Man sah und sieht es immer wieder: sogenannte „Stars“ aus Film und Fernsehen, die demonstrativ Anstecknadeln mit roten Händen tragen, um ihre Solidarität mit den Palästinensern zum Ausdruck zu bringen. Dabei bringen sie tatsächlich aber nur ihren Antisemitismus und ihre geschichtsvergessene Ahnungslosigkeit zum Ausdruck.
Warum dieses harte Urteil? Schauen wir uns doch einmal an, woher dieses Symbol kommt.
Es war der 12. Oktober 2000, als sich die beiden israelischen Reservisten Yosef „Yossi“ Avrahami und Vadim Nurzhitz auf dem Weg zu ihrer Einheit in der Nähe der Siedlung Beit El machten und sich verfuhren. Stattdessen kamen sie an einer Straßensperre der palästinensischen Autonomiebehörde vor der Stadt Ramallah an. Dort wurden sie verhaftet und in eine nahegelegene Polizeistation gebracht, um verhört zu werden.
In Ramallah verbreitete sich die Lüge, dass es sich um Undercover-Agenten der israelischen Armee handeln würde, woraufhin ein Mob von mehr als 1.000 Menschen zu eben jener Polizeistation zog. Einige palästinensische Polizisten versuchten, den Mob noch zurückzuhalten, aber schließlich stürmte ein Trupp von etwa einem Dutzend mit Messern und Metallstangen bewaffneter Männer die Station und schlachtete die beiden Israelis brutal ab. Sie wurden mit den Metallstangen geschlagen, Augen aus dem Schädel gerissen, der Körper auf- und innere Organe herausgerissen. Es bleibt zu hoffen, dass die beiden Männer schon tot waren, als ihnen dies widerfuhr.
Einer der leblosen Körper wurde aus dem Fenster des Polizeireviers geworfen, wo der Mob weiter auf ihm einschlug und eintrat. Der andere Körper wurde angezündet und durch die Straßen geschleift.
Die palästinensische Polizei war währenddessen damit beschäftigt, anwesenden Journalisten Filmaufnahmen und Fotos der Tat wegzunehmen.
Der britische Fotograf Mark Seager schrieb in einem Augenzeugenbericht: Ich stieg aus dem Auto, um zu sehen, was los war, und sah, dass sie etwas hinter sich herzogen. Augenblicke später waren sie vor mir und zu meinem Entsetzen sah ich, dass es eine Leiche war, einen Mann, den sie an den Füßen zogen. Der untere Teil seines Körpers stand in Flammen und der obere Teil war beschossen worden, und der Kopf war so schlimm geschlagen worden, dass er ein Brei war, wie rotes Gelee.
Ich dachte, er sei ein Soldat, weil ich die Überreste einer khakifarbenen Hose und Stiefel sehen konnte. Mein Gott, dachte ich, die haben den Typen getötet. Er war tot, er musste tot gewesen sein, aber sie schlugen immer noch auf ihn ein, wahnsinnig, traten auf seinen Kopf. Sie waren wie Tiere.
Sie waren nur ein paar Meter vor mir und ich konnte alles sehen. Instinktiv griff ich nach meiner Kamera. Ich komponierte das Bild, als ich von einem Palästinenser ins Gesicht geschlagen wurde. Ein anderer Palästinenser zeigte direkt auf mich und schrie „Kein Foto, kein Foto!“, während ein anderer Typ mich ins Gesicht schlug und sagte „Gib mir deinen Film!“.
Ich versuchte, den Film herauszuholen, aber sie packten mich alle und ein Typ riss mir einfach die Kamera aus der Hand und zerschmetterte sie auf dem Boden. Ich wusste, dass ich die Chance verpasst hatte, das Foto zu machen, das mich berühmt gemacht hätte, und ich hatte mein Lieblingsobjektiv verloren, das ich auf der ganzen Welt benutzt hatte, aber es war mir egal. Ich hatte Angst um mein Leben.
Gleichzeitig wurde der Typ, der wie ein Soldat aussah, geschlagen und die Menge wurde wütender und wütender und schrie „Allah akbar“ – Gott ist groß. Sie zogen den toten Mann wie eine Katze, die mit einer Maus spielt, durch die Straße. Es war das Schrecklichste, was ich je gesehen habe, und ich habe aus dem Kongo, dem Kosovo, vielen schlimmen Orten berichtet. Im Kosovo sah ich Serben, die einen Albaner schlugen, aber es war nicht so. Da war so viel Hass, so unglaublicher Hass und Wut, die ihre Gesichter verzerrten.
(Originaltext)
Ein Team des italienischen Senders Mediaset filmte den Gewaltakt. Ihr könnt den Film noch auf YouTube sehen. Nein, ich verlinke das nicht.
Das ikonische Bild aber war ein anderes: Ein junger Palästinenser, der am Fenster des Polizeigebäudes stand, seine Hand blutverschmiert erhoben, die rote Handfläche gen Kamera gestreckt, triumphierend, fast stolz. Dieses Foto ging um die Welt – und wurde zum Symbol.
Seitdem gilt die rote Hand nicht als unschuldiges Friedenszeichen, sondern als unmittelbare Erinnerung an einen Mord. Wer sie zeigt, evoziert nicht „Stoppt den Krieg“, sondern den Moment, in dem Menschen auf das Gemetzel an zwei Wehrlosen mit Begeisterung reagierten. Sie ist ein Symbol der Entmenschlichung, ein Bild, das Gewalt nicht nur rechtfertigt, sondern feiert.
Dass diese Geste heute, fast ein Vierteljahrhundert später, in Berlin, London oder Paris auf Demonstrationen wiederkehrt, zeigt die ganze Abgründigkeit mancher Protestformen. Sie signalisiert nicht nur Kritik an der israelischen Politik. Sie verweist vielmehr auf eine Tradition der Dämonisierung, in der Juden nicht als politische Gegner, sondern als Freiwild erscheinen.
Die rote Hand ist deshalb so perfide, weil sie zwei Ebenen zugleich besetzt: Sie wirkt auf den ersten Blick plakativ und naheliegend – rot wie Blut, Hand wie Stopp – und wird deshalb von manchen vielleicht als harmloses Protestmittel verstanden. Doch wer um ihren Ursprung weiß, erkennt die doppelte Botschaft. Sie erinnert an das blutige Ritual von Ramallah, sie trägt den Geist des Mobs in sich.
Im Kontext des Nahostkonflikts ist die rote Hand deshalb mehr als eine geschmacklose Provokation: Sie ist ein Symbol, das Gewalt nicht nur andeutet, sondern feiert. Wer es nutzt, distanziert sich nicht von Terror, sondern beruft sich auf dessen Ikonen. Es ist eine Geste, die in der Logik des „Blutes an den Händen“ schwelgt, die Schuld kollektiv zuweist und den Gegner entmenschlicht.
In einer politischen Kultur, die auf Argumenten, Differenzen und Kompromissen beruhen sollte, ist die rote Hand der Ausdruck des Gegenteils. Sie verweigert die Diskussion, sie ruft nicht zur Verständigung, sondern zur Rache. Sie ist das visuelle Echo eines Lynchmordes – und ihre Wiederbelebung auf europäischen Straßen macht deutlich, wie wenig Skrupel manche Demonstranten haben, sich mit barbarischen Bildern zu schmücken.
Es ist deshalb kein Zufall, dass jüdische Organisationen, Überlebende und Historiker die Verwendung der roten Hand als zutiefst antisemitisch verurteilen. Wer sie trägt, macht sich gemein mit einer Geschichte, in der Juden nicht als Menschen behandelt wurden, sondern als Objekte eines ritualisierten Hasses.
Man kann über israelische Politik streiten. Man darf ihre Regierungen kritisieren, ihre Strategien infrage stellen, ihre Kriegsführung verurteilen. Aber die rote Hand steht außerhalb dieser Debatte. Sie ist keine Kritik, sie ist kein Diskussionsbeitrag. Sie ist das Bekenntnis zu einem barbarischen Augenblick, in dem Mord zur Folklore wurde.
Wer sie erhebt, erhebt nicht nur seine Stimme – er erhebt ein Bild, das Gewalt heiligt. Und das, in einer Welt, die sich Humanität und Aufklärung auf die Fahnen schreibt, bleibt nichts anderes als ekelhaft.
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Stimmen zu den Rote-Hand-Pins:
Ofir Gendelman, Sprecher der israelischen Regierung, kommentierte: This is what every Israeli and Palestinian thinks of when he sees a red hand: the lynching of 2 Israelis by Palestinians in 2000 in a police station. The murderers drenched their hands in their victims‘ blood, celebrating their murder. (X)
Brooke Goldstein, Leiterin der Rechtsorganisation Lawfare Project, äußerte sich zum sogenannten „Red Hand Pin“: The ‘red hand pin’ is a grotesque symbol of homicidal Jew-hatred, and wearing it reflects, at best, the wearer’s stunning ignorance, or, at worst, support for the genocide of the Jewish people. (X)
In Deutschland berichtete Claudius Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einer Protestaktion an der Universität der Künste (UdK) Berlin: Jeder jüdische Student, tatsächlich jeder, der sich ein wenig mit Israels jüngerer Geschichte befasst hat, wird die roten Hände anders interpretieren: Im Oktober 2000, nahe Ramallah, wurden zwei israelische Reservisten … brutal ermordet und ihre Körper von einem palästinensischen Mob verstümmelt … (Algemeiner.com)
Beitragsbild: By Italian TV crew of Mediaset channel, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=13994539
Ein Gedanke zu “Die Sache mit den roten Händen”