Die stille Verödung der Welt – oder: Wie der praktische Brutalismus uns die Ästhetik raubt

Man merkt es nicht sofort. Nein, es passiert leise. Kein Blitz, kein Knall. Nur ein leises Verschwinden, wie wenn der Zucker im Tee langsam auflöst, und man denkt: „Ah, süß.“ Aber nein, bitter. Bitterkeit. Die Welt wird hässlich. Schritt für Schritt. Poller für Poller. Ampel für Ampel. Billy-Regal für Billy-Regal.

Es fängt harmlos an: eine Ampel. Früher war das ein kleines Kunstwerk. Ein bisschen Blech, ein bisschen Kurve, ein bisschen „Schau mal, der Mensch hat Geschmack“. Heute? Ein grauer Klotz. Sie leuchtet rot, grün, gelb. Das war’s. Keine Andeutung von Schönheit, kein Augenzwinkern. Nur Funktion. Praktisch. Brutal. Und, ja, langweilig.

Die Straßenlaternen? Dieselbe Geschichte. Früher konnte man an ihnen hängen bleiben, nicht im wörtlichen Sinn, sondern mit den Augen. Heute? Eine Röhre. Licht kommt raus. Fertig. Poller? Wenn die Poller ein Gesicht hätten, würden sie weinen. Ich meine, ernsthaft. Ein bisschen wie die Katze meiner Nachbarin, die seit drei Tagen in einem Karton sitzt und nur noch stirnrunzelnd guckt.

Die Diktatur des Nutzens

Und Möbel. Ach, die Möbel. Möbelhäuser. Alles in Fließbandform, aufgeräumt wie ein Chemielabor. „Oh, das ist praktisch“, sagen die Leute. Praktisch heißt: billig, stapelbar, austauschbar, ohne jede Geschichte. Wir kaufen es trotzdem. Wir fügen Billy-Regale zusammen wie Origami für Leute, die keinen Humor haben.

Praktischer Brutalismus. Ein Stil ohne Stil. Rechteckig, kantig, langweilig. Weltweit. Ein Weltreich der Rechtecke.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir mein altes Fahrrad ein. Es hat Kurven. Einen Sattel. Einen Gepäckträger, der mehr als nur praktisch ist. Und doch würde heute kein Architekt auf die Idee kommen, ein Haus nach einem Fahrrad zu gestalten. Schade eigentlich.

Rechtecke als Architektur der Seele

Man geht durch Neubauviertel und fragt sich unwillkürlich: Wer hat der Geometrie eigentlich die Weltherrschaft überlassen? Rechteckige Häuser, rechteckige Balkone, rechteckige Fenster, rechteckige Langeweile. Alles rechteckig. Alles eckig. Alles so nüchtern, dass man fast glauben möchte, ein Vermessungsingenieur hätte persönlich über Nacht die Welt übernommen.

Früher erzählte ein Haus Geschichten. Man konnte in die Fenster blicken und denken: „Ah, da wohnt jemand, der Geige spielt, oder wenigstens eine Katze hat, die das versucht.“ Heute: „Ich bin neutral. Ich bin effizient. Bitte nicht anfassen.“ Manchmal, beim Vorbeigehen, hat man das Gefühl, die Häuser starren zurück. Wie rechteckige Richter, die über den ästhetischen Gehorsam der Passanten wachen.

Ich erinnere mich an ein kleines Café in der Altstadt, wo die Fassade noch krumm war, als hätte sie zu viel Rotwein getrunken. Dort stand eine Laterne, die elegant im Wind schaukelte, und ich schwöre, sie hat mich angesehen und gelächelt. Heute stehen Straßenlaternen wie Soldaten, festgezurrt auf Betonfundamenten. Sie bewegen sich nicht. Sie lächeln nicht.

Und die Balkone! Ach, die Balkone. Früher konnten sie verspielt sein, ein bisschen schief, mit Blumen, kleinen Geländern, die wie filigrane Ornamente wuchsen. Heute Balkone, die so aussehen, als hätte man sie mit einem Lineal und einem Laser aus dem Beton gefräst. Wer denkt da noch an den Menschen, der hinausgeht, um den Abendhimmel zu beobachten, oder der heimlich seinen Kaffee austrinkt, während die Nachbarn ihn ignorieren? Rechteckig. Praktisch. Brutal.

Die Menschen selbst scheinen sich dem anzupassen. Ich habe neulich einen Mann gesehen, der vor so einem neuen Bau stand, die Hände in den Taschen, und leise murmelte: „Modern, sauber, praktisch.“ Dabei hätte er eigentlich weinen oder lachen müssen. Vielleicht gleichzeitig. Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte eine Katze auf dem Dach den Moment gerettet, oder ein Vogel, der gegen die glatte Wand prallte. Aber nein, alles starr.

Selbst die Gärten, die einst kleine Oasen der Fantasie waren, sind nun quadratische Rasenflächen. Gras in perfekten Reihen, Büsche akkurat gestutzt, keine verwilderten Ecken mehr, die Geschichten erzählten. Nichts, was das Auge überrascht oder die Seele kitzelt. Nur Rechtecke. Rechtecke. Rechtecke.

Und man fragt sich: War das wirklich ein Fortschritt? Oder haben wir nur die Langeweile institutionalisiert? Die Effizienz über die Seele gestellt? Ich gehe dann ein paar Schritte weiter, spüre den Geruch von Regen auf Asphalt, höre das ferne Klingeln eines Fahrrads, sehe einen Vogel, der fast gegen ein rechteckiges Fenster knallt, und denke: Ja, früher war alles chaotischer. Aber schöner.

Schriften: Von Schönheit zur Arial-Diktatur

Aber nicht nur Häuser, Ampeln und Poller leiden. Nein, auch unsere Buchstaben. Früher hatte jede Schrift eine Persönlichkeit. Garamond, zum Beispiel, die war elegant, ein bisschen höflich, wie ein Butler, der einem trotzdem ins Hemd niesen würde, wenn man unachtsam ist. Bodoni war ein bisschen eitel, stolz, aber charmant – man konnte beim Lesen das leicht arrogante „Ich bin Kunst“ spüren, ohne dass man es wollte. Helvetica, sachlich, klar, aber immer mit einem leisen Augenzwinkern. Eine Schrift, die sagt: „Ich erkläre die Welt, aber mit Stil.“

Heute? Heute herrscht Arial. Arial, die Einheits-Schriftschablone für Kleingeister. Keine Kurve, kein Strich, keine Persönlichkeit. Arial ist wie das Wasser aus der Leitung: klar, tut seinen Dienst, aber wer würde sich in Wasser verlieben? „Effizient“, sagt man. Neutral. Funktional. Selbst Grabsteine, Verträge, Schilder, Präsentationen – alles Arial. Wie ein grauer Einheitsbrei, der sich heimlich über die Welt legt.

Manchmal, beim Korrigieren von Dokumenten, sehe ich diese Arial-Zeilen und will schreien. Oder wenigstens ein leises, resigniertes „Oh nein“. Es fehlt das Spiel. Das Schwingen der Serifen, das Fließen von Buchstaben, das fast ein bisschen Tanz wäre, wenn man nur hinsieht. Buchstaben waren einmal wie kleine Persönlichkeiten, wie winzige Schauspieler auf der Bühne der Seite. Jeder Satz, jede Zeile war ein Ensemble. Heute? Monotonie. Rechteckige Buchstaben, die starr nach Funktion schreien.

Und dann denke ich an handgeschriebene Notizen. Die von Lehrern, Großeltern, Freunden. Linien, die manchmal wackelten, Buchstaben, die tanzten, als hätten sie gerade einen Kaffee getrunken. Da war Persönlichkeit. Da war Schönheit im Alltäglichen. Heute tippt man auf einer Tastatur, drückt Enter, und schon erscheint Arial. Fertig. Kein Wackeln. Kein Tanzen. Kein Leben.

Ich erinnere mich noch an ein altes Werbeplakat aus den 70er Jahren: Verspielte Schriften, die fast in den Himmel sprangen, Buchstaben, die sich umeinander wanden. Die wollten auffallen. Und sie taten es. Heute wäre dasselbe Plakat wahrscheinlich in Arial gedruckt, sachlich, brav, fast entschuldigend. Man möchte den Designer umarmen, ihn dann sanft auf den Boden legen und sagen: „Es war einmal…“

Natürlich kommt jetzt sicher jemand um die Ecke, der wütend ein Schild schwenkt mit „Aber die Sehbeeinträchtigten!“ Ist ja gut, möchte man ihm entgegenrufen. Natürlich tun sich sehbeeinträchtigte Menschen mit Serifenschriften schwer, aber es gibt durchaus serifenlose Schriften mit Stil, Niveau und Ästhetik. Die Futura zum Beispiel. Also ist auch dieses „Argument“ kein Grund dafür, sich der Arial-Barbarei zu unterwerfen.

Kurzum: Schriften sind mehr als Werkzeuge. Sie sind kleine Fenster in eine Kultur, in eine Ästhetik, in eine Stimmung. Und wir haben uns entschieden, das Fenster zuzumauern. Mit Arial.

Der Verlust, der keiner sein soll

Merkwürdig ist: Wir merken gar nicht, dass wir Schönheit aufgeben. Wir feiern Effizienz. Fantasie wird zur Kostenstelle. Ornamentik zum Luxus. Alles, was verspielt ist, gestrichen. Alles, was lächelt, geradegeklopft.

Und wir? Wir spazieren durch unsere Städte, starren auf das Smartphone, merken nicht, dass wir gerade durch ein architektonisches Grab gehen. Der Regen riecht nach Asphalt, der Duft klebt an den Schuhen, und trotzdem: rechteckige Häuser. Rechteckige Ampeln. Rechteckige Poller. Und wir? Wir denken: praktisch.

Ein Blick zurück

Wenn man durch alte Städte spaziert — Wien, Prag, Paris, Lübeck, oder sogar nur durch die Altstadt einer kleinen Stadt, die keiner auf der Landkarte findet — dann merkt man sofort, was verloren geht. Fassaden, die Geschichten erzählen, Türen, die ein kleines Geheimnis bergen, Fensterrahmen, die mehr sind als Holz und Glas. Sie flüstern einem zu: „Hier hat jemand gelebt, hier wurde gelacht, geweint, gestritten, vielleicht sogar getanzt.“

Ich erinnere mich an eine Straße in Prag. Die Pflastersteine waren uneben, jeder Schritt ein kleines Abenteuer. Ein Vogel hüpfte von Dach zu Dach, und eine Katze, die ich fast übersehen hätte, sprang von einem Geländer. Sie sah mich an, so als wollte sie sagen: „Du hast schon lange nicht mehr genau hingesehen, was?“ Und ja, ich hatte es nicht. Ich hatte es verlernt.

In Paris, in einem Viertel, das Touristen kaum beachten, standen die Häuser noch wie alte Musiker auf einer Bühne. Jedes Fenster ein Solo, jede Tür ein Akkord, jede Kante ein kleines Crescendo. Ich habe dort einmal einen alten Mann gesehen, der sein kleines Radio aus dem Fenster hielt, während ein Hund auf der Straße ihm nachsah. Sie verstanden einander offenbar besser als die neuen Häuser, die nur noch stumm ihre rechteckige Langeweile auf uns projizieren.

Und dann Wien. Ach, Wien! Man geht durch die Gassen und spürt noch die Kurven der Fassaden, die einmal so elegant waren, dass sie fast tanzten. Man riecht den Regen auf dem alten Stein, hört das Quietschen eines Fahrradkorbs, den ein Kind gerade den Hügel hinunterzieht, und denkt: Hier war Ästhetik, hier war Leben.

Die alten Städte erinnern uns daran, dass Architektur nicht nur Schutz ist. Nicht nur Funktion. Sie ist Poesie, manchmal laut, manchmal leise, oft chaotisch, niemals langweilig. Sie erzählt von Menschen, die dort gelebt haben, die sich bemühten, ihre Umgebung ein bisschen schöner zu machen, weil sie wussten, dass Schönheit eine Form von Respekt ist — gegenüber der Welt, gegenüber sich selbst, gegenüber dem, der vorbeigeht.

Heute spaziert man durch Neubauviertel, sieht die glatten, rechteckigen Fassaden und denkt: „Effizient, modern, praktisch.“ Aber es fehlt etwas. Der kleine Vogel, der Tanz der Katze, das unregelmäßige Pflaster, das flüsternde Fenster — all das ist verschwunden oder versteckt sich hinter Beton und Glas. Man merkt es kaum, bis man plötzlich stehen bleibt, einen Atemzug nimmt und denkt: „Früher war alles ein bisschen lebendiger. Ein bisschen mutiger. Ein bisschen schöner.“

Und manchmal, nur manchmal, wünsche ich mir, dass wir wieder lernen, auf Details zu achten. Dass wir wieder hinsehen, hören, riechen und fühlen. Dass wir erkennen, dass die Welt mehr sein kann als rechteckige Klötze, graue Ampeln und effiziente Möbel. Dass sie auch lachen, tanzen und staunen kann — wenn wir es zulassen.

Und nun?

Vielleicht sollten wir dem Brutalismus etwas entgegenhalten: Staunen. Kurven genießen. Farben bestaunen. Schriften lieben. Vielleicht merken wir dann, dass Schönheit keine Marotte ist, sondern eine Notwendigkeit.

Denn selten war „praktisch“ so brutal wie heute.

Und wenn Sie beim nächsten Regen über den Asphalt gehen, halten Sie inne. Atmen Sie. Vielleicht riecht es dann nach mehr als Rechtecken. Vielleicht nach einer Zeit, als die Welt noch lachen konnte.

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