Woker Antisemitismus

Mir ist natürlich klar, dass die üblichen Verdächtigen bereits beim Titel dieses Artikels fröhlich die Messer wetzen, noch bevor sie eine Zeile gelesen haben, und nach der Lektüre erst recht draufhauen, weil sie mich falsch verstehen wollen. Aber ich sage es ganz offen: das ist mir komplett egal. Sollen sie mich einen Nazi oder was weiß ich nennen, das ist mir komplett egal, aber ich bin nicht bereit um den Elefanten im Raum herum zu lavieren.

Denn wir müssen den Fakten ins Gesicht sehen und erkennen, dass gerade die Woke-Bewegung, die sich die Bekämpfung von Diskriminierung auf die Fahnen geschrieben hat, ein massives Problem mit Antisemitismus hat. Sascha Lobo schrieb dazu in seiner Spiegel-Kolumne: Während rechter und islamischer Judenhass die tödlichsten Antisemitismen bleiben, denen weltweit Jüdinnen und Juden zum Opfer fallen, ist eine neue, perfide Variante des Judenhasses hinzugekommen: woker Antisemitismus. »Woke«, seit Kurzem im Duden, bedeutet so viel wie »ein Bewusstsein für Diskriminierung habend«, was im Kern eine gute und notwendige Facette der Öffentlichkeit ist. Wokeness ist angesichts von strukturellem Rassismus, Frauenhass, Behindertenfeindlichkeit und Homo- sowie Transphobie richtig und eine linke und linksbürgerliche Position – die aber bei überraschend vielen Leuten nicht für Juden und Jüdinnen gilt. […] Aber in der Tat zählt die Diskriminierung von Juden in Form von israelbezogenem Antisemitismus bei einer Vielzahl von Leuten und Organisationen, die sich für aufklärerisch halten, einfach nicht. Als Folge davon geht woker Antisemitismus hervorragend Hand in Hand mit Israel-bezogenem Judenhass. Das jüngste Beispiel davon ist der soeben erschienene Bericht von Amnesty International. Früher war das eine verdienstvolle Institution der Freiheit. Mit ihrem Israel-Bericht muss sich Amnesty International dem Vorwurf stellen, sich zu einer antisemitischen Organisation zu entwickeln – das ist die traurige Wahrheit. Denn der Bericht beinhaltet Bigotterien und Dämonisierungen des Landes Israel, der immer noch einzigen rechtsstaatlichen Demokratie im Nahen Osten.

Dies kann man für die USA auch statistisch nachweisen:

• Laut der Harvard-Harris-Studie stimmen 67 % der 18- bis 24-Jährigen (eine extrem woke Bevölkerungsgruppe) zu, dass Juden eine „Klasse von Unterdrückern“ sind und „als solche behandelt werden sollten“.
• Nach Angaben des Jewish Institute for Liberal Values glauben 80 % der als progressiv“ und sehr liberal“ eingestuften Wähler, dass die amerikanischen Juden unfaire Vorteile“ haben.
• Nach Angaben der Anti-Defamation League ist die Wahrscheinlichkeit, dass Befragte, die der Aussage „Probleme in der Welt laufen auf den Unterdrücker gegen den Unterdrückten hinaus“ zustimmen, 2,6 Mal höher als bei Befragten, die der Aussage nicht zustimmen, antisemitische Tropen zu unterstützen.

Die Woke-Bewegung kategorisieren Israel, Israelis und Juden allgemein als „Unterdrücker“ und Palästinenser, einschließlich der Hamas-Terroristen, als „Unterdrückte“. Sie tun dies, weil Israel eine funktionierende, moderne und wohlhabende liberale Demokratie ist und weil die palästinensischen Gebiete nichts von alledem sind. Sie betrachten die Palästinenser als heilige Opfer und Helden, die sich der Unterdrückung widersetzen. Sie rationalisieren die von der Hamas begangenen unsäglichen Gräueltaten und geben stattdessen den „privilegierten“ Opfern der Hamas die Schuld.

Juden werden als „Unterdrücker“ kategorisiert, weil sie oft erfolgreich sind und weil sie, je nachdem, wen man fragt, weiß oder „weiß benachbart“ sind. Der Woke-Antisemitismus ist die Frucht der Intersektionalität, einem mit der CRT verknüpften Konzept, das die Menschen nach Privilegien einstuft, die angeblich Aspekte ihrer Identität begleiten, was teilweise auch zu einem „Marginalisierungswettbewerb“ führt. In diesem sich wandelnden Kalkül wiegen Wohlstand und vor allem „Weißsein“ schwerer als die geringe Zahl (Minderheitenstatus) und die historische Diskriminierung. In den USA hat die Juden noch nicht einmal ihre größtenteils traditionell links-liberale Einstellung und die Unterstützung der Demokratischen Partei davor bewahrt als „Unterdrücker“ eingestuft zu werden.

Die „Wokeness“ hat zwei Kernaussagen: dass Vorurteile und Unterdrückung in die Strukturen und Systeme der Gesellschaft eingebettet sind und nicht nur eine Frage individueller Einstellungen sind; und dass nur diejenigen, die Unterdrückung am eigenen Leib erfahren haben, sie für die anderen definieren können. Sie teilt die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte ein, macht ein tief verwurzeltes Machtungleichgewicht für gesellschaftliche Missstände verantwortlich und spricht den Habenichtsen allein aufgrund dieses Status moralische Autorität zu.

„Diese Ideologie, die davon ausgeht, dass es in der Welt Unterdrückte und Unterdrücker gibt, hat sich in vielen Institutionen durchgesetzt, und diese binäre Unterscheidung zwischen Unterdrückten und Unterdrückern definiert die Juden zunehmend als Unterdrücker und Israel als Unterdrücker, und das halte ich für höchst problematisch“, sagte etwa David Bernstein, Autor des Buches „Woke Antisemitism: How a Progressive Ideology Harms Jews“.

In dem Buch wird aufgezeigt, wie die „Woke“-Ideologie die amerikanischen Juden auf die falsche Seite der Rassenpolitik stellt, Israel mit dem Rassismus in den USA in Verbindung bringt und die Debatte im Keim erstickt, obwohl sich viele jüdische Organisationen in den USA ihren Ansichten anschließen. Als Beweis führt Bernstein seine Erfahrungen in jüdischen Gemeindegruppen an, die von der Ideologie überrollt werden, die Behandlung Israels durch die Medien, ein zionistenfeindliches Klima an den Universitäten, Angriffe auf die Meinungsfreiheit, Diversity-Programme von Unternehmen, die Juden ausschließen, linke Gruppen, die jüdische Beteiligung meiden, und andere Vorfälle.

Die „Woke“-Ideologie wird dadurch gefährlich, dass sie behauptet, die absolute Wahrheit über die gesellschaftlichen Ungleichheiten zu kennen, und greift daher die Debatte an, indem sie die freie Meinungsäußerung unterdrückt. Der Angriff auf den offenen Dialog ist eine Abkehr vom klassischen Liberalismus, der keine übergreifende Theorie hat, sondern darauf abzielt, den weniger Glücklichen auf verschiedene Weise zu helfen. Sie versteht sich nicht nur als eine soziale Bewegung zur Überwindung des Rassismus, sondern als eine umfassende Weltanschauung, die die bestehende weiße Vorherrschaft ablöst. Die Ideologie hat ihre eigene innere Logik, ihr eigenes Vokabular, ihre eigene Geschichte, Philosophie und Auffassung von Moral und Recht. Und wie alle Religionen verkörpert auch die Woke-Ideologie ein Dogma, das alle Anfechtungen zurückweist. Die „Wokeness“ zwingt so zur Entscheidungen die Ideologie annehmen oder Teil des Problems sein.

Auch steht zu befürchten, dass sich die Bewegung aus sich heraus immer weiter radikalisieren wird, denn da sich die Gläubigen gegenseitig immer weiter übertreffen wollen (Stichwort „Virtue Signalling“), erzeugen Dogmen immer extremere Formen von Dogmen.

Natürlich soll durch die Kritik am links-woken Antisemitismus nicht geleugnet oder verharmlost werden, aber auch wenn die Bedrohung der Demokratie auf der rechten Seite ernster ist als auf der linken, heißt das nicht, dass wir uns nicht mit der Bedrohung auf der linken Seite befassen sollten. Jemand muss das klaffende Schlagloch in Ihrer Straße reparieren, auch wenn es am anderen Ende der Stadt einen schwerwiegenderen Wasserrohrbruch gibt. Die Antisemitismus-Beauftragte des US-Außenministeriums, Deborah Lipstadt, hat den Judenhass der extremen Rechten mit einem Tornado und den Antisemitismus der extremen Linken mit dem Klimawandel verglichen und eingeräumt, dass die gewalttätige Gefahr derzeit hauptsächlich von der extremen Rechten ausgeht. Sie und andere Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass jedes politische Lager den Antisemitismus auf der gegnerischen Seite schnell erkennt, aber nicht in den eigenen Reihen.

An dieser Stelle sei noch einmal deutlich gesagt, dass eben nicht unter dem Schlagwort des Antisemitismus nun jede Kritik am Staate Israel verhindert werden soll. Es ist in Ordnung, vor der israelischen Botschaft zu protestieren. Es ist aber natürlich nicht in Ordnung, vor einer Synagoge zu protestieren, weil die Leute in dem Gotteshaus nicht verantwortlich sind.

Im Übrigen habe ich auch nie verstanden, wie es den Menschen in Gaza helfen soll, wenn ein Mob Räume einer Universität besetzt, die gesamte Bürotechnik zerstört, Wände beschmiert und weitere Schäden anrichtet. Aber vielleicht kann mir das ja noch jemand erklären. Aber zurück zum Thema.

Wir sehen, das Gesicht des Antisemitismus ist vielfältig.
Es gibt – rechten Antisemitismus
                – linken Antisemitismus
                – bürgerlichen Antisemitismus
                – progressiven Antisemitismus
                – religiös motivierten Antisemitismus
                – rassischen Antisemitismus
                – woken Antisemitismus
                – sozialen Antisemitismus
                – politischen Antisemitismus
                – post-holocaust Antisemitismus
                – israelbezogenen Antisemitismus etc.

In jeder gesellschaftlichen oder politischen Gruppe finden wir Antisemitismus. Von daher wäre es durchaus sinnvoll, die verschiedenen Arten des Antisemitismus einzeln zu betrachten, sondern den Antisemitismus eher als gesamtgesellschaftliches Problem und auch gesamtgesellschaftlich gegen ihn vorzugehen.

Als Fazit sei hier noch einmal Sascha Lobo zitiert: Es gibt ein simples Mittel gegen den woken Antisemitismus: Jüdinnen und Juden in die Wokeness miteinzubeziehen. Fertig. Und das ist auch dringend notwendig, denn insbesondere die deutsche Gesellschaft braucht dringend Wokeness. Aber eine Vielzahl von notwendigen Debatten wie die antirassistische oder die postkoloniale Diskussion sind gefährdet, antisemitische Muster zu normalisieren. Es ist vollkommen klar, dass die katastrophale Kolonialvergangenheit insbesondere der europäischen Länder und ihre bis heute anhaltenden Auswirkungen diskutiert werden müssen. Aber diese Debatte zu kapern, um Israelhass zu rechtfertigen oder gar in den Mittelpunkt zu stellen, ist schlicht antisemitisch. Da spielt auch keine Rolle, wenn man statt »Juden« jedes Mal artig »Zionisten« sagt.

Literaturempfehlungen:
Baddiel, David: Und die Juden? München: Hanser, 2021. ISBN 9783446271487. 18.—€
Bernstein, David L: Woke Antisemitism: How a Progressive Ideology Harms Jews. Brentwood: Wicked Son, 2022. ISBN 9781637587676. 19.—$
Sartre, Jean-Paul: Überlegungen zur Judenfrage. Hamburg: Rowohlt, 1994. ISBN 9783499131493. 14.– €

Beitragsbild: Von Streets of Berlin – Free Palestine will not be cancelled, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=140511127

7 Gedanken zu “Woker Antisemitismus

  1. Soviel zu einer sogenannten progressive ideology – wie könnte deshalb jemand über den Autor des Artikels herfallen, wenn jedes Wort darin stimmt und gerne überprüft werden kann!?!?

    Die Frage ist, ob die Juden jemals ihre „Ruhe“ haben werden…..sie haben seit 10 Tsd. Jahren schlichtweg die Arschkarte gezogen.

    Aber auch die wokeness in ihrer schlechtesten Ausprägung wird wieder verschwinden – meine Prognose für die Jahre ahead.

    Gefällt 1 Person

  2. Sehr guter und wichtiger Artikel, danke dafür.

    Hierzu:

    „Als Fazit sei hier noch einmal Sascha Lobo zitiert: Es gibt ein simples Mittel gegen den woken Antisemitismus: Jüdinnen und Juden in die Wokeness miteinzubeziehen. Fertig.“

    würde ich sagen: ein besseres und simpleres Mittel wäre, „Woke“ bzw. critical social justice-Aktivismus abzuschaffen bzw. sterben zu lassen und einfach säkularen, rationalen Humanismus walten zu lassen: auch der ist nämlich gegen Unterdrückung, Rassismus, Ungleichbehandlung etc., aber eben auch gegen Antisemitismus.

    Ich finde es bizarr und nachgerade tragisch, daß Juden einfach keine Chance zu haben scheinen, dem Antisemitismus zu entgehen. Für die Nazis sind sie keinen Weißen, für die Woken sind sie Weiße (und deshalb nicht unterdrückt und keine schutzwürdige Minderheit); die Muselmanen hassen sie wegen ihres Glaubens (religiöses Judentum), die Nazis wegen ihrer Herkunft (ethnisches Judentum).

    Und wir, als Deutsche, hätten die verdammte Pflicht und Verantwortung, dafür zu sorgen, daß Juden (egal ob deutsch oder israelisch) hier ohne Angst vor Verfolgung leben zu können. Und was machen wir? Wir holen ihre erklärten Todfeinde zu 100.000en ins Land und richten zu Hunderten Lehrstühle ein, wo man einen ihnen feindliche Ideologie sowie die 100.000en als schutzwürdige Minderheit vor Kritik zu verschonen lehrt.

    Gefällt 1 Person

      1. Ich kenne jemanden, der denkt er würde gehasst. Und dabei merkt er gar nicht mehr, dass er selber angefangen hat zu hassen.

        Der Hass ist das Problem, mein Freund. Und auch die Angst vor dem Hass.

        Martin Luther King hat gesagt: Hass kann Hass nicht besiegen. Nur Liebe kann das.

        Like

      2. Da Du meine letzte Antwort ja offensichtlich nicht unterstützt (indem Du sie nicht freischaltest) habe ich noch einen Gedanken für Dich. Nur so zwischen uns beiden, weil es mir leid tut anzusehen wie Hass und Angst die Menschheit zerstören.

        Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man „das Böse“ ausrotten kann, um selber ungestört herrschen zu können.

        Die wahren Antisemiten (die wirklich Juden hassen) verstecken sich und ihr Wunsch sich zu rächen wächst, ihre Brutalität steigt und der Hass gräbt sich tief in die Seele von Generation zu Generation.

        Wenn Du wirklich etwas gegen Antisemitismus tun möchtest (wo ich Dich gern unterstützen möchte), „sei Mensch“ (Margot Friedländer).

        Das schreibt Dir Pettersson, einer der versucht ein Mensch zu sein. Und die Schöpfung bewahren möchte. Und das Töten und den Hass verurteilt. Und der gelegentlich als „woke“ und „Gutmensch“ beschimpft wird und sich doch sicher ist, dass Gott alles sieht.

        Wenn ich sterbe (ich bin schon älter und vor einem Jahr wurde bei mir ein Chondrosarkom diagnostiziert), hoffe ich, dass ich nur wenigen Menschen Anlass gab mich zu hassen, aber vielleicht in ein paar Menschen den Wunsch geweckt habe mich zu lieben. Dann würde ich gern sterben.

        Salom.

        Like

Hinterlasse eine Antwort zu bloodnacid Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..