Geschichtsrevisionistischer Kokolores – Die Slaventheorie

Es gibt ja immer wieder gewagte Außenseitertheorien, die alle paar Jahre mal wieder von irgendwelchen Simpeln aus den vermoderten Ecken der Versenkung hochgeholt werden und von den „Entdeckern“ stolz herumgezeigt wird, wie der kleine Torben-Tobias sein Kakahäufchen im Töpfchen herumzeigt. Eine dieser nicht totzubekommenden Zombietheorien ist die „Slaventheorie“. Und auch wenn dies nicht zum eigentlichen Thema meines Blogs gehört, wollen wir uns diese Theorie heute mal genauer anschauen.

In den Jahren des „Dritten Reiches“, aber auch danach diente die Geschichtsforschung nicht selten der Rechtfertigung politischer Ziele. So waren es noch bis kurz vor dem Zusammenbruch dreiste Instrumentalisierung historischer Phantasien durch die Nationalsozialisten. Nach 1945 war es in der späteren Bundesrepublik, die durch die Teilung Europas und den Verlust der alten Heimat im Osten geprägte sentimental-revanchistische Gefühlslage, die deren Geschichte und Gebiet bis zur Unkenntlichkeit romantisierte und hierdurch gerne von Demagogen zur Durchsetzung ihrer Ziele genutzt wurden. Dies ungeachtet der Tatsache, dass diese Desinformationen gerade so gefährlich sind, weil sie uns den Weg zum Verständnis unseres historischen Wesens und unserer historischen Aufgabe verlegen und uns die Flucht vor einer unbequemen Einsicht ermöglichen. Noch keine Nation hat aber aus einer Selbsttäuschung dauerhaft Gewinn gezogen – gerade wir Deutschen sollten uns darüber belehrt fühlen. Auf die Dauer sind wie alle menschlichen Beziehungen so auch die zwischen den Völkern nur auf dem Grunde der Wahrheit möglich. Die Geschichtswissenschaft erfüllt deshalb gerade dann und nur dann eine „hervorragen nationale“ Aufgabe, wenn sie in ihrer Arbeit unbeirrt allein der Wahrheit und den Tatsachen dient.

Diese pseudowissenschaftliche These geht auf den Volkskundler Erich Bromme zurück und besagt, dass die zur Zeit des Früh- und Hochmittelalters in den östlichen Gebieten des heutigen und früheren Deutschlands ansässigen Slawen eigentlich „Ostgermanen“ seien, die sich der Christianisierung widersetzt hätten und deshalb von der Kirche in den Osten „verbannt“ und von ihren „westgermanischen“ Verwandten getrennt wurden.

Diese Theorie ist, nun sagen wir es mal vorsichtig, zwar vom Prinzip her ein guter Stoff für eine Fantasy- oder Historienroman, in der ernstzunehmenden Geschichtswissenschaft hat dies allerdings weniger zu suchen. Nicht nur, weil sie sämtlichen archäologischen Funden widerspricht, sondern auch sämtliche schriftliche Quellen derart selektiv genutzt wurden, dass der Begriff „unwissenschaftlich“ schon eher als Kompliment anzusehen ist.

Brommes Ausführungen fanden kaum Beachtung. Weiter in den Fokus der Öffentlichkeit geriet dieser pseudowissenschaftliche Unfug erst 1959, als der Germanist, Volkskundler und „Bundeskulturwart“ der Schlesischen Landsmannschaft Walther Steller seine Arbeit „Name und Begriff der Wenden (Sclavi) – Eine wortgeschichtliche Untersuchung“ als 15. Heft der Mitteilungen der Landsmannschaft Schlesien vorlegt.

In diesem Elaborat verbindet er die „Slaventheorie“ mit der „Urgemanentheorie“, einer gerade bei den Nationalsozialisten beliebten Theorie, die eine geschichtliche Kontinuität zwischen den während der Völkerwanderung nach Westen ziehenden germanischen Stämme des östlichen Mitteleuropas und den fast tausend Jahre später während der deutschen Ostkolonialisation nach Osten kommenden Deutschen herbeischreiben wollte.

Steller wollte durch die „Theorienkombination“ eine kontinuierliche germanisch-deutsche Besiedlung im östlichen Mitteleuropa nachweisen. Dabei negierte er die Zuwanderung slawischer Stämme in dieses Gebiet und deren Vermischung mit der deutschen Bevölkerung. Lediglich eine „Christianisierung und Eindeutschung des alten ostgermanischen Elementes bei einem gewissen Zuzug deutscher Bevölkerung“ sei zu verzeichnen gewesen.

Durch diese vermeintlich kontinuierliche germanisch-deutsche Besiedlung versucht Steller einen politischen „Anspruch“ auf diese Gebiete zu konstruieren und damit in die damals herrschende politische Diskussion um die Oder-Neiße-Grenzziehung auf vermeintlich wissenschaftlichem Niveau einzugreifen.

Wie gesagt, diese Theorie war ungefähr so wissenschaftlich wie Oma Ernas Knödelkochbuch. Steller ignorierte sämtliche archäologischen Funde und nutzt schriftliche Quellen und Sekundärliteratur derart selektiv und willkürlich, dass dies nicht ernst genommen werden konnte.

Der renommierte Slawenforscher Wolfgang H. Fritze von der Freien Universität Berlin hat sich in seinem Artikel „Slawomanie oder Germanomanie“ im Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands ausführlich mit der Publikation Stellers auseinandergesetzt und diese detailliert seziert. So schreibt er beispielsweise: [Der Leser] konstatiert … mit einer von Seite zu Seite wachsenden Bestürzung den haarsträubenden Dilettantismus des Verfassers, der sich selbst mit diesem Buche in der peinlichsten Weise bloßstellt, ja – es muß gesagt werden – sich das wissenschaftliche Todesurteil spricht. Seine umwälzenden ‚Ergebnisse‘ hat er lediglich dadurch erzielen können, daß er sich auf einige wenige Quellenzeugnisse beschränkt – die er noch dazu mit denkbarer Willkür interpretiert –, während er von allen anderen absieht. Zudem zieht er die bisherige Forschung nur dort heran, wo es ihm paßt.

Sein Fazit lautet, daß wir es hier mit einem typischen Erzeugnis nationalsozialistischer Pseudowissenschaft zu tun haben. Die bornierte Überbewertung des Germanentums gegenüber dem Slawentum, das durch seine ‚sarmatische‘ Qualifizierung als ‚asiatisch‘ diskriminiert werden soll, der immer wieder im Buche herumspukende Rassismus und die primitive, vorwissenschaftliche Gleichsetzung von nordischer Rasse und Germanentum sind deutliche Kennzeichen. … Das ganze Buch, dieses groteske und gleichzeitig erschütternde Produkt einer von politischen Tendenzen geleiteten akademischen Halbbildung, verdient vielleicht nur in einem Punkte ernst genommen zu werden: in seiner Bedeutung als Symptom.

Nachdem auch noch andere Experten, darunter der Archäologe Wolfgang LaBaume, der Slawist Ludolf Müller oder der Landeshistoriker Wilhelm Koppe, eigene Rezensionen zu Stellers Elaborat veröffentlichten, war dieser pseudowissenschaftliche Kokolores vom Tisch.

Aber nicht endgültig. Zum Ende der 1970er Jahre hin wurde versucht, die „Slawentheorie“ durch Publikationen von Autoren aus dem rechtsextremen Spektrum wiederzubeleben. Allerdings fanden diese Veröffentlichungen noch weniger wissenschaftliche Anerkennung als die Stellers. Eigentlich wurden diesmal sowohl Autoren wie Bücher von der Fachwelt einfach ignoriert.

Ebenso werden von der seriösen Wissenschaft die Nebentheorien von Jochen Wittmanns ignoriert. Dieser versucht seit 1990 die „germanische Kontinuität“ im östlichen Mitteleuropa durch die Behauptung nachzuweisen, dass das polnische Herrschergeschlecht der Piasten ursprünglich aus Norwegen stammen würde. Dazu strapaziert er nicht nur die Geduld des Lesers, sondern auch Textquellen, die er nach gut dünken verbiegt.

Auch die Verquickung der „Slawentheorie“ mit der von Herbert Illig ausgedachten Theorie des „erfundenen Mittelalters“ wollen wir hier nicht weiter beleuchten. Wenn sich Unsinn mit Unsinn paart, kommt selten etwas Gescheites heraus. Und genauso ist es in diesem Falle.

Wir sehen an diesem Beispiel aber sehr gut, wie gerade die Geschichtswissenschaft immer wieder als Agitationselement der politischen Extreme herhalten soll. Wir sehen an diesem Beispiel aber genauso gut, wie die grandios diese Vereinnahmungsversuche scheitern und sich die durch Belege und Funde verifizierte Wissenschaft immer wieder durchzusetzen vermag.

Beitragsbild: By Павел Романютенко – https://travelask.ru/blog/posts/18094-dozhdevye-chervi-gadyuki-i-lyagushki-kak-vyzhivali-v-lesu-dr, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=102730424

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