Die Sprache der Engel

John Dee, Edward Kelley und das Rätsel der henochischen Sprache

Es gibt Sprachen, die entstehen langsam. Sie wachsen über Jahrhunderte, verändern ihre Grammatik, verschleifen ihre Laute, nehmen Wörter aus anderen Sprachen auf und verlieren alte. Und dann gibt es Sprachen, die eines Morgens angeblich von Engeln übermittelt werden.

Zu dieser zweiten, erheblich kleineren Gruppe gehört das sogenannte Henochische, im Englischen meist Enochian genannt. Es ist eine der merkwürdigsten Hinterlassenschaften der europäischen Renaissance: eine Sprache mit eigenem Alphabet, eigenem Wortschatz und zumindest Ansätzen einer Grammatik, die nach Aussage ihrer beiden Überlieferer nicht von Menschen erfunden worden sein sollte. Sie sei vielmehr die Sprache der Engel, vielleicht sogar jene Ursprache, in der Gott, Adam und die himmlischen Wesen einst miteinander kommuniziert hätten.

Ihr Ursprung führt uns in das England Elisabeths I., in die Studierstube eines der gelehrtesten Männer seiner Zeit und zu einem Mann, dessen Biographie irgendwo zwischen Alchemist, Medium, Abenteurer und Hochstapler angesiedelt ist. Die beiden Männer hießen John Dee und Edward Kelley.

Was sie in den 1580er Jahren niederschrieben, sollte Jahrhunderte später Okkultisten, Sprachwissenschaftler, Historiker und Verschwörungstheoretiker gleichermaßen beschäftigen. Dabei beginnt die Geschichte der henochischen Sprache mit einer Frage, die für einen Gelehrten der Renaissance keineswegs so abwegig war, wie sie uns heute erscheinen mag: In welcher Sprache sprechen eigentlich die Engel?

John Dee – Wissenschaftler, Magier und Universalgelehrter

Wer John Dee lediglich als „Okkultisten“ bezeichnet, wird ihm ebenso wenig gerecht wie jemand, der Isaac Newton ausschließlich als Alchemisten beschreiben würde. Dee, 1527 geboren, gehörte zu den bemerkenswertesten Gelehrten des elisabethanischen England. Er beschäftigte sich mit Mathematik, Astronomie, Astrologie, Navigation, Geographie, Optik, Kalenderfragen, Kryptographie und Alchemie. Seine berühmte Bibliothek in Mortlake umfasste Tausende Bücher und Handschriften und gehörte zu den bedeutendsten privaten Gelehrtenbibliotheken Englands.

Dee bewegte sich außerdem im Umfeld des Hofes Elisabeths I. und beriet in Fragen der Navigation und Geographie. Seine Beschäftigung mit mathematischen und geographischen Methoden stand durchaus im Zusammenhang mit den englischen Expansions- und Entdeckungsplänen des späten 16. Jahrhunderts. Doch gerade hier liegt eine Falle moderner Betrachtung. Wir neigen dazu, Wissenschaft und Magie als Gegensätze zu betrachten. Für viele Gelehrte des 16. Jahrhunderts verlief diese Grenze erheblich unschärfer.

Ein Mann konnte sich morgens mit Euklid beschäftigen, mittags astrologische Berechnungen durchführen und abends darüber nachdenken, ob sich mit bestimmten Gebeten und Kristallen Engel kontaktieren ließen, ohne darin notwendigerweise einen Widerspruch zu sehen. Die Renaissance war eben nicht nur das Zeitalter von Humanismus, Anatomie und beginnender Naturwissenschaft. Sie war ebenso die Epoche von Astrologie, Alchemie, christlicher Kabbala, Hermetik und der Suche nach verborgenem Wissen. Dee wollte dieses Wissen finden. Und irgendwann reichten ihm Bücher dafür nicht mehr.

Der Wunsch, mit Engeln zu sprechen

Seit Beginn der 1580er Jahre experimentierte Dee mit verschiedenen Formen der sogenannten Kristallomantie oder des „Scrying“. Dabei sollte ein Medium durch die Betrachtung eines Kristalls oder eines anderen spiegelnden Gegenstandes Visionen empfangen. Dee selbst besaß offenbar keine ausgeprägte Fähigkeit zu solchen Visionen. Er benötigte daher einen Mittelsmann. Diesen fand er schließlich in Edward Kelley.

Kelley, wahrscheinlich 1555 geboren, gehört zu den schillerndsten Gestalten der europäischen Alchemiegeschichte. Vieles in seiner Biographie ist unsicher. Spätere Überlieferungen machten aus ihm einen verurteilten Fälscher, dem zur Strafe die Ohren abgeschnitten worden seien; andere Geschichten schildern ihn als Alchemisten, der tatsächlich das Geheimnis der Metalltransmutation besessen habe. Sicher ist vor allem, dass Kelley über ein außerordentliches Talent verfügte, Dee zu beeindrucken.

Die Rollenverteilung bei ihren spiritistischen Sitzungen war eindeutig. Kelley blickte in den Kristall beziehungsweise den sogenannten show-stone und beschrieb, was er angeblich sah. Dee saß daneben und schrieb mit bemerkenswerter Genauigkeit auf, was Kelley berichtete. Gerade diese pedantische Dokumentation macht die Geschichte heute so faszinierend.

Denn Dee notierte nicht einfach spätere Erinnerungen. Er führte ausführliche Protokolle der sogenannten „Actions“, der Sitzungen mit den vermeintlichen Engeln. Ein großer Teil dieser Aufzeichnungen ist erhalten geblieben. Die British Library besitzt unter anderem die Manuskripte Sloane MS 3188, Sloane MS 3189 und Sloane MS 3191. Sloane 3188 enthält Dees Aufzeichnungen über Engelskonferenzen von Dezember 1581 bis Mai 1583; Sloane 3189 enthält den sogenannten Liber Logaeth beziehungsweise das „Book of Enoch“. In Sloane 3191 finden sich unter anderem die berühmten angelischen „Keys“. Wir besitzen damit etwas ausgesprochen Seltenes: gewissermaßen die Entstehungsprotokolle einer angeblich übernatürlichen Sprache.

Eine Sprache aus dem Kristall

Im Frühjahr 1583 nahm die Sache eine neue Wendung. Kelley berichtete nun nicht mehr nur von Engeln und Visionen. Es erschienen Zeichen, Buchstaben und schließlich ganze Texte in einer unbekannten Sprache. Am 26. März 1583 wurde nach Dees Aufzeichnungen das sogenannte angelische Alphabet offenbart. Die Szene ist bemerkenswert: Kelley blickte in den Stein, während Dee aufschrieb, was sein Seher wahrzunehmen behauptete. Die Sprache wurde von Dee selbst allerdings nicht „Henochisch“ genannt. Er bezeichnete sie unter anderem als Angelical, als himmlische oder heilige Sprache und stellte sie in Zusammenhang mit der adamischen Ursprache. Die heute übliche Bezeichnung „Enochian“ setzte sich erst später durch. Der Name verweist auf den biblischen Patriarchen Henoch.

Henoch ist eine jener rätselhaften Figuren des Alten Testaments, über die der biblische Text erstaunlich wenig sagt und die gerade deshalb eine gewaltige Wirkungsgeschichte entwickelten. Im Buch Genesis heißt es lediglich, Henoch sei mit Gott gewandelt; dann sei er nicht mehr gewesen, denn Gott habe ihn hinweggenommen. Aus diesen wenigen Zeilen entstand in jüdischen und später christlichen Traditionen eine umfangreiche Henoch-Literatur. Henoch wurde zum Empfänger himmlischer Geheimnisse, zum Reisenden durch die Sphären des Kosmos und zum Bewahrer verborgenen Wissens. Für Dee war Henoch daher die ideale Identifikationsfigur. Auch er wollte jenes Wissen empfangen, das gewöhnlichen Menschen verschlossen war.

Die verlorene Sprache Adams

Hinter Dees Vorstellung stand eine Idee, die in der Frühen Neuzeit keineswegs ungewöhnlich war: die Suche nach der Ursprache der Menschheit. Nach einer verbreiteten theologischen Interpretation hatte Adam im Paradies eine vollkommene Sprache besessen. Wenn Adam den Tieren ihre Namen gab, dann waren diese Namen nicht bloß willkürliche Bezeichnungen. In einer vollkommenen Sprache mussten Wort und Wesen miteinander verbunden sein.

Der Name eines Dinges offenbarte gewissermaßen dessen wahre Natur. Erst durch den Sündenfall und insbesondere durch die babylonische Sprachverwirrung sei diese ursprüngliche Einheit verloren gegangen. Die Suche nach der lingua Adamica, der adamischen Sprache, beschäftigte deshalb zahlreiche frühneuzeitliche Gelehrte. Manche glaubten, Hebräisch sei diese Ursprache gewesen. Andere suchten sie in anderen alten Sprachen oder versuchten, eine philosophische Universalsprache zu rekonstruieren.

Dees Engel boten eine spektakulärere Lösung an: Die verlorene Sprache existierte noch. Die Engel kannten sie. Und sie waren bereit, sie wieder mitzuteilen.

Nach der von Dee und Kelley entwickelten Mythologie hatte Adam diese Sprache gesprochen und damit den Dingen ihre Namen gegeben. Henoch habe ebenfalls Kenntnis von ihr besessen. Nach ihm sei dieses Wissen der Menschheit weitgehend verlorengegangen. Dee und Kelley betrachteten sich damit nicht als Erfinder einer neuen Sprache. Sie verstanden sich als Wiederentdecker einer Sprache vor Babel.

Das henochische Alphabet

Das sogenannte henochische Alphabet besteht aus 21 Zeichen. Diese besitzen Namen, die in späteren Überlieferungen beispielsweise als Pa, Veh, Ged, Gal, Graph, Or, Un, Tal und so weiter wiedergegeben wurden.

Optisch erinnern manche Zeichen entfernt an lateinische, griechische oder andere Schriftzeichen; insgesamt bilden sie jedoch ein eigenes Schriftsystem. Für den heutigen Betrachter ist wichtig, zwischen Sprache und Schrift zu unterscheiden. Henochisch kann ebenso mit lateinischen Buchstaben transkribiert werden. Das geheimnisvolle Alphabet ist also nicht die Sprache selbst, sondern lediglich ihre besondere graphische Darstellung. Interessanter ist der sprachliche Aufbau. Denn Dee und Kelley hinterließen nicht nur einzelne Fantasiewörter. Es existieren ganze Texte. Und genau hier wird die Sache kompliziert.

Der Liber Loagaeth – das geheimnisvolle Buch

Zu den rätselhaftesten Dokumenten gehört der sogenannte Liber Loagaeth, gelegentlich auch als „Book of Enoch“ bezeichnet. Das entsprechende Manuskript wird heute als Sloane MS 3189 in der British Library aufbewahrt. Es stammt aus dem Jahr 1583 und enthält unter anderem riesige Tabellen aus Buchstaben und Zahlen. Viele dieser Tafeln bestehen aus 49 mal 49 Feldern.

Schon der Aufbau erinnert weniger an ein gewöhnliches Buch als an eine Kombination aus Geheimschrift, mathematischem Schema und magischem Diagramm. Der Titel Loagaeth wurde sinngemäß als „Speech from God“, also „Rede Gottes“, interpretiert. Die Tafeln besitzen bis heute etwas geradezu hypnotisch Rätselhaftes. Tausende Buchstaben sind in komplizierten Gittern angeordnet. Ihre vollständige Funktionsweise ist nicht eindeutig geklärt.

Hier zeigt sich ein Grundproblem jeder Untersuchung des Henochischen: Wir besitzen zwar ein beträchtliches Material, aber keinen vollständigen Sprachkurs der Engel. Vieles bleibt fragmentarisch.

Die 48 Schlüssel

Sprachlich wesentlich ergiebiger sind die sogenannten 48 Angelical Keys, die „48 Engelschlüssel“ oder „Calls“. Dees Manuskript Sloane MS 3191 enthält die entsprechenden Aufzeichnungen aus dem Jahr 1584. Laut Katalog der British Library wurden sie zwischen dem 13. April und dem 13. Juli 1584 in Krakau empfangen. Diese Texte bilden den bekanntesten Teil der henochischen Überlieferung.

Es handelt sich um Beschwörungen beziehungsweise Anrufungen, die in der späteren zeremoniellen Magie eine zentrale Rolle spielen sollten. Einer der berühmtesten Anfänge lautet: Ol sonf vorsg, goho Iad balt…

In der von Dee überlieferten englischen Übersetzung wird Gott beziehungsweise der Herr angesprochen. Bemerkenswert ist die Methode, mit der Kelley einige dieser Texte angeblich empfing. Die Wörter wurden nicht einfach fortlaufend diktiert. Teilweise musste Kelley die Texte rückwärts beziehungsweise Buchstabe für Buchstabe aus Tabellen ablesen. Dafür wurde sogar eine theologische Erklärung geliefert: Die Sprache besitze eine solche Macht, dass das unmittelbare Aussprechen vollständiger Wörter während ihrer Offenbarung gefährliche Wirkungen haben könne. Aus moderner Sicht wirkt dies natürlich wie eine ausgezeichnete Methode, um eine spontan erfundene Sprache möglichst schwer überprüfbar zu machen. Für Dee hingegen war gerade die Komplexität des Vorgangs ein Indiz für ihre übernatürliche Herkunft.

Ist Henochisch wirklich eine Sprache?

Hier beginnt die sprachwissenschaftlich interessante Frage.

Henochisch besteht nicht lediglich aus bedeutungslosen Lautfolgen. Das überlieferte Material weist wiederkehrende Wörter und bestimmte grammatische Strukturen auf. Es lassen sich Pronomen, Verben, Substantive, Präpositionen und andere sprachliche Elemente identifizieren.

Der australische Linguist Donald C. Laycock untersuchte das Material ausführlich und veröffentlichte 1978 sein Complete Enochian Dictionary. Das Werk wurde zu einer der wichtigsten modernen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen des überlieferten Wortmaterials. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Henochisch eine „echte“ natürliche Sprache im Sinne des Deutschen, Lateinischen oder Hebräischen wäre. Der überlieferte Wortschatz ist dafür viel zu klein und das Corpus zu begrenzt. Auch die Grammatik ist nicht vollständig erschließbar. Vor allem aber zeigt Henochisch deutliche Spuren der sprachlichen Umwelt seiner Schöpfer.

Bestimmte grammatische Strukturen erinnern stark an das Englische. Die Wortstellung entspricht auffällig häufig englischen Mustern. Auch lautliche und morphologische Eigenschaften lassen sich teilweise als Verfremdungen bekannter europäischer Sprachformen interpretieren. Einige Forscher haben deshalb argumentiert, dass zumindest Teile des Henochischen letztlich als verschleiertes oder transformiertes Englisch verstanden werden könnten. Von einer übermenschlich perfekten Sprache kann aus linguistischer Sicht jedenfalls keine Rede sein.

Kelley – Prophet oder genialer Hochstapler?

Damit gelangen wir zur vielleicht spannendsten Frage: Woher kam die Sprache wirklich?

Die einfachste Erklärung lautet: Edward Kelley erfand sie.

Dafür spricht zunächst die Rollenverteilung. Kelley war derjenige, der die Engel sah. Kelley hörte die Botschaften. Kelley sah die Buchstaben. Dee schrieb sie auf. Der Informationsfluss verlief also nahezu vollständig durch Kelley. Damit besaß Kelley eine enorme Macht über Dee. Und tatsächlich entwickelte sich die Beziehung der beiden Männer zunehmend problematisch. Die berühmteste Episode ereignete sich 1587. Kelley behauptete, die Engel hätten angeordnet, Dee und Kelley müssten alles miteinander teilen – ausdrücklich auch ihre Ehefrauen. Dee war entsetzt. Dennoch scheint die Anweisung zumindest zeitweilig befolgt worden zu sein. Kurz darauf zerbrach die Zusammenarbeit der beiden Männer. Diese Episode hat Kelley verständlicherweise den Ruf eines Manipulators eingebracht. War also auch die Engelsprache nur Teil eines großangelegten Betruges? Das ist möglich, bewiesen ist es nicht.

Denn Kelley hätte für eine reine Täuschung einen erstaunlichen Aufwand betrieben. Über längere Zeit musste er komplexe Visionen, Namen, Tabellen, Hierarchien und sprachliche Formen produzieren und dabei zumindest eine gewisse innere Konsistenz bewahren. Man darf deshalb noch eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen: Kelley könnte zumindest teilweise selbst an seine Visionen geglaubt haben.

Menschen können in Trancezuständen, unter religiöser Ekstase oder in anderen außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen komplexe sprachähnliche Äußerungen hervorbringen. Aus der Religionsgeschichte kennen wir das Phänomen der Glossolalie, des sogenannten Zungenredens. Henochisch könnte daher irgendwo im Spektrum zwischen bewusster Konstruktion, improvisierter Glossolalie, kryptographischem Spiel und religiöser Erfahrung entstanden sein. Eine übernatürliche Erklärung benötigen wir dafür nicht.

War John Dee leichtgläubig?

Es wäre allerdings falsch, Dee deshalb einfach für einen leichtgläubigen Narren zu halten. Gerade seine Aufzeichnungen zeigen immer wieder Zweifel. Dee fürchtete, die Wesen, mit denen er kommunizierte, könnten keine Engel Gottes, sondern Dämonen sein. Dieses Problem war für einen christlichen Gelehrten existentiell. Die Bibel selbst warnte schließlich vor täuschenden Geistern. Deshalb prüfte Dee seine Gesprächspartner theologisch.

Er ließ sie Bekenntnisse ablegen, stellte Fragen und versuchte herauszufinden, ob ihre Aussagen mit seinem christlichen Weltbild vereinbar waren. Das Problem bestand darin, dass jede Antwort wiederum durch Kelley kam. Dees Experiment besaß also einen fatalen erkenntnistheoretischen Fehler: Das Messinstrument war zugleich der einzige Zeuge.

Wissenschaft und Magie – kein Widerspruch?

Die Geschichte der henochischen Sprache zeigt besonders deutlich, weshalb wir die Renaissance nicht mit unseren heutigen Kategorien betrachten dürfen. John Dee lebte in einer Welt, in der die Grenzen zwischen Naturwissenschaft, Theologie und Magie noch nicht gezogen waren wie heute. Die Natur galt als Buch Gottes. Wenn Gott die Welt nach mathematischen Prinzipien geschaffen hatte, dann konnte Mathematik ein Weg sein, seine Schöpfung zu verstehen. Wenn Engel Bestandteile dieser Schöpfungsordnung waren, erschien es zumindest theoretisch möglich, auch mit ihnen systematisch zu kommunizieren.

Dees Engelsgespräche waren deshalb aus seiner eigenen Perspektive nicht das Gegenteil seiner wissenschaftlichen Arbeit. Sie waren deren radikale Fortsetzung. Er wollte Erkenntnis. Nur war die von ihm gewählte Methode ungeeignet, zwischen tatsächlicher äußerer Information und den Behauptungen seines Mediums zu unterscheiden. Gerade darin liegt die erkenntnistheoretische Tragik des Unternehmens.

Das Verschwinden der Engel

Nach dem Ende der Zusammenarbeit mit Kelley verlor das Projekt an Dynamik. Dee kehrte schließlich nach England zurück. Seine letzten Lebensjahre verliefen wenig glücklich. Sein früheres Ansehen war geschwunden, seine finanziellen Verhältnisse waren schwierig, und er starb 1608 oder 1609. Seine Aufzeichnungen jedoch überlebten. Ein entscheidender Schritt erfolgte 1659, als Meric Casaubon Teile der Engelsgespräche unter dem Titel A True & Faithful Relation of What Passed for many Yeers Between Dr. John Dee and Some Spirits veröffentlichte.

Casaubons Absicht war keineswegs, Dee als großen Magier zu feiern. Vielmehr wollte er demonstrieren, wie gefährlich der Kontakt mit vermeintlichen Geistern sein könne. Ironischerweise bewahrte gerade diese kritische Veröffentlichung Dees Ruf als Magier für spätere Generationen. Doch die eigentliche Karriere des Henochischen begann erst viel später.

Die Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erlebte Europa eine Renaissance des Okkultismus. Spiritismus, Theosophie, zeremonielle Magie, Kabbala und allerlei esoterische Systeme wurden populär. In diesem Umfeld entdeckten britische Okkultisten auch John Dee wieder.

Von besonderer Bedeutung wurde der 1888 gegründete Hermetic Order of the Golden Dawn. Mitglieder des Ordens wie Samuel Liddell MacGregor Mathers integrierten Teile des Dee-Kelley-Materials in ein umfangreiches System zeremonieller Magie. Dabei geschah etwas historisch ausgesprochen Interessantes: Aus den fragmentarischen Aufzeichnungen zweier Männer des 16. Jahrhunderts wurde nachträglich ein scheinbar geschlossenes magisches System konstruiert. Das, was heute häufig als „Enochian Magic“ bezeichnet wird, ist deshalb nicht einfach identisch mit dem, was Dee praktizierte. Es handelt sich zu einem beträchtlichen Teil um eine Rekonstruktion und Neuinterpretation des 19. und 20. Jahrhunderts.

Der Religionswissenschaftler Egil Asprem hat gerade diese Rezeptionsgeschichte detailliert untersucht und gezeigt, wie Dees Material in der modernen westlichen Esoterik immer wieder neu interpretiert und mit neuen Autoritätsansprüchen versehen wurde.

Aleister Crowley und die dreißig Aethyre

Eine weitere entscheidende Figur der Rezeptionsgeschichte war Aleister Crowley. Crowley übernahm henochische Elemente aus der Tradition des Golden Dawn und entwickelte sie weiter. Besonders wichtig wurden für ihn die sogenannten 30 Aethyre oder Aethyrs, himmlische beziehungsweise metaphysische Regionen, die mit dem henochischen System verbunden wurden.

1909 führte Crowley während einer Reise durch Nordafrika gemeinsam mit Victor Neuburg eine Reihe visionärer Experimente durch. Dabei rezitierte er henochische Anrufungen und versuchte, die einzelnen Aethyre visionär zu „bereisen“. Die Ergebnisse veröffentlichte er später als The Vision and the Voice. Damit war Henochisch endgültig Bestandteil der modernen zeremoniellen Magie geworden.

Eine Sprache entwickelt ein Eigenleben

Im 20. Jahrhundert verbreitete sich das System weiter. Okkultisten, Thelemiten und verschiedene magische Orden entwickelten eigene Aussprachetraditionen und Interpretationen. Dabei entstand ein kurioses Problem: Niemand weiß sicher, wie Henochisch ausgesprochen werden soll.

Dees Aufzeichnungen liefern zwar Hinweise, aber keine moderne phonetische Beschreibung. Deshalb existieren verschiedene Schulen. Manche sprechen die Wörter relativ flüssig aus, andere artikulieren nahezu jeden Konsonanten mit zusätzlichen Vokalen. Das kann dazu führen, dass derselbe henochische Satz bei zwei Ritualmagiern vollkommen unterschiedlich klingt. Für eine Sprache, die angeblich unmittelbar aus dem Himmel stammt, besitzt sie bemerkenswert viele irdische Dialekte.

Henochisch als konstruierte Sprache

Aus heutiger Sicht lässt sich Henochisch am sinnvollsten als konstruierte beziehungsweise künstliche Sprache mit religiös-magischer Funktion betrachten. Allerdings unterscheidet sie sich fundamental von modernen Plansprachen wie Esperanto. Ludwik Zamenhof erklärte offen, Esperanto geschaffen zu haben. Dee und Kelley behaupteten dagegen gerade, Henochisch nicht geschaffen zu haben. Darin ähnelt die Sprache eher anderen religiösen Sprachphänomenen.

Interessant ist beispielsweise ein Vergleich mit Joseph Smiths „reformiertem Ägyptisch“ im Umfeld des Mormonismus oder mit glossolalischen Äußerungen religiöser Bewegungen. Auch dort erhalten sprachliche Zeichen Autorität gerade dadurch, dass sie nicht als gewöhnliche menschliche Kommunikation gelten. Henochisch ist deshalb nicht nur eine konstruierte Sprache. Es ist eine Offenbarungssprache. Ihre behauptete Herkunft ist Teil ihrer Funktion. Ein gewöhnliches Kunstwort besitzt keine Macht. Ein Wort, das ein Engel diktiert hat, möglicherweise schon. Zumindest für denjenigen, der daran glaubt.

Die Macht der unverständlichen Sprache

Damit berührt die Geschichte ein sehr altes kulturelles Phänomen. Menschen haben fremden oder unverständlichen Sprachen seit jeher besondere Macht zugeschrieben. Latein konnte auf mittelalterliche Laien geheimnisvoll wirken. Hebräische Gottesnamen wurden in christliche Zauberbücher übernommen. Griechische, hebräische und pseudohebräische Buchstaben tauchen in Amuletten auf. Magische Papyri der Antike enthalten sogenannte voces magicae – geheimnisvolle Lautfolgen, deren Bedeutung teilweise schon den damaligen Benutzern unbekannt gewesen sein dürfte. Gerade das Nichtverstehen steigert den Eindruck des Geheimnisvollen. Eine Alltagssprache erklärt. Eine heilige Sprache offenbart. Eine magische Sprache wirkt. Das Henochische steht genau an diesem Schnittpunkt von Sprache, Religion und Magie.

Ist das Rätsel gelöst?

Nicht vollständig. Dass Henochisch tatsächlich von Engeln stammt, lässt sich historisch oder sprachwissenschaftlich selbstverständlich nicht belegen. Es gibt auch keinen linguistischen Befund, der eine solche Erklärung erforderlich machen würde. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Haben Engel Henochisch gesprochen?“

Historisch interessanter ist: „Wie konnten zwei hochgebildete Männer des 16. Jahrhunderts ein komplexes System entwickeln, in dem eine angeblich himmlische Sprache eine zentrale Rolle spielte?“ Und plötzlich öffnet sich ein viel größeres Fenster. Wir sehen die Renaissance mit ihrer Sehnsucht nach verlorenem Urwissen. Wir sehen die christliche Kabbala. Wir sehen die Suche nach der Sprache Adams. Wir sehen Alchemie, Astrologie und Mathematik. Wir sehen die Faszination für Geheimschriften. Wir sehen die Hoffnung, dass hinter der sichtbaren Welt eine zweite Ordnung existiert, die sich entschlüsseln lässt. Und wir sehen John Dee. Einen Mann, der einen beträchtlichen Teil des Wissens seiner Epoche beherrschte und trotzdem glaubte, dass die wirklich wichtigen Bücher vielleicht noch gar nicht in menschlichen Bibliotheken standen.

Die eigentliche Faszination des Henochischen

Vielleicht liegt gerade darin der bleibende Reiz dieser merkwürdigen Sprache. Das Henochische erzählt weniger über Engel als über Menschen. Es erzählt von unserem Wunsch, dass die Welt mehr sein möge als das unmittelbar Sichtbare. Dass hinter den Dingen ein geheimer Code verborgen sei. Dass es irgendwo eine Sprache geben könnte, in der die Wirklichkeit selbst geschrieben ist. John Dee suchte genau danach. Als Mathematiker suchte er die Ordnung der Welt in Zahlen. Als Alchemist suchte er sie in der Materie. Als Theologe suchte er sie in Gott. Und als Magier suchte er sie schließlich in den Stimmen der Engel. Edward Kelley blickte in einen Kristall. John Dee hielt die Feder. Und irgendwann erschienen auf dem Papier Wörter, die vorher niemand gekannt hatte. Ol sonf vorsg…

Ob Kelley sie erfand, ob sie aus einem Zustand religiöser Ekstase hervorgingen oder ob beide Männer über Jahre gemeinsam – bewusst oder unbewusst – eine Kunstsprache erschufen, lässt sich nach mehr als vierhundert Jahren kaum endgültig entscheiden. Nur eine Erklärung können wir aus historisch-kritischer Sicht getrost beiseitelegen: Wir benötigen keine Engel, um das Phänomen zu erklären. Doch gerade das macht die Geschichte nicht weniger faszinierend. Im Gegenteil. Denn wenn Henochisch keine Sprache der Engel ist, dann ist es etwas vielleicht noch Interessanteres: eine Sprache, die Menschen erschufen, weil ihnen die Sprachen der Menschen nicht mehr genügten.


Literatur und Quellen zum Weiterlesen

Für eine vertiefende Beschäftigung sind insbesondere John Dees erhaltene Manuskripte in der British Library von Bedeutung. Sloane MS 3188 enthält die frühen Engelsgespräche, Sloane MS 3189 den Liber Logaeth beziehungsweise das „Book of Enoch“ und Sloane MS 3191 unter anderem die 48 Claves Angelicae. Die Katalogbeschreibungen der British Library ermöglichen einen guten Einstieg in die Primärüberlieferung.

Eine klassische sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Material bietet Donald C. Laycock, The Complete Enochian Dictionary: A Dictionary of the Angelic Language as Revealed to Dr. John Dee and Edward Kelley, erstmals 1978 erschienen und später neu aufgelegt.

Für die Geschichte der modernen Rezeption ist Egil Asprems Studie Arguing with Angels: Enochian Magic and Modern Occulture, State University of New York Press 2012, besonders empfehlenswert. Sie untersucht nicht nur Dee und Kelley, sondern vor allem die Umformung ihres Materials innerhalb der modernen westlichen Esoterik.

Zur weiteren historischen Einordnung bieten sich außerdem Studien über John Dee, frühneuzeitliche Magie, christliche Kabbala und die Suche nach der adamischen Ursprache an. Besonders wichtig ist dabei, moderne Handbücher praktizierender Okkultisten von historischer Forschung zu unterscheiden: Gerade beim Henochischen werden die ursprünglichen Aufzeichnungen Dees häufig mit späteren Ergänzungen des Golden Dawn, Crowleys oder noch jüngerer esoterischer Autoren vermischt.

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