Es gibt Sätze, die nicht altern.
Sie gehören nicht zu jenen politischen Parolen, die an die Tagesordnung ihrer Entstehungszeit gebunden sind. Sie überdauern Regierungen, Krisen und Generationen, weil sie etwas über den Menschen aussagen, das sich hartnäckig gegen jeden Fortschritt behauptet.
Zwei solcher Sätze stammen von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.
Adorno schrieb:
„Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“
Horkheimer formulierte:
„Der Antisemitismus ist das Ritual der Zivilisation.“
Beide Sätze wirken zunächst rätselhaft. Man muss sie mehrfach lesen. Sie verweigern sich der schnellen Zustimmung. Doch gerade darin liegt ihre Kraft.
Denn beide beschreiben nicht die Juden.
Sie beschreiben die Gesellschaft.
Wer Antisemitismus verstehen will, beginnt oft mit den Vorurteilen der Antisemiten. Er untersucht Behauptungen, Klischees und Feindbilder. Er fragt, warum Menschen an Verschwörungen glauben oder weshalb sie Gruppen für Entwicklungen verantwortlich machen, auf die niemand allein Einfluss hat.
Adorno geht einen Schritt weiter.
Er lenkt den Blick auf die erstaunliche Tatsache, dass die antisemitischen Vorstellungen über Jahrhunderte hinweg nahezu unverändert geblieben sind, obwohl sie sich ständig widersprechen.
Die Juden seien gleichzeitig Kapitalisten und Revolutionäre.
Sie seien zugleich kosmopolitisch und nationalistisch.
Sie seien schwach und allmächtig.
Assimiliert und fremd.
Unsichtbar und überpräsent.
Keine andere Minderheit wurde mit einem derart widersprüchlichen Katalog von Eigenschaften ausgestattet.
Und dennoch bleibt das Feindbild bestehen.
Warum?
Weil es nicht aus Erfahrung entsteht.
Es entsteht aus Erzählungen.
Aus Gerüchten.
Das Gerücht ist die eigentümlichste Form der Lüge. Es braucht keinen Beweis. Es lebt gerade von seiner Unbestimmtheit. Niemand kennt die Quelle. Niemand kann den Ursprung benennen. Aber jeder kennt jemanden, der etwas gehört haben will.
Das Gerücht besitzt eine soziale Funktion. Es verbindet Menschen durch ein gemeinsames Misstrauen. Es schafft Gemeinschaft durch Ausgrenzung. Es erzeugt das Gefühl, hinter die Kulissen der Wirklichkeit zu blicken.
In diesem Sinne ist Antisemitismus tatsächlich das Gerücht über die Juden.
Nicht die Begegnung mit realen Menschen erzeugt ihn.
Sondern die Vorstellung von Menschen.
Der Antisemit spricht selten über Juden.
Er spricht über seine Ängste.
Über seinen Neid.
Über seine Enttäuschungen.
Über seinen Wunsch nach einfachen Erklärungen.
Das Objekt des Hasses wird austauschbar. Es dient als Projektionsfläche für alles, was sich einer differenzierten Analyse entzieht.
Deshalb überlebt der Antisemitismus sogar dort, wo kaum Juden leben.
Er benötigt ihre tatsächliche Anwesenheit nicht.
Er benötigt nur ihre symbolische Existenz.
Das macht ihn so gefährlich.
Denn gegen ein Vorurteil kann man argumentieren.
Gegen ein Gerücht nur schwer.
Das Gerücht ist immun gegen Widerlegung. Jede Widerlegung wird zu seinem Beweis erklärt. Jeder Einwand bestätigt den Verdacht. Jede Tatsache erscheint als Teil der Verschwörung.
Hier berührt Adornos Analyse eine Erfahrung, die weit über den Antisemitismus hinausreicht.
Moderne Gesellschaften verfügen über einen nahezu unbegrenzten Zugang zu Informationen. Dennoch wachsen Misstrauen, Verschwörungsdenken und politische Mythen. Nicht der Mangel an Wissen erzeugt diese Phänomene. Oft geschieht das Gegenteil.
Je komplexer die Wirklichkeit wird, desto größer wird die Sehnsucht nach Erzählungen, die sie vereinfachen.
Das Gerücht bietet Orientierung.
Die Wahrheit verlangt Anstrengung.
Doch Adornos Satz beschreibt nur die eine Seite des Problems.
Die andere offenbart Horkheimer.
„Der Antisemitismus ist das Ritual der Zivilisation.“
Das klingt zunächst absurd.
Rituale verbinden wir mit Religion, Tradition oder Gemeinschaft. Mit Wiederholung. Mit Ordnung. Mit kulturellen Praktiken.
Warum sollte ausgerechnet der Antisemitismus ein Ritual sein?
Weil Horkheimer erkannte, dass moderne Gesellschaften ihre Gewalt nicht überwunden haben.
Sie haben sie organisiert.
Die Zivilisation erscheint gern als Geschichte des Fortschritts. Als Weg aus der Barbarei. Als Triumph von Vernunft, Recht und Humanität.
Doch unter der glatten Oberfläche gesellschaftlicher Ordnung bleiben Aggressionen, Ressentiments und Herrschaftsbedürfnisse bestehen.
Die Zivilisation schafft Mechanismen, um diese Energien zu kanalisieren.
Sie sucht nach Ventilen.
Nach Sündenböcken.
Nach Gruppen, an denen sich Spannungen entladen können.
Das Ritual besteht darin, immer wieder dieselbe Rolle zu verteilen.
Hier die Gemeinschaft.
Dort der Fremde.
Hier die Tugend.
Dort die Schuld.
Hier die Ordnung.
Dort die Bedrohung.
Der Antisemitismus wird so zu einer gesellschaftlichen Handlung, die Zugehörigkeit erzeugt. Wer am Feindbild teilnimmt, bestätigt seine Mitgliedschaft in der Gemeinschaft. Der Hass stiftet Identität.
Deshalb taucht Antisemitismus oft in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit auf.
Wenn wirtschaftliche Krisen entstehen.
Wenn politische Systeme wanken.
Wenn kulturelle Gewissheiten zerbrechen.
Dann wächst das Bedürfnis nach einfachen Schuldigen.
Die Komplexität der Welt wird auf eine Personengruppe reduziert.
Das ist die eigentliche Funktion des Rituals.
Nicht Erkenntnis.
Entlastung.
Man muss sich die Brutalität dieses Mechanismus vor Augen führen.
Der Antisemitismus fragt nicht, was Juden getan haben.
Er entscheidet vorher, dass sie schuldig sind.
Die Begründungen werden anschließend geliefert.
Wie ein Ritual immer dieselben Bewegungen wiederholt, wiederholt der Antisemitismus immer dieselben Muster. Die Vorwürfe ändern ihre Gestalt, aber nicht ihre Struktur.
Im Mittelalter vergifteten Juden angeblich Brunnen.
Später beherrschten sie angeblich die Banken.
Dann die Medien.
Dann die Weltpolitik.
Die Inhalte wechseln.
Die Funktion bleibt.
Gerücht und Ritual ergänzen sich dabei auf verhängnisvolle Weise.
Das Gerücht liefert die Geschichte.
Das Ritual sorgt für ihre Wiederholung.
Gemeinsam erzeugen sie eine Form des Denkens, die sich der Realität entzieht und dennoch politische Wirklichkeit schafft.
Gerade deshalb genügt es nicht, Antisemitismus als bloßen Irrtum zu behandeln.
Ein Irrtum verschwindet, wenn er widerlegt wird.
Antisemitismus verschwindet nicht durch Fakten allein.
Er lebt von psychologischen Bedürfnissen, sozialen Dynamiken und politischen Interessen.
Er ist nicht nur ein Defizit an Wissen.
Er ist eine Form der Weltdeutung.
Das macht seine Bekämpfung so schwierig.
Und so notwendig.
Denn wo Antisemitismus auftritt, richtet er sich niemals nur gegen Juden.
Er greift die Grundlagen einer freien Gesellschaft an.
Er ersetzt Argumente durch Verdächtigungen.
Er ersetzt Verantwortung durch Schuldprojektion.
Er ersetzt Wirklichkeit durch Mythologie.
Jede demokratische Kultur lebt dagegen von der Anerkennung von Komplexität. Sie verlangt die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und Unsicherheiten zu akzeptieren.
Antisemitismus bietet den gegenteiligen Weg.
Er verwandelt die Welt in ein Märchen aus Tätern und Opfern, Strippenziehern und Betrogenen, geheimen Mächten und unschuldigen Massen.
Deshalb ist er mehr als ein Vorurteil.
Er ist eine Versuchung.
Die Versuchung, die Last des Denkens gegen die Bequemlichkeit der Erklärung einzutauschen.
Vielleicht liegt hierin die bleibende Aktualität von Adorno und Horkheimer.
Sie zeigen, dass Antisemitismus nicht am Rand der Gesellschaft entsteht.
Er entsteht aus Mechanismen, die tief in ihr verankert sind.
Aus dem Bedürfnis nach einfachen Geschichten.
Aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit.
Aus der Sehnsucht nach Schuldigen.
Das Gerücht erzählt diese Geschichte.
Das Ritual hält sie am Leben.
Und die Aufgabe einer aufgeklärten Gesellschaft besteht darin, beidem zu widerstehen.