Dem russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski wird seit Jahren ein Satz zugeschrieben, der in den sozialen Netzwerken mit der Beharrlichkeit einer urbanen Legende zirkuliert:
„Die Toleranz wird ein solches Niveau erreichen, dass intelligenten Menschen das Denken verboten wird, um Idioten nicht zu beleidigen.“
Es gibt keinen belastbaren Nachweis dafür, dass Dostojewski diesen Satz jemals geschrieben oder gesagt hat. Er findet sich weder in seinen Romanen noch in seinen Briefen, noch in den zahllosen Notizbüchern eines Autors, dessen Werk bis heute Gegenstand akribischer Forschung ist. Das Zitat ist apokryph. Es gehört in die lange Reihe jener Sätze, die berühmten Toten zugeschrieben werden, weil ihre Autorität dem Gedanken ein höheres Gewicht verleihen soll.
Und doch wäre es ein Fehler, die Debatte mit dem Hinweis auf die fehlende Quellenlage zu beenden. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob Dostojewski diesen Satz gesagt hat. Die eigentliche Frage lautet, warum Millionen Menschen glauben, er hätte ihn sagen können.
Vielleicht deshalb, weil viele den Eindruck haben, dass sich unsere Gesellschaft in eine Richtung bewegt, in der die Sorge vor Kränkung zunehmend wichtiger wird als die Suche nach Wahrheit.
Eine Demokratie lebt von Konflikten. Sie lebt davon, dass unterschiedliche Auffassungen aufeinandertreffen, dass Argumente geprüft, Behauptungen widerlegt und Überzeugungen infrage gestellt werden. Der demokratische Bürger ist kein Mensch, der niemals beleidigt wird. Er ist ein Mensch, der gelernt hat, Widerspruch auszuhalten.
Doch in den vergangenen Jahren hat sich eine bemerkenswerte Verschiebung vollzogen. Nicht mehr die Frage, ob etwas wahr ist, steht häufig im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern die Frage, ob sich jemand durch diese Wahrheit verletzt fühlen könnte. Das subjektive Empfinden wird zum Richter über objektive Aussagen. Die Kränkbarkeit erhebt Anspruch auf Vorrang vor der Erkenntnis.
Das geschieht oft aus einem ehrenwerten Motiv. Niemand möchte Menschen herabsetzen. Niemand möchte Minderheiten verhöhnen oder gesellschaftliche Gruppen ausgrenzen. Die Idee der Toleranz gehört zu den größten zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne. Sie schützt den Einzelnen vor der Willkür der Mehrheit. Sie ermöglicht friedliches Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften.
Aber jede Tugend kann sich in ihr Gegenteil verkehren.
Toleranz verliert ihren Sinn, wenn sie nicht mehr die Freiheit unterschiedlicher Ansichten schützt, sondern deren Äußerung verhindert. Sie wird gefährlich, wenn sie nicht mehr auf Gleichberechtigung zielt, sondern auf Immunität vor Kritik. Aus einer Kultur der Offenheit entsteht dann eine Kultur der Vorsicht. Menschen wägen nicht mehr ab, ob ihre Worte richtig sind, sondern ob sie riskant sind.
Die Folge ist eine schleichende Selbstzensur.
Nicht die staatliche Zensur ist die erste Gefahr moderner Demokratien. Gefährlicher ist die gesellschaftliche. Sie wirkt unsichtbar. Niemand verbietet einen Gedanken. Niemand erlässt ein Gesetz gegen eine Meinung. Stattdessen entsteht ein Klima, in dem bestimmte Fragen besser nicht gestellt werden, bestimmte Zweifel besser nicht geäußert und bestimmte Beobachtungen besser verschwiegen werden.
Eine Gesellschaft, die so funktioniert, verliert etwas Wesentliches: ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.
Denn Fortschritt beginnt selten mit Zustimmung. Fortschritt beginnt fast immer mit Widerspruch. Wer bestehende Überzeugungen infrage stellt, gilt zunächst als Störenfried. Wer Missstände benennt, verletzt Gewohnheiten. Wer Tabus berührt, erzeugt Unbehagen.
Eine Demokratie muss das aushalten können.
Noch problematischer wird es, wenn falsch verstandene Toleranz gegenüber Intoleranz praktiziert wird. Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele dafür, dass offene Gesellschaften nicht an ihren Feinden scheiterten, sondern an ihrer Unentschlossenheit, diese als Feinde zu erkennen.
Wer die demokratische Ordnung ablehnt, wer Gewalt rechtfertigt, wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Weltanschauung entrechten möchte, beruft sich häufig auf dieselben Freiheiten, die er später abschaffen würde. Die offene Gesellschaft gewährt ihm Schutz, den er seinen Gegnern niemals gewähren würde.
Hier zeigt sich das Paradox der Toleranz.
Eine Demokratie darf tolerant gegenüber Meinungen sein. Sie darf aber nicht gleichgültig gegenüber den Feinden ihrer eigenen Grundlagen werden. Wer Freiheit verteidigen will, muss unterscheiden können zwischen Andersdenken und Demokratiefeindlichkeit.
Gerade diese Unterscheidung verschwimmt jedoch zunehmend. Aus Angst, intolerant zu erscheinen, vermeiden viele Institutionen klare Grenzziehungen. Kritik wird mit Ausgrenzung verwechselt. Widerspruch gilt als Aggression. Die Verteidigung demokratischer Prinzipien erscheint plötzlich als Ausdruck mangelnder Offenheit.
Davon profitieren nicht die Schwachen.
Davon profitieren die Radikalen.
Sie erkennen schneller als andere die Lücken einer verunsicherten Gesellschaft. Sie nutzen die Sprachlosigkeit der Mitte. Sie besetzen Themen, die andere aus Angst vor Kontroversen meiden. Sie präsentieren sich als letzte Verteidiger der Meinungsfreiheit, obwohl sie selbst oft autoritäre Vorstellungen vertreten.
Das Erfolgsgeheimnis antidemokratischer Bewegungen liegt nicht darin, dass sie besonders überzeugende Antworten liefern. Ihr Vorteil besteht häufig darin, dass sie Fragen stellen, die andere nicht mehr zu stellen wagen.
Wo Debatten unterdrückt werden, verschwinden Probleme nicht. Sie wandern lediglich an die Ränder des politischen Spektrums. Dort werden sie aufgegriffen, vereinfacht und instrumentalisiert.
Die offene Diskussion ist deshalb keine Bedrohung der Demokratie, sondern ihre Lebensversicherung.
Natürlich gibt es Grenzen. Verleumdung ist keine Meinung. Volksverhetzung ist kein Beitrag zum Diskurs. Aufrufe zur Gewalt sind keine legitimen politischen Positionen. Aber zwischen strafbarem Hass und unbequemer Meinung liegt ein weiter Raum, den Demokratien schützen müssen.
Denn Freiheit bedeutet nicht, nur das sagen zu dürfen, was Zustimmung findet.
Die größte Gefahr für eine freie Gesellschaft besteht nicht darin, dass zu viele Menschen ihre Meinung äußern. Die größere Gefahr besteht darin, dass immer mehr Menschen glauben, es sei klüger zu schweigen.
So betrachtet enthält das falsche Dostojewski-Zitat einen wahren Kern — nicht als Beschreibung der Gegenwart, sondern als Warnung für die Zukunft. Nicht weil intelligenten Menschen das Denken verboten würde. Davon sind wir weit entfernt. Sondern weil die Versuchung wächst, Denken durch Empfindlichkeit zu ersetzen und Streit durch Schweigen.
Demokratie aber entsteht nicht aus Harmonie.
Sie entsteht aus der Fähigkeit freier Bürger, einander zu widersprechen, ohne einander zu Feinden zu erklären.
Toleranz bedeutet nicht, jede Position für gleich gültig zu halten. Toleranz bedeutet, den anderen sprechen zu lassen und ihm zugleich entschieden entgegenzutreten, wenn seine Ideen die Freiheit bedrohen.
Wer diesen Unterschied vergisst, verteidigt die Toleranz nicht.
Er liefert sie ihren Gegnern aus.
Die Gründerväter der USA verteidigten die Redefreiheit, weil sie überzeugt waren, dass Irrtum auszuhalten ist, solange die Wahrheit dem Irrtum ungehindert widersprechen kann (Jefferson: error can be tolerated where truth is left free to combat it).
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