
20. Jh.: Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört.
Heute: Teilweise Neubau; ursprüngliche Pracht stark reduziert. Nutzung als Geschäfts- und Bürogebäude.

1868–1870 – Palais Gomperz (Kärntner Ring 3)
Bauherren:
Julius von Gomperz (1823–1909) und Max von Gomperz (1822–1913), Brüder, Bankiers und Industrielle aus Brünn.
Bedeutung der Familie: Großes Engagement in Eisenbahnbau, Kohle- und Eisenindustrie. Julius war Präsident der Wiener Börse.
Architektur: Historismus mit reich ornamentierter Fassade, auch als gesellschaftlicher Treffpunkt genutzt.
Geschichte: 19. Jh.: Wohnsitz der Brüder Gomperz, gesellschaftlicher Treffpunkt.
NS-Zeit: Enteignet; nach 1945 restituiert, aber später verkauft.
Heute: Sitz von Firmen und Kanzleien, Fassade weitgehend originalgetreu erhalten.

1869–1871 – Palais Lieben-Auspitz (Universitätsring 4)
Bauherren:
Leopold von Lieben (1835–1915) und Rudolf Auspitz (1837–1906), Bankiers und Industrielle.
Bedeutung der Familien: Enge wirtschaftliche Verbindungen zu Zuckerindustrie, Brauereien und Eisenbahnen. Die Familien waren auch politisch aktiv im Wiener Gemeinderat.
Architektur: Mischung aus Neorenaissance und Neobarock; Erdgeschoss beherbergte später das Café Landtmann.
Geschichte: 19. Jh.: Wohn- und Geschäftshaus; Erdgeschoß mit Café Landtmann seit 1873.
NS-Zeit: Enteignet; Café Landtmann blieb in Betrieb unter neuer Leitung.
Nach 1945: Restitution an Erben, Verkauf; Café weiterhin traditionsreich.
Heute: Café Landtmann noch immer im Erdgeschoß; Obergeschosse Büros.

1871–1873 – Palais Ephrussi (Universitätsring 14)
Bauherr:
Ignaz von Ephrussi (1829–1899), Bankier und Großhändler im Getreidehandel, aus Odessa stammend.
Bedeutung der Familie: Die Ephrussis waren eines der wohlhabendsten Handelshäuser der Monarchie, aktiv im internationalen Getreideexport und Bankwesen.
Architektur: Entworfen von Theophil Hansen, üppige Innenausstattung; durch Edmund de Waals „Die Hare mit den Bernsteinaugen“ international bekannt.
Geschichte: 19. Jh.: Prunkvoller Wohnsitz; Sammlung von Kunst und Kunsthandwerk.
NS-Zeit: „Arisierung“; Familie floh, Kunstsammlung geplündert.
Nach 1945: Teilweise restituiert, aber bald verkauft.
Heute: Sitz der Universität Wien (diverse Institute), originale Ausstattung teils verloren.

1873 – Palais Epstein (Dr.-Karl-Renner-Ring 1)
Bauherr:
Gustav von Epstein (1828–1879), Bankier und Eisenbahnunternehmer.
Bedeutung der Familie: Epstein war stark im Eisenbahnbau engagiert und unterstützte zahlreiche kulturelle Projekte. Nach der Wirtschaftskrise von 1873 verlor er das Palais.
Architektur: Hansen-Bau mit klassizistischen Elementen, heute Parlamentsnebentrakt.
Geschichte: Kurz nach Fertigstellung: Börsenkrach und 1873 Zwangsverkauf; nie lange im Epstein-Besitz.
Spätes 19. Jh.: Nutzung durch andere Privatpersonen, später durch Staat.
Heute: Eigentum der Republik Österreich; dient dem Parlament als Erweiterungsgebäude; Führungen möglich.

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Bildnachweis
Palais Todesco: Von Tokfo – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35056466
Palais Schey von Koromla: Von Gryffindor – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1016582
Palais Wertheim: Von Thomas Ledl – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38764294
Palais Gomperz: Von Gryffindor – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1173852
Palais Lieben-Auspitz: Von Gryffindor – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1235377
Palais Ephrussi: Von Peter Haas, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28087486
Palais Epstein: Von Thomas Ledl – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39074008

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