Wenn wir über Dummheit nachdenken, dann tun wir das meist aus einer Distanz. Die Dummheit der anderen – die aber, wie sich herausstellt, immer öfter die eigene zu sein scheint. Es ist ein Phänomen, das mit einer gewissen Graden von Selbstverleugnung betrachtet wird. Dummheit ist heute so allgegenwärtig wie die Idee von „Lösungen“, die bei näherer Betrachtung keine sind. Manchmal trägt sie den Namen Unwissenheit, manchmal Ignoranz, und dann wieder zeigt sie sich als raffinierte Maske, die wir uns freiwillig anziehen, um den Moment zu überstehen. Doch was ist Dummheit wirklich? Wo liegt ihre Grenze, und warum begegnen wir ihr in den intelligentesten Ecken der Welt mit einer solchen Selbstverständlichkeit?
Dummheit als philosophisches Paradoxon
Der deutsche Denker Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen Philosophie gerade in ihrem Widerspruchsreichtum so faszinierend ist, sagte einmal: „Das wahre Wissen ist das Wissen von der eigenen Unwissenheit.“ Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis ein Schlüssel zur Dummheit. Denn dumm zu sein, ist in gewisser Weise ein Akt der Verleugnung der eigenen Unwissenheit. Wer dumm ist, stellt sich nicht die Frage, was er nicht weiß. Er tut so, als wäre er im Besitz aller Antworten, als würde er das Puzzle des Lebens mit einer einzigen Handbewegung lösen können. Es ist die Haltung des „Ich weiß es schon“, die uns in die Irre führt. Ein Kind erkennt den Unterschied zwischen Wissen und Unwissenheit noch ungeschönt. Ein Erwachsener jedoch lernt, diese Unterscheidung hinter einer Fassade von scheinbar sicherem Wissen zu verbergen.
Dummheit, so scheint es, hat weniger mit mangelnder Intelligenz zu tun als vielmehr mit einer Art mentaler Erschöpfung. Sie ist der Fluchtpunkt einer Gesellschaft, die mit der Komplexität der Welt überfordert ist. Sie ist nicht das Fehlen von Denken, sondern das Fehlen des Wunsches zu denken. Der dümmste Mensch ist der, der das Denken als eine Last empfindet. Wenn der Mensch in der Art von Facebook-Postings und Schlagzeilen denkt, in der „Wahrheit“ als Schlagwort für Bequemlichkeit herhalten muss, dann ist der Weg in die Dummheit weit mehr eine Einladung als ein Vorwurf.
Die Dummheit in der Medienwelt
Es gibt einen schönen Satz, der lautet: „Die Dummheit ist der Ursprung von allem, was populär ist.“ Betrachtet man die heutige Medienlandschaft, dann könnte dieser Satz nicht wahrer sein. Was ist populär? Was wird von Millionen geteilt, gefeiert, kommentiert? Meistens sind es Bilder und Aussagen, die nichts hinterfragen. Wenn wir ehrlich sind, ist die Dummheit der Inhalt, den wir konsumieren, der Stoff, den wir lieben. Es ist nicht nur der leichte Zugang zu simplen Wahrheiten, sondern auch die Form, in der diese Wahrheiten uns serviert werden. Es gibt heute ganze Industriekomplexe, die sich darauf spezialisiert haben, die Dummheit in ihre feinsten Züge zu kleiden und sie als Weisheit zu verkaufen.
Im Endeffekt fragt man sich: Wollen wir das wirklich wissen? Wollen wir wirklich wissen, was hinter den Kulissen passiert, was die Welt zusammenhält, oder ist es nicht viel angenehmer, uns in eine Heile-Welt-Blase einzupacken, die uns die Dummheit als wohltuende Illusion verkauft? Die Medien befeuern diese Sehnsucht nach Bequemlichkeit. Sie zeigen uns, dass Dummheit nicht unbedingt mit einem Mangel an Bildung zu tun haben muss. Man kann durchaus ein Universitätsdiplom besitzen und trotzdem in die Falle der Dummheit tappen. Denn Dummheit ist nicht allein das Fehlen von Wissen, sondern der Mangel an kritischem Denken.
Dummheit als Verteidigungsmuster
In einer Welt, die sich immer schneller dreht, in der Informationen in Echtzeit zirkulieren und das Wissen in ständiger Transformation ist, wird Dummheit zu einem Verteidigungsmuster. Vielleicht ist es sogar eine Art von Mut, sich zu verweigern, sich nicht von den chaotischen Strömen des Wissens mitreißen zu lassen. Sie ist eine Form der Selbstbehauptung in einem System, das den Einzelnen überfordern könnte. Die Dummheit wird zum persönlichen Rückzugsort, zu einem Ort der Ruhe und des vermeintlichen Verstehens. Der aufgeregte, die Welt analysierende Intellektuelle sieht sich mit einem Dilemma konfrontiert: Wird er der Einsicht zum Opfer fallen, dass auch er nur ein Produkt seiner Zeit ist – ein Getäuschter, der versucht, sich aus einem Netz von unzähligen Meinungen und Perspektiven zu befreien?
Wenn der Mensch sich also vor dem Wissen fürchtet, wenn er sich selbst nicht mehr im Angesicht der Unendlichkeit der Informationen verorten kann, dann wird Dummheit zum Akt der Befreiung. Sie ist der Rückzug in den Zustand der „unschuldigen“ Unwissenheit, in dem der Mensch sich wieder sicher und in Kontrolle fühlt. Doch die Frage bleibt: Ist das eine echte Befreiung oder eine Illusion?
Dummheit als Kulturgut
Die Dummheit hat in gewisser Weise auch eine kulturelle Funktion. Sie ist der Nährboden für das, was wir oft als „Volksmeinung“ bezeichnen. Es ist die populäre Meinung, die sich nicht mit den komplexen Fakten aufhält, sondern den einfachen, unmittelbar nachvollziehbaren Aussagen huldigt. „Der Mensch ist von Natur aus gut“, hört man oft, und es sind diese Sätze, die aus der Dunkelheit der Dummheit herausragen und in den gesellschaftlichen Diskurs Einsickern. Was damit gemeint ist, ist nicht die Frage nach der Moral des Menschen, sondern die unermüdliche Suche nach einfachen, universellen Wahrheiten, die uns alles erklären. Doch die wahre Herausforderung liegt darin, dass genau diese Sätze uns von der eigentlichen Auseinandersetzung mit der Welt ablenken. Sie sind bequem. Sie entlasten uns von der Notwendigkeit, uns in den Wirren der Welt zurechtzufinden. Sie sind ein geselliger Kleber, der die Trümmer der eigenen Unsicherheit zusammenhält.
Die Dummheit als Zustand des Seins
Vielleicht ist Dummheit keine Krankheit, die geheilt werden muss. Vielleicht ist sie der Versuch des Menschen, mit der Überwältigung der Welt umzugehen. In einer Zeit, in der alles erklärbar und alles vermeintlich verständlich wird, ist Dummheit vielleicht der letzte Widerstand gegen die allzu klare Sicht auf die Dinge. Sie ist der Moment, in dem wir uns entscheiden, die Welt nicht zu durchdringen, sondern uns in ihrer Oberfläche zu verlieren. Vielleicht ist Dummheit also weniger eine Schwäche als vielmehr ein Akt der Verweigerung. Ein Nein zu all dem Wissen, das uns zu erdrücken droht. Doch – und hier endet der Kreis – diese Verweigerung ist nicht ohne Folgen. Denn es ist die Dummheit, die uns am meisten prägt – in einer Welt, die den Menschen dazu anstiftet, immer mehr zu wissen, um am Ende doch nicht zu verstehen.
Manchmal bin ich über die Dummheit in der Medienwelt richtig froh – denn sie liefert mir den Nähboden für meine Geschichten ;-). Und würde ich das, was ich dort an Dummheiten erlebe, nicht mit meiner Ironie verarbeiten können – ich würde glatt verzweifeln.
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Scott Adams hat sinngemäß einmal geschrieben: ,,Wir sind alle Idioten – nur zum Glück nicht alle zur selben Zeit!“
Wir können in der einen Situation klug und ausgewogen handeln, nur um uns dann direkt danach wie Volltrottel benehmen.
Das finde ich bei allen Problemen dann doch wieder versöhnlich.
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