Sprache auf Bewährung

'FORGOTTEN' in large cracked letters breaking apart with dust and fragments

Wenn man 1984 heute liest, dann fühlt man sich nicht wie ein intellektueller Tourist in einer fernen Schreckenswelt, sondern eher wie jemand, der versehentlich die Bedienungsanleitung der eigenen Gegenwart in die Finger bekommen hat. Nur dass sie ein bisschen ehrlicher formuliert ist als das, was man sonst so serviert bekommt.

Bei George Orwell marschieren die Stiefel noch hörbar durch die Straßen. Das war damals wohl nötig, damit auch der Letzte begreift, dass hier gerade etwas Unangenehmes passiert. Heute ist man da weiter. Heute kommt die Kontrolle in bequemen Schuhen daher, spricht freundlich, gendert korrekt und hat ein ausgeprägtes Bedürfnis, niemanden zu verletzen – außer vielleicht die Sprache selbst, aber die hat ja kein Wahlrecht.

Das eigentliche Meisterstück in 1984 ist nicht der Große Bruder, sondern das Neusprech. Eine Sprache, die so lange zurechtgestutzt wird, bis sie nur noch das ausdrücken kann, was politisch erwünscht ist. Der Trick ist bestechend einfach: Man verbietet keine Gedanken. Man sorgt lediglich dafür, dass die passenden Wörter fehlen. Und wer keine Wörter hat, der denkt irgendwann auch nicht mehr besonders weit. Das ist kein brutaler Eingriff, das ist sprachliche Diät – und am Ende wundert man sich, warum alle geistig ein bisschen unterernährt wirken.

Nun könnte man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass das alles mit unserer Gegenwart ungefähr so viel zu tun hat wie Dampflokomotiven mit dem ICE. Schließlich leben wir in offenen Gesellschaften, in denen jeder sagen darf, was er will. Theoretisch. Praktisch darf man vor allem sagen, was man sagen darf – und das ist ein feiner, aber nicht ganz unwichtiger Unterschied.

Unter dem hübsch verschwommenen Etikett der „woken“ Sprachsensibilität wird heute mit einer Ernsthaftigkeit an Wörtern herumgedoktert, die man früher nur aus besonders ehrgeizigen Behörden kannte. Begriffe werden aussortiert, ersetzt, umetikettiert, mit Warnhinweisen versehen oder gleich ganz entsorgt. Natürlich immer mit der besten aller Begründungen: Rücksicht. Respekt. Sensibilität. Dagegen lässt sich schwer argumentieren, ohne sofort wie ein kulturpessimistischer Höhlenbewohner zu wirken, der noch mit der Keule auf Grammatikregeln einschlägt.

Das Problem ist nur: Gute Absichten sind ein denkbar schlechtes Kriterium für gute Ergebnisse. Wenn Sprache nicht mehr in erster Linie dazu dient, etwas möglichst präzise auszudrücken, sondern möglichst korrekt zu klingen, dann verschiebt sich ihr Zweck. Dann wird sie zum Prüfungsfach. Und die meisten Menschen reagieren auf Prüfungen nicht mit geistiger Kühnheit, sondern mit angepasster Vorsicht.

Man fängt an, Sätze im Kopf vorzusortieren, wie ein ängstlicher Zollbeamter am eigenen Hirn. „Darf ich das so sagen?“, „Ist das noch zulässig?“, „Gibt es dafür inzwischen ein besseres Wort?“ – und während man noch innerlich Formulare ausfüllt, ist der ursprüngliche Gedanke längst verhungert. Das ist kein Verbot, das ist Dressur. Und zwar eine ziemlich effektive.

Hier liegt die unangenehme Nähe zu Orwells Neusprech. Nicht, weil irgendjemand ein offizielles Wörterbuch des erlaubten Denkens herausgibt – so plump ist es nun wirklich nicht. Sondern weil sich ein Klima entwickelt, in dem Abweichung nicht mehr argumentativ gekontert, sondern moralisch markiert wird. Wer das falsche Wort benutzt, hat nicht einfach unrecht, sondern steht unter Verdacht. Und wer unter Verdacht steht, erklärt sich nicht mehr, der entschuldigt sich.

Das Ergebnis ist eine Sprache, die immer glatter, immer vorsichtiger, immer risikofreier wird. Eine Sprache, die niemanden beleidigt – und dabei zunehmend auch niemanden mehr interessiert. Sie ist korrekt, sauber, gut gemeint und ungefähr so lebendig wie ein Beipackzettel.

Nun wäre es Unsinn zu behaupten, wir lebten in einer orwellschen Diktatur. Dafür fehlt es schon an der nötigen Konsequenz – und am schlechten Geschmack in der Innenarchitektur. Aber die Mechanik, die Orwell beschrieben hat, ist erstaunlich kompatibel mit einer Gesellschaft, die sich selbst reguliert, weil sie gelernt hat, dass bestimmte Abweichungen unangenehm werden können.

Das eigentlich Raffinierte daran: Man braucht keine Gedankenpolizei, wenn die Leute anfangen, sich gegenseitig zu überwachen und dabei noch ein gutes Gewissen haben. Das spart Personal und wirkt nachhaltiger.

Orwell ging es nie darum, dass irgendwann jemand mit dem Megafon kommt und „Denken verboten!“ ruft. Ihm ging es um den viel leiseren Prozess, in dem Denken schlicht überflüssig gemacht wird, weil die sprachlichen Werkzeuge fehlen oder vermint sind. Und genau an diesem Punkt wird es unerquicklich aktuell.

Man kann das alles für übertrieben halten. Man kann auch sagen: Ach, ein bisschen mehr Rücksicht hat noch niemandem geschadet. Stimmt. Ein bisschen. Die Frage ist nur, wann aus „ein bisschen“ ein System wird, in dem man ständig auf der Hut ist, nichts Falsches zu sagen – und am Ende lieber gar nichts mehr sagt, was über das Ungefährliche hinausgeht.

Und dann hat man sie plötzlich: eine Gesellschaft, die sich für besonders sensibel hält und dabei vor allem eines geworden ist – bemerkenswert sprachscheu. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätte, sondern weil sie sich nicht mehr sicher ist, wie.

Orwell hätte sich das vermutlich mit einem müden Lächeln angesehen und gesagt: Genau so war das gedacht. Nur dass es diesmal keiner merkt, weil alle so beschäftigt damit sind, die richtigen Wörter zu benutzen.

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