Der Ursprung des Begriffes „Aluhut“

Der Leser wird sich vielleicht fragen, wie wir selbst aus den Fängen des von uns geschaffenen Überbewusstseins entkommen wollten. Nun, wir hatten herausgefunden, dass Metall für den telepathischen Effekt relativ unempfindlich ist, und wir hatten für uns eine Art Blechkanzel vorbereitet, hinter der wir stehen konnten, während wir Experimente durchführten. In Verbindung mit Kappen aus Metallfolie verringerte dies die Auswirkungen auf uns selbst enorm.

(Well, we had discovered that metal was relatively impervious to the telepathic effect, and had prepared for ourselves a sort of tin pulpit, behind which we could stand while conducting experiments. This, combined with caps of metal foil, enormously reduced the effects on ourselves.)

Sir Julian Huxley als erster Präsident der UNESCO

Und mit diesen Zeilen war er geboren, der legendäre „Aluhut“. Sie stammen aus der Erzählung „The Tissue- Culture King“ von Sir Julian Huxley, einem bedeutenden britischen Biologen und Philosophen. Vielen Leserinnen und Lesern wird sicher sein Bruder Aldous Huxley, der Verfasser der Dystopie „Schöne neue Welt“ bekannt sein.

Die Geschichte dreht sich um den Engländer Hascombe, einen ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter am Middlesex Hospital, der nun als religiöser Berater für König Mgobe in Afrika tätig ist. Nachdem er im Gebiet des Königs gefangen genommen wurde, erlangt er durch seine Kenntnisse in der Gewebekultur einen festen Platz in der Gesellschaft. Er beginnt mit bizarren medizinischen Experimenten an Tieren und später auch an Menschen, die sowohl den Behörden als auch der Bevölkerung als unterhaltsam und theologisch wertvoll gelten.

Gemäß dem religiösen Glauben der Einheimischen ist das Wohlergehen von König Mgobe untrennbar mit dem Wohl seines Volkes und der Nation verbunden. Daher, so wird argumentiert, müssen außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen werden, um ihn vor Schaden zu bewahren. Hascombe überzeugt die Gesellschaft von seinem Nutzen, indem er zeigt, wie er das lebende Gewebe des Königs kultivieren kann. Dadurch wird das „Leben, das in ihm steckt“, geschützt, was dem Staat zusätzliche Heiligkeit und Sicherheit verleiht.

Infolgedessen lässt Hascombe eine Anlage errichten, die „Fabrik der Majestät“ oder „Quelle der Unsterblichkeit der Ahnen“ genannt wird. Diese wird von Frauen in figurbetonten, modernen Uniformen betrieben, die Gewebekulturen in Massenproduktion herstellen, um das Gewebe des Königs zu vervielfältigen und dessen schützende Kraft im ganzen Land verfügbar zu machen. Später erweitern sie ihre Arbeit auch auf das Gewebe älterer Bürger, sodass Familien Teile ihrer Vorfahren nach deren Tod am Leben erhalten können.

Das Cover der „Amazing Stories“, in der die Geschichte von Huxley erschien.

König Mgobe unterstützt diese Vorhaben, da sie ihm neue Freiheiten bieten. Ein hochrangiges Ratsmitglied namens Bugala, das Hascombe insgeheim unterstützt, erkennt in diesem neuen System eine Möglichkeit, immense Macht auszuüben.

Neben der Kultivierung menschlicher Gewebe kreiert Hascombe auch „unglaubliche tierische Monstrositäten“ oder „lebende Fetische“, wie zweiköpfige Kröten und dreiköpfige Schlangen. Seine Experimente weiten sich schließlich auf Menschen aus, und er schafft gigantische Leibwächter, zwergwüchsige Akolythen, bärtige Prophetinnen und füllige Vestalinnen, die sich möglicherweise sogar durch Parthenogenese fortpflanzen könnten.

In einem nächsten Schritt beginnt Hascombe mit Experimenten zur Massentelepathie. Sein Ziel ist die Erschaffung eines „Superbewusstseins“ oder einer „Gedankenbatterie“, um die Stärke von Bewusstseinskontrollsignalen im Verhältnis zur Anzahl der Empfänger zu erhöhen. Hascombe verkauft dem König diese Idee als Möglichkeit, die tägliche Andacht der Bevölkerung sicherzustellen, während Bugala das Machtpotenzial darin erkennt.

Der Erzähler der Geschichte, der Hascombe Jahre später erneut trifft, nachdem auch er gefangen genommen wurde, erkennt die Gefahr von Bugalas wachsender Macht und überzeugt Hascombe davon, nach Europa zu fliehen. Sie planen, das inzwischen funktionale Superbewusstsein zu nutzen, um das Land in einen kollektiven „Schlaf“-Zustand zu versetzen und so ihre Flucht zu ermöglichen. Der Erzähler kehrt nach Hause zurück, um seine Geschichte zu erzählen, während Hascomb freiwillig zurückbleibt.

Die Geschichte muss unter der Prämisse gelesen werden, dass Huxley ein ausgemachter Skeptiker war, der sich sehr für vermeintlichen Phänomene der Parapsychologie und des Spiritismus interessierte. Als Mitglied der „Society for Psychical Research“ war an mehreren „Debunkings“ also Entlarvungen von Scharlatanen auf diesem Gebiet beteiligt.

Bereits zur Zeit der Renaissance waren Aluhüte in Gebrauch*

Die englischsprachige Wikipedia schreibt dazu: Nachdem er an Séancen teilgenommen hatte, kam Huxley zu dem Schluss, dass die Phänomene „entweder durch natürliche Ursachen oder, was noch üblicher ist, durch Betrug“ erklärt werden könnten. Huxley, Harold Dearden und andere waren Richter einer Gruppe, die vom Sunday Chronicle gebildet wurde, um das Materialisationsmedium Harold Evans zu untersuchen. Während einer Séance wurde Evans als Betrüger entlarvt, da er dabei ertappt, wie er sich als Geist verkleidete und ein weißes Nachthemd trug.

Von daher kannte Huxley auch die „Trends“ dieser Szene, wie etwa Hypnose, Geistheilung, Gedankenkontrolle oder Geisterbeschwörung, die zu dieser Zeit up to date waren. So war auch die „Caps of metal foil“ keine Erfindung von Huxley, sondern geisterten schon einige Zeit vorher durch die Schwurbler-Szene der damaligen Zeit. So gab es etwa Anleitungen, wie die modebewusste Dame ihren Hut mit Aluminiumfolie gleichzeitig verschönern und gleichzeitig auch gefährliche Telepathiestrahlen abwehren könne.

Es gab auch eine Theorie, dass sich Aluminium aus der Umwelt in der Zirbeldrüse ansammeln könne, wodurch der Mensch einmal geschützt wäre vor telepathischen Angriffen, aber auch gleichzeitig zu einem telepathischen „Sender“ würde. Wir sehen also, dass die Glandula pinealis oder auch Epiphysis cerebri schon damals ein Lieblingsobjekt der Esoteriker. Gut, seit René Descartes die Zirbeldrüse zum Sitz des „sensus communis“, also dem Ort im Gehirn, an dem sich alle unsere Gedanken bilden, war die Drüse eben prädestiniert dafür, für alles Mögliche, etwa als Sitz des „Dritten Auges“ herzuhalten.

Und auch der bekannte Künstler Salvador Dali benutzte einen Aluhut, um sich vor Gedankenbeinflussung zu schützen*

Ein zeitgenössischer Vergleich findet sich in Alexander Beljajews Bewusstseinskontrollroman „Der Herr der Welt“, der erstmals im Oktober 1926 veröffentlicht wurde, und in dem sowohl Geräte zur Gedankenkontrolle, als auch persönliche Metallabschirmungen vorkommen, wenn auch mit einem falschen Netzdesign. Interessanterweise basiert die Figur des Kaczynski aus dieser Geschichte auf dem russischen Telepathieforscher Bernard Bernardovich Kazhinsky, der glaubte, dass die Zirbeldrüse eine besondere Rolle bei der Entwicklung eines höheren menschlichen Bewusstseins auf der Grundlage eines „biologischen Radios“ spielt. Könnte Hascombe auch zum Teil auf B.B. Kazhinsky beruhen? Huxley war sowohl Wissenschaftler als auch ein bekannter Internationalist, sodass es nicht unwahrscheinlich ist, dass er von den russischen Bestrebungen auf diesem Gebiet wusste.

Huxley nutzte die Geschichte „The Tissue-Culture King“ auch dafür, um eine Lanze für einen ethischen Einsatz der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu brechen. Hierfür kamen ihm seine Kenntnisse der parapsychologischen Szene zu Nutze, die er sich in den Jahren zuvor aneignen konnte.

Während der Begriff „Tinfoiled Hat“ im angelsächsischen Sprachraum schon eher in den allgemeinen Sprachgebrauch überging, wurde der deutsche Begriff Aluhut oder Aluminiumhut in Deutschland erst im 21. Jahrhundert weiter verbreitet. So findet sich der erste Nachweis im Deutschen Referenzkorpus erst für das Jahr 2011 und auch die Google Trends zeigen die ersten Suchanfragen um das Jahr 2010. Richtig populär wurde der Begriff Aluhut dann erst während der Corona-Pandemie.

Suchhistorie des Begriffes „Tinfoiled Hat“ in den Google Trends.
(Weltweite Suche)
Suchhistorie des Begriffes „Aluhut“ in den Google Trends
(Weltweite Suche)

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* Näääää… stimmt natürlich nicht, die Bilder hat die KI für mich gebastelt *Zwinkersmiley*

2 Gedanken zu “Der Ursprung des Begriffes „Aluhut“

  1. Toller Artikel, lieber Michael. Wie immer interessant und unterhaltsam. Es sei nur noch hinzugefügt, dass Julian Huxley auch der Begründer des „evolutionären Humanismus“ ist, der gerade hierzulange zunehmend verbreiteten Lesart eines Humanismus, der einen starken Fokus auf die biologisch-evolutionäre Entwicklung des Menschen legt (z.B. begründet er die Entstehung der Religionen wie auch die Abkehr von ihr in den Industriestaaten evolutionär). Ich bin auch überzeugt, dass Huxley Kazhinsky kannte, H. war einer der belesensten Universalisten seiner Zeit.

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