„Aber Araber sind doch auch Semiten!“ – Eine Ausflucht in sprachwissenschaftlicher Verkleidung

Es ist ein Satz, der wie ein Joker ausgespielt wird, wenn das Gespräch in die Nähe des Unangenehmen kommt. Ein Satz, der den Tonfall des Entlarvenden trägt: „Antisemitismus gibt es gar nicht. Schließlich sind Araber auch Semiten.“
Man hört darin die Freude des Widerspruchs, die Genugtuung, die Diskussion auf den Kopf gestellt zu haben, als hätte man in einem komplizierten Schachspiel mit einem einzigen Zug die Regeln außer Kraft gesetzt. Doch in Wahrheit verrät dieser Satz nichts über Sprachen, wohl aber alles über Strategien der Verdrängung.

Die Spur der Wörter
Um ihn zu verstehen, muss man die Geschichte des Begriffs „Semiten“ zurückverfolgen. Wir befinden uns im späten 18. Jahrhundert, einer Epoche, die mit Schubladen und Klassifikationen die Welt zu beherrschen suchte. Botanik, Zoologie, Philologie – alles wurde sortiert, benannt, geordnet. So tauchte auch der Begriff der „semitischen Sprachen“ auf: Hebräisch, Aramäisch, Arabisch, Amharisch – eine Familie, verbunden durch Sprachstrukturen, abgeleitet vom biblischen Stammvater Sem, einem Sohn Noahs.

Es war ein künstliches Konstrukt, eine linguistische Namensgebung, die mit Völkern oder gar mit Religionen wenig zu tun hatte. „Semitisch“ hieß also nicht „ein Volk“, sondern „eine Sprachfamilie“. Dass dieser Terminus später in eine politische Kampfparole verwandelt wurde, ist die eigentliche Tragik.

Marrs Erfindung: Der Hass im Gewand der Wissenschaft
Im 19. Jahrhundert war es Wilhelm Marr, der den Begriff „Antisemitismus“ in die Welt setzte. Marr wollte nicht länger vom „Judenhass“ sprechen – das klang zu roh, zu altmodisch. Er suchte eine modernere, beinahe wissenschaftliche Hülle für die alten Ressentiments. Also griff er auf den gelehrten Terminus „semitisch“ zurück und füllte ihn mit neuem, ideologischem Gift.

Von Beginn an war „Antisemitismus“ also eine Chiffre für Judenfeindschaft, nicht für die Abneigung gegen eine Sprachfamilie oder gegen alle, die sich zufällig in der genealogischen Nähe Sems bewegen. Niemand ist je verfolgt worden, weil er semitische Sprachen sprach. Aber Millionen Menschen sind verfolgt und ermordet worden, weil sie Juden waren.

Die rhetorische Falle
Wenn nun jemand mit wichtiger Miene erklärt: „Antisemitismus gibt es nicht, weil Araber ja auch Semiten sind“, dann betreibt er nicht Aufklärung, sondern Verdunkelung. Er löst ein historisch und moralisch präzises Wort aus seinem Zusammenhang und tut so, als handele es sich nur um einen Übersetzungsfehler. Es ist die sprachwissenschaftliche Ausrede für das moralische Versäumnis.

Es ist, als würde jemand sagen: „Rassismus gegen Schwarze gibt es nicht, weil die Menschheit biologisch nur eine Rasse ist.“ Formal betrachtet stimmt der Satz – inhaltlich ist er eine Kapitulation vor der Realität der Diskriminierung.

Warum es von rechts kommt
Dass dieses „Argument“ so oft von rechts ertönt, ist kein Zufall. Rechte Ideologien haben ein Gespür für Ablenkungsmanöver. Sie wollen die Debatte nicht führen, sondern zerstäuben. Das Spiel funktioniert so: Wenn der Begriff in Frage gestellt ist, dann wird auch die Sache selbst unsicher. Aus Judenhass wird plötzlich ein bloßer Sprachstreit. Man spricht nicht mehr über Pogrome, Diffamierungen, Attentate – man spricht über Etymologie.

Und wer einmal auf diese Bühne gezerrt wurde, steht plötzlich da, als ginge es nicht mehr um die Realität der Verfolgung, sondern um ein Kreuzworträtsel. Genau das ist der Zweck: die Verharmlosung.

Man kann dies auf zwei Punkte zusammenfassen:

  1. Relativierung – Man will den Antisemitismus verharmlosen, indem man seine begriffliche Grundlage scheinbar zerstört.
  2. Delegitimierung – Indem man behauptet, der Begriff sei falsch, soll auch die Beschäftigung mit Antisemitismus als überflüssig oder gar als „Erfindung“ dargestellt werden.

Ein sezierender Blick
Man muss diesen Satz sezieren: nicht mit der Schärfe eines Skalpells, sondern mit der Präzision eines Dirigenten, der jede falsche Note hörbar macht. Er hätte vielleicht gesagt: „Wer so argumentiert, verwechselt die Vokabel mit der Wirklichkeit, und er verwechselt die Wirklichkeit mit einem Quiz.“

Denn das eigentliche Thema ist nicht die Herkunft eines Wortes, sondern die Geschichte von Menschen, die unter diesem Wort gelitten haben. Antisemitismus ist nicht eine sprachliche Kategorie, sondern eine gesellschaftliche Gewalt. Ihn auf Etymologie zu reduzieren, ist, als wollte man das Donnern eines Gewitters dadurch relativieren, dass man die chemische Formel des Wassers erklärt.

Die Frage ist nicht, ob das Argument sprachlich stichhaltig ist – das ist es nicht. Die Frage ist, warum jemand es ins Feld führt. Es ist wie ein Einwurf, der den Ball nicht ins Spiel bringt, sondern ins Aus. Wer ihn benutzt, verrät, dass er an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Judenhass nicht interessiert ist.

Die Pointe der Ausrede
So bleibt am Ende der Satz: „Aha, Araber sind doch auch Semiten.“
Er klingt wie eine Entdeckung, ist aber nur eine Ausrede. Er klingt wie eine Erhellung, ist aber eine Verdunkelung. Er klingt wie Wissen, ist aber Ignoranz im Kostüm des Gelehrten.

Und deshalb ist er nicht harmlos. Denn er versucht, den Hass unsichtbar zu machen, indem er ihn sprachlich entwaffnet. Aber Worte haben Geschichte, und die Geschichte des Wortes „Antisemitismus“ ist eben nicht die Geschichte einer Sprachfamilie. Es ist die Geschichte eines Hasses, der sich als Wissenschaft tarnte – und genau darum müssen wir ihn so nennen.

Der Satz, der sich so klug gebärdet, ist in Wahrheit nur eine Ausrede. Und er offenbart, wie schwer es manchem fällt, den Abgrund, der „Antisemitismus“ heißt, einfach anzusehen, ohne ihn kleinzureden, umzubenennen oder mit sprachlichen Umwegen zu verschleiern.

2 Gedanken zu “„Aber Araber sind doch auch Semiten!“ – Eine Ausflucht in sprachwissenschaftlicher Verkleidung

  1. Niemand kann behaupten, mit welcher Wortführung auch immer; „ich kenne an mir selbst keinen Hass, gegen mich selbst und keinen, gegen die anderen“. Der eigene Hass, verdunkelt das auftauchende wahrende Gewissen.

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