Woher kommen wir – und warum laufen wir eigentlich auf zwei Beinen? Seit mehr als einem Jahrhundert dominiert in der Paläoanthropologie eine scheinbar einfache Geschichte: Unsere Vorfahren verließen die Wälder Afrikas, zogen in die Savanne und entwickelten dort den aufrechten Gang, um besser jagen und lange Strecken zurücklegen zu können. Doch ein kürzlich veröffentlichter Übersichtsartikel stellt genau diese Erzählung radikal infrage.
Die Autorinnen und Autoren vertreten eine ebenso kühne wie umstrittene These: Der Mensch sei nicht in der Savanne „gemacht“ worden – sondern am Wasser.
Abschied von der Savannen-Hypothese?
Nach Ansicht des Forschungsteams passen viele Merkmale des Menschen erstaunlich schlecht zu einem Leben als ausdauernder Savannenläufer. Dazu zählen unter anderem:
- unsere weitgehende Haarlosigkeit,
- die dicke Unterhautfettschicht,
- ein vergleichsweise hoher Wasserbedarf,
- die starke Schweißproduktion,
- sowie unsere eher mäßigen Laufleistungen.
Stattdessen argumentieren die Autorinnen und Autoren, dass zahlreiche fossile und anatomische Befunde eher auf eine Entwicklung in feuchten, wasserreichen Lebensräumen hindeuten.
Aufrecht im Sumpf statt rennend in der Steppe
Im Mittelpunkt der neuen Hypothese steht das Konzept des „aquarborealen“ Lebensstils – eine Wortschöpfung aus den lateinischen Begriffen für Wasser (aqua) und Baum (arbor). Demnach lebten frühe Menschenaffen vor Millionen Jahren in überschwemmten Wäldern und bewegten sich regelmäßig aufrecht durch seichtes Wasser, während sie zugleich an Ästen kletterten und hingen.
Der aufrechte Gang wäre demnach nicht erst in offenen Landschaften entstanden, sondern bereits viel früher als Anpassung an das Waten in sumpfigen Wäldern. Heute beobachtete Verhaltensweisen von Gorillas, Bonobos und Orang-Utans, die gelegentlich durch flaches Wasser waten, sehen die Autorinnen und Autoren als mögliche Relikte dieser Vergangenheit.
Waren Australopithecinen gar nicht unsere Vorfahren?
Besonders kontrovers ist eine weitere Behauptung des Artikels: Die berühmten Australopithecinen – also Arten wie Australopithecus afarensis („Lucy“) – seien möglicherweise gar keine direkten Vorfahren des Menschen. Stattdessen könnten sie näher mit heutigen Schimpansen oder Gorillas verwandt gewesen sein.
Nach Auffassung der Autorinnen und Autoren verlief die menschliche Entwicklung weitgehend außerhalb Afrikas, während sich die Linie des modernen Menschen erst relativ spät wieder nach Afrika ausbreitete.
Diese Sichtweise widerspricht allerdings dem derzeitigen wissenschaftlichen Konsens deutlich.
Muscheln statt Mammuts?
Für die Gattung Homo schlagen die Forschenden eine weitere Phase vor: eine Lebensweise an Küsten, Flussufern und Seen. Frühe Menschen hätten demnach regelmäßig gewatet, geschwommen und sogar nach Muscheln, Krebsen und anderen Wasserorganismen getaucht.
Interessanterweise führen die Autorinnen und Autoren eine Reihe anatomischer Besonderheiten des Menschen als mögliche Hinweise auf eine solche Vergangenheit an:
- unsere dicke Fettschicht,
- die besondere Form der Füße,
- die Fähigkeit zur bewussten Atemkontrolle,
- die äußere Nase,
- sowie bestimmte Merkmale des Schädels von Homo erectus.
Auch das starke Wachstum des menschlichen Gehirns erklären sie mit einer Ernährung, die reich an Meeresfrüchten und damit an gehirnrelevanten Nährstoffen wie DHA, Jod und Selen gewesen sei.
Kontinentaldrift als Motor der Evolution
Ein ungewöhnlicher Aspekt des Artikels ist die Verknüpfung von Evolution und Plattentektonik. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass geologische Ereignisse – etwa die Schließung und Wiederöffnung von Meeresstraßen oder die Austrocknung des Mittelmeers während der sogenannten Messinischen Salinitätskrise vor etwa 5,5 Millionen Jahren – entscheidenden Einfluss auf Wanderungen und Aufspaltungen früher Menschenaffen hatten.
Demnach könnten tektonische Prozesse die Verbreitung und Isolation früher Menschenlinien wesentlich geprägt haben.
Wie ernst ist diese Theorie zu nehmen?
Die vorgestellte Hypothese ist zweifellos faszinierend, steht jedoch außerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams. Viele der vertretenen Ideen – insbesondere die Ablehnung der Savannen-Hypothese, die Nicht-Abstammung des Menschen von Australopithecinen und die starke Betonung einer semi-aquatischen Vergangenheit – werden von der Mehrheit der Paläoanthropologinnen und Paläoanthropologen derzeit nicht geteilt.
Dennoch zeigt der Artikel, wie lebendig die Debatte über unsere Ursprünge weiterhin ist. Die Frage, warum Menschen aufrecht gehen, große Gehirne entwickelten und sich über den Globus ausbreiteten, gehört nach wie vor zu den spannendsten Rätseln der Evolutionsbiologie. Und manchmal entstehen gerade an den Rändern des wissenschaftlichen Konsenses Ideen, die neue Fragen aufwerfen – selbst wenn sie sich später nicht vollständig bestätigen sollten.