Das verlorene Netz

Vom Aufstieg und Fall eines digitalen Paradieses

Es gab eine Zeit, und sie liegt kaum länger zurück als ein Menschenalter, da war das Internet noch eine Verheißung.

Nicht jene Verheißung, die heute auf den Hochglanzseiten milliardenschwerer Technologiekonzerne verkündet wird, wo glückliche Menschen in pastellfarbenen Räumen sitzen und mit Hilfe irgendeiner neuen Plattform angeblich ihre Kreativität entfesseln, während im Hintergrund bereits ihre Aufmerksamkeit vermessen, ihr Verhalten katalogisiert und ihre Seele in Werbesegmente zerlegt wird. Nein. Es war eine andere Verheißung. Eine wildere. Eine unvollkommenere. Vielleicht gerade deshalb eine menschlichere.

Das Internet der frühen 2000er Jahre war kein Paradies, weil dort nur Engel wandelten. Wahrlich nicht. Es gab Narren und Fanatiker, Spinner und Trolle, Betrüger, Verschwörungsgläubige und Menschen, deren hervorstechendste Begabung darin bestand, in Foren mit siebzehn Ausrufezeichen zu erklären, warum alle anderen Idioten seien. Doch über diesem lärmenden, chaotischen, manchmal herrlich bescheuerten Gewimmel lag etwas, das inzwischen beinahe kostbarer erscheint als alle technischen Errungenschaften der vergangenen zwanzig Jahre:

Freiheit.

Nicht die große, pathetische Freiheit der Verfassungen und Revolutionen. Es war die kleine Freiheit des Unbeobachteten. Die Freiheit, etwas zu tun, ohne daraus eine Marke machen zu müssen. Die Freiheit, einen Gedanken ins Netz zu stellen, obwohl er weder monetarisierbar noch reichweitenoptimiert noch algorithmuskompatibel war. Die Freiheit, sich lächerlich zu machen und am nächsten Morgen weiterzuleben.

Es war das Zeitalter der selbstgebastelten Webseiten, der Foren, Gästebücher und Blogs. Überall entstanden kleine Reiche, gegründet von Menschen, die keine Ahnung von Marketing hatten und gerade deshalb interessant waren. Jemand schrieb dreitausend Wörter über seine Modelleisenbahn. Ein anderer dokumentierte die Geschichte eines längst verschwundenen Dorfkinos. Wieder jemand veröffentlichte Gedichte, die vermutlich besser unveröffentlicht geblieben wären, aber gerade darin lag ein eigentümlicher Zauber: Er durfte es tun.

Niemand fragte nach seiner „Personal Brand“.

Niemand verlangte eine „Content Strategy“.

Niemand erklärte ihm, er müsse dreimal täglich posten, seine Zielgruppe definieren, seine Reichweite optimieren und am besten noch einen Newsletter-Funnel einrichten. Man schrieb, weil man etwas zu sagen hatte. Oder weil man glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und manchmal genügte sogar das. Das frühe Internet war eine Landschaft aus Millionen kleiner Feuer. Manche brannten hell, manche flackerten nur wenige Monate, manche erloschen, ohne dass jemand Notiz davon nahm. Aber sie gehörten denen, die sie entzündet hatten.

Dann kamen die großen Plattformen. Und mit ihnen kamen Ordnung, Bequemlichkeit und Reichweite. Wie so oft in der Geschichte trat der Verlust nicht in Gestalt eines Dämons auf. Niemand erschien mit Hörnern und Schwefelgeruch und sprach: „Gebt mir eure Freiheit, und ich gebe euch dafür einen Like-Button.“

Nein.

Der Teufel der Moderne trägt ein freundliches Interface.

Er sagt: Warum solltest du eine eigene Webseite bauen? Komm zu uns.

Warum ein Forum betreiben? Wir haben Gruppen.

Warum einen RSS-Reader benutzen? Unser Algorithmus zeigt dir, was wichtig ist.

Warum selbst suchen? Wir kennen dich.

Warum entscheiden, was du sehen möchtest?

Wir entscheiden es für dich.

Und wir folgten.

Natürlich folgten wir.

Denn es war bequem.

So begann die Vertreibung aus dem digitalen Paradies nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Login.

Was einst ein Archipel unzähliger Inseln gewesen war, wurde nach und nach zu einigen wenigen Kontinenten, beherrscht von Konzernen, deren Macht sich nicht daraus speiste, dass sie Inhalte produzierten, sondern daraus, dass sie entschieden, welche Inhalte sichtbar wurden.

Das Netz, einst ein Raum, wurde zum Feed. Und der Feed wurde zur Welt.

Damit veränderte sich etwas Fundamentales. Der Mensch im frühen Internet war Besucher, Entdecker, manchmal sogar Siedler. Der Mensch im heutigen Internet ist vor allem eines:

Konsument.

Und Produkt.

Er scrollt.

Er klickt.

Er reagiert.

Er wird vermessen.

Seine Aufmerksamkeit wird verkauft.

Seine Empörung wird verkauft.

Seine Sehnsucht wird verkauft.

Seine Einsamkeit wird verkauft.

Und während er glaubt, kostenlos Katzenvideos anzusehen, findet hinter dem Vorhang eine der größten Auktionen der Menschheitsgeschichte statt: der fortwährende Verkauf menschlicher Aufmerksamkeit.

So kam die Werbung.

Nicht die harmlose Reklame früherer Webseiten, jene blinkenden Banner, die einem mitteilten, man sei der millionste Besucher und habe möglicherweise einen Toyota gewonnen. Diese Werbung war wenigstens ehrlich in ihrer Lächerlichkeit.

Die neue Werbung tarnt sich.

Sie nennt sich Empfehlung.

Kooperation.

Partnerschaft.

Produkttest.

Lifestyle.

Influencing.

Und mit ihr erhob sich eine neue Priesterkaste des digitalen Zeitalters: Menschen, deren Beruf darin besteht, anderen Menschen vorzuspielen, ihr Leben bestehe aus Sonnenuntergängen, Proteinshakes, Luxushotels und der spontanen Begeisterung für Rabattcodes.

Sie verkaufen Zahnpasta mit der Inbrunst mittelalterlicher Reliquienhändler.

Sie halten eine Gesichtscreme in die Kamera, als hätten sie soeben den Heiligen Gral gefunden.

Sie erklären ihren Anhängern, dieses Produkt habe „wirklich ihr Leben verändert“, und man möchte ihnen zurufen: Wenn ein Shampoo dein Leben verändert hat, war möglicherweise nicht das Shampoo das eigentliche Problem.

Doch auch dies wäre lediglich komisch, hätte sich nicht zugleich etwas Dunkleres vollzogen.

Denn das Internet wurde nicht nur kommerzialisiert.

Es wurde moralisiert.

Aus dem einstigen Jahrmarkt der Eitelkeiten wurde ein Tribunal.

Plötzlich standen sie überall: die digitalen Tugendwächter, die Hohepriester der richtigen Haltung, die selbsternannten Gerichtshöfe über Sprache, Humor, Geschmack und Gesinnung. Menschen, deren bemerkenswerteste moralische Leistung häufig darin besteht, anderen öffentlich zu erklären, wie unmoralisch diese seien.

Sie ziehen durch die sozialen Netzwerke wie puritanische Wanderprediger durch ein sündiges Babylon, stets auf der Suche nach einem falschen Wort, einem missglückten Scherz, einer zehn Jahre alten Äußerung, die man ausgraben, entkontextualisieren und dem Tribunal der Gegenwart vorlegen kann.

Und wehe dem, der sündigte.

Denn Vergebung gehört nicht zum Geschäftsmodell.

Es genügt nicht mehr, einem Menschen zu widersprechen. Man muss ihn entlarven.

Man muss ihn „einordnen“.

Man muss zeigen, „was für ein Mensch“ er ist.

Man muss seine Freunde fragen, warum sie noch mit ihm verkehren.

Man muss seinen Arbeitgeber informieren.

Man muss beweisen, dass man selbst auf der richtigen Seite steht.

Und über allem schwebt jene merkwürdige Form öffentlicher Moral, die weniger danach fragt, ob man gut handelt, als danach, ob möglichst viele Menschen sehen können, dass man zu den Guten gehört.

Virtue Signalling ist die Liturgie dieses neuen Glaubens.

Die Empörung ist sein Weihrauch.

Der Screenshot seine heilige Schrift.

Der Block-Button seine Exkommunikation.

Und der Shitstorm sein Jüngstes Gericht.

Dabei wäre es ungerecht, diese Krankheit nur einer politischen oder kulturellen Richtung zuzuschreiben. Die digitalen Pharisäer stehen längst in allen Lagern. Rechts wie links, progressiv wie konservativ, religiös wie atheistisch finden sich Menschen, die das Internet nicht benutzen, um Gedanken auszutauschen, sondern um die eigene moralische Überlegenheit vorzuführen.

Sie unterscheiden sich in ihren Dogmen.

Nicht aber in ihrem Habitus.

Jeder besitzt seine Ketzer.

Jeder seine verbotenen Wörter.

Jeder seine Verräter.

Jeder seine Apokalypse.

Und jeder ist überzeugt, ausgerechnet er stehe auf der Seite der Engel.

Vielleicht liegt darin die größte Ironie des heutigen Internets: Nie zuvor hatten so viele Menschen Zugang zu so viel Wissen, und selten schien die Bereitschaft so gering, den Gedanken zuzulassen, man könne sich irren.

Wir tragen Bibliotheken in der Hosentasche und benutzen sie, um Fremde zu beschimpfen.

Wir können binnen Sekunden wissenschaftliche Arbeiten aus aller Welt lesen und teilen stattdessen Memes, weil sie bestätigen, was wir ohnehin schon glauben.

Wir besitzen Kommunikationsmittel, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten, und verwenden sie, um Menschen mitzuteilen, sie sollten „verrecken“.

Das ist eine zivilisatorische Leistung eigener Art.

Und die Plattformen?

Sie sehen zu.

Mehr noch: Sie profitieren davon.

Denn Hass bindet Aufmerksamkeit.

Empörung erzeugt Interaktion.

Wut lässt uns zurückkehren.

Der Algorithmus besitzt keine Moral. Er kennt weder Wahrheit noch Lüge, weder Güte noch Bosheit. Er kennt nur Engagement.

Wenn eine Lüge tausend Menschen erzürnt und eine nüchterne Wahrheit zwölf interessiert, dann hat die Lüge aus Sicht der Maschine gewonnen.

So wurde der Zorn zum Treibstoff des Netzes.

Wir sitzen in einer gigantischen Maschine, die uns täglich fragt: „Worüber möchtest du dich heute empören?“ Und wenn wir keine Antwort wissen, schlägt sie uns etwas vor.

Vielleicht einen Politiker.

Vielleicht einen Prominenten.

Vielleicht einen Wissenschaftler.

Vielleicht einen Witz.

Vielleicht einen fünfzehn Sekunden langen Ausschnitt aus einem zweistündigen Gespräch.

Irgendetwas wird sich finden.

Irgendjemand hat immer etwas gesagt.

Und irgendwo wartet bereits jemand darauf, sich davon beleidigt zu fühlen.

So entstand jene seltsame digitale Gesellschaft, in der Millionen Menschen gleichzeitig Sender und Publikum, Richter und Angeklagte, Henker und Opfer sind.

Alle beobachten alle.

Alle bewerten alle.

Alle dokumentieren alle.

Und fast niemand hört noch zu.

Dabei war gerade das einmal die große Hoffnung des Internets gewesen.

Dass Menschen einander finden könnten.

Nicht Zielgruppen.

Nicht Follower.

Nicht Reichweiten.

Menschen.

Der Sonderling aus einem x-beliebigen Dorf konnte plötzlich mit einem Astronomen aus Kalifornien diskutieren. Der Schüler, dessen Leidenschaft niemand in seiner Klasse verstand, fand irgendwo ein Forum mit dreihundert anderen Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilten. Minderheiten, Außenseiter, Nerds, Sammler, Hobbyhistoriker, Programmierer, Science-Fiction-Fans, Modellbauer, Skeptiker, Dichter, Musiker und Spinner bauten sich ihre kleinen digitalen Häuser.

Man musste sie suchen.

Das war wichtig.

Denn Suchen bedeutete Entdecken.

Heute müssen wir kaum noch suchen.

Alles wird uns gebracht.

Und darin liegt vielleicht unser Unglück.

Der Algorithmus kennt unsere Vorlieben und errichtet daraus einen Spiegelpalast. Wir begegnen immer häufiger nicht mehr der Welt, sondern einer berechneten Version unserer selbst.

Was uns gefällt, bekommen wir häufiger.

Was uns empört, ebenfalls.

Was uns bestätigt, sowieso.

Und irgendwann halten wir diesen algorithmisch erzeugten Korridor für die Wirklichkeit.

Vielleicht war das alte Internet auch deshalb freier, weil es schlechter funktionierte.

Es war langsam.

Unübersichtlich.

Chaotisch.

Man musste Links folgen, sich durch Foren wühlen, Blogs entdecken, Empfehlungen ausprobieren. Man verirrte sich.

Und Verirren ist eine unterschätzte Kulturtechnik.

Wer sich verirrt, findet Dinge, nach denen er nicht gesucht hat.

Heute verirrt man sich kaum noch.

Heute wird man geführt.

Optimiert.

Personalisiert.

Kuratiert.

Und mit jedem Schritt, den uns die Maschine abnimmt, schrumpft ein wenig jener Raum, in dem Zufall entstehen konnte.

Natürlich ist dies eine nostalgische Betrachtung.

Natürlich war früher nicht alles besser.

Das Modem kreischte wie ein Dämon, der in einer Telefonleitung exorziert wurde. Webseiten sahen aus, als hätten betrunkene Papageien sie gestaltet. Videos hatten ungefähr die Auflösung einer mittelalterlichen Glasmalerei. Downloads dauerten so lange, dass man währenddessen eine Familie gründen konnte.

Und trotzdem.

Es war unser Chaos.

Wir wussten noch nicht, was daraus werden würde.

Vielleicht war gerade das sein größter Zauber.

Das Internet hatte noch keine endgültige Form.

Niemand wusste, wie man sich darin „professionell“ verhielt. Niemand hatte Regeln für Personal Branding. Niemand erklärte einem Jugendlichen, wie er seine Reichweite maximieren könne. Man probierte Dinge aus. Man scheiterte. Man begann einen Blog und stellte ihn nach sechs Monaten wieder ein. Man nahm einen Podcast auf, obwohl kaum jemand wusste, was ein Podcast war. Man baute eine Webseite über irgendein absurdes Spezialinteresse und freute sich wie ein König, wenn das Gästebuch drei neue Einträge hatte.

Es gab keinen Influencer.

Es gab Leute.

Vielleicht ist das der Unterschied.

Wir hatten noch keine Follower.

Wir hatten Leser.

Wir hatten keine Community Manager.

Wir hatten Bekannte aus einem Forum.

Wir produzierten keinen Content.

Wir schrieben Texte, machten Bilder, nahmen Gespräche auf und stellten irgendeinen Unsinn ins Netz.

Wir waren keine Brands.

Wir waren Menschen.

Und irgendwann beschlossen wir, ohne es wirklich zu bemerken, dass Menschen nicht genügten.

Alles musste größer werden.

Professioneller.

Messbarer.

Erfolgreicher.

Und so begann die Herrschaft der Zahlen.

Likes.

Follower.

Views.

Shares.

Impressions.

Engagement.

Das digitale Leben bekam eine Buchhaltung.

Und seitdem steht hinter jedem Satz ein unsichtbarer Zähler.

Vielleicht ist das die tiefste Verderbnis, die über das Netz gekommen ist: dass wir gelernt haben, unsere eigene Bedeutung in Zahlen abzulesen.

Der Gedanke zählt nicht mehr allein.

Man sieht daneben, wie viele Menschen ihn mochten.

Der Witz steht nicht allein.

Man sieht, wie oft er geteilt wurde.

Der Mensch steht nicht allein.

Man sieht seine Followerzahl.

Und damit schleicht sich der Markt in Bereiche ein, die früher wenigstens teilweise außerhalb seiner Mauern lagen.

Aufmerksamkeit wird Kapital.

Bekanntheit wird Autorität.

Empörung wird Marketing.

Moral wird Markenpflege.

Authentizität wird Strategie.

Selbst das Private wird zur Ware.

Der Urlaub.

Das Essen.

Die Kinder.

Die Krankheit.

Die Trauer.

Die Beziehung.

Die Trennung.

Alles kann Content sein.

Alles kann verwertet werden.

Alles kann Reichweite erzeugen.

Und irgendwo in dieser gigantischen Maschine aus Selbstdarstellung, Werbung, Moralismus und algorithmisch verstärkter Wut sitzt der Mensch und wundert sich, warum ihn das Internet erschöpft.

Vielleicht weil es aufgehört hat, ein Ort zu sein, den wir besuchen.

Es begleitet uns.

Immer.

Im Bett.

Am Frühstückstisch.

Auf der Toilette.

Im Zug.

Im Restaurant.

Im Urlaub.

Bei Beerdigungen.

Bei Hochzeiten.

In jenen wenigen Minuten, in denen früher einfach nichts geschah.

Das alte Internet musste man betreten.

Das neue Internet trägt man mit sich herum.

Und vielleicht war die eigentliche Grenze des Paradieses niemals eine technische.

Vielleicht war es die Tür zum Arbeitszimmer, hinter der der Computer stand.

Man konnte sie schließen.

Man konnte offline sein.

Ein Wort, das inzwischen fast archaisch klingt.

Offline.

Als gäbe es noch einen Ort außerhalb des Reiches.

Doch bei aller Klage wäre es zu einfach, nur die Konzerne, die Influencer, die Algorithmen und die digitalen Tugendwächter anzuklagen.

Denn wir haben dieses Reich mitgebaut.

Wir klicken.

Wir teilen.

Wir empören uns.

Wir belohnen die Lauten.

Wir ignorieren die Leisen.

Wir lachen über den nächsten öffentlichen Pranger und hoffen insgeheim, niemals selbst in seiner Mitte zu stehen.

Wir haben das Paradies nicht nur verloren.

Wir haben Teile davon freiwillig eingetauscht.

Für Bequemlichkeit.

Für Reichweite.

Für Bestätigung.

Für das kleine rote Herz unter unserem Beitrag.

Und vielleicht ist dies die bitterste Erkenntnis jeder Vertreibungsgeschichte: Das Tor fiel nicht hinter uns zu.

Wir gingen hindurch.

Doch anders als in Miltons großer Dichtung steht hinter unserem verlorenen Paradies kein flammendes Schwert.

Die alten Wege existieren noch.

Die Blogs sind noch da.

Die kleinen Webseiten sind noch da.

Die Podcasts, die niemand monetarisiert, existieren noch. Die Foren, die Newsletter, die obskuren Projekte, die Menschen, die einfach schreiben, weil sie schreiben wollen, und reden, weil sie etwas zu sagen haben.

Vielleicht liegt die Hoffnung gerade darin.

Man muss nicht jeden Tanz mittanzen, den der Algorithmus befiehlt.

Man muss nicht jede Empörung übernehmen, die einem morgens serviert wird.

Man muss nicht aus sich selbst eine Marke machen.

Man muss nicht jeden Gedanken monetarisieren.

Man darf einen Text schreiben, den nur hundert Menschen lesen.

Man darf einen Podcast machen, den nur fünfzig Menschen hören.

Man darf eine Webseite betreiben, die aussieht, als wäre das Jahr 2004 niemals zu Ende gegangen.

Man darf sogar etwas veröffentlichen, ohne sich vorher zu fragen, ob es „performt“.

Das klingt heute beinahe revolutionär.

Vielleicht lässt sich das verlorene Paradies nicht zurückholen. Kein Eden kehrt wieder, sobald man einmal von seiner Frucht gegessen hat. Wir können nicht vergessen, was Algorithmen, soziale Netzwerke und Smartphones aus unserer Art zu kommunizieren gemacht haben.

Aber wir können kleine Gärten anlegen.

Orte, an denen nicht jeder Gedanke Ware ist.

Orte, an denen Widerspruch nicht Feindschaft bedeutet.

Orte, an denen Humor wieder riskieren darf, jemanden nicht zu gefallen.

Orte, an denen Menschen sich irren dürfen.

Orte, an denen man diskutiert, ohne anschließend die berufliche Vernichtung des Gegenübers zu fordern.

Orte, an denen ein Mensch mehr ist als die Summe seiner alten Tweets.

Vielleicht war das Internet niemals Eden.

Vielleicht erschien es uns nur so, weil wir jung genug waren, an seine Verheißung zu glauben.

Doch manchmal, wenn man einen alten Blog findet, dessen letzter Beitrag vom 17. Oktober 2007 stammt; wenn man auf eine längst vergessene Webseite stößt, deren Besucherzähler bei 18.431 stehen geblieben ist; wenn irgendwo ein totes Gästebuch noch die Grüße von Menschen bewahrt, deren E-Mail-Adressen vermutlich seit zwanzig Jahren nicht mehr existieren – dann weht für einen Augenblick etwas herüber aus jener versunkenen Welt.

Ein digitales Pompeji.

Eine Zeit, in der noch nicht jeder etwas verkaufen wollte.

Noch nicht jeder eine Marke war.

Noch nicht jeder Streit zum Krieg wurde.

Noch nicht jeder moralische Satz vor einem imaginären Publikum gesprochen wurde.

Eine Zeit, in der das Netz groß, unbekannt und ein wenig lächerlich war.

Und gerade deshalb wunderbar.

Vielleicht besteht unsere Strafe nicht darin, dass dieses Paradies verloren ging.

Vielleicht besteht sie darin, dass wir alt genug sind, uns noch daran erinnern zu können.

Und so stehen wir heute jenseits der Tore, im grellen Licht der Displays, umgeben von Werbung und Empörung, Influencern und Algorithmen, Shitstorms und Tugendwächtern, während hinter uns langsam die Erinnerung an eine Welt verblasst, die einmal grenzenlos schien.

Wir können nicht zurück.

Aber vielleicht können wir uns weigern, weiterzugehen.

Vielleicht können wir mitten im lärmenden Reich der Plattformen wieder anfangen, kleine Feuer anzuzünden.

Einen Blog.

Eine Webseite.

Einen Podcast.

Ein Forum.

Einen langen Text, den kein Algorithmus bestellt hat.

Und vielleicht sitzt irgendwo ein Fremder vor seinem Bildschirm, liest ihn und denkt:

Da ist noch jemand.

Dann wäre das Paradies nicht wiedergewonnen.

Aber vielleicht wäre ein kleines Stück davon gerettet.

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