Die Freiheit verteidigen – Ein Appell in Zeiten des Abdriftens

Es sind die leisen Töne, die man oft übersieht, die die Gefahr in sich tragen. Wer den Ruf der Demokratie nicht mehr hört, wird unweigerlich in den Sog der Intoleranz gezogen. Und doch – es ist der Blick auf die Freiheit, der uns vor der Nacht der Unvernunft bewahren kann. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung, das Fundament einer offenen Gesellschaft, wird nicht in einem einzigen, dramatischen Moment zerschlagen, sondern vielmehr in den Details, in den kleinen, schleichenden Verschiebungen. Ein Blick auf die Gegenwart zeigt: Die Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, sind fragiler, als wir oft glauben.

„Freiheit ist immer die Freiheit des Anderen“, schrieb Hannah Arendt. In dieser einfachen, aber tiefgreifenden Wahrheit liegt das Grundverständnis von Demokratie. Wenn wir die Freiheit des Anderen untergraben, untergraben wir unsere eigene. Sie lebt nicht nur durch uns, sondern durch unser aktives Bekenntnis zu ihr – gerade in der Auseinandersetzung mit dem, was sie bedroht. Denn der Verlust der Freiheit geschieht nicht abrupt. Sie schwindet langsam, unsichtbar, im Schatten von Ideologien, die den Hass predigen und die Vielfalt verleugnen.

Es mag eine Binsenweisheit sein, aber sie ist heute mehr denn je von Bedeutung: Demokratie lebt von der Achtsamkeit ihrer Bürger. Und wenn diese Achtsamkeit schwindet, wenn die Gesinnung, die das Band zwischen den Individuen knüpft, sich verflüchtigt, wird aus der Freiheit eine leere Hülle. Die Demokratie wird zu einer Konstruktion, die, statt zu schützen, schleichend zerbröckelt. Heute, im Angesicht eines wachsenden Antisemitismus, ist dies nicht nur eine abstrakte Gefahr – es ist die Realität.

Antisemitismus ist ein Monster, das weder das Aussehen noch den Namen eines Feindes hat. Es ist das unsichtbare Gift, das sich in den Ritzen der Gesellschaft einnistet, sich von Unwissenheit und Angst nährt, bis es das Gewebe des Zusammenhalts zerfrisst. Es ist nicht zufällig, dass gerade jetzt, da der Diskurs über unsere Freiheit und unsere Werte so oft von Enttäuschung und Rückzug geprägt ist, der Antisemitismus wieder auf die Straße drängt. Er ist das Zeichen einer Gesellschaft, die den Halt verliert. Wer das Judentum angreift, greift nicht nur die Geschichte an, sondern den Kern jener Werte, die uns als aufgeklärte Gesellschaft definieren.

„Der Antisemitismus ist kein Hass auf Juden, er ist ein Hass auf das Prinzip der Aufklärung“, bemerkte Jean-Paul Sartre. In diesem Zitat liegt die Erkenntnis, dass Antisemitismus nicht nur als bloße Abneigung gegen ein Volk zu verstehen ist, sondern als Angriff auf das gesamte Gebäude der Aufklärung und der universellen Menschenrechte. Er ist ein Angriff auf die Vernunft, die Toleranz und das individuelle Denken – auf das, was uns zu mündigen Bürgern und freien Menschen macht.

Die Geschichte ist ein Spiegel, in dem wir unser eigenes Gesicht erkennen können. Wer sich der demokratischen Grundordnung verschließt, um sich von populistischen Strömungen oder vermeintlich einfachen Antworten verführen zu lassen, der stellt nicht nur das Fundament unserer Freiheit infrage, sondern auch das Gedächtnis derer, die in der Vergangenheit für diese Freiheit gekämpft haben. Der Antisemitismus, der die jüdische Gemeinschaft immer wieder ins Visier nimmt, ist der letzte Schatten einer düsteren Zeit – ein dunkles Kapitel, dessen Rückkehr wir nicht zulassen dürfen.

Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist das Resultat von Kämpfen, von Widerspruch, von Konflikten. Wer sie verteidigen will, muss verstehen, dass die wahre Gefahr nicht im „Feind“ von außen liegt, sondern in der Schwäche von innen. Es sind nicht nur die Gewalttaten, die uns alarmieren sollten, sondern vor allem die Worte, die die Demontage der Demokratie vorantreiben: Antisemitismus ist nicht nur Hass gegen ein Volk, er ist ein Angriff auf die Prinzipien, die unsere Zivilisation tragen. Wer Antisemitismus duldet, duldet auch die Verrohung der Sprache, die Zerstörung des Dialogs, den Zerfall der Menschlichkeit.

Jean-Paul Sartre forderte: „Die Freiheit ist nie ein Geschenk, sondern immer eine Aufgabe.“ Diese Aufgabe ist in der heutigen Zeit dringlicher denn je. Der Kampf gegen Antisemitismus ist daher mehr als ein moralisches Gebot – er ist der Prüfstein für die Beständigkeit unserer Demokratie. Wer heute den Antisemitismus bekämpft, kämpft für die Freiheit aller. Wer den Antisemitismus toleriert, duldet nicht nur den Hass gegen ein Volk, sondern öffnet das Tor für den langsamen Zerfall jener Werte, die uns als Gesellschaft auszeichnen.

Es ist keine Frage des „Sollens“, sondern des „Müssens“. Wer heute den Antisemitismus bekämpft, kämpft für die Freiheit aller. Wer den Antisemitismus toleriert, duldet nicht nur den Hass gegen ein Volk, sondern öffnet das Tor für den langsamen Zerfall jener Werte, die uns als Gesellschaft auszeichnen. Es liegt in unserer Verantwortung, der Freiheit Gehör zu verschaffen – gegen die Stimmen der Intoleranz, gegen die Schatten der Vergangenheit. Die Demokratie lebt nicht von ihren Institutionen allein. Sie lebt von uns.

2 Gedanken zu “Die Freiheit verteidigen – Ein Appell in Zeiten des Abdriftens

  1. Und bei alledem kommt es mehr denn je auf den Einzelnen an. Wir müssen lernen, die eigenen Werte und Einstellungen gut und richtig aufzustellen und sie begründen zu können und umgekehrt Vorurteile als solche zu erkennen und zu bereinigen. Lagerdenken ist in einer Lage wie der jetzigen unangebracht – ich kenne Menschen aus verschiedenen politischen Lagern, die ständig in antisemitischen Codes reden, das aber niemals wahrhaben wollen würden. Umgekehrt gibt es reflektierte Menschen ebenso aus verschiedenen politischen Richtungen, die durch ihre Reflektion leider mutlos und resignativ werden und sich gar nicht mehr zu Wort melden (so ein kleines bisschen zähle ich mich auch dazu …).

    Ja, das darf man durchaus als Appell an CDU-Abgeordnete sehen, ihren Fraktionsgehorsam zumindest dort zu hinterfragen, wo ihre Leitung von ihnen verlangt, aus sehr dummen Gründen die Nachfolger der größten antisemitischen Bewegung aller Zeiten, des Nationalsozialismus, an ihrer Seite zu dulden. Wie du, Michael, richtig schreibst, treten sie damit bereits in die Sumpflöcher der Demokratiefeindlichkeit.

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