Die Juden waren es – Antisemitische Verschwörungstheorien über den 11. September 2001

Ein historisches Ereignis im Schatten des Mythos

Kaum ein Ereignis der jüngeren Geschichte hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt wie die Terroranschläge vom 11. September 2001. Die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers, des zweiten Flugzeugs, das vor laufenden Kameras in den Südturm raste, und der schließlich einstürzenden Wolkenkratzer wurden unzählige Male wiederholt. Für Millionen Menschen verdichtete sich an diesem Tag das Gefühl, Zeugen eines historischen Einschnitts zu sein. Gerade diese Mischung aus medialer Unmittelbarkeit, ungeheurer Zerstörung und zunächst unübersichtlicher Nachrichtenlage schuf jedoch ideale Voraussetzungen für Gerüchte und Verschwörungstheorien.

Ein beträchtlicher Teil dieser Erzählungen richtete sich schon kurz nach den Anschlägen gegen Juden und gegen Israel. Dabei entstanden nicht einfach neue Vorurteile. Vielmehr wurden jahrhundertealte antisemitische Vorstellungen – die angebliche Heimlichkeit, Macht und Skrupellosigkeit „der Juden“, ihre vermeintliche Kontrolle von Banken, Medien und Regierungen – auf ein neues weltpolitisches Ereignis übertragen. Was sich als kritische Suche nach verborgenen Zusammenhängen ausgab, war häufig nichts anderes als die Modernisierung eines sehr alten Feindbildes.

Was am 11. September 2001 geschah

Am Morgen des 11. September bestiegen 19 Mitglieder des islamistischen Terrornetzwerks al-Qaida vier Linienflugzeuge an der amerikanischen Ostküste. Die Entführer hatten das amerikanische Sicherheitssystem sorgfältig studiert. Sie nutzten Sicherheitsvorschriften aus, die noch von der traditionellen Vorstellung ausgingen, Flugzeugentführer wollten Geiseln nehmen und Forderungen durchsetzen. Mit einem Selbstmordkommando, das die Maschinen selbst als Waffen einsetzen würde, hatten Fluggesellschaften, Besatzungen und Behörden nicht gerechnet.

American-Airlines-Flug 11 startete in Boston mit dem Ziel Los Angeles. Die Entführer brachten die Boeing 767 in ihre Gewalt und steuerten sie um 8.46 Uhr in den Nordturm des World Trade Centers. Zunächst war unklar, ob es sich um einen Unfall handelte. Um 9.03 Uhr raste United-Airlines-Flug 175 in den Südturm. Spätestens in diesem Moment stand fest, dass die Vereinigten Staaten angegriffen wurden.

Wenig später wurde American-Airlines-Flug 77 entführt. Die Boeing 757 schlug um 9.37 Uhr in das Pentagon bei Washington ein. Eine vierte Maschine, United-Airlines-Flug 93, war vermutlich für das Kapitol oder das Weiße Haus bestimmt. Nachdem Passagiere über Telefongespräche von den Anschlägen in New York erfahren hatten, versuchten sie, das Cockpit zurückzuerobern. Um 10.03 Uhr stürzte das Flugzeug bei Shanksville in Pennsylvania ab.

In New York kollabierte der Südturm um 9.59 Uhr, 56 Minuten nach dem Einschlag des Flugzeugs. Der Nordturm stürzte um 10.28 Uhr ein, nachdem er 102 Minuten gebrannt hatte. Am späten Nachmittag brach auch das zum Gebäudekomplex gehörende World Trade Center 7 zusammen. Insgesamt wurden 2.977 Menschen aus mehr als 90 Staaten getötet: 2.753 in New York, 184 am Pentagon und 40 an Bord von Flug 93. Die 19 Attentäter sind in diesen Zahlen nicht enthalten. (911memorial.org)

Die Planung des Anschlags reichte Jahre zurück. Als geistiger Urheber der sogenannten Flugzeugoperation gilt Khalid Scheich Mohammed. Osama bin Laden und die Führung von al-Qaida billigten das Vorhaben spätestens 1998 oder 1999 und stellten Personal und finanzielle Mittel bereit. Mohamed Atta übernahm eine zentrale Rolle bei der operativen Durchführung. Die Rekonstruktion stützt sich nicht auf ein einzelnes Geständnis oder einen einzelnen Geheimdienstbericht, sondern auf eine außerordentlich umfangreiche Gesamtheit von Einreiseunterlagen, Reisebewegungen, Geldtransfers, Flugschulbesuchen, Telefondaten, beschlagnahmten Dokumenten, Zeugenaussagen und Erkenntnissen über die Strukturen al-Qaidas. Die Bundespolizei FBI identifizierte die 19 Entführer; die überparteiliche 9/11-Kommission rekonstruierte später ausführlich die Entstehung und Umsetzung des Anschlagsplans. (fbi.gov)

Diese Rekonstruktion offenbarte erhebliche Fehler amerikanischer Behörden. CIA, FBI, Einwanderungsbehörden und Flugsicherung verfügten über einzelne Warnungen und Teilinformationen, konnten sie aber nicht zu einem Gesamtbild verbinden. Hinweise auf al-Qaida, verdächtige Reisebewegungen und die Ausbildung islamistischer Extremisten an amerikanischen Flugschulen wurden nicht angemessen zusammengeführt. Diese Versäumnisse sind gut dokumentiert. Sie belegen institutionelles Scheitern, Rivalitäten und Fehleinschätzungen, aber keine zentral gelenkte Verschwörung. Gerade dieser Unterschied sollte für jede seriöse Auseinandersetzung mit dem 11. September grundlegend sein: Behörden können irren, Warnungen übersehen und anschließend versuchen, eigenes Versagen zu beschönigen, ohne deshalb selbst einen Terroranschlag organisiert zu haben.

Vom Informationschaos zur Verschwörungserzählung

Katastrophen erzeugen ein starkes Bedürfnis nach Erklärungen. Je größer das Ereignis, desto größer muss nach intuitivem Empfinden auch seine Ursache sein. Diese als Proportionalitätsneigung bekannte Denkweise erschwert die Vorstellung, dass 19 entschlossene Terroristen unter Ausnutzung bürokratischer Schwächen die mächtigste Nation der Welt verwunden konnten. Die Erklärung erscheint vielen Menschen zu klein für die Wirkung. Ein geheimes Bündnis aus Regierungen, Nachrichtendiensten und Finanzmächten wirkt demgegenüber psychologisch „angemessener“, obwohl es erheblich mehr unbelegte Voraussetzungen verlangt.

Hinzu kam 2001 das noch junge, aber bereits massenhaft genutzte Internet. E-Mails, Diskussionsforen und private Webseiten verbreiteten Behauptungen, bevor Zeitungen oder Behörden sie überprüfen konnten. Aus Vermutungen wurden durch ständige Wiederholung scheinbar bestätigte Tatsachen. Verschiedene Gerüchte verschmolzen zu einem Gesamtbild, in dem jedes Dementi als weiterer Beweis der Vertuschung galt.

Antisemitische Verschwörungstheorien besitzen für solche Situationen eine seit Jahrhunderten eingeübte Erzählstruktur. Sie stellen Juden nicht einfach als eine Interessengruppe unter vielen dar, sondern als unsichtbares Kollektiv, das zugleich Banken, Presse, Politik und Geheimdienste beherrsche. Widersprüchliche Behauptungen können in diesem Weltbild problemlos nebeneinanderstehen. „Die Juden“ sollen Kapitalismus und Kommunismus, amerikanischen Imperialismus und islamistischen Terror, Globalisierung und nationale Konflikte gleichzeitig steuern. Die vermeintliche Allmacht erklärt jedes Ereignis und macht gerade deshalb nichts wirklich erklärbar.

Die Legende von den 4.000 gewarnten Juden

Die wahrscheinlich erfolgreichste antisemitische 9/11-Legende behauptete, 4.000 Juden oder Israelis seien vor den Anschlägen gewarnt worden und deshalb nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen. Schon wenige Tage nach dem 11. September wurde diese Geschichte über den Fernsehsender Al-Manar, der der libanesischen Hisbollah nahesteht, und anschließend über zahlreiche Internetseiten verbreitet.

Der Ursprung des Gerüchts lässt sich weitgehend rekonstruieren. Israelische Behörden hatten unmittelbar nach den Anschlägen mitgeteilt, dass sie die Namen von rund 4.000 Israelis erhalten hätten, deren Angehörige sie vermissten und die sich möglicherweise in den betroffenen Gebieten von New York und Washington aufgehalten hatten. Aus Menschen, nach denen besorgte Familien suchten, wurden in der verschwörungstheoretischen Umdeutung zunächst angeblich vermisste Beschäftigte des World Trade Centers. Daraus machte man schließlich 4.000 vorab gewarnte Israelis und danach 4.000 gewarnte Juden.

Die Behauptung scheitert bereits an elementaren Tatsachen. Im World Trade Center arbeiteten keine 4.000 israelischen Staatsbürger. Unter den Todesopfern befanden sich jüdische Amerikaner ebenso wie Angehörige vieler anderer Religionen und Nationalitäten. Auch mehrere israelische Staatsangehörige kamen bei den Anschlägen ums Leben. Genaue Opferzahlen nach Religionszugehörigkeit sind schwer zu bestimmen, weil die offiziellen Listen die Religion nicht systematisch erfassten. Gerade daraus konstruierten Verschwörungsideologen neue Verdachtsmomente. Doch dokumentierte Todesanzeigen, Nachrufe, Gemeindemitteilungen und die biografischen Angaben der Opfer widerlegen eindeutig die Behauptung, Juden seien dem Anschlag kollektiv ferngeblieben. Das US-Außenministerium bezeichnete die Geschichte ausdrücklich als falsche antisemitische Anschuldigung. (2001-2009.state.gov)

Bemerkenswert ist die sprachliche Verschiebung von „Israelis“ zu „Juden“. Israelis sind Staatsbürger eines Landes, Juden Angehörige einer Religion beziehungsweise einer kulturellen und historischen Gemeinschaft. Die Begriffe sind keineswegs austauschbar. Ihre Gleichsetzung erfüllte jedoch eine bestimmte Funktion: Aus einer zunächst politisch klingenden Beschuldigung gegen Israel wurde eine globale Anklage gegen alle Juden. Der angebliche Beweis bestand nicht länger in einer konkreten Handlung einzelner Personen, sondern in ihrer bloßen jüdischen Identität.

Mossad, „Dancing Israelis“ und die Konstruktion eines Geheimdienstkomplotts

Eine zweite langlebige Erzählung rankt sich um fünf israelische Staatsangehörige, die am 11. September in New Jersey festgenommen wurden. Eine Zeugin hatte Männer beobachtet, die die brennenden Türme fotografierten und deren Verhalten ihr unangemessen oder erfreut erschien. Die Männer arbeiteten für ein Umzugsunternehmen. Weil die Lage völlig unübersichtlich war, ihre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen Fragen aufwarfen und ein möglicher nachrichtendienstlicher Hintergrund geprüft werden musste, wurden sie verhört und mehrere Wochen festgehalten. Schließlich wurden sie wegen Verstößen gegen das Einwanderungsrecht abgeschoben.

Aus diesem realen Vorfall entstand die Legende von den „Dancing Israelis“. Ihre Versionen reichen von der Behauptung, die Männer hätten vor dem ersten Einschlag bereits Kameras aufgebaut, bis zur Vorstellung, sie seien Mossad-Agenten gewesen, die den Anschlag koordiniert oder eine kontrollierte Sprengung dokumentiert hätten. Fotos, auf denen Männer vor dem Rauch der Türme zu sehen waren, wurden als Beweis ihres Vorwissens behandelt. Tatsächlich folgt aus einem nach dem ersten Einschlag aufgenommenen Foto selbstverständlich nicht, dass dessen Urheber vorher von den Anschlägen wusste. Auch verstörendes oder taktloses Verhalten wäre kein Beleg für die Beteiligung an einem Massenmord.

Die Männer wurden intensiv vom FBI verhört. Die Ermittler fanden keinen Beweis dafür, dass sie Vorwissen über die Anschläge besaßen oder daran beteiligt waren. Selbst der Verdacht, einzelne Personen könnten nachrichtendienstliche Kontakte gehabt haben, würde diesen entscheidenden Punkt nicht verändern. Nachrichtendienste beobachten im Ausland zahlreiche politische und extremistische Milieus. Aus einer möglichen Geheimdienstverbindung folgt weder die Kenntnis eines konkreten Anschlagsplans noch dessen Mitwirkung. Verschwörungserzählungen verwischen diesen Unterschied systematisch: Ein verdächtiger Nebenumstand wird zunächst zur Gewissheit erklärt; anschließend dient diese selbst geschaffene Gewissheit als Beweis für eine weitaus größere Behauptung.

Die Geschichte zeigt zugleich die Immunisierungsstrategie des antisemitischen Verschwörungsdenkens. Führt eine Untersuchung zu keinem Belastungsbeweis, gilt dies nicht als Entlastung, sondern als Beleg dafür, dass „jüdischer Einfluss“ die Ermittlungen unterdrückt habe. Damit ist die Behauptung prinzipiell unwiderlegbar: Belastende Funde bestätigen sie, fehlende Funde angeblich ebenfalls.

Die Odigo-Nachricht und das Gerücht vom Vorwissen

In einem verwandten Narrativ wird behauptet, Mitarbeiter des israelischen Nachrichtendienstes Odigo hätten zwei Stunden vor den Anschlägen eine konkrete Warnung erhalten. Gemeint war dabei nicht ein Geheimdienst im staatlichen Sinne, sondern das israelisch-amerikanische Instant-Messaging-Unternehmen Odigo.

Tatsächlich erhielten zwei Beschäftigte im israelischen Büro der Firma am 11. September eine anonyme Nachricht. Nach den damaligen Angaben des Unternehmens enthielt sie eine unbestimmte Drohung, jedoch weder den Namen des World Trade Centers noch einen konkreten Ort. Die Empfänger verstanden sie nicht als brauchbare Anschlagswarnung. Erst nach den Ereignissen stellten sie möglicherweise einen Zusammenhang her, woraufhin Odigo die zuständigen Behörden informierte und die technischen Daten zur Rückverfolgung übergab.

Aus einer vagen, anonymen Nachricht wurde im Internet eine präzise Mossad-Warnung an Israelis in New York. Dabei vermengte man sie häufig mit der Legende von den 4.000 ferngebliebenen Juden. Die Behauptungen stützen einander jedoch nicht. Die Nachricht ging in Israel an zwei Personen, nicht an Tausende jüdische Beschäftigte des World Trade Centers. Sie enthielt nach den verfügbaren Angaben keine konkrete Information, mit der die Anschläge hätten verhindert oder der Ort hätte rechtzeitig bestimmt werden können. Dass Drohungen erst nach einer Katastrophe bedeutsam erscheinen, ist zudem ein typisches Problem rückblickender Wahrnehmung: Aus einer Masse alltäglicher anonymer Drohungen wird nachträglich jene herausgesucht, die sich mit Kenntnis des späteren Ereignisses entsprechend deuten lässt. (go.adl.org)

„Israel hat die Vereinigten Staaten in den Krieg gelockt“

Eine politisch ausgefeiltere Variante behauptet, Israel oder eine Gruppe „zionistischer“ Entscheidungsträger in Washington habe die Anschläge geplant oder zumindest bewusst zugelassen, um die Vereinigten Staaten zu Kriegen im Nahen Osten zu bewegen. Als vermeintliche Drahtzieher erscheinen dabei häufig jüdische Mitglieder oder Berater der amerikanischen Regierung. Der Begriff „Neokonservative“ wird in solchen Darstellungen zunehmend nicht mehr als Bezeichnung einer politischen Strömung verwendet, sondern als chiffrierte Umschreibung einer jüdischen Verschwörung.

Daran ist richtig, dass die Regierung George W. Bush die Anschläge später zur Legitimation weitreichender militärischer Entscheidungen nutzte. Der Irakkrieg von 2003 beruhte auf falschen Behauptungen über irakische Massenvernichtungswaffen, und eine operative Beteiligung Saddam Husseins an 9/11 wurde nicht nachgewiesen. Politische Instrumentalisierung nach einem Ereignis ist jedoch kein Beleg für dessen vorherige Inszenierung. Wer von einem Verbrechen profitiert, muss es nicht begangen haben. Andernfalls ließe sich nahezu jedes historische Ereignis beliebigen späteren Nutznießern zuschreiben.

Die 9/11-Kommission fand keine Hinweise darauf, dass Israel oder amerikanisch-jüdische Politiker die Anschläge planten. Die dokumentierte Entstehungsgeschichte führt vielmehr in das Umfeld al-Qaidas. Khalid Scheich Mohammed entwickelte das Flugzeugkonzept; bin Laden genehmigte und unterstützte es; al-Qaida rekrutierte die Attentäter, finanzierte ihre Reisen und organisierte ihre Ausbildung. Dass die Anschläge anschließend die amerikanische Nahostpolitik veränderten, ersetzt diese Beweiskette nicht.

Der antisemitische Charakter solcher Erzählungen zeigt sich besonders dort, wo tatsächliche politische Entscheidungen nicht mehr einzelnen Amtsträgern und Institutionen zugerechnet werden. Stattdessen erscheinen jüdische Personen als Vertreter eines angeblich einheitlichen, überstaatlichen Kollektivs. Ihre amerikanische Staatsbürgerschaft und ihre individuellen politischen Überzeugungen gelten als Täuschung; ihre vermeintlich „wahre“ Loyalität gehöre Israel oder dem „Weltjudentum“. Dieses Motiv der doppelten Loyalität zählt zu den klassischen Bestandteilen des modernen Antisemitismus.

Die „kontrollierte Sprengung“ als Brücke zum antisemitischen Weltbild

Nicht jede Verschwörungstheorie über 9/11 ist von Anfang an antisemitisch. Behauptungen über kontrollierte Sprengungen, einen angeblichen Raketenangriff auf das Pentagon oder ein inszeniertes „Inside Job“-Szenario können zunächst ohne Bezug auf Juden oder Israel auftreten. Sie bilden jedoch häufig eine argumentative Brücke. Sobald behauptet wird, die offizielle Rekonstruktion sei vollständig gefälscht, stellt sich die Frage nach dem angeblichen Täter hinter dieser Fälschung. An dieser Stelle greifen viele Erzählungen auf das antisemitische Repertoire zurück: Mossad, Rothschilds, „zionistische Medien“ oder eine jüdisch gelenkte amerikanische Regierung.

Die Einstürze der Zwillingstürme werden besonders häufig als Beweis einer Sprengung präsentiert. Dabei beruft man sich auf die populäre Vorstellung, Flugzeugtreibstoff könne Stahl nicht schmelzen. Diese Aussage führt in die Irre, weil Stahl überhaupt nicht schmelzen musste. Baustahl verliert bei starker Erwärmung einen erheblichen Teil seiner Tragfähigkeit. Die Flugzeuge beschädigten tragende Bauteile, durchtrennten Versorgungswege und schlugen Teile der Brandschutzverkleidung von den Stahlkonstruktionen. Die anschließend über mehrere Stockwerke ausgebreiteten Brände erhitzten die ungeschützten Träger und Stützen, bis sich Bauteile verformten und die geschwächte Konstruktion die darüberliegenden Gebäudemassen nicht länger tragen konnte. NIST kam nach der Auswertung von Stahlteilen, Bauunterlagen, Brandversuchen, Fotografien, Filmaufnahmen und Computersimulationen zu dem Ergebnis, dass Flugzeugeinschläge und Brände die Einstürze auslösten. Hinweise auf Sprengstoffe wurden nicht gefunden. (NIST)

Auch der Einsturz von World Trade Center 7 wird als angeblich unwiderlegbarer Sprengungsbeweis vorgeführt. Das Gebäude wurde nicht von einem Flugzeug getroffen, erlitt aber durch den Zusammenbruch des Nordturms erhebliche Schäden. Brände konnten sich über Stunden unkontrolliert ausbreiten, weil die Löschwasserversorgung ausgefallen war. Nach der Rekonstruktion von NIST führte die wärmebedingte Ausdehnung von Bauteilen zum Versagen einer entscheidenden Stütze. Daraus entwickelte sich ein fortschreitender innerer Kollaps, der schließlich die Außenhülle mitriss. Das Gebäude stürzte um 17.20 Uhr ein, nachdem es fast sieben Stunden gebrannt hatte. Es war zuvor evakuiert worden; bei seinem Einsturz starb niemand. (NIST WTC 7 Investigation)

Die physikalischen Untersuchungen können selbstverständlich hinsichtlich einzelner Modellannahmen wissenschaftlich diskutiert werden. Eine solche Diskussion unterscheidet sich jedoch fundamental von der Behauptung, das Fehlen eines lückenlosen Videos aus jedem Winkel beweise eine geheime Sprengung. Wissenschaft rekonstruiert den wahrscheinlichsten Ablauf aus überprüfbaren Spuren. Verschwörungsdenken sucht dagegen bevorzugt nach verbleibenden Unsicherheiten und behandelt jede Wissenslücke als Beweis für die gewünschte Gegenerzählung.

Die angeblich jüdisch kontrollierten Medien

Eine weitere Erzählung besagt, die „jüdischen Medien“ hätten die Wahrheit über 9/11 unterdrückt. Auch hierbei handelt es sich nicht um eine aus den Anschlägen entstandene Idee, sondern um die Wiederkehr eines klassischen antisemitischen Motivs. Bereits die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ verbreiteten die Vorstellung, Juden kontrollierten die Presse und könnten dadurch Kriege, Revolutionen und Wirtschaftskrisen herbeiführen.

Die Behauptung ist weder empirisch noch logisch tragfähig. Medienunternehmen besitzen unterschiedliche Eigentümer, politische Ausrichtungen und wirtschaftliche Interessen. Journalisten konkurrieren um Enthüllungen. Ein nachweisbarer israelischer Anschlagsplan wäre eine der größten Nachrichten der modernen Geschichte und nicht etwas, dessen Veröffentlichung sich durch eine ethnisch definierte Befehlszentrale verhindern ließe. Darüber hinaus wurden die Fehler von Geheimdiensten, Regierung und Militär in amerikanischen und internationalen Medien ausführlich untersucht. Auch der Irakkrieg, Folterprogramme, geheime Gefängnisse und rechtswidrige Überwachungsmaßnahmen wurden gerade durch Journalisten öffentlich gemacht.

Das Verschwörungsdenken verwechselt fehlende Bestätigung mit Unterdrückung. Weil seriöse Redaktionen unbewiesene Anschuldigungen nicht als Tatsachen übernehmen, gelten sie den Gläubigen als Teil der Verschwörung. Damit entsteht ein geschlossenes System: Wer zustimmt, hat die Wahrheit erkannt; wer widerspricht, ist gekauft, manipuliert oder selbst beteiligt.

Warum diese Erzählungen antisemitisch sind

Nicht jede Kritik an der israelischen Regierung und nicht jede Untersuchung geheimdienstlicher Tätigkeit ist antisemitisch. Staaten verfolgen Interessen, Nachrichtendienste führen verdeckte Operationen durch, und auch Israel muss wie jedes andere Land kritisierbar sein. Antisemitisch wird eine Erklärung dort, wo Juden kollektiv verantwortlich gemacht, alte Stereotype jüdischer Allmacht aktiviert oder einzelne jüdische Personen allein aufgrund ihrer Herkunft als Teil einer verborgenen Gemeinschaft behandelt werden. Ebenso antisemitisch ist es, Israel ohne Belege ein Verbrechen zuzuschreiben, weil es vermeintlich dem Wesen „der Juden“ entspreche.

Die 9/11-Mythen erfüllen diese Kriterien in geradezu exemplarischer Weise. Juden sollen rechtzeitig gewarnt worden sein, weil sie über ein geheimes weltweites Kommunikationsnetz verfügten. Der Mossad soll einen Anschlag organisiert haben, dessen Spuren anschließend durch jüdisch kontrollierte Behörden beseitigt worden seien. Medien sollen schweigen, weil sie Juden gehörten. Banken und Politiker sollen mitwirken, weil sie von jüdischem Kapital abhängig seien. Jeder Bestandteil der Erzählung greift auf bereits vorhandene antisemitische Bilder zurück.

Dabei funktioniert der Antisemitismus als eine Art Welterklärung. Er reduziert komplizierte politische, religiöse und gesellschaftliche Prozesse auf das absichtsvolle Handeln einer einzigen Gruppe. Institutionelles Versagen, islamistischer Fanatismus, amerikanische Außenpolitik, Konflikte im Nahen Osten und die Eigendynamik moderner Medien müssen nicht mehr getrennt untersucht werden. Alles erscheint als Teil eines Plans. Die Wirklichkeit wird scheinbar übersichtlich – allerdings um den Preis, dass eine Minderheit zum übermenschlich mächtigen und zugleich moralisch entmenschlichten Feind erklärt wird.

Widerlegung und Aufklärung

Das Debunking antisemitischer 9/11-Mythen kann sich nicht darin erschöpfen, einzelne falsche Zahlen zu korrigieren. Zwar ist es notwendig festzustellen, dass keine 4.000 Juden gewarnt wurden, dass jüdische und israelische Menschen unter den Opfern waren, dass die Odigo-Nachricht keine konkrete Anschlagswarnung enthielt und dass gegen die fünf festgenommenen Israelis kein Vorwissen über die Anschläge nachgewiesen wurde. Ebenso wichtig ist aber die Erklärung, wie aus realen Fragmenten eine Verschwörungserzählung zusammengesetzt wird.

Fast jede langlebige Verschwörungstheorie besitzt einen kleinen Tatsachenkern. Es gab fünf festgenommene Israelis. Es gab eine anonyme Nachricht an Odigo-Mitarbeiter. Es gab Warnungen vor al-Qaida, die von amerikanischen Behörden nicht richtig eingeordnet wurden. Es gab Geheimdienstversagen und spätere politische Täuschungen im Zusammenhang mit dem Irakkrieg. Keine dieser Tatsachen belegt jedoch die daraus abgeleiteten Behauptungen. Die Methode besteht darin, überprüfbare Details aus ihrem Zusammenhang zu lösen, die Lücken mit Verdächtigungen zu füllen und anschließend die Verdächtigungen als Fakten weiterzuverwenden.

Hinzu kommt eine Verschiebung der Beweislast. Nicht derjenige, der den Mossad eines gigantischen Massenmordes beschuldigt, soll seine Behauptung belegen. Stattdessen sollen andere beweisen, dass eine allmächtige Geheimorganisation nichts verborgen habe. Ein solcher Negativbeweis ist logisch unmöglich. Vernünftige Urteilsbildung verlangt deshalb, dass außergewöhnlich schwere Anschuldigungen durch entsprechend starke, überprüfbare Beweise gestützt werden. Gerüchte, mehrdeutige Fotografien und Verweise auf angeblich verschwundene Dokumente genügen diesem Maßstab nicht.

Die Untersuchungen zu 9/11 waren nicht fehlerlos und beanspruchten keine Allwissenheit. Der Bericht der 9/11-Kommission und die technischen Studien von NIST enthalten Unsicherheiten, Wahrscheinlichkeitsurteile und offene Detailfragen. Gerade dies spricht jedoch gegen die Vorstellung einer perfekt koordinierten Propaganda. Wissenschaftliche und historische Untersuchungen kennzeichnen die Grenzen ihres Wissens. Verschwörungstheorien hingegen präsentieren Spekulationen als Gewissheit und deuten jede Korrektur als Angriff.

Das Fortleben eines alten Hasses

Die antisemitischen Erzählungen über 9/11 verschwanden nicht, nachdem ihre zentralen Behauptungen widerlegt worden waren. Sie wanderten von frühen Internetforen in soziale Netzwerke, Videoplattformen und verschlüsselte Messenger. Dort wurden sie mit anderen Weltverschwörungsmythen verbunden. Rechtsextremisten, islamistische Propagandisten, Holocaustleugner und Teile eines verschwörungsideologischen Gegenmilieus griffen dieselben Motive auf, obwohl ihre politischen Weltbilder ansonsten weit auseinanderliegen.

Diese ideologische Anschlussfähigkeit ist kein Zufall. Antisemitismus kann äußerst verschiedene Widersprüche bündeln. Für Rechtsextremisten verkörpern Juden eine angebliche Zersetzung der Nation; für Islamisten erscheinen sie als globale Feinde des Islam; für manche radikalen Antiimperialisten stehen sie als vermeintliche Drahtzieher hinter Kapitalismus und amerikanischer Macht. Der 11. September wurde damit zu einer Projektionsfläche, auf der sehr unterschiedliche Gruppen ihr gemeinsames Feindbild wiederfanden. Berichte über die langfristige Verbreitung dieser Erzählungen zeigen, dass insbesondere die Legenden von den „4.000 Juden“, den „Dancing Israelis“ und einer jüdischen Kontrolle der Untersuchungsbehörden bis heute wiederholt werden. (adl.org)

Die Widerlegung solcher Mythen ist deshalb mehr als eine historische Detailarbeit. Sie betrifft die Frage, wie offene Gesellschaften mit Unsicherheit umgehen. Eine demokratische Öffentlichkeit muss staatliches Handeln kritisch prüfen können, ohne jede Lücke sofort mit einem allmächtigen Feind zu füllen. Sie muss Geheimdienste kontrollieren, politische Lügen aufdecken und institutionelles Versagen benennen. Doch Kritik verliert ihren aufklärerischen Charakter, wenn sie nicht mehr nach Belegen fragt, sondern Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu Verdächtigen erklärt.

Der 11. September 2001 war ein von al-Qaida geplanter und ausgeführter islamistischer Terroranschlag. Amerikanische Behörden versagten dabei, vorhandene Hinweise zusammenzuführen und die Tat zu verhindern. Spätere Regierungen instrumentalisierten die Anschläge für politische und militärische Entscheidungen, von denen einige auf Täuschungen beruhten. All dies ist historisch begründbar und muss kritisch aufgearbeitet werden. Für eine Beteiligung „der Juden“, Israels oder des Mossad an den Anschlägen existiert dagegen kein belastbarer Beweis.

Die antisemitischen 9/11-Verschwörungstheorien erklären nicht, was am 11. September geschah. Sie erzählen vielmehr, wie ein jahrhundertealtes Vorurteil ein modernes Trauma besetzte. Unter den Trümmern von Manhattan wurde kein jüdischer Weltplan sichtbar. Sichtbar wurde etwas anderes: wie rasch der Wunsch nach einer einfachen Erklärung in die Suche nach einem alten Sündenbock umschlagen kann.

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