Gewalt, politische Ausgrenzung und die erstaunliche Dauerhaftigkeit antijüdischer Verschwörungserzählungen
Im Sommer des Jahres 38 n. Chr. verwandelte sich Alexandria, die glanzvolle Metropole am westlichen Rand des Nildeltas, in einen Schauplatz systematischer antijüdischer Gewalt. Synagogen wurden geschändet oder zerstört, jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert, Menschen aus ihren Wohnvierteln vertrieben, misshandelt, öffentlich gedemütigt, verbrannt, erschlagen oder zu Tode geschleift. Die Überlebenden wurden in einem kleinen Teil der Stadt zusammengedrängt und damit räumlich wie rechtlich aus der städtischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Der römische Präfekt Aulus Avilius Flaccus schritt nicht nur nicht gegen die Täter ein, sondern schuf durch seine Anordnungen erst jene politische und juristische Ausnahmesituation, in der die Gewalt möglich wurde.
Der niederländische Religionshistoriker Pieter W. van der Horst bezeichnete diese Ereignisse als das „erste in der Geschichte dokumentierte Pogrom“. Die Formulierung ist verbreitet und in einem bestimmten Sinne berechtigt: Zwar hatte es bereits vorher schwere Verfolgungen, Vertreibungen und Massaker gegeben, die sich gegen Juden richteten, doch für Alexandria liegt erstmals eine verhältnismäßig ausführliche zeitgenössische Darstellung eines städtischen Gewaltausbruchs vor, bei dem eine jüdische Minderheit als solche kollektiv entrechtet, räumlich konzentriert, beraubt und der Gewalt eines Mobs ausgeliefert wurde. Unser wichtigster Zeuge ist der jüdische Philosoph Philo von Alexandria, der die Verfolgungen selbst miterlebte. Seine Schriften In Flaccum und Legatio ad Gaium machen die Vorgänge des Jahres 38 zu dem wohl frühesten antijüdischen Pogrom, dessen Ablauf wenigstens in seinen Grundzügen rekonstruiert werden kann. (Cambridge Core)
Gleichwohl bedürfen sowohl der Begriff „Pogrom“ als auch der häufig verwendete Ausdruck „Antisemitismus“ einer quellenkritischen Einordnung. „Pogrom“ stammt aus dem Russischen und wurde erst im Zusammenhang mit den antijüdischen Ausschreitungen des 19. Jahrhunderts zu einem internationalen politischen Begriff. Auch der Ausdruck „Antisemitismus“ entstand erst im späten 19. Jahrhundert und bezeichnete ursprünglich eine moderne, rassistisch begründete Judenfeindschaft. Wer beide Begriffe auf die Antike anwendet, muss sich ihrer anachronistischen Herkunft bewusst bleiben. Die Begriffe sind dennoch analytisch brauchbar, sofern mit ihnen nicht behauptet wird, die alexandrinische Judenfeindschaft sei bereits identisch mit dem biologischen Rassenantisemitismus der Moderne gewesen. Was sich im Jahre 38 beobachten lässt, ist vielmehr eine Verbindung aus religiöser Abgrenzung, ethnischer Feindbildbildung, sozialer Konkurrenz, politischer Entrechtung und verschwörungsförmiger Propaganda. Gerade diese Verbindung macht die Ereignisse über ihre Epoche hinaus bedeutsam.
Alexandria – eine Weltstadt voller Grenzen
Alexandria war seit seiner Gründung durch Alexander den Großen im Jahre 331 v. Chr. eine Stadt der Superlative. Unter den Ptolemäern wurde es zur Hauptstadt Ägyptens, zum wichtigsten Hafen des östlichen Mittelmeerraumes und zu einem geistigen Zentrum der hellenistischen Welt. Das Museion und die berühmte Bibliothek standen für den Anspruch, das Wissen der gesamten damals bekannten Welt zusammenzuführen. Gelehrte, Händler, Beamte, Soldaten und Seeleute aus zahlreichen Ländern begegneten einander in der Stadt.
Doch die vielgerühmte kosmopolitische Offenheit Alexandrias darf nicht mit gesellschaftlicher Gleichheit verwechselt werden. Die Bevölkerung war rechtlich, ethnisch und kulturell gegliedert. An der Spitze standen die griechisch-makedonischen Bürger der Stadt, die ihre politische und kulturelle Vorrangstellung sorgsam verteidigten. Daneben lebte die große Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung, die von den griechischen Eliten häufig als kulturell minderwertig betrachtet wurde. Zwischen diesen Gruppen befand sich die bedeutende jüdische Gemeinschaft, deren Angehörige seit der ptolemäischen Zeit in großer Zahl nach Alexandria gekommen waren.
Die alexandrinischen Juden bildeten wahrscheinlich die größte jüdische Diasporagemeinde der Antike. Ihre genaue Zahl lässt sich nicht bestimmen. Philo spricht von Hunderttausenden Juden in Alexandria und von insgesamt einer Million Juden in Ägypten und Libyen. Diese Angaben dürften rhetorisch überhöht sein, machen jedoch deutlich, dass es sich keineswegs um eine unbedeutende Minderheit handelte. Juden waren als Händler, Handwerker, Soldaten, Steuerpächter, Verwaltungsbeamte und Gelehrte tätig. Angehörige der Oberschicht verfügten über erheblichen Wohlstand und pflegten enge Beziehungen zur ptolemäischen und später zur römischen Staatsgewalt.
Alexandria wurde zugleich zu einem der wichtigsten Zentren des hellenistischen Judentums. Hier entstand im Verlauf mehrerer Generationen die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, die später als Septuaginta bezeichnet wurde. Hier lebte Philo, der versuchte, jüdische Theologie und griechische Philosophie miteinander zu verbinden. Die alexandrinischen Juden sprachen überwiegend Griechisch, lasen ihre heiligen Texte auf Griechisch und nahmen intensiv am kulturellen Leben der hellenistischen Welt teil. Dennoch hielten sie an ihren religiösen Geboten, ihren Synagogen, dem Sabbat, den Speisevorschriften und der Ablehnung bildlicher Gottesdarstellungen fest.
Gerade diese Gleichzeitigkeit von kultureller Annäherung und religiöser Eigenständigkeit wurde von Gegnern als Widerspruch empfunden. Juden erschienen ihnen einerseits als Teil der griechischsprachigen Stadtgesellschaft, andererseits als eine Gruppe, die sich bestimmten Formen städtischer Gemeinschaft demonstrativ entzog. Aus religiöser Selbstbehauptung wurde in der feindseligen Interpretation Verachtung der Umwelt; aus der Ablehnung fremder Götter wurde Gottlosigkeit; aus der solidarischen Organisation der Diasporagemeinden wurde eine staatsübergreifende Verschwörung.
Die umstrittene Rechtsstellung der alexandrinischen Juden
Im Zentrum der Konflikte stand die Frage, welchen rechtlichen Rang die Juden in Alexandria besaßen. Die Verhältnisse waren kompliziert, weil das Römische Reich keine allgemeine, für alle Bewohner geltende Staatsbürgerschaft kannte. Rechte und Abgabenpflichten richteten sich nach Herkunft, Rechtsstatus und Zugehörigkeit zu einer bestimmten städtischen Gemeinschaft.
Nach der römischen Annexion Ägyptens im Jahre 30 v. Chr. standen römische Bürger an der Spitze der Hierarchie. Darunter befanden sich die Bürger der griechischen Städte Alexandria, Naukratis und Ptolemais. Sie genossen erhebliche Privilegien und waren insbesondere von der ägyptischen Kopfsteuer, der laographia, befreit. Die große Masse der einheimischen Ägypter musste diese Steuer entrichten. Zwischen diesen Gruppen existierten zahlreiche Abstufungen und Sonderrechte.
Ob die alexandrinischen Juden kollektiv das volle Bürgerrecht Alexandrias besaßen, ist bis heute umstritten. Philo und später Flavius Josephus verwendeten Formulierungen, die auf weitreichende Gleichberechtigung schließen lassen. Andere Quellen, darunter der im Jahre 41 erlassene Brief des Kaisers Claudius an die Alexandriner, sprechen dafür, dass die Juden zwar seit langem anerkannte Aufenthalts-, Religions- und Gemeinschaftsrechte genossen, aber nicht als Gesamtheit den griechischen Bürgern gleichgestellt waren. Einzelne Juden konnten offenbar das alexandrinische oder römische Bürgerrecht besitzen; daraus folgte jedoch nicht notwendig ein kollektiver Anspruch der gesamten Gemeinde. Die moderne Forschung betrachtet diese Statusfrage als eine der wichtigsten strukturellen Ursachen der Auseinandersetzungen. (Loyalty and Dissidence in Roman Egypt)
Für die griechische Bürgerschaft war die Aufnahme weiterer Gruppen nicht nur eine Frage kulturellen Prestiges. Sie berührte wirtschaftliche Interessen und steuerliche Privilegien. Die Anerkennung von Juden als vollberechtigte Alexandriner hätte die exklusiven Rechte der griechischen Bürger relativiert. Hinter den hochkulturellen Debatten darüber, wer ein „wahrer Hellene“ sei, standen daher handfeste Verteilungskämpfe.
Die jüdische Gemeinschaft wiederum berief sich auf Privilegien, die ihr bereits von den Ptolemäern und später von römischen Herrschern bestätigt worden seien. Sie betrachtete ihre religiöse und administrative Selbstorganisation nicht als unerlaubten Staat im Staate, sondern als verbrieftes Recht. Aus Sicht ihrer Gegner erschien dieselbe Autonomie jedoch als Beweis, dass die Juden Vorteile verlangten, ohne sich vollständig in die städtische Gemeinschaft einzufügen.
Damit entstand ein Muster, das die Geschichte der Judenfeindschaft bis in die Moderne begleiten sollte: Juden wurde gleichzeitig vorgeworfen, sich abzusondern und sich in nichtjüdische Gesellschaften einzudrängen. Waren sie zurückhaltend, galten sie als fremd und menschenfeindlich; strebten sie gesellschaftliche Gleichstellung an, hieß es, sie wollten sich Privilegien erschleichen. Die Anschuldigungen widersprachen einander, erfüllten aber dieselbe Funktion. Sie machten jede mögliche Verhaltensweise verdächtig.
Ältere Traditionen der Judenfeindschaft in Ägypten
Das Pogrom von 38 entstand nicht aus dem Nichts. Ihm ging eine lange Entwicklung antijüdischer Erzählungen voraus, die vor allem in ägyptischen und griechisch-ägyptischen Gelehrtenmilieus verbreitet wurden. Zu den einflussreichsten Autoren gehörte der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebende ägyptische Priester Manetho. Sein Werk über die Geschichte Ägyptens ist nur in späteren Zitaten und Bearbeitungen erhalten, unter anderem bei Flavius Josephus.
Manetho beziehungsweise eine unter seinem Namen überlieferte Tradition erzählte von einer Gruppe aussätziger und „unreiner“ Menschen, die aus Ägypten vertrieben worden seien. Ihr Anführer Osarseph habe sich später Moses genannt, die Vertriebenen gegen Ägypten aufgewiegelt und gemeinsam mit fremden Verbündeten das Land verwüstet, Tempel geschändet und heilige Tiere getötet. Diese Erzählung war eine polemische Umkehrung des biblischen Exodus. Nicht Gott hatte Israel aus der Knechtschaft befreit; vielmehr habe Ägypten eine Gemeinschaft von Kranken, Frevlern und Gewalttätern aus hygienischen und religiösen Gründen ausgestoßen.
Diese Gegenlegende besaß bereits mehrere Merkmale einer Verschwörungserzählung. Sie erklärte die Entstehung des Judentums aus einer angeblichen Verbindung von Krankheit, Verunreinigung, Religionsfrevel und Verrat. Zugleich stellte sie Juden als Nachkommen einer feindlichen Gruppe dar, die sich gegen ihre Wohltäter erhoben und gemeinsam mit auswärtigen Kräften die bestehende Ordnung zerstört habe. Geschichte wurde hier nicht lediglich anders interpretiert. Eine Minderheit erhielt eine mythische Ursprungsschuld, die jedem ihrer Angehörigen unabhängig vom individuellen Verhalten zugerechnet werden konnte.
Andere antike Autoren wiederholten oder variierten diese Motive. Lysimachos behauptete, die Juden seien wegen ansteckender Krankheiten aus Ägypten vertrieben worden. Chaeremon verband den Exodus ebenfalls mit der Ausweisung von Kranken und Unreinen. Mnaseas von Patara verbreitete möglicherweise die Behauptung, Juden verehrten in ihrem Tempel einen Eselskopf. Später griffen Apion und selbst Tacitus Teile dieser Überlieferung auf.
Solche Erzählungen waren nicht lediglich primitive Gerüchte ungebildeter Menschen. Sie wurden von Priestern, Grammatikern, Historikern und Gelehrten formuliert. Alexandria, die Stadt der Bibliothek und der Wissenschaft, war zugleich ein Produktionsort gelehrter Judenfeindschaft. Bildung beseitigte das Vorurteil nicht zwangsläufig; sie konnte ihm historische Genealogien, literarischen Glanz und vermeintliche Autorität verleihen.
Die Erzählung vom jüdischen „Menschenhass“
Besonders folgenreich war der Vorwurf, Juden hassten alle anderen Menschen. Griechische und römische Autoren verwendeten hierfür den Begriff misanthropia. Jüdische Speisevorschriften, die Beschneidung, die Sabbatruhe und das Verbot, fremde Götter zu verehren, wurden nicht als Ausdruck einer eigenen religiösen Ordnung verstanden, sondern als demonstrative Ablehnung der übrigen Menschheit.
Aus heutiger Sicht erscheint dieser Schluss unlogisch. Eine Gemeinschaft kann eigene Speisegebote befolgen, ohne andere Menschen zu hassen. Innerhalb der antiken Mittelmeerwelt besaßen gemeinsame Opfermahlzeiten, Tempelfeste und Götterkulte jedoch eine erhebliche gesellschaftliche Bedeutung. Wer sich daran aus religiösen Gründen nicht beteiligte, konnte als jemand erscheinen, der die Gemeinschaft zurückwies. Der jüdische Monotheismus schloss zudem die Anerkennung der Götter aus, auf denen nach dem Verständnis vieler Griechen und Römer das Wohlergehen der Stadt beruhte.
Aus dieser kulturellen Differenz wurde eine moralische Anklage konstruiert. Juden lebten angeblich nur füreinander, verachteten alle Außenstehenden und seien durch ihre Gesetze auf ewige Feindschaft gegenüber den Völkern verpflichtet. Der innere Zusammenhalt der Gemeinden erschien nicht als verständliche Strategie einer Diasporaminderheit, sondern als Beweis einer geheimen, exklusiven und potenziell feindlichen Organisation.
Hier zeigt sich ein Grundmechanismus verschwörungsförmigen Denkens. Sichtbares Verhalten erhält einen verborgenen Sinn. Eine religiöse Vorschrift ist nicht mehr einfach eine religiöse Vorschrift, sondern Tarnung einer geheimen Absicht. Gemeinschaftliche Solidarität wird in geheime Komplizenschaft übersetzt. Eine komplexe Minderheit mit unterschiedlichen sozialen Gruppen, politischen Auffassungen und Lebensweisen verwandelt sich in ein einheitlich handelndes Kollektiv.
Die römische Herrschaft als Brandbeschleuniger
Nach der Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich veränderten sich die bestehenden Spannungen. Die griechische Elite Alexandrias hatte ihre politische Selbstständigkeit verloren, bewahrte aber ihr kulturelles Selbstbewusstsein. Anders als viele griechische Städte erhielt Alexandria zunächst keinen eigenen Stadtrat, durch den die lokale Aristokratie ihre Interessen hätte organisieren können. Die tatsächliche Gewalt lag beim römischen Präfekten, der direkt vom Kaiser eingesetzt wurde.
Die Juden galten vielen Griechen als Nutznießer der römischen Herrschaft. Jüdische Eliten unterhielten Beziehungen zu Rom, jüdische Gemeinden beriefen sich auf römische Schutzbriefe, und einzelne prominente Juden bekleideten wichtige wirtschaftliche oder administrative Positionen. So gehörte Alexander, der Bruder Philos, zu den reichsten und einflussreichsten Männern Ägyptens. Er war als Alabarch wahrscheinlich mit hohen Finanz- und Steueraufgaben betraut und stand in Verbindung mit der Familie des Herodes.
Aus solchen tatsächlichen Beziehungen entstand das Bild einer generellen Allianz „der Juden“ mit der Besatzungsmacht. Die jüdische Loyalität zu Rom wurde als Verrat an Alexandria gedeutet. Van der Horst sieht in der Verbindung zwischen gelehrten Darstellungen der Juden als verbrecherischen „Menschenfeinden“ und ihrer vermeintlichen Parteinahme für die römischen Herrscher einen wichtigen Hintergrund des Pogroms. (Cambridge Core)
Auch hier begegnet ein später immer wiederkehrendes Muster. Minderheiten, die Schutz bei einer übergeordneten Herrschaft suchen, weil die lokale Mehrheit ihnen diesen Schutz verweigert, werden anschließend beschuldigt, mit dieser Herrschaft gegen das „eigene Volk“ zu paktieren. Ursache und Folge werden vertauscht: Nicht die Bedrohung zwingt die Minderheit, sich an den Herrscher zu wenden; vielmehr soll ihre Nähe zum Herrscher beweisen, dass sie von Anfang an eine verräterische Fremdgruppe gewesen sei.
Caligula, Flaccus und die Krise des Jahres 38
Aulus Avilius Flaccus war seit 32 n. Chr. Präfekt von Ägypten. Philo beschreibt ihn für die ersten Jahre seiner Amtszeit als fähigen und umsichtigen Verwalter. Diese positive Darstellung dient zwar auch dem literarischen Zweck, seinen späteren moralischen Absturz umso dramatischer erscheinen zu lassen, dürfte aber einen historischen Kern besitzen.
Die Lage des Präfekten änderte sich, als Caligula im März 37 Kaiser wurde. Flaccus hatte zu Tiberius und zu dessen Vertrauten Sejanus gehört. Angehörige des neuen Kaiserhauses betrachteten ihn daher mit Misstrauen. Zudem war Flaccus möglicherweise an Maßnahmen gegen Caligulas Mutter Agrippina die Ältere beteiligt gewesen. Mehrere seiner politischen Verbündeten wurden beseitigt. Flaccus musste damit rechnen, ebenfalls angeklagt, abgesetzt oder hingerichtet zu werden.
Nach Philos Darstellung suchte er nun Unterstützung bei den griechischen Wortführern Alexandrias, insbesondere bei Dionysios, Isidoros und Lampon. Im Gegenzug habe er ihnen freie Hand gegenüber den Juden gelassen. Ob diese Abmachung genau in der von Philo geschilderten Form bestand, lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Plausibel ist jedoch, dass ein politisch bedrängter Präfekt bereit war, lokale Ressentiments zu bedienen, um seine Stellung in der Stadt zu festigen.
Der unmittelbare Anlass der Eskalation war der Besuch des jüdischen Königs Herodes Agrippa I. Agrippa war ein enger Freund Caligulas und hatte von ihm die Königswürde sowie die Herrschaft über ehemals von Herodes Philippus regierte Gebiete erhalten. Im Jahre 38 reiste er über Alexandria in sein neues Herrschaftsgebiet. Philo betont, Agrippa habe möglichst unauffällig in der Stadt verweilen wollen. Seine Ankunft wurde jedoch bekannt und löste bei Teilen der griechischen Bevölkerung Feindseligkeit aus.
Warum Agrippa derart provozierte, ist nicht schwer zu erkennen. Für die Gegner der Juden verkörperte er alles, was sie fürchteten oder behaupteten zu fürchten: einen mächtigen Juden mit unmittelbarem Zugang zum Kaiser, königlicher Würde und weitreichenden internationalen Beziehungen. Seine bloße Anwesenheit ließ sich als sichtbarer Beweis einer angeblichen jüdischen Macht interpretieren.
Karabas – die öffentliche Verspottung eines jüdischen Königs
Im Gymnasion, einem zentralen Ort griechischer Bildung und bürgerlicher Identität, inszenierte eine Menschenmenge eine obszöne Parodie. Ein offenbar geistig beeinträchtigter oder obdachloser Mann namens Karabas wurde ergriffen, auf einer erhöhten Stelle zur Schau gestellt und als Spottkönig hergerichtet. Eine Papyrusmatte diente ihm als Gewand, ein Stück Papyrus als Krone und ein Schilfrohr als Zepter. Um ihn herum spielten Männer die Rolle königlicher Leibwächter. Die Menge rief ihm „Marin“ zu, ein syrisch-aramäisches Wort für „Herr“.
Die Botschaft war eindeutig. Karabas stellte Herodes Agrippa dar. Indem man einen hilflosen Menschen grotesk als König verkleidete, verhöhnte man nicht nur Agrippa persönlich, sondern jüdische Herrschaft und jüdische Würde überhaupt. Die Inszenierung war Volksbelustigung und politisches Ritual zugleich. Sie gab der Menge ein gemeinsames Feindbild und verwandelte Verachtung in eine öffentliche Gemeinschaftserfahrung.
Flaccus unterband die Demonstration nicht. Dieses Schweigen hatte Signalwirkung. Die Wortführer konnten daraus schließen, dass der Präfekt ihre Aktionen tolerierte. Zugleich dürfte die Inszenierung Caligula gegolten haben: Indem man dessen jüdischen Freund beleidigte, stellte man Flaccus vor eine Loyalitätsprobe. Der Präfekt reagierte nicht mit der Verteidigung Agrippas oder der öffentlichen Ordnung, sondern suchte offenbar gerade durch antijüdische Zugeständnisse seine eigene kaiserliche Loyalität zu beweisen.
Kaiserbilder in den Synagogen
Der nächste Schritt war die Forderung, Bildnisse Caligulas in den alexandrinischen Synagogen aufzustellen. In der antiken Welt waren Kaiserstatuen nicht bloß Dekoration. Ihre Aufstellung konnte die Anerkennung der sakralen Stellung des Herrschers und die Eingliederung eines Gebäudes in den Kaiserkult bedeuten. Für Juden war dies mit dem Bilderverbot und der ausschließlichen Verehrung des einen Gottes unvereinbar.
Die Provokation war sorgfältig gewählt. Leisteten die Juden Widerstand, konnte dieser als Ungehorsam gegenüber dem Kaiser ausgelegt werden. Duldeten sie die Statuen, verletzten sie ihre religiösen Grundsätze. Das Vorgehen schuf somit eine Situation, in der jede Reaktion gegen sie verwendet werden konnte.
Synagogen wurden besetzt, entweiht, beschädigt oder zerstört. Philo berichtet, dass manche in Heiligtümer des Kaisers umgewandelt und mit dessen Bildern versehen worden seien. Flaccus, der die jüdischen Gotteshäuser hätte schützen müssen, legitimierte den Angriff. Die Verteidigung religiöser Freiheit wurde damit in ein politisches Verbrechen umgedeutet.
Das hierbei wirksame Narrativ lautete, Juden verweigerten Caligula als einzige Bevölkerungsgruppe die geschuldete Verehrung. Daraus ließ sich der Vorwurf ableiten, sie seien grundsätzlich illoyal. Tatsächlich beteten jüdische Gemeinden für den Kaiser und brachten im Jerusalemer Tempel Opfer für sein Wohlergehen dar, nicht aber ihm persönlich. Diese theologische Unterscheidung interessierte die Agitatoren nicht. Ihre Propaganda reduzierte Loyalität auf die Teilnahme an einer bestimmten kultischen Handlung und machte religiöse Gewissensbindung zum Beweis politischen Verrats.
Die Erklärung zu „Fremden und Eindringlingen“
Den entscheidenden Schritt vollzog Flaccus mit einem Erlass, in dem er die Juden nach Philos Worten zu „Fremden und Eindringlingen“ erklärte. Über die genaue juristische Bedeutung dieser Formulierung wird gestritten, zumal der Wortlaut des Edikts nicht erhalten ist. Seine politische Wirkung ist dagegen unzweifelhaft: Eine seit Generationen in Alexandria lebende Bevölkerung wurde aus der legitimen Stadtgemeinschaft ausgeschlossen.
Philo verstand die Maßnahme als Freigabe zur Verfolgung. Die Juden seien wie Kriegsgefangene behandelt worden, an denen jeder nach Belieben Gewalt ausüben durfte. Der Staat hatte ihnen nicht notwendigerweise in einem modernen Sinne ausdrücklich das Lebensrecht entzogen; er entzog ihnen aber faktisch den Schutz, ohne den ihr Eigentum, ihre körperliche Unversehrtheit und ihre religiösen Einrichtungen preisgegeben waren.
Die Bezeichnung als Fremde schuf keine neue gesellschaftliche Realität. Sie veränderte vielmehr die moralische Wahrnehmung der Opfer. Menschen, die in Alexandria geboren worden waren, deren Familien seit Jahrhunderten dort lebten und die am wirtschaftlichen und geistigen Leben der Stadt teilnahmen, erschienen plötzlich als illegitime Eindringlinge. Die administrative Kategorie verwandelte Nachbarn in Besatzer.
Auch dies ist ein dauerhaftes Element antijüdischer Verschwörungserzählungen. Juden gelten darin nie vollständig als Angehörige des Landes, in dem sie leben. Selbst jahrhundertelange Verwurzelung kann jederzeit durch die Behauptung widerrufen werden, sie bildeten einen fremden Körper mit eigenen Interessen und verborgenen Loyalitäten. Die vermeintliche Fremdheit muss nicht bewiesen werden; sie wird aus der Existenz jüdischer Gemeinschaft selbst abgeleitet.
Vertreibung, Ghettoisierung und Plünderung
Nach dem Erlass begann die offene Gewalt. Philo berichtet, die Juden seien aus vier der fünf Stadtbezirke vertrieben und auf einen kleinen Teil Alexandrias zusammengedrängt worden. Der Ausdruck „Ghetto“ wäre für das Jahr 38 anachronistisch, weil er aus dem frühneuzeitlichen Venedig stammt. Der Vorgang besaß jedoch wesentliche Merkmale einer erzwungenen Ghettoisierung: Eine Minderheit wurde aus ihren bisherigen Wohn- und Arbeitsräumen vertrieben und in einem begrenzten Gebiet konzentriert.
Die verlassenen Häuser und Werkstätten wurden geplündert. Eigentum, das zuvor als rechtmäßig erworbener Besitz gegolten hatte, wurde nun wie Kriegsbeute verteilt. Gerade diese Verbindung von Ideologie und materieller Bereicherung ist für Pogrome charakteristisch. Die Täter handelten nicht ausschließlich aus religiösem oder ethnischem Hass. Sie konnten Schulden beseitigen, Konkurrenten ausschalten, Wohnungen übernehmen und Waren rauben. Das Feindbild lieferte die moralische Erlaubnis, aus Verbrechen Vorteile zu ziehen.
Philo beschreibt, wie Juden, die sich außerhalb des ihnen aufgezwungenen Bezirks zeigten, gesteinigt oder mit Knüppeln erschlagen wurden. Manche seien mit Stricken gefesselt, durch die Straßen geschleift und verstümmelt worden. Ganze Familien seien zusammen verbrannt worden. Andere Opfer habe man gekreuzigt. Die Täter hätten die Qualen ihrer Opfer in einer Art grausamem Theater nachgeahmt und verspottet.
Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt. Philos Mengenangaben sind nicht zuverlässig genug, um statistische Aussagen zu erlauben. Seine Darstellung folgt zudem theologischen und literarischen Absichten: Das Leiden der Juden wird dem späteren Sturz des Flaccus gegenübergestellt und als Beweis göttlicher Gerechtigkeit gedeutet. Dennoch ist der Grundbestand der Schilderung glaubwürdig. Philo war Zeitzeuge; der Konflikt führte zu Gesandtschaften nach Rom; der spätere Brief des Claudius bestätigt die Schwere und Dauer der Auseinandersetzungen. Dass einzelne grausame Episoden rhetorisch gestaltet wurden, macht das Pogrom nicht zu einer Erfindung.
Frauen als Objekte öffentlicher Erniedrigung
Besonders aufschlussreich ist Philos Bericht über die Misshandlung jüdischer Frauen. Flaccus ließ achtunddreißig Mitglieder des jüdischen Ältestenrates festnehmen und im Theater öffentlich auspeitschen. Freie, zum Teil ältere und angesehene Männer wurden damit einer Strafe unterworfen, die als besonders entehrend galt.
Philo erzählt außerdem, dass jüdische Frauen, die wegen religiöser oder gemeinschaftlicher Veranstaltungen zusammengekommen waren, in das Theater getrieben wurden. Dort sollten sie Schweinefleisch essen. Wer sich weigerte, wurde misshandelt. Die Auswahl des Schweinefleisches war kein Zufall. Es ging nicht um Nahrungsaufnahme, sondern um die demonstrative Zerstörung jüdischer Identität.
Das Theater wurde so zum Schauplatz politischer Entmenschlichung. Die Opfer sollten nicht nur leiden, sondern vor Publikum erniedrigt werden. Gewalt wurde als Spektakel inszeniert, bei dem die Zuschauer gemeinsam erfuhren, wer zur Stadt gehörte und wer nicht. Der Pogrom war daher mehr als eine Folge unkontrollierter Ausschreitungen. Er bestand auch aus symbolischen Handlungen, administrativen Maßnahmen und öffentlichen Ritualen der Ausschließung.
War das Pogrom eine geplante Verschwörung?
Es wäre verfehlt, die Ereignisse als Ergebnis eines über lange Zeit ausgearbeiteten Gesamtplans zu betrachten. Philo konzentriert die Verantwortung stark auf Flaccus sowie auf die griechischen Wortführer Dionysios, Isidoros und Lampon. Diese Personalisierung entspricht dem Aufbau seiner Schrift, die den Aufstieg und den gottgewollten Sturz eines schlechten Statthalters erzählt.
Wahrscheinlicher ist ein Prozess wechselseitiger Radikalisierung. Lang bestehende Vorurteile, wirtschaftliche Konkurrenz, Streit über Bürgerrechte, die politische Schwäche des Präfekten, die Ankunft Agrippas und die konfliktträchtige Religionspolitik Caligulas trafen aufeinander. Bestimmte Agitatoren nutzten die Situation gezielt. Flaccus traf bewusste Entscheidungen, die die Juden entrechteten. Der Gewaltausbruch war somit weder vollkommen spontan noch notwendig das Ergebnis eines zentral ausgearbeiteten Vernichtungsplanes.
Gerade hierin liegt die historische Bedeutung des Geschehens. Pogrome benötigen nicht immer einen detaillierten Geheimbefehl. Es kann genügen, wenn die Staatsgewalt eine Minderheit öffentlich als illegitim kennzeichnet, den Tätern Straflosigkeit signalisiert und vorhandene Feindbilder aktiviert. Die Gewalt organisiert sich dann teilweise selbst, weil viele Beteiligte aus unterschiedlichen Motiven dasselbe Ziel verfolgen.
Verschwörungserzählungen als Vorbereitung der Gewalt
Der moderne Ausdruck „Verschwörungstheorie“ sollte auf die Antike nur mit Vorsicht angewandt werden. Antike Gesellschaften kannten andere Vorstellungen von Politik, Religion und Kausalität. Dennoch lassen sich in den judenfeindlichen Erzählungen Alexandrias Strukturen erkennen, die heutigen Verschwörungsmythen sehr ähnlich sind.
Zunächst wurde „den Juden“ eine einheitliche, verborgene Absicht zugeschrieben. Eine vielgestaltige Bevölkerung erschien als geschlossen handelndes Kollektiv. Religiöse Regeln wurden als geheime Anweisungen zur Feindschaft gegen Nichtjuden gedeutet. Beziehungen einzelner jüdischer Eliten zu Rom wurden zum Beweis eines umfassenden politischen Netzwerkes. Das Streben nach rechtlicher Gleichstellung galt nicht als nachvollziehbares Interesse einer Minderheit, sondern als Versuch, die bestehende Ordnung zu unterwandern.
Hinzu kam das Motiv der doppelten Loyalität. Juden seien nach außen Bewohner Alexandrias, in Wahrheit aber einem eigenen, grenzüberschreitenden Gemeinwesen verpflichtet. Da jüdische Gemeinden tatsächlich miteinander verbunden waren und Jerusalem religiöse Bedeutung besaß, konnte die Propaganda reale Beziehungen als Material verwenden. Verschwörungserzählungen funktionieren häufig gerade deshalb, weil sie nicht alles erfinden. Sie nehmen sichtbare Einzelheiten und fügen sie zu einem falschen Gesamtbild zusammen.
Auch das Motiv der religiösen Menschenfeindschaft war verschwörungsförmig. Der jüdische Monotheismus galt als Tarnung eines Hasses gegen alle Völker. Die Verweigerung des Kaiserkultes wurde als Beweis einer staatsfeindlichen Gesinnung gelesen. Der Sabbat, die Speisevorschriften und die Beschneidung sollten zeigen, dass die Juden sich absichtlich von der Menschheit absonderten.
Schließlich entstand eine angebliche Notwehrsituation. Wenn Juden geheime Feinde, Verbündete Roms, Verächter der Götter und Eindringlinge waren, erschien Gewalt gegen sie nicht mehr als Angriff, sondern als Verteidigung Alexandrias. Dies ist vielleicht die gefährlichste Funktion einer Verschwörungserzählung: Sie verwandelt Täter in vermeintliche Opfer und Opfer in angebliche Angreifer. Gewalt kann dann als moralisch notwendige Reaktion präsentiert werden.
Apion und die intellektuelle Systematisierung der Hetze
Nach den Ausschreitungen entsandten sowohl die jüdische Gemeinde als auch die griechische Bürgerschaft Gesandtschaften zu Caligula. Die jüdische Delegation wurde von Philo geführt. An der Spitze der gegnerischen Gesandtschaft stand Apion, ein aus Ägypten stammender griechischer Grammatiker, Homerforscher und Redner.
Apion war kein Mann des ungebildeten Straßenmobs. Er gehörte zur intellektuellen Elite seiner Zeit. Gerade darin liegt seine Bedeutung. Er führte ältere judenfeindliche Motive zusammen, verlieh ihnen gelehrte Autorität und machte sie politisch verwendbar. Vor Caligula warf er den Juden vor allem vor, dem Kaiser nicht die gebührenden Ehren zu erweisen. Josephus berichtet, Apion habe betont, während andere Untertanen Altäre und Tempel für Caligula errichteten, weigerten sich allein die Juden, sein Bild aufzustellen und bei seinem Namen zu schwören. (Christian Classics Ethereal Library)
In seinen heute verlorenen Schriften verbreitete Apion noch wesentlich drastischere Behauptungen. Wir kennen sie vor allem aus der Widerlegung, die Flavius Josephus gegen Ende des 1. Jahrhunderts in Contra Apionem verfasste. Apion behauptete unter anderem, im Jerusalemer Tempel werde ein Eselskopf verehrt. Noch folgenreicher war die Geschichte, der Seleukidenkönig Antiochos IV. habe im Tempel einen griechischen Gefangenen gefunden. Die Juden hätten diesen Mann ein Jahr lang gemästet, um ihn anschließend zu töten, von seinen Eingeweiden zu essen und bei diesem Opfer ewige Feindschaft gegen die Griechen zu schwören. Josephus überliefert und widerlegt diese Erzählung ausführlich. (gutenberg.org)
Ob Apion diese Ritualmorderzählung bereits während der Gesandtschaft des Jahres 39 oder 40 vor Caligula vorbrachte, lässt sich nicht beweisen. Josephus verbindet sie nicht ausdrücklich mit der Verhandlung über Alexandria. Sie gehört jedoch zum propagandistischen Milieu, in dem Apion wirkte und in dem die alexandrinische Gewalt gerechtfertigt werden konnte.
Die Geschichte vom gemästeten Griechen enthält in erstaunlich vollständiger Form die Grundstruktur späterer Ritualmordlegenden. Juden entführen angeblich einen Nichtjuden, halten ihn verborgen, töten ihn in einem religiösen Ritual und verzehren Teile seines Körpers oder Blutes. Das erfundene Opfer repräsentiert dabei die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft. Die angebliche Tat ist zugleich Mord, Sakrileg und politischer Treueschwur gegen die Außenwelt.
Es wäre dennoch zu einfach, eine gerade Überlieferungslinie von Apion zu den christlichen Ritualmordbeschuldigungen des Mittelalters zu ziehen. Zwischen den jeweiligen Erzählungen liegen viele Jahrhunderte, tiefgreifende kulturelle Veränderungen und unterschiedliche religiöse Kontexte. Die mittelalterliche Behauptung, Juden benötigten das Blut christlicher Kinder, entstand innerhalb einer christlich geprägten Vorstellungswelt und war eng mit Passion, Eucharistie und dem Vorwurf des Christusmordes verbunden. Eine direkte literarische Abhängigkeit von Apion ist nicht nachweisbar. Wohl aber zeigt sein Bericht, dass die Vorstellung vom jüdischen Ritualmörder lange vor dem Christentum verfügbar war.
Vor Caligula
Philos Gesandtschaft nach Rom endete ohne Erfolg. In der Legatio ad Gaium schildert er, wie Caligula die jüdischen Abgesandten demütigte und ihre Argumente kaum anhörte. Der Kaiser empfing sie in mehreren Villen, während er mit baulichen und dekorativen Fragen beschäftigt war, und behandelte die Angelegenheit wie eine lästige Unterhaltung.
Die jüdische Weigerung, ihn als Gott zu verehren, bestärkte Caligulas Feindseligkeit. Philo schreibt, der Kaiser habe die Juden besonders verdächtigt, als seien sie die einzige Gruppe, die seinen Absichten entgegenstehe. Die alexandrinischen Agitatoren hatten damit erreicht, dass religiöse Eigenständigkeit auf höchster Ebene als politische Illoyalität interpretiert wurde.
Die Krise weitete sich aus, als in Jamnia ein dem Kaiser gewidmeter Altar zerstört wurde. Caligula befahl daraufhin, eine monumentale Statue seiner selbst im Jerusalemer Tempel aufzustellen. Der syrische Statthalter Publius Petronius sollte diesen Befehl notfalls militärisch durchsetzen. Für die jüdische Bevölkerung hätte die Aufstellung eine unerträgliche Entweihung bedeutet; zugleich hätte Widerstand einen Krieg gegen Rom ausgelöst. Nur der Tod Caligulas im Januar 41 verhinderte wahrscheinlich eine Katastrophe.
Der Sturz des Flaccus
Noch während des Jahres 38 wurde Flaccus auf Befehl Caligulas verhaftet. Seine Verhaftung erfolgte während eines Festmahls und damit unter Umständen, die Philo als sichtbare göttliche Vergeltung inszeniert. Der ehemalige Präfekt wurde nach Andros verbannt und schließlich hingerichtet.
Sein Sturz bedeutete jedoch keine unmittelbare Wiederherstellung jüdischer Sicherheit. Caligula war den Juden keineswegs wohlgesinnt, und die Konflikte in Alexandria dauerten an. Nach seinem Tod kam es offenbar erneut zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Nun waren auch jüdische Gruppen aktiv an der Gewalt beteiligt. Josephus berichtet, nach der Nachricht vom Herrscherwechsel seien Juden, die auf Inseln und in anderen Gebieten festgehalten worden waren, nach Alexandria zurückgekehrt und hätten zu den Waffen gegriffen.
Das Jahr 38 darf daher nicht isoliert von den Unruhen bis 41 betrachtet werden. Dennoch bleibt ein wesentlicher Unterschied bestehen: Die Gewalt von 38 begann unter den Bedingungen staatlich sanktionierter Entrechtung der Juden und richtete sich gegen sie als kollektiv aus der Stadtgemeinschaft ausgeschlossene Minderheit. Die späteren Kämpfe waren stärker von gegenseitiger Bewaffnung und Vergeltung geprägt.
Der Schiedsspruch des Claudius
Nach Caligulas Ermordung bestieg Claudius den Kaiserthron. Beide alexandrinischen Parteien trugen ihm ihre Beschwerden vor. Seine Antwort ist in einem auf den 10. November 41 datierten Brief erhalten, der auf Papyrus überliefert wurde. Dieses Dokument gehört zu den wichtigsten außerjüdischen Quellen für den Konflikt.
Claudius verlangte von den griechischen Alexandrinern, die seit langem in der Stadt lebenden Juden duldsam zu behandeln, ihre religiösen Gebräuche nicht zu verletzen und ihnen jene Rechte zu lassen, die sie bereits unter Augustus besessen hatten. Zugleich ermahnte er die Juden, nicht nach weitergehenden Privilegien zu streben, keine eigene Gesandtschaft zu entsenden, als bildeten sie eine getrennte Stadt, und keine Glaubensgenossen aus Syrien oder dem übrigen Ägypten nach Alexandria zu holen. Andernfalls, so drohte er, werde er sie als Urheber einer die gesamte Welt erfassenden „Seuche“ verfolgen. (attalus.org)
Der Brief war ein obrigkeitlicher Kompromiss, keine Erklärung allgemeiner Gleichberechtigung. Claudius stellte die jüdische Religionsausübung und die bestehenden Privilegien wieder her, verweigerte aber offenbar weitergehende Ansprüche auf das alexandrinische Bürgerrecht. Zudem übernahm er in seiner Warnung selbst eine Sprache des Verdachts. Die jüdische Vernetzung über regionale Grenzen hinweg erschien ihm als potenzielle Gefahr.
Damit enthielt die Befriedung bereits den Keim erneuter Konflikte. Juden durften in Alexandria leben und ihre Religion ausüben, blieben aber in einer rechtlich unsicheren Zwischenstellung. Ihre Sicherheit beruhte auf kaiserlicher Garantie, nicht auf einer Gleichheit, die ihnen niemand mehr hätte entziehen dürfen.
Die langfristigen Folgen
Das Pogrom beendete das jüdische Leben in Alexandria nicht. Die Gemeinde erholte sich zumindest teilweise und blieb ein bedeutender Bestandteil der Stadt. Doch das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit ihrer Stellung war erschüttert. Die Ereignisse hatten gezeigt, wie rasch alte Privilegien, wirtschaftliche Integration und kulturelle Nähe wertlos werden konnten.
In den folgenden Jahrzehnten kam es zu weiteren schweren Konflikten. Während des jüdischen Aufstandes in Judäa brachen im Jahre 66 auch in Alexandria Kämpfe aus. Flavius Josephus berichtet von einem Massaker, das römische Truppen unter Tiberius Julius Alexander, selbst aus einer prominenten alexandrinisch-jüdischen Familie stammend, an Juden verübten. Seine Zahlenangaben sind wahrscheinlich weit überhöht, doch der Gewaltausbruch war erheblich.
Den endgültigen Zusammenbruch der antiken jüdischen Metropole bewirkte der sogenannte Diasporaaufstand von 115 bis 117. Die Kämpfe erfassten Kyrene, Ägypten, Zypern und Mesopotamien. Nach ihrer Niederschlagung wurde das jüdische Leben in Alexandria drastisch reduziert. Die einst größte jüdische Diasporagemeinde des Mittelmeerraumes verlor ihre überragende Bedeutung. Die Forschung betrachtet daher das Pogrom von 38, die Gewalt von 66 und die Vernichtung der Gemeinde im Umfeld des Aufstandes von 115 bis 117 als drei entscheidende Einschnitte. (cambridge.org)
Von der antiken „Misanthropie“ zur modernen Weltverschwörung
Die antiken und modernen Formen der Judenfeindschaft sind nicht identisch. Zwischen Apion und den Protokollen der Weisen von Zion, zwischen der Verweigerung des Kaiserkultes und dem modernen Mythos einer jüdischen Weltregierung besteht keine ungebrochene historische Linie. Dennoch weisen die Erzählungen strukturelle Kontinuitäten auf.
Bereits in Alexandria galten Juden als gleichzeitig schwach und übermächtig. Sie waren eine angreifbare Minderheit, sollten aber angeblich über besondere Beziehungen zum Kaiser und zu internationalen Netzwerken verfügen. Sie wurden als rückständige, ungebildete Anhänger seltsamer Gebräuche verspottet, zugleich jedoch als listige Konkurrenten wahrgenommen, die sich Vorteile verschafften. Man beschuldigte sie der Absonderung und gleichzeitig der Unterwanderung. Man erklärte sie zu Fremden und warf ihnen zugleich vor, zu großen Einfluss auf die Gesellschaft zu besitzen.
Diese Widersprüchlichkeit ist kein Fehler der Verschwörungserzählung, sondern Teil ihrer Funktion. Das Feindbild muss nicht logisch geschlossen sein. Es muss nur jede Beobachtung in Verdacht verwandeln können. Armut gilt dann als Tarnung, Reichtum als Beweis; gesellschaftliche Zurückhaltung als Absonderung, Integration als Infiltration; Wehrlosigkeit als gespielte Opferrolle, Selbstverteidigung als Aggression.
Auch der Vorwurf der doppelten Loyalität lebt fort. In unterschiedlichen historischen Kontexten wurde Juden unterstellt, nicht ihrem jeweiligen Land, sondern einer fremden Macht, einer religiösen Autorität, dem „internationalen Finanzkapital“, dem Bolschewismus, dem Zionismus oder dem Staat Israel zu dienen. Die konkreten Begriffe wechselten, die logische Struktur blieb bemerkenswert stabil.
Ebenso langlebig erwies sich die Umdeutung religiöser und kultureller Eigenheiten in Beweise geheimer Feindschaft. Was nicht verstanden wird, gilt als absichtlich verborgen; was verborgen scheint, muss etwas Bedrohliches enthalten. Aus dem antiken Sabbat und den Speisevorschriften wurden später angebliche geheime Talmudgebote, aus der innergemeindlichen Solidarität wurde die Vorstellung eines weltumspannenden Netzwerkes, aus der Verleumdung des Tempelrituals entstanden immer neue Fantasien über geheime Opfer und Blutkulte.
Dabei dürfen die Unterschiede nicht eingeebnet werden. Der christliche Antijudaismus ergänzte das antike Repertoire um den Vorwurf des Gottesmordes und um eine heilsgeschichtliche Deutung jüdischer Existenz. Die mittelalterliche Ritualmordlegende richtete sich häufig auf christliche Kinder. Der moderne Antisemitismus verwandelte religiöse Feindschaft in eine vermeintlich wissenschaftliche Rassenlehre. Der nationalsozialistische Vernichtungsantisemitismus ging schließlich weit über die antiken Ausschreitungen hinaus: Er zielte auf die bürokratisch und industriell organisierte Ermordung aller als Juden definierten Menschen.
Kontinuität bedeutet daher nicht Identität. Fortbestand hat vor allem ein Reservoir von Erzählmustern: der Jude als Fremder, Menschenfeind, Religionsfrevler, Ritualmörder, heimlicher Verbündeter der Mächtigen, wirtschaftlicher Konkurrent und Mitglied eines unsichtbaren, grenzüberschreitenden Kollektivs.
Warum solche Erzählungen überleben
Antijüdische Verschwörungsmythen überdauerten Jahrhunderte nicht deshalb, weil sie auf einem wahren Kern beruhten, sondern weil sie gesellschaftliche Funktionen erfüllten. Sie vereinfachten komplexe Konflikte. Wirtschaftliche Konkurrenz, unklare Rechtsverhältnisse, römische Herrschaft, städtische Machtkämpfe und die Krise des Präfekten ließen sich auf die angeblichen Absichten einer einzigen Gruppe zurückführen.
Sie boten ferner Entlastung. Die griechische Elite Alexandrias musste ihren politischen Bedeutungsverlust unter römischer Herrschaft nicht allein Rom zuschreiben, wenn sie Juden als bevorzugte Verbündete der Römer darstellen konnte. Der Präfekt Flaccus konnte von seiner prekären Lage ablenken, indem er der Mehrheit einen Feind präsentierte. Plünderer konnten ihren Raub als Wiederherstellung gerechter Besitzverhältnisse begreifen.
Verschwörungserzählungen erlauben außerdem, den Opfern die Verantwortung für ihre Verfolgung zuzuschieben. Nicht der Mob habe die Juden angegriffen; die Juden hätten durch ihre angebliche Arroganz, Gottlosigkeit oder Illoyalität die Reaktion provoziert. Nicht Flaccus habe sie rechtlos gemacht; sie hätten sich durch ihr Verhalten selbst außerhalb der Gemeinschaft gestellt. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist bis heute eines der zuverlässigsten Kennzeichen antisemitischer Argumentation.
Schließlich sind solche Erzählungen außerordentlich anpassungsfähig. Der konkrete Vorwurf kann ausgetauscht werden, während die Tiefenstruktur erhalten bleibt. Aus der angeblichen Zusammenarbeit mit Rom wird die Zusammenarbeit mit dem mittelalterlichen Herrscher, später mit Banken, Revolutionären, Kolonialmächten, Medienkonzernen oder internationalen Organisationen. Die widersprüchlichen Rollen können sogar gleichzeitig behauptet werden. Im 20. Jahrhundert galten Juden in derselben Propaganda sowohl als kapitalistische Ausbeuter als auch als kommunistische Revolutionäre.
Eine quellenkritische Grenze
Das Wissen über das Pogrom von 38 beruht vor allem auf Philo. Das verlangt Vorsicht. Philo war nicht neutral. Er gehörte zur jüdischen Oberschicht, verteidigte die Rechte seiner Gemeinschaft und gestaltete In Flaccum als moralisch-theologische Anklageschrift. Der Untergang des Präfekten erscheint darin als göttliche Strafe. Philo minimiert mögliche jüdische Beteiligung an vorausgegangenen Auseinandersetzungen und erklärt die Feindschaft stark aus der Bosheit einzelner Gegner.
Sein Schweigen über bestimmte Ursachen ist ebenso wichtig wie seine ausführliche Beschreibung der Gewalt. So erfahren wir nur begrenzt, welche konkreten Bürgerrechtsforderungen die jüdische Seite erhob, wie sich soziale Spannungen im Alltag äußerten und ob es vor dem Pogrom gewaltsame jüdische Gegenaktionen gegeben hatte. Die Darstellung des Jahres 38 ist daher keine moderne Ereignischronik.
Doch Quellenkritik darf nicht in falsche Ausgewogenheit umschlagen. Dass Philo parteilich schrieb, widerlegt weder die Entrechtung noch die Vertreibung, die Synagogenschändungen und die Massengewalt. Spätere Quellen, die Gesandtschaften nach Rom und insbesondere der Brief des Claudius bestätigen, dass ein schwerer Konflikt um jüdische Rechte und Religionsausübung stattgefunden hatte. Die Aufgabe historischer Kritik besteht darin, Philos Perspektive zu analysieren, nicht darin, Täter und Opfer nachträglich auf dieselbe moralische Stufe zu stellen.
Das Pogrom als warnendes Lehrstück
Alexandria im Jahre 38 widerlegt die Vorstellung, Judenfeindschaft sei stets ein Produkt kultureller Rückständigkeit. Das Pogrom ereignete sich in einer der gebildetsten Städte der antiken Welt. Gelehrte wie Apion wirkten an der Verbreitung der Feindbilder mit. Das Gymnasion, ein Zentrum griechischer Erziehung, wurde zum Ort der politischen Verhöhnung. Kulturelles Prestige und wissenschaftliche Bildung boten keinen zuverlässigen Schutz gegen Hass.
Die Ereignisse zeigen außerdem, dass Gewalt selten mit dem ersten Schlag beginnt. Ihr gingen sprachliche und rechtliche Verschiebungen voraus. Juden wurden als menschenfeindlich beschrieben, ihre Religion als verdächtig markiert, ihre politische Loyalität bestritten und ihre rechtmäßige Anwesenheit in der Stadt infrage gestellt. Erst danach konnten sie zu Fremden erklärt, räumlich abgesondert und beraubt werden.
Die Reihenfolge ist entscheidend. Menschen müssen in der öffentlichen Vorstellung bereits zu einer gefährlichen und moralisch minderwertigen Gruppe geworden sein, bevor Gewalt gegen sie als erlaubt, verständlich oder sogar notwendig erscheinen kann. Verschwörungserzählungen sind deshalb kein harmloses Randphänomen. Sie schaffen jene alternative Wirklichkeit, in der Verfolgung zur Selbstverteidigung wird.
Das Pogrom von Alexandria war weder der Beginn aller Judenfeindschaft noch eine frühe Ausgabe des modernen Holocaust. Es war ein historisch spezifisches Ereignis innerhalb der sozialen, politischen und religiösen Ordnung des römischen Ägypten. Doch in ihm wurden Mechanismen sichtbar, die später immer wiederkehren sollten: die Konstruktion eines kollektiv handelnden Feindes, die Verbindung von Fremdheit und Übermacht, der Verdacht geheimer Loyalitäten, die Umdeutung religiöser Eigenart in Menschenhass, die politische Entrechtung durch Sprache und die moralische Verwandlung von Raub und Mord in vermeintliche Notwehr.
Die erschreckende Aktualität Alexandrias liegt daher nicht darin, dass seit zweitausend Jahren immer genau dieselbe Lüge erzählt würde. Sie liegt darin, dass alte Erzählmuster fortwährend mit neuen Namen, Ereignissen und politischen Begriffen gefüllt werden können. Wer ihre antiken Formen untersucht, erkennt nicht nur ein Kapitel vergangener Gewalt. Er erkennt die Grammatik, nach der aus Vorurteilen politische Wirklichkeit und aus politischer Wirklichkeit Verfolgung werden kann.
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