Der Name wirkt bis heute irritierend: Nationalsozialismus. Zwei Begriffe, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen – „Nation“ und „Sozialismus“. Während der eine für Abgrenzung, Hierarchie und oft auch Überhöhung des Eigenen steht, verbindet man mit dem anderen Ideen von Gleichheit, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit. War der Nationalsozialismus also eine Art „linke“ Bewegung? Oder handelt es sich um einen historischen Etikettenschwindel?
Ein Blick in die historische Forschung zeigt schnell: Die Antwort ist weniger paradox, als es zunächst scheint – aber sie verlangt eine genaue Unterscheidung zwischen Begriff und Inhalt.
Der Begriff „Sozialismus“ hatte bereits lange vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten eine klare Bedeutung. Seit dem 19. Jahrhundert bezeichnete er politische und gesellschaftliche Konzepte, die auf die Überwindung sozialer Ungleichheit zielten. Im Zentrum standen Ideen wie die Gleichheit aller Menschen, die Solidarität zwischen gesellschaftlichen Gruppen und die Kritik an kapitalistischer Ausbeutung.¹ Besonders in der marxistischen Tradition war Sozialismus eng mit dem Gedanken des Klassenkampfs verbunden: Die Arbeiterklasse sollte sich gegen die Besitzenden erheben und eine gerechtere Gesellschaft schaffen – idealerweise über nationale Grenzen hinweg. Sozialismus war damit im Kern universalistisch und egalitär.
Genau an diesem Punkt beginnt die begriffliche Verschiebung, die den Nationalsozialismus kennzeichnet. Als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) Anfang der 1920er Jahre ihren Namen festlegte, griff sie bewusst auf den Begriff „Sozialismus“ zurück – allerdings nicht, um an diese Tradition anzuknüpfen, sondern um ihn umzudeuten. Der Begriff erfüllte zunächst eine strategische Funktion. In der politisch aufgeheizten Atmosphäre der Weimarer Republik konkurrierten zahlreiche Parteien um die Unterstützung der Arbeiterschaft. Indem die NSDAP sich als „sozialistisch“ und zugleich als „Arbeiterpartei“ präsentierte, konnte sie gezielt Wähler ansprechen, die sich von sozialdemokratischen oder kommunistischen Parteien angesprochen fühlten, ohne deren Ideologie zu übernehmen.²
Doch diese Strategie allein erklärt nicht die Nachhaltigkeit des Begriffs im nationalsozialistischen Denken. Entscheidend ist, dass die Nationalsozialisten den Sozialismusbegriff inhaltlich neu definierten. Für sie bedeutete „sozial“ nicht Gleichheit zwischen allen Menschen, sondern die Einordnung des Einzelnen in eine übergeordnete Gemeinschaft – die sogenannte „Volksgemeinschaft“.³ Diese Gemeinschaft war jedoch nicht offen oder inklusiv gedacht. Im Gegenteil: Sie war strikt nach rassistischen Kriterien definiert. Nur wer als „Volksgenosse“ galt, konnte überhaupt Teil dieser Gemeinschaft sein. Alle anderen – insbesondere Jüdinnen und Juden, aber auch viele andere Gruppen – wurden systematisch ausgeschlossen, verfolgt und schließlich vernichtet.
In diesem Sinne war der nationalsozialistische „Sozialismus“ kein Programm zur sozialen Emanzipation, sondern ein Konzept der Integration und Kontrolle innerhalb einer rassistisch definierten Gruppe. Klassengegensätze sollten nicht durch Gleichheit überwunden werden, sondern durch ihre ideologische Auflösung im Namen der Einheit des „Volkes“. Der Einzelne hatte sich dieser Einheit unterzuordnen, persönliche Interessen traten hinter das vermeintliche Wohl der Gemeinschaft zurück.⁴ Was oberflächlich wie eine Form sozialer Harmonie erscheinen konnte, war in Wirklichkeit ein Instrument politischer Disziplinierung und Ausgrenzung.
Diese grundlegende Umdeutung erklärt auch, warum der Nationalsozialismus in der historischen Forschung eindeutig als rechte, genauer gesagt rechtsextreme Ideologie eingeordnet wird. Die Einordnung politischer Systeme erfolgt nicht nach ihren Namen, sondern nach ihren zentralen Merkmalen. Und hier zeigt sich ein klares Bild: Der Nationalsozialismus war geprägt von radikalem Nationalismus, von der Vorstellung einer hierarchischen Ordnung der Menschen und von einem tief verwurzelten Antisemitismus. Er richtete sich entschieden gegen demokratische Prinzipien und bekämpfte linke Bewegungen mit aller Härte. Sozialdemokraten, Kommunisten und andere politische Gegner gehörten zu den ersten Opfern nationalsozialistischer Verfolgung.⁵
Hinzu kommt, dass auch das Wirtschaftssystem des „Dritten Reiches“ wenig mit klassischem Sozialismus gemein hatte. Zwar griff der Staat massiv in die Wirtschaft ein, insbesondere im Zuge der Aufrüstung und Kriegsvorbereitung. Doch gleichzeitig blieb Privateigentum weitgehend bestehen, und große Unternehmen arbeiteten eng mit dem Regime zusammen. Historiker beschreiben diese Ordnung daher eher als eine Form staatlich gelenkten Kapitalismus denn als sozialistisches System.⁶
Warum hält sich dann bis heute die Vorstellung, der Nationalsozialismus könne etwas mit „linker“ Politik zu tun gehabt haben? Ein Teil der Antwort liegt tatsächlich im Namen selbst, der eine Nähe suggeriert, die inhaltlich nicht besteht. Ein weiterer Grund ist, dass das Regime durchaus sozialpolitische Maßnahmen ergriff, etwa Programme zur Arbeitsbeschaffung oder bestimmte Formen sozialer Absicherung. Solche Maßnahmen sind jedoch keineswegs ein exklusives Merkmal sozialistischer Systeme. Auch konservative oder autoritäre Regierungen können soziale Politik betreiben, ohne damit eine egalitäre Gesellschaft anzustreben.⁷
Schließlich gab es in der Frühphase der NSDAP tatsächlich Strömungen, die stärker antikapitalistische Positionen vertraten. Diese spielten jedoch spätestens ab Mitte der 1930er Jahre keine Rolle mehr. Mit der Festigung von Hitlers Macht wurde die Partei ideologisch und organisatorisch gleichgeschaltet, abweichende Positionen wurden ausgeschaltet. Übrig blieb eine klar definierte Ideologie, die sich durch Nationalismus, Rassismus und autoritäre Herrschaft auszeichnete.⁸
Am Ende lässt sich der scheinbare Widerspruch im Begriff „Nationalsozialismus“ also auflösen: Der „Sozialismus“, auf den er sich bezieht, ist kein Sozialismus im klassischen Sinne, sondern eine bewusst umgeformte, ideologisch aufgeladene Vokabel. Sie diente dazu, politische Unterstützung zu mobilisieren und eine bestimmte Vorstellung von Gemeinschaft zu propagieren – eine Gemeinschaft, die auf Ausschluss, Ungleichheit und Gewalt beruhte. Der Nationalsozialismus war daher nicht eine Variante sozialistischer Politik, sondern eine radikale Gegenposition zu den egalitären Ideen, die den Sozialismus ursprünglich geprägt hatten.
1 Bundeszentrale für politische Bildung, „Sozialismus“, Zugriff 6. Mai 2026, https://www.bpb.de.
2 Richard J. Evans, The Coming of the Third Reich (London: Penguin, 2003), 145–180.
3 Ian Kershaw, Der NS-Staat (Reinbek: Rowohlt, 2009), 52–78.
4 Detlev Peukert, Inside Nazi Germany (New Haven: Yale University Press, 1987), 120–150.
5 Robert O. Paxton, The Anatomy of Fascism (New York: Knopf, 2004), 218–220.
6 Tim Mason, Social Policy in the Third Reich (Oxford: Berg, 1993), 45–70.
7 Götz Aly, Hitlers Volksstaat (Frankfurt a. M.: Fischer, 2005), 25–40.
8 Ian Kershaw, The Nazi Dictatorship (London: Bloomsbury, 2015), 14–35.
Benutzte Literatur:
Aly, Götz. Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt am Main: Fischer, 2005.
Benz, Wolfgang, Hrsg. Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997.
Bosworth, Richard J. B., Hrsg. The Oxford Handbook of Fascism. Oxford: Oxford University Press, 2010.
Burleigh, Michael. The Third Reich: A New History. London: Pan Books, 2000.
Evans, Richard J. The Coming of the Third Reich. London: Penguin, 2003.
Evans, Richard J. The Third Reich in Power. London: Penguin, 2005.
Evans, Richard J. The Third Reich at War. London: Penguin, 2008.
Griffin, Roger. The Nature of Fascism. London: Routledge, 1991.
Kershaw, Ian. Der NS-Staat: Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009.
Kershaw, Ian, und Moshe Lewin, Hrsg. Stalinism and Nazism: Dictatorships in Comparison. Cambridge: Cambridge University Press, 1997.
Mason, Tim. Social Policy in the Third Reich. Oxford: Berg, 1993.
Paxton, Robert O. The Anatomy of Fascism. New York: Knopf, 2004.
Peukert, Detlev. Inside Nazi Germany: Conformity, Opposition, and Racism in Everyday Life. New Haven: Yale University Press, 1987.
Schmiechen-Ackermann, Detlef. Volksgemeinschaft: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im „Dritten Reich“? Paderborn: Schöningh, 2015.
Sitch’s Law besagt laut Urban Dictionary: „Die meisten Argumente sind Argumente über Definitionen; du merkst es nur nicht.“ („Most arguments are arguments about definitions, you just don’t realize it.)
Das heißt im Kern: Viele Streitgespräche sind keine Auseinandersetzungen über Tatsachen, sondern darüber, wie Begriffe verstanden werden. Zwei Menschen streiten nicht unbedingt über Wahrheit, sondern darüber, was die verwendeten Wörter bedeuten sollen.
Eine alternative Definition von Sozialismus (nicht von mir), die nichts mit sozialen Aspekten wie Gleichheit, Solidarität oder Kapitalismuskritik zu tun hat, geht davon aus, dass die Bezeichnung „Sozialismus“ semi-zufällig und irreführend ist und dass es sich dabei um Strategien zur Erlangung von Macht handelt, die traditionelle und bewährte Rechtfertigungen umgehen.
Strategien zur Machterlangung außerhalb etablierter Mechanismen setzen häufig populistische Versprechen zur Rechtfertigung ihrer Revolution ein. Das kann das Versprechen einer sozialen Gesellschaft sein. Es kann aber auch das Versprechen einer ökologischen Gesellschaft sein oder was auch immer gerade zieht.
Thomas Sowell zeichnet in A Conflict of Visions eine über mehrere Jahrhunderte reichende Geschichte dieses Gedankengangs nach und vertieft die Kritik in The Vision of the Anointed. Im Zentrum steht dabei das sogenannte Surrogate Decision-Making: Entscheidungen durch Stellvertreter oder Entscheidungen durch Expertengremien.
Sowell argumentiert, dass die entscheidende politische Frage nicht lautet, was entschieden werden soll, sondern wer die Entscheidungen trifft.
Macht neigt dazu, zu korrumpieren, und absolute Macht korrumpiert absolut. – Lord Acton
Wenn Entscheidungen von Wählern und Märkten auf abgeschottete stellvertretende Entscheidungsträger (surrogate decision-makers) wie Bürokratien, Regulierungsbehörden, Gerichte, technokratische Gremien, akademische „Ideenarbeiter“, NGOs usw. verlagert werden, geschehen drei Dinge gleichzeitig:
Das weitverbreitete lokale Wissen, das Bürger und konkurrierende Unternehmen besitzen, wird ausgeschlossen.
Anreize und Feedbackmechanismen, die normalerweise Fehler bestrafen oder Erfolg belohnen, werden geschwächt oder verschwinden.
Die Macht konzentriert sich in Händen, die weder gewählt noch leicht abgesetzt werden können, sodass Fehler auf unbestimmte Zeit fortbestehen können.
Thomas Sowells Hauptargument lautet, dass „Stellvertreter“ (surrogates oder third-party decision-makers) die Entscheidungen der Betroffenen vorwegnehmen, obwohl ihnen sowohl das lokale Wissen als auch die direkten Anreize dieser Betroffenen fehlen. Seiner Ansicht nach liegt das Problem in der Verdrängung des Urteilsvermögens der Betroffenen durch Eliten: Andere entscheiden für einen, im Namen der „Gesellschaft“, der „Gerechtigkeit“ oder einer vermeintlich benachteiligten Wählerschaft, und tragen kaum die Konsequenzen, falls sie falsch liegen.
David Horowitz greift in seinem Aufsatz von 1991, „From Red to Green“, dieselbe Idee auf, wenn er schreibt:
In der Umwelt hat die Linke ein Opfer ausgemacht, das sie für sich beanspruchen kann und das ihr nicht widersprechen kann; ein Opfer, das ihr unbegrenzt Rechtfertigungen für ihre zerstörerischen Ziele liefern wird.
Genau darin besteht das wirklich Neue der Grünen Revolution: eine Interessengruppe, die Natur, die nicht selbst für sich sprechen kann.
Damit ist der Konflikt zwischen Avantgarde und Opfer, der Generationen der Linken geplagt und beschäftigt hat, beseitigt worden.
George Orwell schreibt in „Second Thoughts on James Burnham“ über Burnhams Haltung, Kommunismus und Faschismus als im Wesentlichen gleichartig einzuordnen und beide zugleich zu akzeptieren. Er sagt, englische Autoren, die Kommunismus und Faschismus gleichsetzen, hielten normalerweise beide für „monstrous evils“. Dann folgt die Fußnote zu George Bernard Shaw:
Die einzige Ausnahme, die mir einfällt, ist Bernard Shaw, der jedenfalls einige Jahre lang erklärte, Kommunismus und Faschismus seien im Wesentlichen dasselbe, und beide befürwortete.
Und schließlich möchte ich noch anführen, dass das empirische Ergebnis kommunistischer und faschistischer Regime regelmäßig dasselbe Muster zeigt: Millionen von Toten und Lager für Menschen mit abweichenden Ansichten.
Eine gute Übersicht zum sowjetischen Terror bietet At Dawn They Came: Soviet Terror and Repression 1917-1953 von Giles Udy. Udy zeigt, dass die Lager bereits unter Lenin früh angelegt wurden (siehe das Sonderlager Solowezki ab 1923) und nicht erst später unter Stalin.
Es gab mehr als 50 Versuche, den Kommunismus umzusetzen. Hier sind lediglich die Top 10 der geschätzten Todeszahlen:
China (Volksrepublik, Mao-Ära, 1949-1976): ca. 17-50 Mio.
Sowjetunion (Lenin/Stalin, 1917-1953): ca. 8-20+ Mio.
Kambodscha (Demokratisches Kampuchea, 1975-1979): ca. 1,5-2,2 Mio.
Nordkorea (DVRK, besonders in den 1990er-Jahren): ca. 0,7-3,9 Mio.
Äthiopien (Derg/PDRE, 1974-1991): ca. 0,43-1,5 Mio.
Afghanistan (PDPA-Herrschaft und Sowjetkrieg, 1978-1989): ca. 1-2 Mio. Zivilisten.
Mosambik (FRELIMO-Einparteienstaat, 1977-1992): ca. 0,7-1,0 Mio.
Angola (MPLA-Einparteienstaat, 1975-2002): ca. 0,5-0,8 Mio.
Vietnam (DRV/SRV; wichtige Phasen 1953-1986 und nach 1975): ca. 0,22-0,47 Mio.
Jugoslawien (Konsolidierung nach dem Zweiten Weltkrieg, 1945-1946): ca. 30.000-100.000.
Udy zitiert zum Abschluss des Buches George Orwell mit den Worten:
Mit einem Regime, das in regelmäßigen Abständen Berge von Leichen hinterlässt, stimmt etwas nicht.
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