Vom Glück der Freundschaft

Heute wurde ein lieber Freund zu Grabe getragen und es hat mir sehr viel bedeutet, ihn auf seinen letzten Weg begleiten zu können und auch seiner Familie vielleicht ein wenig Trost gespendet zu haben. In aller Trauer war ich aber auch dankbar. Dankbar, einen solch fabelhaften Menschen kennenlernen zu dürfen.

Es gibt im Leben des Menschen nicht viele Konstanten. Die meisten Dinge, die wir für festgefügt halten, verrinnen zwischen unseren Fingern wie warmer Sand. Zeit, Erfolg, Gesundheit, Anerkennung – all das hat die trügerische Stabilität eines Sommergewitters: Es kündigt sich an, überzieht den Himmel mit Farbe, donnert einmal durch unser Leben und ist dann wieder fort. Zurück bleibt eine feuchte Ahnung von dem, was war.

Und doch gibt es eine Kraft, die allem Wechsel zum Trotz bleibt, auch wenn sie oft leiser ist als der Rest. Sie ist nicht laut wie der Beifall, nicht glänzend wie die Auszeichnung, nicht berauschend wie die große Liebe. Freundschaft – dieses altmodische, fast schüchterne Wort – ist vielleicht das größte Geschenk, das uns Menschen zuteilwerden kann. Und wer sie kennt, wirklich kennt, der weiß, dass sie nicht bloß Beistand ist, sondern Heimat.

Freundschaft ist der Luxus, sich nicht erklären zu müssen. Sie ist das vertraute Schweigen, das ebenso viel sagt wie das Reden. Sie ist das Wissen: Da ist jemand, der mich sieht, nicht in dem Licht, in dem ich mich selbst zu zeigen versuche – sondern in dem, das ich manchmal selbst nicht zu erkennen vermag.

Ich schreibe dies als jemand, der das Glück hat, solche Freundschaften zu leben. Und vielleicht schreibe ich es auch deshalb, weil ich oft zu wenig darüber gesprochen habe. Nicht, weil ich sie nicht schätze – im Gegenteil. Sondern, weil es schwer ist, Dankbarkeit auszusprechen, ohne sie zu entwerten. Freundschaft ist so selbstverständlich da, dass man oft vergisst, wie selten sie ist.

Die Freunde, von denen ich spreche, wissen vielleicht gar nicht, wie viel sie mir bedeuten. Vielleicht, weil ich ihnen nie gesagt habe, was es für mich heißt, zu wissen, dass sie da sind. Dass ich in einem Moment der Verzweiflung ihre Stimme hören könnte, ihr Lachen, ihren Rat. Dass ich, wenn mein Inneres ins Wanken gerät, mich an ihnen festhalten kann – nicht, weil sie mich festhalten, sondern weil sie mir zutrauen, selbst wieder aufzustehen.

Ein Mensch mit solchen Freunden ist nicht allein. Selbst in den Momenten tiefster Einsamkeit, selbst wenn sich die Welt taub stellt, trägt er etwas in sich, das ihn schützt wie ein unsichtbares Netz. Freundschaft ist die Kunst, gemeinsam zu tragen, ohne zu erdrücken. Nähe zuzulassen, ohne zu verlangen. Und sie ist vor allem eines: ein Raum, in dem man Mensch sein darf, unvollkommen, zweifelnd, suchend – und trotzdem willkommen.

Ich habe Freunde, bei denen ein einziger Blick mehr sagt als lange Gespräche. Menschen, mit denen ich lachen kann, bis mir der Atem ausgeht, und mit denen ich schweigen kann, ohne dass es unangenehm wird. Ich habe sie, auch wenn wir uns manchmal lange nicht sehen. Auch wenn der Alltag uns fortträgt wie ein Fluss das Blatt, das er nur einmal aufnimmt.

Es sind diese Freunde, die mich erinnern, wer ich bin, wenn ich es selbst vergessen habe. Sie kennen meine Geschichten – nicht die, die ich erzähle, sondern die, aus denen ich gemacht bin. Und vielleicht ist das die tiefste Form der Freundschaft: wenn jemand die stillen Kapitel liest, ohne dass man sie laut vorlesen muss.

Ich schreibe dies aus Dankbarkeit. Auch aus einem zärtlichen Staunen darüber, wie viel ein Mensch tragen kann, wenn er weiß, dass andere mit ihm gehen. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass Freundschaft in einer Welt, die uns oft zur Konkurrenz erzieht, zum schönsten Widerstand werden kann: ein Akt der Zuwendung, des Dableibens, des Verzeihens.

Und vielleicht auch, weil ich hoffe, dass sich der eine oder die andere erkennt in diesen Zeilen – nicht aus Eitelkeit, sondern aus stiller Verbundenheit. Ihr seid das Beste, was mir passiert ist. Und das meine ich genau so.

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