Es gibt ja so manches, was einem den Verstand versengt, bevor einem das Frühstücksbrötchen in der Magensäure zu Kreide zerfällt. Aber nichts, und ich wiederhole: NICHTS bringt mich zuverlässiger zum Schäumen als diese modische, moralinversiffte Seuche namens Kontaktschuld. Da reicht es nicht mehr, etwas gesagt zu haben, was irgendwem im Halbschatten seines Empörungskellers nicht passt – nein, heutzutage ist man schon schuldig, weil man neben jemandem gestanden, mit jemandem geredet oder, Gott bewahre, nicht sofort schreiend weggelaufen ist, wenn der vermeintlich Falsche das gleiche Mikrofon berührt hat wie man selbst. Ja HERRGOTTNOCHMAL!
Was ist das für ein infantiler, totalitärer Dreck? Seit wann wird das Menschsein nicht mehr nach dem beurteilt, was man tut, sondern nach dem, wen man versehentlich auf dem Weg zum Klo gegrüßt hat? Haben wir jetzt eine Art moralisches WLAN, bei dem man sich automatisch mit jeder Schweinerei verbindet, nur weil man in derselben gottverdammten Nähe war?
Die Kontaktschuld – das ist der modisch aufgetakelte Bruder der Inquisition, aber mit schlechterem Stil und ohne wenigstens das Rückgrat, sich zu seinem Fanatismus zu bekennen. Stattdessen wird getuschelt, getwittert und verlinkt: „Ohhh, sie hat mit dem auf einem Podium gesessen.“ Ja und? Wenn ich neben einem Idioten im Bus sitze, werde ich doch auch nicht automatisch Teil seiner Steuererklärung oder seines Facebook-Kommentars zur flachen Erde!
Es ist die schäbigste Form der moralischen Erpressung: Der Versuch, das Denken zu delegieren, die Diskussion zu umgehen und sich selbst auf ein erhabenes Podest zu hieven – gebaut aus den Leichen erschossener Grautöne. Denn wer sich wirklich dem Denken verpflichtet fühlt, der verhandelt Positionen, der widerspricht, der diskutiert, der lernt. Aber wer sich der Kontaktschuld bedient, der diffamiert. Der schiebt Menschen in ideologische Sperrzonen und reißt dabei gleich noch die Brücken mit ab, über die man sich jemals hätte verständigen können.
Und was ist das ethisch, bitte schön? Niederträchtig ist das. Rückgratlos. Feige. Statt sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, wird der andere mit Etiketten erschlagen, damit man sich die Mühe sparen kann, das Gesagte überhaupt zu verstehen. Es ist eine Form der moralischen Brandstiftung: „Mit dem reden wir nicht, der hat ja mal XY zitiert, und der wiederum war mal bei Z zu Gast, und der wiederum hat vor acht Jahren was geliket, das fragwürdig war.“
Ihr Irren!
Wer so denkt – oder besser: nicht mehr denkt, sondern nur noch reagiert, wie ein pawlowscher Hund mit Cancelknopf – der schneidet sich den eigenen Diskurskeller ab und sperrt sich freiwillig in eine Welt, in der nur noch die eigene Blase hallt. Und wehe dem, der da aus Versehen reinfurzt!
Was für ein armseliger Zustand, wenn Aufklärung, Liberalität und Gesprächsbereitschaft durch diese niederträchtige Kontaktschuld ersetzt werden – als ob Ethik durch Schuldvermutung und Charakter durch Distanzierung definiert wäre. Ein intellektueller Offenbarungseid mit eingebauter Geisteraustreibung!
Kontaktschuld ist nichts als die salonfähige Form der kollektiven Denunziation. Sie ist ethisch korrupt, weil sie Menschen entmenschlicht, zu bloßen Abziehbildern in einem politischen Puppentheater macht. Es ist eine moralische Seuche, die jeden befällt, der zu feige ist, dem anderen zuzuhören, aber sich dennoch für überlegen halten möchte.
Ich sage: Wer in diesem Spiel mitmacht, der hat den demokratischen Diskurs nie verstanden. Und wer glaubt, sich moralisch zu reinigen, indem er andere in die Kloake der Kontaktschuld stößt, der sitzt in Wahrheit längst mit beiden Beinen drin – und merkt es nicht, weil der eigene Hochmut den Gestank überdeckt.
Kurzum: Wer mir mit Kontaktschuld kommt, dem schicke ich mein Mitleid – und eine Sammlung von Voltaire-Zitaten, zum Einreiben. Vielleicht heilt’s.