Das Fermi-Paradoxon – Abschluss

Glowing neural network structure overlaid on a colorful cosmic nebula background with stars and galaxies

Teil XII – Synthese

Was bleibt vom Fermi-Paradoxon?

Mehr als siebzig Jahre sind vergangen, seit Enrico Fermi während eines Mittagessens jene einfache Frage stellte, die bis heute Generationen von Astronominnen, Biologen, Physikern und Philosophinnen beschäftigt:

„Wo sind sie alle?“

Kaum eine wissenschaftliche Frage besitzt eine vergleichbare Wirkungsgeschichte. Sie besteht aus nur vier Wörtern und führt doch unmittelbar an die Grenzen unseres Wissens über Leben, Intelligenz und die Stellung der Menschheit im Kosmos.

Im Verlauf dieses Buches haben wir zahlreiche Antworten kennengelernt. Manche beruhen auf gut etablierten Erkenntnissen der Astrophysik, Evolutionsbiologie oder Informationstheorie. Andere sind philosophische Gedankenexperimente, die zwar logisch möglich erscheinen, sich gegenwärtig jedoch kaum überprüfen lassen. Wieder andere verbinden beides: Sie beginnen mit gesicherter Physik und gelangen über notwendige Annahmen zu weitreichenden Spekulationen über das Verhalten außerirdischer Zivilisationen.

Gerade diese Vielfalt macht deutlich, dass das Fermi-Paradoxon keine einzelne Lösung besitzt. Es gleicht vielmehr einem Prisma, durch das sich dieselbe Frage in zahlreiche Teilfragen aufspaltet.

Existiert Leben überhaupt häufig?

Entsteht komplexe Intelligenz regelmäßig?

Überdauern technische Zivilisationen geologische Zeiträume?

Breiten sie sich aus?

Kommunizieren sie?

Und falls ja – warum sehen wir bislang nichts?

Jede dieser Fragen besitzt ihre eigene wissenschaftliche Literatur. Gemeinsam bilden sie das eigentliche Forschungsprogramm des Fermi-Paradoxons.

Vom Paradoxon zum Wahrscheinlichkeitsproblem

Bereits der Begriff Paradoxon kann leicht in die Irre führen. Ein Paradoxon bezeichnet in der Wissenschaft gewöhnlich einen Widerspruch zwischen zwei scheinbar gut begründeten Aussagen. Im klassischen Fermi-Paradoxon stehen sich die enorme Größe und das Alter des Universums auf der einen sowie das völlige Fehlen eindeutiger Hinweise auf außerirdische Intelligenz auf der anderen Seite gegenüber.

Je genauer wir jedoch die Voraussetzungen dieser Argumentation betrachten, desto deutlicher zeigt sich, dass viele von ihnen keineswegs gesichert sind.

Schon die Drake-Gleichung machte deutlich, dass mehrere ihrer Faktoren bis heute nur sehr ungenau bekannt sind. Während wir inzwischen wissen, dass Planeten häufig vorkommen und erdgroße Welten keineswegs außergewöhnlich sind, bleiben die entscheidenden biologischen Größen nahezu unbekannt. Wir kennen weder die Wahrscheinlichkeit der Abiogenese noch die Häufigkeit komplexer Vielzelligkeit oder technischer Intelligenz.

Hinzu kommt ein grundlegendes statistisches Problem. Die Menschheit verfügt bislang über genau ein Beispiel biologischer Evolution. Jede Aussage über die Häufigkeit intelligenten Lebens im Universum beruht deshalb notwendigerweise auf einer Stichprobe von n = 1.

Aus statistischer Sicht ist dies eine außerordentlich schwache Grundlage. Vielleicht entstand Leben auf der Erde nahezu zwangsläufig. Vielleicht handelt es sich um ein kosmisches Wunder mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Billion. Gegenwärtig wissen wir es schlicht nicht. Das Fermi-Paradoxon erscheint dadurch weniger als logischer Widerspruch denn als Ausdruck enormer Unsicherheit.

Was wir heute mit hoher Sicherheit wissen

Trotz aller offenen Fragen hat die Forschung der vergangenen Jahrzehnte unser Wissen erheblich erweitert.

Als Fermi seine berühmte Frage stellte, war nicht einmal bekannt, ob andere Sterne überhaupt Planetensysteme besitzen.

Heute kennen wir Tausende bestätigte Exoplaneten.

Wir wissen, dass Planeten in der Milchstraße eher die Regel als die Ausnahme darstellen.

Wir kennen Gesteinsplaneten innerhalb habitabler Zonen.

Wir beobachten die Atmosphären ferner Welten.

Wir entdecken organische Moleküle in interstellaren Wolken und auf Kometen.

All dies verschiebt den Schwerpunkt der Debatte.

Das eigentliche Rätsel lautet heute nicht mehr:

„Gibt es andere Welten?“

Sondern:

„Was geschieht auf ihnen?“

Gerade diese Entwicklung gehört zu den größten wissenschaftlichen Fortschritten der modernen Astrobiologie.

Wissenschaftlicher Exkurs

Die stille Revolution der Exoplanetenforschung

Zwischen 1995 und heute hat sich unser Bild des Universums grundlegend verändert. Vor der Entdeckung des ersten Exoplaneten um einen sonnenähnlichen Stern konnte niemand sicher sagen, ob Planetensysteme selten oder häufig sind. Heute gehen Astronominnen und Astronomen davon aus, dass allein unsere Milchstraße Hunderte Milliarden Planeten enthält.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass auch Leben häufig sein muss. Die Astronomie hat einen Teil der Drake-Gleichung erheblich präzisiert. Die schwierigsten biologischen Faktoren bleiben dagegen nahezu vollständig unbekannt.

Die stärksten Erklärungsansätze

Betrachtet man die verschiedenen Hypothesen aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive, entsteht ein differenziertes Bild.

Besonders gut mit den bekannten Naturgesetzen vereinbar erscheinen jene Modelle, die keine außergewöhnlichen Annahmen über das Verhalten außerirdischer Zivilisationen treffen.

Hierzu gehören insbesondere:

  • die Seltenheit der Abiogenese,
  • die Rare-Earth-Hypothese,
  • evolutionäre Engpässe,
  • der Große Filter,
  • sowie die enormen Entfernungen und Zeitverzögerungen interstellarer Kommunikation.

Diese Ansätze besitzen unterschiedliche Schwächen.

Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie unmittelbar an etablierte Erkenntnisse aus Astrophysik, Geologie oder Evolutionsbiologie anschließen. Sie verlangen keine unbekannte Physik. Keine galaktischen Verschwörungen. Keine universelle Moral. Keine geheimnisvollen Supertechnologien. Demgegenüber stehen Modelle wie die Zoo-Hypothese oder die Planetariums-Hypothese. Sie sind logisch keineswegs unmöglich. Ihre zentrale Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass sie sich gegenwärtig kaum falsifizieren lassen. Nahezu jede denkbare Beobachtung lässt sich mit ihnen vereinbaren. Gerade deshalb besitzen sie innerhalb der Wissenschaft einen geringeren Erklärungswert. Sie regen zum Nachdenken an. Sie erzeugen jedoch nur wenige überprüfbare Vorhersagen.

Eine Zwischenstellung nehmen neuere Modelle wie Grabby Aliens oder die Aestivation-Hypothese ein. Beide beginnen mit realen physikalischen oder mathematischen Überlegungen. Beide leiten daraus überprüfbare Konsequenzen ab. Beide hängen jedoch entscheidend von Annahmen über das langfristige Verhalten technologischer Zivilisationen ab. Gerade deshalb gehören sie zu den spannendsten aktuellen Forschungsansätzen. Nicht weil sie bereits bestätigt wären. Sondern weil sie erstmals versuchen, die Diskussion quantitativ zu führen.

Vielleicht gibt es gar keine einzige Lösung

Im Verlauf dieses Buches zeigte sich immer deutlicher, dass viele Erklärungen einander keineswegs ausschließen. Im Gegenteil. Sie könnten sich gegenseitig ergänzen. Komplexes Leben könnte tatsächlich selten sein. Technologische Kulturen könnten häufig relativ kurz existieren. Interstellare Expansion könnte schwierig sein. Postbiologische Zivilisationen könnten andere Technosignaturen erzeugen als biologische. Und gleichzeitig könnte die Hauptphase kosmischen Lebens tatsächlich noch vor uns liegen. Unter diesen Voraussetzungen verschwindet das Fermi-Paradoxon nicht vollständig.

Es verliert jedoch einen Teil seiner ursprünglichen Schärfe. Die Große Stille wäre dann das Ergebnis mehrerer statistischer und biologischer Filter – nicht eines einzigen kosmischen Geheimnisses. Gerade diese Sichtweise gewinnt in der modernen Fachliteratur zunehmend an Bedeutung.

Mythos und Wirklichkeit

Muss es eine einzige Antwort auf das Fermi-Paradoxon geben?

Nein.

Die Natur löst komplexe Probleme nur selten durch einen einzigen Mechanismus. Die Entstehung biologischer Vielfalt beruht auf Mutation, Selektion, genetischer Drift und Umweltbedingungen zugleich. Ebenso gut könnte das Schweigen des Universums aus dem Zusammenwirken vieler Faktoren entstehen. Gerade deshalb erscheint die Suche nach einer universellen Einzelerklärung heute weniger überzeugend als noch vor einigen Jahrzehnten.

Die Rolle der Suchstrategien

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre betrifft schließlich nicht die Außerirdischen, sondern uns selbst.

Das Fermi-Paradoxon fragt immer auch danach, wie wir suchen. Die klassische SETI-Forschung konzentrierte sich jahrzehntelang auf Radiosignale.

Heute suchen wir zusätzlich nach Laserpulsen,

nach Dyson-Sphären,

nach industriellen Atmosphären,

nach künstlicher Beleuchtung,

nach ungewöhnlichen Infrarotquellen,

nach Astroengineering,

nach Anomalien in gewaltigen astronomischen Datensätzen.

Vielleicht ist keine dieser Methoden erfolgreich.

Vielleicht werden mehrere zugleich notwendig sein.

Vielleicht fehlt uns sogar noch die entscheidende Idee.

Gerade hierin liegt die Dynamik moderner Astrobiologie.

Nicht nur unser Wissen wächst.

Auch unsere Fragen werden präziser.

Ein Forschungsprogramm für das 21. Jahrhundert

Vielleicht besteht die größte Leistung des Fermi-Paradoxons darin, dass es Wissenschaften miteinander verbindet, die sonst nur selten in engem Austausch stehen.

Astronomie liefert die Sterne.

Planetologie untersucht bewohnbare Welten.

Chemie erforscht präbiotische Moleküle.

Biologie erklärt Evolution.

Informatik untersucht künstliche Intelligenz.

Physik bestimmt die Grenzen von Energie und Information.

Philosophie fragt nach Erkenntnis, Wahrscheinlichkeit und Bewusstsein.

Nur im Zusammenwirken all dieser Disziplinen lässt sich Fermis berühmte Frage überhaupt sinnvoll diskutieren. Gerade dadurch unterscheidet sich das Fermi-Paradoxon von vielen anderen wissenschaftlichen Problemen. Es besitzt keinen einzelnen Fachbereich. Es ist selbst ein interdisziplinäres Forschungsprogramm.

Was bleibt?

Am Ende unserer Reise steht deshalb keine endgültige Antwort. Und vielleicht ist gerade dies die wichtigste Erkenntnis. Das Universum hat bislang geschwiegen. Doch Schweigen ist keine Information über Leere. Es ist zunächst nur die Abwesenheit einer Antwort. Ob daraus Einsamkeit folgt, Seltenheit, frühe kosmische Jugend, oder lediglich unzureichende Suchmethoden, wissen wir gegenwärtig nicht.

Was wir jedoch wissen, ist etwas anderes: Noch nie zuvor verfügte die Menschheit über bessere Instrumente, bessere Teleskope und bessere theoretische Modelle als heute. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte beginnt sie ernsthaft, die Frage nach außerirdischem Leben empirisch zu untersuchen. Damit hat sich das Fermi-Paradoxon verändert.

Es ist nicht länger nur ein philosophisches Gedankenexperiment.

Es ist zu einer wissenschaftlichen Forschungsfrage geworden.

Und genau darin liegt vielleicht seine größte Bedeutung.

Nicht darin, dass es uns Antworten liefert.

Sondern darin, dass es uns lehrt, die richtigen Fragen zu stellen.

Nachwort

Das Schweigen der Sterne

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal über das Fermi-Paradoxon las, erschien mir die Frage erstaunlich einfach. Sie bestand aus nur vier Wörtern:

„Wo sind sie alle?“

Doch wie so oft in der Wissenschaft erwies sich gerade ihre Einfachheit als Täuschung.

Im Laufe dieser Artikel hat sich gezeigt, dass sich hinter dieser kurzen Frage eine ganze Welt weiterer Fragen verbirgt. Wie entsteht Leben? Ist die Entstehung einer Zelle ein nahezu zwangsläufiger Schritt der Chemie – oder ein kosmischer Ausnahmefall? Warum entwickelte sich auf der Erde intelligentes Leben erst nach Milliarden von Jahren? Weshalb wurde nur eine einzige Art technisch? Wie lange überleben technische Zivilisationen? Welche Rolle spielen Zufall, Evolution, Physik und Geschichte? Und schließlich: Welche Gestalt könnte Intelligenz überhaupt annehmen, wenn sie sich über Millionen oder gar Milliarden Jahre weiterentwickelt?

Wer sich ernsthaft mit dem Fermi-Paradoxon beschäftigt, merkt bald, dass er eigentlich nicht nur über Außerirdische nachdenkt. Er denkt über das Leben nach.

Über Zeit.

Über Zufall.

Über Zukunft.

Und nicht zuletzt über die Menschheit selbst.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Größe dieser Frage.

Das Fermi-Paradoxon zwingt uns, unsere vertrautesten Vorstellungen zu verlassen. Es erinnert uns daran, dass wir in einem Universum leben, dessen Maßstäbe sich jeder alltäglichen Erfahrung entziehen. Entfernungen werden in Lichtjahren gemessen, Zeiträume in Milliarden Jahren, Wahrscheinlichkeiten beziehen sich auf Hunderte Milliarden Sterne und vielleicht noch sehr viel mehr Planeten. Unser Alltag spielt sich auf einem winzigen Felsen ab, der einen durchschnittlichen Stern am Rand einer gewöhnlichen Spiralgalaxie umkreist. Und doch ist ausgerechnet auf diesem unscheinbaren Planeten ein Wesen entstanden, das begonnen hat, Fragen nach dem gesamten Universum zu stellen.

Das allein ist bereits bemerkenswert.

Vielleicht ist Intelligenz selten.

Vielleicht ist sie häufig.

Vielleicht existieren in diesem Augenblick unzählige andere Kulturen, die dieselbe Frage stellen wie wir.

Vielleicht sind wir allein.

Keine dieser Möglichkeiten lässt sich heute mit Sicherheit ausschließen.

Gerade das unterscheidet die moderne Astrobiologie von vielen anderen Wissenschaften. Sie bewegt sich an einer Grenze des Wissens, an der sorgfältige Spekulation notwendig ist, weil die Daten noch fehlen. Gute Wissenschaft besteht hier nicht darin, jede Lücke mit Gewissheiten zu füllen. Sie besteht darin, Unsicherheit präzise zu beschreiben.

Diese Haltung ist schwieriger, als sie zunächst erscheint.

Der Mensch liebt eindeutige Antworten. Er sucht nach Erklärungen, die das Rätselhafte beseitigen. Das Fermi-Paradoxon verweigert ihm genau diesen Trost. Jede scheinbar überzeugende Lösung wirft neue Fragen auf. Die Seltenheit des Lebens erklärt nicht seine Entstehung. Der Große Filter beantwortet nicht, wo er liegt. Die Zoo-Hypothese erklärt nicht, warum sich alle an dieselben Regeln halten sollten. Die Dunkler-Wald-Hypothese beantwortet nicht, warum Kooperation unmöglich sein müsste. Die Aestivation-Hypothese erklärt nicht, weshalb alle Zivilisationen dieselben langfristigen Ziele verfolgen sollten. Und selbst die Vorstellung, wir seien außergewöhnlich früh entstanden, verschiebt das Rätsel eher, als dass sie es vollständig löst.

Das ist kein Mangel. Es ist der normale Zustand guter Wissenschaft.

Jede beantwortete Frage macht den Horizont des Unbekannten größer.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die uns die Beschäftigung mit dem Fermi-Paradoxon schenken kann. Wissenschaft ist kein Gebäude, das irgendwann vollendet sein wird. Sie gleicht vielmehr einer Expedition. Mit jeder Anhöhe, die wir erklimmen, entdecken wir weitere Landschaften, die noch unerforscht vor uns liegen.

Gerade deshalb hat sich unser Bild des Universums in den vergangenen Jahrzehnten so tiefgreifend verändert. Als Enrico Fermi seine berühmte Frage stellte, war nicht bekannt, ob andere Sterne überhaupt Planeten besitzen. Heute kennen wir Tausende Exoplaneten. Wir beobachten Atmosphären ferner Welten. Wir entdecken organische Moleküle im interstellaren Raum. Wir können die chemische Zusammensetzung von Planeten bestimmen, die Dutzende Lichtjahre entfernt sind. Und dennoch wissen wir bis heute nicht, ob auch nur eine einzige dieser Welten Leben hervorgebracht hat.

Diese Gleichzeitigkeit von gewaltigem Erkenntnisgewinn und beharrlicher Ungewissheit macht den besonderen Reiz der modernen Astrobiologie aus. Vielleicht wird schon die nächste Generation von Teleskopen Biosignaturen auf einem fernen Planeten entdecken. Vielleicht finden wir eindeutige Hinweise auf Technosignaturen. Vielleicht wird sich herausstellen, dass die Milchstraße voller einfacher Biosphären ist, komplexes Leben aber außerordentlich selten bleibt. Vielleicht entdecken wir überhaupt nichts.

Auch das wäre eine Erkenntnis.

Denn jede ausbleibende Beobachtung verändert die Wahrscheinlichkeiten, mit denen wir über das Universum nachdenken. Manchmal wird gefragt, ob die Suche nach außerirdischem Leben überhaupt sinnvoll sei. Ist sie nicht zu spekulativ? Zu teuer? Zu unsicher?

Diese Einwände verdienen eine ernsthafte Antwort.

Die Suche nach Leben im Universum ist weit mehr als die Hoffnung auf eine spektakuläre Entdeckung. Sie zwingt uns, die Bedingungen des Lebens auf der Erde besser zu verstehen. Sie verbindet Astronomie mit Biologie, Chemie mit Geologie, Physik mit Informatik. Sie hat neue Teleskope hervorgebracht, neue Messverfahren, neue Modelle der Planetenentstehung und neue Fragen nach den Grenzen künstlicher Intelligenz.

Selbst wenn wir niemals eine außerirdische Zivilisation finden sollten, wäre diese Forschung kein Fehlschlag. Sie hat unser Verständnis der Natur bereits heute tiefgreifend verändert. Und vielleicht besitzt sie noch eine zweite, weniger offensichtliche Bedeutung.

Wer das Universum betrachtet, begegnet zwangsläufig einer ungeheuren zeitlichen Perspektive. Unsere Zivilisation existiert erst seit wenigen Jahrtausenden. Die moderne Naturwissenschaft zählt kaum fünfhundert Jahre. Die Raumfahrt ist gerade einmal einige Jahrzehnte alt. Kosmisch gesehen befinden wir uns am Anfang einer Geschichte, deren weiterer Verlauf völlig offen ist.

Das Fermi-Paradoxon stellt deshalb nicht nur die Frage nach den Anderen.

Es stellt auch die Frage nach uns.

Werden wir lange genug bestehen, um selbst zu einer jener alten Zivilisationen zu werden, über die wir heute nur spekulieren?

Werden wir lernen, unsere technischen Möglichkeiten mit politischer Vernunft und ethischer Verantwortung zu verbinden?

Werden wir die Herausforderungen meistern, die wir uns selbst geschaffen haben?

Vielleicht entscheidet sich die Antwort auf das Fermi-Paradoxon nicht allein in den Sternen.

Vielleicht entscheidet sie sich auch hier.

Auf diesem kleinen Planeten, auf dem eine junge Spezies begonnen hat, ihre eigene Geschichte zu verstehen.

Carl Sagan schrieb einmal, die Erde sei ein „blassblauer Punkt“ im kosmischen Ozean. Dieses Bild hat nichts von seiner Kraft verloren. Im Gegenteil. Je größer unser Wissen über das Universum wird, desto deutlicher erkennen wir, wie kostbar dieser unscheinbare Ort ist. Bis heute kennen wir keinen zweiten Planeten, auf dem Leben zweifelsfrei existiert. Bis heute wissen wir von keiner zweiten technischen Zivilisation.

Vielleicht sind wir gewöhnlich. Vielleicht sind wir außergewöhnlich. In beiden Fällen folgt daraus dieselbe Verpflichtung. Sorgfältig mit dem einzigen Leben umzugehen, das wir mit Sicherheit kennen. Und zugleich neugierig genug zu bleiben, um weiter nach dem Leben zu suchen, das wir noch nicht kennen. Denn genau darin liegt der eigentliche Geist der Wissenschaft. Nicht im Besitz letzter Antworten. Sondern in der Bereitschaft, immer wieder neue Fragen zu stellen.

Vielleicht werden künftige Generationen eines Tages auf dieses Buch zurückblicken und über manche seiner Überlegungen schmunzeln. Vielleicht werden sie längst wissen, dass die Milchstraße voller Biosphären ist. Vielleicht werden sie den ersten Gruß einer fremden Zivilisation empfangen haben. Vielleicht werden sie aber auch erkannt haben, dass intelligentes Leben tatsächlich außerordentlich selten ist.

Ich würde mich über jede dieser Möglichkeiten freuen. Denn sie alle hätten eines gemeinsam: Sie wären das Ergebnis derselben menschlichen Neugier, die Enrico Fermi einst dazu brachte, beim Mittagessen eine scheinbar beiläufige Frage zu stellen.

„Wo sind sie alle?“

Solange wir diese Frage stellen, solange wir bereit sind, sie mit Vernunft, Geduld und wissenschaftlicher Redlichkeit zu verfolgen, ist das Schweigen der Sterne keine Niederlage.

Es ist eine Einladung.

Eine Einladung, weiterzufragen.

Weiterzusuchen.

Und niemals aufzuhören, über unseren Platz im Universum zu staunen.

2 Gedanken zu “Das Fermi-Paradoxon – Abschluss

  1. vielen Dank für die großartige Übersicht! Es war eine wahre Freude, dies zu lesen.

    ein Aspekt fehlt mir etwas: die technische Unmöglichkeit, andere Sternen (geschweige denn ganze Sternenkolonien) zu erreichen. Nur weil es physikalisch nicht ausgeschlossen ist, dass Reisen mit 10% der Lichtgeschwindigkeit möglich ist, ist dies technisch nicht zwingend machbar. Und das All ist ja nicht „leer“. Ein Atom, Staubkorn, Stein dürfte bei diesen Geschwindigkeiten fatal sein, größere Hindernisse erst Recht. Und ausweichen ist auch schwierig bei solchen Geschwindigkeiten.

    Um Menschen Jahre (Jahrzehnte) im Weltall reisen zu lassen, benötigt es support Systeme, die alles aktuell mögliche weit überschreiten. Und auch reine Maschinen müssen für so lange reisen gerüstet sein (vor allem, wenn sie mehr sollen, also nur mit einer CD durchs All fliegen)

    es klingt natürlich etwas Wissenschaftspessimistisch, aber es gibt keine Garantie, dass Entwicklung immer schneller höher weiter geht (auch wenn dies im 3 body Problem von den Bewohnern unseres Nachbarsterns von uns erwartet wird). Und selbst wenn, so kann es technisch physikalische Grenzen geben, die reisen im interstellaren Raum vielleicht ermöglichen, aber eine ernsthafte Besiedlung eben nicht.

    die Annahme, dass Zivilisationen Sternensysteme verlassen können, bleibt genau das: eine Annahme. Beweise bisher: 0.

    und somit bleiben auch die technologischen Signale anderer Sternenbewohner viel kleiner, viel seltener und viel schwieriger zu finden.

    dies passt etwas in die Great Filter Theorie, weil der Filter der Schritt :“verlasse dein System, gehe nicht über Los, erreiche ein anderes System“ ist. Trotzdem hätte ich hierzu noch etwas mehr erhofft zu lesen (oder habe es überlesen, was bei mir immer passieren kann).

    Like

  2. Lieber Michael,

    vielen herzlichen Dank für deine schöne Serie zum Fermi-Paradoxon. Ich habe beim Lesen sehr viel gelernt!

    Wie an anderer Stelle (von Hans-Ludwig Reischmann und Nesro) bereits angemerkt gibt es sehr gute Gründe für die Annahme, interstellare Reisen seien grundsätzlich unmöglich.

    Ein Teil des Fermi-Paradoxons würde sich dadurch „auflösen“, wobei der Einwand natürlich bezüglich UFO noch gewichtiger ist. Denn selbst wenn interstellare Reisen unmöglich sind, bleiben noch die Fragen, warum SETI bisher keine Signale außerirdischer Zivilisationen empfangen hat bzw. noch keine Spuren außerirdischen Lebens (z.B. Technosignaturen) gefunden wurden.

    Da wir aber bisher (August 2026) „nur“ gut 6000 Exoplaneten kennen und davon nur ein Bruchteil erdähnlich ist und ein anderer Bruchteil gut untersuchbar ist, reicht die Annahme, Leben bzw. technische Zivilisationen seien „relativ selten“, um zu erklären, warum dort noch keine Technosignaturen gefunden wurden.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..