Genau! – Das nervtötende Kaugummiwort der Republik

Man hört es überall. An der Supermarktkasse, im Großraumbüro, beim Frühstücksfernsehen. Kaum bringt jemand einen Satz zustande, fällt er hinten krachend zusammen wie ein billiger Campingtisch – und dann muss noch dieses jämmerliche Krückenwort her: genau.

Ein Geräusch wie der Klick einer Einwegfeuerzeugflamme, die sofort wieder ausgeht. Nichts dahinter. Genau. Zack, Thema erledigt.

Und wozu das alles? Damit die Leute sichergehen, dass sie wirklich gesprochen haben? Damit sie die eigene Unsicherheit wie einen Sabberlappen hinterherwischen? Früher, Kinder, früher gab’s noch den Punkt. Ein Punkt ist ehrlich. Ein Punkt knallt. Aber heute braucht man Bestätigungsgrütze: *genau*.

Dabei ist „genau“ das Gegenteil von genau. Es ist die sprachliche Fußhupe, die überall piept, wenn einer zu feige ist, das Fenster zuzumachen. „Ich war gestern joggen, genau.“ – Gratuliere. Ein ganzer Kontinent gähnt. Oder: „Wir müssen die Demokratie stärken, genau.“ – Das hört man im Bundestag ständig. Übersetzt heißt das: Ich habe von nix den blassesten Schimmer, aber ich will mir trotzdem auf die Schulter klopfen lassen.

Und wehe, die Werbung hat’s erst entdeckt. „Du willst du selbst sein? Genau!“ – Ach, halt die Klappe! Wenn mir ein Joghurtbecher die Selbstverwirklichung verspricht, dann fress ich den Deckel mit, einfach aus Trotz.

Am allerschlimmsten ist aber der Alltag. Friseur fragt: „Etwas kürzer?“ – „Ja, genau.“ Taxifahrer: „Zum Bahnhof?“ – „Genau.“ Wenn Sie ernsthaft zum Bahnhof wollen, sagen Sie ja. Wenn nicht, sagen Sie nein. Dieses ganze genau ist doch nur das sprachliche Pendant zum Kopfnicken eines Wackeldackels.

Es hat was Kriecherisches. Als ob man ständig schon mal prophylaktisch klein beigeben will. „Ich bin völlig deiner Meinung, genau.“ Nein, bist du nicht. Du bist nur zu bequem, überhaupt eine Meinung zu haben.

Das Wort kriecht einem inzwischen in jede Pore, wie Schimmel im Badezimmer, und niemand wagt mehr, den Eimer mit der scharfen Chemiekeule zu holen. Ich sage: weg damit. Verbannt es. Wer am Ende seines Satzes „genau“ sagt, sollte ein Bußgeld zahlen. Kein hohes, fünf Euro reichen. Aber dann wären die Kassen der Republik binnen einer Woche saniert.

Bis dahin bleibt uns nur, zuzuhören, wie die Menschen ihre eigenen Sätze zu Tode wimmern – und sie dann, feige wie ein Student beim ersten Zahnarzttermin, mit einem jämmerlichen genau beerdigen.

Genau.

3 Gedanken zu “Genau! – Das nervtötende Kaugummiwort der Republik

    1. Wir haben in der Schule, um bei Referaten aufmerksam zu bleiben, den Stotterfaktor aus Länge des Vortrages und bestimmten Füllworten wie „äh“ und „öh“ gemessen, in die gleiche Kategorie würde ich heute „genau“ einsortieren. Ich bemerke es – anders als Du es schreibst – bewusst eher am Anfang von Aussagen, als würde man das vorher erdachte mittels diesen Wortes sich selbst bestätigen, bevor man loslegt. Gefühlt (!) häufiger bei weiblichen Rednern, als bei männlichen, würde ich das dann als „Selbstbestätigung“ oder „Mutmacher“ vor dem öffentlichen Reden in stressiger Situation interpretieren. Eine sprachwissenschaftliche Einordnung wäre sicher mal interessant 🙂

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      1. Mit einem „äh“ eines anderen, wenn das Gesagte insgesamt von Bedeutung ist; ich kann einem anderen, was hinter seinem pausieren steckt, eine Verlegenheit, oder die Sammlung, zur einer gefassten Aussage vermuten. Das äh und öh fesselt mich, bemesse ich nicht.

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