Langsamer als das Licht: Das Kronos-Projekt als urbane Zeitmaschine

Was wäre, wollte man mit der Genauigkeit eines alten Schweizer Uhrwerks gegen die Unaufhaltsamkeit der Zeit antreten? Roland Boden – Berliner Künstler, Konzeptualist und Grenzgänger zwischen Modellwelt und Wirklichkeit – liefert mit seinem „Projekt Kronos“ das Gedankenkonstrukt einer experimentellen Entschleunigungsbahn, die sich seit 1926 nahezu lautlos durch den Untergrund Berlins bewegt und dabei die Realität selbst in die Knie zwingen soll.

Pseudo-Historischer Ausgangspunkt und erzählerische Fiktion

Die Ausgangsidee: Im Jahr 1926 initiierte das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik ein streng geheimer Tiefbunker-Versuch im Berliner Untergrund – ein umgebauter U‑Bahn‑Wagen, besetzt mit acht „leicht alkoholisierte[n] Probanden“, wurde auf einer bislang ungenutzten Trasse der geplanten U10 losgeschickt. Die Geschwindigkeit? Eine hymnisch langsame, asymptotisch ins Nichts tendierende Bewegung – nur etwa 10 mm pro Tag. In 83 Jahren legte die Bahn damit rund 320 Meter zurück, doch für ihre Insassen vergingen, so die Erzählung, lediglich etwa 6 Stunden und 45 Minuten. Grundlage dieser fiktionalen Konstruktion ist eine „annähernd sinuskurvenförmige Bewegung“, die den Zeitfluss fiktiv erheblich verzögert.

Boden verwebt so Realität, radikale Wissenschaftsfantasie und Berliner U‑Bahn‑Mythos und provoziert eine Reflexion: Was wäre, wenn Zeit – wie Raum – kartografiert bzw. manipuliert werden könnte? Das Ergebnis: Ein szenografisches Modell einer Welt, in der Fiktion und Fakt dicht beieinander liegen.

Formate und Ausdrucksmittel

Roland Boden versteht sein Kronos-Projekt als Multiplikator, ein Werk in unterschiedlichen Medien:

  • Recherche & Website: Unter www.kronos-projekt.de versammelt er fiktionale Belege, Interviewclips mit fiktiven Wissenschaftlern, Hintergrundgeschichten und urbane Legenden. Boden setzt auf „intensive Recherche“ und generiert ein Hybridgewebe aus plausibel und bizarr.
  • Modellbau: In Ausstellungen wie „Salon Brasilien“ in Stuttgart oder im Berliner U‑Bahnmuseum zeigte er ein 1:10‑Modell des Kronos-Wagens – wehrhaft im Material, gleichzeitig fragil, Symbol für eine Wahrheit zwischen Realismus und Imagination.
  • Installation & Aktion: Im Rohbau des U‑Bahnhofs Innsbrucker Platz installierte er Klangcollagen mit Stimmen der „Zeitreisenden“ – ein archäologisches Hörstück, das die Räume neu besetzt taz.de.
  • Projektionen & Plakatierung: Animationsvideos in leerstehenden Bahnhöfen (U10), Plakate in Werbefeldern („Berliner Fenster“) sollen Passanten in den Netzen irritieren und eine subtile Präsenz erzeugen.

Orte & Chronologie

JahrOrtAktion/Beteiligung
1926Start des (fiktiven) ExperimentsBerliner Untergrund
2009„U10 – von hier ins Imaginäre“Klanginstallationen & Modellausstellung (Innsbrucker Platz, Potsdamer Platz)
2009–10U‑Bahnhof Potsdamer Platz1:10‑Modell in Museums‑Rahmen
2015Neue Sächsische Galerie ChemnitzGruppenausstellung „Die Zeit drängt“ mit Kronos‑Modell
2024Urania BerlinVortrag & Gespräch mit Physikern zu Zeitmanipulation und Relativität

Künstlerische Annäherung & Intention

Für Boden ist das Kronos‑Projekt eine Obsession mit ästhetischer, erzählerischer und philosophischer Dimension. Zwischen Weltmodell und Scheitern oszillierend, wirft sein Werk Fragen auf:

  • Wie konstruieren wir Wahrheit? Boden spielt mit Fakten, Fiction, Urban Legends und macht sie zu konstitutiven Elementen seiner Kunst.
  • Wissenschaft als Narrativ: Indem er das Kaiser‑Wilhelm-Institut oder Relativitätstheorien als Bezugspunkte nennt, verankert er Fantastisches in vertrautem Wissen – ein doppelter Verweis auf glaubwürdig Undenkbares.
  • Partizipation im Öffentlichkeitsraum: Nicht Galerie, sondern U‑Bahn ist Bühne – Pendler werden zu unfreiwilligen Probanden und Reflexionszeugen.

Reflexion

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ihre morgendliche U‑Bahn, Linienwechsel, Sie sitzen an einem Fenster – und spüren, wie ein retrospektives Wurmloch an Ihrem Wimpernschlag zieht. Acht Menschen vor Ihnen, eingeschlossen in einem Wagen, dessen Uhrzeichnungen sich ins Erdreich eingravieren. Acht Leben, für die sechs Stunden Alltag fast unmerklich verstreichen, während draußen Jahrzehnte voranschreiten. Sie rücken zusammen. Man hört Atemgeräusche, ein leises Zittern – als würde etwas atmen, was vielleicht auch ein Fluch ist: die Zeit als Flut, die so langsam kündigt, dass man sie fast verpasst.

Roland Boden bringt uns diese Prosa der Langsamkeit näher – erzeugt sie wie eine filmische Nahaufnahme, die endgültig dechiffriert, was wir unter „Realität“ verstehen. Sein Kronos‑Projekt ist kein manifestes Statement, sondern vielmehr eine Einladung: Denken Sie sich tiefer in die Unabänderlichkeit ganz anders hinein.

Ausblick und Bedeutung

Projekt Kronos bleibt uns erhalten – als Prototyp auf der Website, als Modell im Archiv, als erzählerische und räumliche Anomalie im kollektiven Gedächtnis. Es erinnert uns daran, dass Kunst nicht nur das Sichtbare modelliert, sondern auch Zeit: im Denken, im Erzählen, in der Möglichkeit, Raum­zeit neu zu dehnen.

In einer Zeit, in der Tempo als selbstverständlich vorausgesetzt wird, gehört Roland Boden, wie einst Magritte oder Borges, zu den wenigen, die zeigen, dass das wahrhafte Unendlichkeitsgefühl nicht in der Geschwindigkeit, sondern in der Erschließung ihrer Abwesenheit liegt.

Mit dieser Montage aus Dokument, Modell und Fiktion setzt das „Projekt Kronos“ neue Maßstäbe für Kunst im öffentlichen Raum – doch vor allem auch für eine Haltung: Beobachte genauer, staune langsamer, denke weiter.

4 Gedanken zu “Langsamer als das Licht: Das Kronos-Projekt als urbane Zeitmaschine

    1. Hallo Philip,
      ha! Da habe ich wohl die Links falsch eingepflegt, denn bei mir funktionieren die auch nicht.
      Das ändere ich! Danke dir für den Hinweis.
      Viele Grüße
      Onkel Michael

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      1. Danke Dir für die wahnsinnig schnelle Antwort und Behebung 🤗 (und für viele viele andere Beiträge! )

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