Gelesen: Mau/Lux/Westheuser: Triggerpunkte

Die Gespräche mit meinem lieben Freund Dr. Hannes Steinthaler, sind immer wirkliche Höhepunkte der Woche, während derer ich mehr lerne als in manchem Schuljahr. Hannes ist Humanbiologe und Kognitionsforscher und beschäftigt sich nicht nur mit dem Altern, sondern auch mit dem Hirn, also wie man lernt, wie unser Hirn in die Irre geführt werden kann, und solchen Themen.
Als er mir kürzlich sehr engagiert vom Buch „Triggerpunkte“ erzählte, bat ich ihn, doch mal eine Rezension hier für meinen kleinen Blog zu verfassen. Wisst ihr was? Er hat’s gemacht – Ein Teufelskerl!
Vielen lieben Dank, Hannes!

Eine Lanze für die deutsche Demokratie

Wohin führen all die gegenwärtigen Proteste und Aufmärsche gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus? Die Angst geht um, dass sich unsere Gesellschaft spaltet und die Demokratie diesen Aufruhr nicht übersteht. Die gute Botschaft vorneweg: Polarisierung der Meinungen bedeutet nicht Spaltung, die Gesellschaft sammelt sich immer noch in der Mitte – nur die Ränder fransen rechts und links aus und Vorsicht ist geboten vor affektgeladener Politik und vor Meinungsmache in den Social Media. So fassen die Autoren um Steffen Mau des im Herbst 2023 erschienen Buches „Triggerpunkte. Konsens und Konflikte in der Gegenwartsgeschichte“ zusammen.

Das wissenschaftlich fundierte Werk beinhaltet eigene Forschungsergebnisse, ein ausführliches Literaturverzeichnis und Anmerkungen zu jedem Kapitel. Beginnend mit einer historischen Rückschau wird an die Anfänge der Zwei-Klassen-Gesellschaft (Karl Marx) verwiesen, die in „Kapitalisten“ und „Lohnempfänger“ eingeteilt wurde. 100 Jahre später kamen durch Liberalisierung der Märkte und politische Integration neue Politikthemen dazu, die zu verschiedenen Konfliktlinien (Cleavages) zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen führten und führen.

Das Autorenteam fasst diese gesellschaftlichen „Gräben“, die sich entlang sozialer Interessen und Identitäten ergeben, zusammen als „Ungleichheitskonflikte“ als „Oben-Unten-Ungleichheiten“ (sozioökonomischer Verteilungskonflikt), „Innen-Außen-Ungleichheiten“ (Mitglieder und Nicht-Mitglieder einer nationalstaatlich verfasster Gesellschaft), „Wir-Sie-Ungleichheiten“ (Selbst- und Fremdbeschreibung als Kategorisierung von Gruppen) und „Heute-Morgen-Ungleichheiten“ (Klimawandel). Diese Konfliktlinien führen zu Polarisierungen, die noch akzentuiert werden durch Parteien und Wortführern.

Diese Makrostruktur der Auseinandersetzungen wird dankenswerterweise von den Autoren auf die individuelle Ebene herabgebrochen mit dem Ergebnis, dass sich Diskussionsteilnehmer persönlich von bestimmten Ängsten und Vorstellungen getrieben fühlen. Menschen fühlen sich getriggert (aufs heftigste „angefasst“), wenn spezielle Erwartungen auf Gleichbehandlung, Normalität, Kontrolle und Autonomie nicht erfüllt werden.

Sprachlich werden dazu die Beispiele angeführt bei Ungleichbehandlungen: „Das ist nicht fair“, bei Normalitätsverstößen: „Das ist unmöglich“, bei Entgrenzungsbefürchtungen: „Und was kommt als Nächstes?“ und bei Verhaltenszumutungen: „Auf einmal muss man…“. Die Triggerpunkte zeigen der Dynamik der Übertretung impliziter Grunderwartungen mit der Warnung: „Das geht zu weit“. An den Bruchstellen der öffentlichen Debatte, gekennzeichnet durch die Triggerpunkte, werden zentrale Hintergrunderwartungen, normative Differenzen und unbewältigte Auseinandersetzungen offenbar.

Die wissenschaftlich fundierten Ergebnisse halten uns Deutschen den Spiegel vor und zeigen auf, wo wir Nachholbedarf im gesellschaftlichen Miteinander haben, geben aber zugleich uns das Handwerkszeug mit, wie wir es besser machen können. Somit stellt das Buch ein Lernprogramm dar, das Grundlage sein kann für das Fach „Politische Bildung“ – auf jeden Fall zu schade, um in der Schublade zu verstauben.

Bibliographische Angaben:
Mau, Steffen/Lux, Thomas/Westheuser, Linus: Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp, 2023. 540 S.
ISBN 978-3-518-02984-8 – 25,00€

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