Es gibt ja Menschen, die behaupten, die Künstliche Intelligenz sei das Ende des Abendlandes. Aber das ist ungefähr so überraschend, wie wenn mein Onkel Wilhelm nach dem dritten Kümmel sagt: „Jetzt ist aber Schluss.“ Das Ende des Abendlandes wurde nämlich schon so oft ausgerufen, dass es eigentlich längst in einem gepflegten Endlosruhestand sein müsste. Buchdruck – Untergang! Romanheftchen – Untergang! Beatles im Radio – Untergang! Und dann erst „Dallas“ im Fernsehen, das hat endgültig sämtliche moralischen Fundamente hinweggefegt. Und was soll ich sagen: Wir leben immer noch.
Natürlich ist die Versuchung groß, der Maschine die Schuld an allem zu geben. „Die KI macht uns dümmer!“ Das erinnert mich ein wenig an meine Studentenzeit: Da war es auch nicht der Rotwein, der uns müde machte, sondern selbstverständlich die „miese Luft im Seminarraum“. Die KI ist also das neue Lüftungssystem – man kann herrlich alles auf sie schieben.
Dabei ist sie, wenn man es sich recht überlegt, eher ein gesprächiger Kumpan, der einem manchmal Unfug erzählt, manchmal Erstaunliches, und gelegentlich beides in derselben Antwort. Wie dieser eine Freund, der in der Kneipe immer eine Anekdote zu viel auf Lager hat – aber immerhin bringt er einen dazu, selbst wieder etwas beizutragen. Geistiges Wachstum im Biergartenformat.
Moralisch kann man an der KI auch wachsen. Denn sie kennt keine Skrupel, sie zieht einfach durch. Wenn Sie ihr sagen: „Finde mir die zehn besten Rezepte für Pastetenfüllungen mit Taube“, dann tut sie das, ohne zu fragen, ob Tauben nicht auch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben. Da sind wir Menschen gefragt. Wie beim Autofahren: Die Lenkung übernimmt das Auto, aber wo es hingeht, entscheiden immer noch wir. Wenn wir das vergessen, sind wir schneller im Graben, als Sie „Abendland“ buchstabieren können.
Und intellektuell? Na ja, die Maschine ist unschlagbar im Durchforsten von Daten. Aber die alten Fragen – „Stimmt das?“, „Kann das sein?“, „Will ich das glauben?“ – die nimmt sie uns nicht ab. Zum Glück, möchte ich sagen. Sonst würde das Denken bald so verkommen wie die Kunst des Briefeschreibens. (Ich habe neulich einen alten Brief von mir gefunden – Handschrift! Mit Tintenklecks! – und dachte: Donnerwetter, das war noch Arbeit. Heute würde man eine WhatsApp mit Daumen hoch schicken und sich für literarisch halten.)
Am Ende bleibt die KI also das, was sie immer schon war: ein Spiegel unserer eigenen Haltung. Wer geistig auf Trab bleiben will, der nutzt sie als Anregung, als Widerspruchsmaschine, als Gedankenjongleur. Wer sich aber lieber berieseln lässt, der darf sich nicht wundern, wenn die eigene Birne langsam in Stand-by-Modus geht.
Also: keine Angst vorm Untergang des Abendlandes. Das Abendland ist zäher, als man denkt. Es hat Luther überlebt, Napoleon, den Föhn und sogar das Privatfernsehen. Da wird es mit der KI auch noch fertig. Und wenn nicht, dann trinken wir halt ein Bier drauf und fangen noch mal von vorne an.
Ein sehr unterhaltsame Betrachtung des Dingens, äh, der KI. Danke dafür. Ich habe mich amüsiert beim Lesen
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