Der Gott, der uns braucht

Über Glauben, Macht und die Würde des Zweifels

Es gibt Fragen, die so schlicht klingen, dass man ihnen zunächst kaum philosophische Tiefe zutraut. Warum sollte der Mensch Gott gehorchen?

Die religiöse Tradition hat darauf gewöhnlich eine ebenso schlichte Antwort gegeben: weil Gott Gott ist. Weil er uns geschaffen hat. Weil er allmächtig ist. Weil er das Gute will. Weil er weiß, was wir nicht wissen können. Weil zwischen dem Geschöpf und seinem Schöpfer ein Gefälle besteht, so gewaltig wie zwischen dem Staubkorn und der Galaxie.

Doch gerade dort, wo eine Antwort selbstverständlich erscheint, beginnt Philosophie. Denn aus Macht folgt noch kein moralisches Recht. Aus Überlegenheit folgt keine Verpflichtung zum Gehorsam. Und selbst aus Schöpfung folgt nicht notwendig Unterwerfung. Wenn ein Gott verlangt, dass der Mensch an ihn glaubt, ihn verehrt, ihm gehorcht und seine Gebote befolgt, dann drängt sich deshalb eine zunächst fast ungehörige Frage auf:

Wer braucht hier eigentlich wen? Der Mensch Gott? Oder Gott den Menschen?

Vielleicht beginnt die Religionskritik nicht mit dem Satz „Es gibt keinen Gott“, sondern mit der bescheideneren und zugleich gefährlicheren Frage: Was geschieht eigentlich mit einem Gott, wenn niemand mehr an ihn glaubt?

Man kann diese Frage natürlich metaphysisch beantworten. Wenn Gott existiert, dann existiert er unabhängig von unserem Glauben. Ein Stern verschwindet nicht, weil niemand zu ihm hinaufsieht. Die Gravitation wartet nicht auf Zustimmung. Die Andromedagalaxie dürfte vollkommen ungerührt darüber sein, ob irgendein Mensch von ihrer Existenz Kenntnis nimmt. Aber Götter sind keine Sterne.

Zumindest die Götter der Geschichte sind es nicht. Sie besitzen eine merkwürdige doppelte Existenz. Vielleicht existieren sie metaphysisch. Sicher aber existieren sie kulturell. Und diese zweite Existenz ist vollständig vom Menschen abhängig.

Ohne Menschen gibt es keine Gebete. Keine Tempel. Keine Liturgien. Keine heiligen Bücher. Keine Dogmen. Keine Priester. Keine Ketzer. Keine Gotteslästerung. Keine religiösen Kriege. Keine Heiligen. Keine Märtyrer. Keine Prozessionen. Keine Religionsgemeinschaften.

Und auch keine jener großartigen kulturellen Leistungen, die der Glaube hervorgebracht hat: keine gotischen Kathedralen, keine Bachkantaten, keine Ikonen, keine Psalmen, keine mystische Literatur.

Der Gott mag ohne den Menschen existieren. Die Religion kann es nicht. Und womöglich liegt darin eine der großen Ironien menschlicher Kulturgeschichte: Der Mensch wird gelehrt, dass er ohne Gott nichts sei, während die Geschichte unablässig zeigt, dass die Götter ohne Menschen zumindest gesellschaftlich nichts sind.

Zeus wurde nicht widerlegt. Apollo starb nicht. Odin wurde nicht besiegt. Isis, Mithras, Baal und Jupiter wurden nicht durch philosophische Argumente vom Himmel vertrieben. Man hörte auf, an sie zu glauben. Und damit verloren sie jene Form der Macht, die wir historisch überhaupt beobachten können. Die Macht des geglaubten Gottes.

Xenophanes von Kolophon hatte diesen Verdacht bereits im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Er bemerkte, dass die Menschen ihre Götter erstaunlicherweise nach dem eigenen Bild erschufen. Die Äthiopier stellten sich ihre Götter dunkelhäutig vor, die Thraker blauäugig und rothaarig. Und wenn Pferde oder Rinder malen könnten, meinte Xenophanes sinngemäß, würden ihre Götter vermutlich wie Pferde und Rinder aussehen.

In diesem Gedanken steckt Sprengstoff, denn er dreht den biblischen Satz um. Vielleicht schuf nicht Gott den Menschen nach seinem Bilde. Vielleicht schuf der Mensch Gott nach dem seinen. Und plötzlich erklären sich Eigenschaften Gottes, die bei einem vollkommenen Wesen merkwürdig wirken, bei Menschen aber ausgesprochen vertraut sind. Gott ist eifersüchtig. Gott wird zornig. Gott verlangt Verehrung. Gott bestraft Ungehorsam. Gott belohnt Treue. Gott unterscheidet zwischen denen, die ihn anerkennen, und denen, die es nicht tun.

Das sind bemerkenswert menschliche Leidenschaften. Ein vollkommenes Wesen müsste eigentlich jenseits solcher Bedürftigkeiten stehen. Denn warum sollte Vollkommenheit Anerkennung verlangen? Warum sollte Allmacht Lob benötigen? Warum sollte Ewigkeit empfindlich auf Zweifel reagieren? Ein Gott, der sich durch Unglauben beleidigt fühlt, wäre in einer eigentümlichen Weise verwundbar. Der Atheist könnte ihm etwas antun. Nicht körperlich, natürlich. Aber symbolisch. Er könnte ihm Anerkennung verweigern. Und wenn diese Verweigerung sündhaft ist, dann müsste Gott offenbar etwas daran liegen, anerkannt zu werden. Doch ein Wesen, das Anerkennung benötigt, besitzt ein Bedürfnis. Ein Wesen mit einem Bedürfnis besitzt einen Mangel. Und ein Wesen mit einem Mangel wäre schwerlich vollkommen. Hier beginnt der Gedanke Feuerbachs.

Ludwig Feuerbach sah in Gott nicht einfach eine Erfindung im trivialen Sinne. Seine Religionskritik war wesentlich raffinierter. Der Mensch, meinte er, projiziere seine eigenen höchsten Eigenschaften nach außen. Liebe, Vernunft, Gerechtigkeit, Güte, Unsterblichkeit, Macht – alles, was der Mensch sein möchte und doch niemals vollständig sein kann, fasst er in einem vollkommenen Wesen zusammen.

Dann kniet er vor diesem Wesen nieder. Und bemerkt nicht, dass er im Grunde vor seinen eigenen Idealen kniet. Das Tragische daran ist für Feuerbach nicht einmal die Projektion selbst. Menschen leben von Bildern, Hoffnungen und Idealen. Das Problem beginnt dort, wo der Mensch das von ihm selbst Hervorgebrachte gegen sich richtet. Er nimmt seine eigene Fähigkeit zur Güte und nennt sie göttlich. Er nimmt seine eigene Sehnsucht nach Gerechtigkeit und nennt sie göttlich. Er nimmt seine Fähigkeit zu lieben und nennt sie göttlich. Und anschließend erklärt er sich selbst zum mangelhaften Wesen, das diese Eigenschaften nur durch Vermittlung Gottes besitzt. Der Mensch enteignet sich seiner eigenen Größe. Er überträgt sie auf den Himmel und kehrt anschließend als Bettler zurück.

Vielleicht liegt hierin tatsächlich eine der tiefsten psychologischen Leistungen der Religion: Sie verwandelt menschliche Fähigkeiten in göttliche Geschenke und lässt den Menschen anschließend für das danken, was ursprünglich aus ihm selbst stammt. Doch selbst wenn Feuerbach irrte und Gott tatsächlich existierte, bliebe eine weitere Frage. Warum sollte die Tatsache seiner Existenz moralischen Gehorsam begründen?

Diese Frage führt erstaunlich weit zurück, bis zu Platon. Im Dialog „Euthyphron“ lässt Sokrates eine Frage stellen, die bis heute wie ein kleiner philosophischer Sprengsatz im Fundament jeder religiösen Moral liegt. Ist etwas gut, weil Gott es befiehlt? Oder befiehlt Gott es, weil es gut ist? Der Unterschied scheint zunächst beinahe scholastisch. Er ist gewaltig. Wenn etwas ausschließlich deshalb gut ist, weil Gott es befiehlt, dann wäre Moral letztlich willkürlich. Wenn Gott morgen Grausamkeit beföhle, müsste Grausamkeit gut sein. Wenn er Folter verlangte, wäre Folter moralisch. Wenn er das Töten Unschuldiger beföhle, wäre es richtig.

Das wäre keine Moral. Es wäre Gehorsam. Die Alternative scheint zunächst angenehmer: Gott befiehlt das Gute, weil es gut ist. Aber dann existiert offenbar ein Maßstab des Guten, der logisch unabhängig von Gottes Willen ist. Gott erkennt das Gute. Er erschafft es nicht. Dann könnte prinzipiell auch der Mensch versuchen, dieses Gute durch Vernunft zu erkennen. Und plötzlich verliert der Satz „Gott will es“ seine moralische Endgültigkeit.

Denn wir könnten fragen: Ist das, was hier angeblich Gott will, tatsächlich gut? Diese Frage gehört zu den großen Errungenschaften der Aufklärung. Sie ersetzt Autorität durch Prüfung. Nicht: Wer sagt es? Sondern: Ist es richtig? Das klingt selbstverständlich. Historisch war es revolutionär. Denn Herrschaft hat fast immer versucht, moralische Fragen in Gehorsamsfragen zu verwandeln. Könige verlangten Loyalität. Kirchen verlangten Orthodoxie. Diktaturen verlangten Bekenntnisse. Ideologien verlangten Zustimmung.

Und der große Vorteil eines göttlichen Befehls besteht darin, dass gegen ihn keine Berufungsinstanz mehr vorgesehen ist. Wer gegen einen König protestiert, widerspricht einem Menschen. Wer gegen einen Priester protestiert, dem gesagt wurde, er verkünde Gottes Willen, widerspricht scheinbar dem Universum. Keine politische Autorität könnte sich eine wirksamere Legitimation wünschen. „Ich will es“ ist schwach. „Das Gesetz will es“ ist stärker. „Gott will es“ scheint endgültig.

Vielleicht liegt deshalb in der einfachen Frage „Woher weißt du das?“ mehr Aufklärung als in manchem philosophischen Traktat. Woher weiß jemand, was Gott will? Hat Gott selbst gesprochen? Oder ein Mensch? Und wenn ein Mensch gesprochen hat: Warum sollte gerade dieser Mensch Zugang zu einer Wahrheit besitzen, die allen anderen verborgen bleibt?

Die Religionsgeschichte kennt Tausende Menschen, die behaupteten, Gottes Willen zu kennen. Merkwürdigerweise wollten ihre Götter oft genau das, was auch den jeweiligen Menschen nützlich erschien. Sie wollten deren Herrschaft. Deren Moralvorstellungen. Deren gesellschaftliche Ordnung. Deren Kriege. Deren Feinde. Es ist bemerkenswert, wie häufig der Wille des Ewigen mit den Interessen sehr zeitgebundener Menschen übereinstimmt.

Nietzsche hat diesen Verdacht radikalisiert. Sein berühmter Satz vom Tod Gottes wird bis heute häufig missverstanden, als triumphierender Ausruf eines Atheisten: Gott ist tot – endlich sind wir ihn los. Doch Nietzsche meinte etwas sehr viel Beunruhigenderes. Wenn Gott verschwindet, verschwindet nicht nur eine religiöse Vorstellung. Es verschwinden auch die Fundamente einer Weltordnung. Woher kommen Moral, Sinn, Wahrheit und Wert, wenn ihre letzte Begründung im Himmel erlischt? Der Tod Gottes ist bei Nietzsche kein Feuerwerk. Er ist ein Erdbeben.

Der Mensch ist plötzlich frei. Und genau darin liegt sein Problem. Denn Freiheit klingt wunderbar, solange man nicht darüber nachdenkt, was sie verlangt. Wer keinen Gott mehr über sich hat, kann niemandem mehr die Verantwortung zuschieben. Er kann nicht sagen: So steht es geschrieben. Er kann nicht sagen: So ist es bestimmt. Er kann nicht sagen: Gott will es. Er muss selbst urteilen. Und für sein Urteil einstehen. Vielleicht ist deshalb die Vorstellung eines göttlichen Gesetzgebers nicht nur Ausdruck von Unterwerfung, sondern auch eine ungeheure Entlastung. Gehorsam nimmt Verantwortung ab. Wer gehorcht, muss nicht begründen. Er muss nur folgen. Das hat etwas ungemein Beruhigendes.

Es erklärt vielleicht, weshalb Menschen sich immer wieder nach Autoritäten sehnen, selbst wenn sie gleichzeitig Freiheit verlangen. Freiheit ist anstrengend. Sie zwingt uns, Entscheidungen zu treffen, deren Folgen niemand außer uns verantwortet. Der gehorsame Mensch kann am Ende sagen: Ich habe getan, was verlangt wurde. Der freie Mensch besitzt diese Ausrede nicht. Vielleicht ist deshalb die wahre Gegenspielerin des religiösen Gehorsams nicht der Atheismus. Es ist die Verantwortung.

Doch auch die klassische Gottesfrage selbst besitzt eine eigentümliche moralische Schwierigkeit. Epikur beziehungsweise die später nach ihm formulierte sogenannte epikureische Problemstellung fragt sinngemäß: Wenn Gott das Böse verhindern will, aber nicht kann, ist er nicht allmächtig. Wenn er es kann, aber nicht will, ist er nicht vollkommen gut. Wenn er es kann und will – warum existiert dann das Böse? Und wenn er weder kann noch will – warum nennen wir ihn Gott? Dieses Problem der Theodizee gehört zu den ältesten Wunden des Monotheismus.

Denn die Welt ist nicht nur schön. Sie ist auch von einer Gleichgültigkeit, die jedem einfachen Glauben an eine fürsorgliche Ordnung Schwierigkeiten bereitet. Kinder erkranken. Erdbeben begraben Städte. Menschen werden gefoltert. Tiere fressen einander bei lebendigem Leib. Krankheiten zerstören Körper und Geist. Und die Natur unterscheidet dabei nicht zwischen Gerechten und Ungerechten. Ein Virus besitzt keine Moral. Ein Tsunami kennt keine Schuld. Wenn ein allmächtiger Gott diese Welt geschaffen hat, dann müsste man auch diese Welt zu seinem Werk rechnen.

Die Religion antwortet darauf häufig mit dem Geheimnis. Gottes Wege seien unergründlich. Vielleicht. Aber „unergründlich“ ist keine Erklärung. Es ist die Feststellung, dass wir keine haben. Und auch hier stellt sich wieder die Frage des Gehorsams. Warum sollte der Mensch einem Wesen blind vertrauen, dessen moralische Ordnung er gerade deshalb nicht beurteilen darf, weil sie angeblich seinen Verstand übersteigt?

Wir würden keinem irdischen Herrscher ein solches Argument durchgehen lassen. Stellen wir uns einen König vor, unter dessen Herrschaft Unschuldige leiden. Auf die Frage nach dem Grund antwortet er: „Ihr könnt meine Weisheit nicht verstehen.“ Wir würden das nicht Demut nennen. Wir würden es Macht nennen. Vielleicht sogar Willkür.

Warum sollte ein Argument dadurch besser werden, dass man den König in den Himmel versetzt? Damit ist nicht gesagt, dass Gott nicht existieren kann. Es bedeutet lediglich, dass Existenz und Verehrungswürdigkeit zwei verschiedene Fragen sind. Selbst wenn morgen zweifelsfrei bewiesen würde, dass ein mächtiges Wesen das Universum erschaffen hat, wäre damit noch nicht bewiesen, dass dieses Wesen gut ist. Oder gerecht. Oder liebenswert. Oder unserer Verehrung würdig. Das ist vielleicht die radikalste Konsequenz der Sache.

Die Frage „Existiert Gott?“ kommt logisch vor der Frage „Sollte ich Gott verehren?“ Aber sie beantwortet sie nicht. Man könnte sogar noch weitergehen. Ein wirklich vollkommener Gott müsste möglicherweise gerade keinen Gehorsam verlangen. Denn Gehorsam ist die einfachste Form moralischen Verhaltens. Er benötigt lediglich Autorität. Sehr viel anspruchsvoller ist das autonome Gute.

Kant hat diesen Gedanken in anderer Form ins Zentrum der Moral gestellt. Eine Handlung besitzt ihren moralischen Wert nicht deshalb, weil wir aus Angst vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung handeln. Wer nur deshalb nicht stiehlt, weil er die Hölle fürchtet, ist womöglich kein moralischer Mensch. Er ist lediglich vorsichtig. Und wer nur deshalb Gutes tut, weil er dafür den Himmel erwartet, handelt nicht ganz uneigennützig. Er betreibt eine metaphysische Form langfristiger Vermögensanlage. Interessant wird Moral dort, wo der Mensch das Gute tut, obwohl niemand zusieht. Wo kein Gott Buch führt. Wo keine Belohnung wartet. Wo keine Hölle droht. Vielleicht zeigt sich gerade dort moralische Größe.

Der religiöse Mensch könnte einwenden, dass echter Glaube nicht auf Angst und Lohn beruht. Das ist richtig. Und genau hier begegnen sich religiöser Humanismus und säkulare Ethik möglicherweise näher, als beide Seiten gelegentlich wahrhaben wollen. Denn der beste religiöse Mensch und der beste Atheist könnten aus demselben Grund handeln: weil ein anderer Mensch leidet. Nicht weil Gott es befiehlt. Nicht weil eine Schrift es verlangt. Nicht weil eine Belohnung wartet. Sondern weil Leid ein Grund ist, Leid zu lindern.

Vielleicht benötigt Moral weniger Himmel, als wir lange glaubten. Und vielleicht benötigt Gott weniger Gehorsam, als seine irdischen Vertreter behauptet haben. Denn man könnte sich schließlich auch einen anderen Gott vorstellen. Einen Gott, der keine Untertanen erschafft, sondern Gegenüber. Einen Gott, der Vernunft nicht verleiht, um sie anschließend zu verbieten. Einen Gott, der Zweifel nicht als Beleidigung empfindet, sondern als Konsequenz jener geistigen Freiheit, die er selbst geschaffen hätte. Einen Gott, der den aufrechten Skeptiker dem knienden Heuchler vorzieht.

Vielleicht wäre ein solcher Gott sogar der einzige, vor dem man sich freiwillig verneigen könnte. Nicht weil er es verlangt. Sondern gerade weil er es nicht verlangt. Denn wir kennen diesen Unterschied aus menschlichen Beziehungen. Der Mensch, der Respekt erzwingt, besitzt selten welchen. Der Mensch, der ihn nicht einfordert, erhält ihn manchmal gerade deshalb. Liebe, Freundschaft und Achtung verlieren ihren Wert, sobald sie befohlen werden. „Liebe mich!“ ist kein Liebesbeweis. „Bewundere mich!“ erzeugt keine Bewunderung. „Glaube an mich!“ ist noch kein Argument. Vielleicht gilt das sogar für Gott.

Und damit kehrt die ursprüngliche Frage zurück. Wer braucht wen? Der Mensch hat Götter geschaffen, verehrt, gefürchtet, bekämpft und vergessen. Er hat sie in Stein gehauen und aus Stein geschlagen. Er hat ihnen Tempel errichtet und die Tempel später als Ruinen besichtigt. Er hat in ihrem Namen Kriege geführt und Jahrhunderte später kaum noch gewusst, warum.

Die Götter wechselten.

Der Mensch blieb.

Vielleicht ist das kein Beweis gegen Gott. Aber es ist ein Hinweis auf die erstaunliche Macht des Glaubens selbst. Denn ein Gott, an den niemand glaubt, besitzt zumindest in unserer Welt keine Stimme. Menschen sprechen für ihn. Er besitzt keine Hände. Menschen handeln für ihn. Er besitzt keine Armeen. Menschen ziehen für ihn in den Krieg. Er schreibt keine Bücher. Menschen schreiben sie und nennen sie heilig. Das sollte uns vorsichtig machen. Vielleicht vor allem dann, wenn jemand behauptet, genau zu wissen, was Gott von uns verlangt. Denn zwischen Gott und dem menschlichen Befehl steht immer ein Interpret. Und dieser Interpret ist fehlbar. Er besitzt Interessen. Ängste. Vorurteile. Machtwünsche.

Vielleicht wäre deshalb die würdigste Haltung gegenüber einem möglichen Gott weder blinder Glaube noch triumphierender Atheismus. Vielleicht wäre es intellektuelle Aufrichtigkeit. Ich weiß nicht, ob du existierst. Ich weiß nicht, was jenseits dieser Welt liegt. Ich weiß nicht, warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts. Aber ich werde meinen Verstand nicht verleugnen, nur um meine Angst vor dem Unbekannten zu beruhigen. Ich werde keinem Menschen gehorchen, nur weil er behauptet, in deinem Namen zu sprechen. Und wenn du mir tatsächlich Vernunft gegeben hast, werde ich sie benutzen. Vielleicht wäre das sogar eine Form von Respekt.

Denn es wäre merkwürdig, wenn ein Gott den menschlichen Geist erschaffen hätte und anschließend beleidigt wäre, sobald er zu denken beginnt. Vielleicht ist also nicht der Zweifel das Gegenteil des Glaubens. Vielleicht ist Gleichgültigkeit sein Gegenteil. Der Zweifel nimmt die Frage ernst. Er ringt mit ihr. Er weigert sich nur, die Antwort vorwegzunehmen.

Und sollte am Ende tatsächlich ein Gott stehen, der diesen Namen verdient – ein Wesen von einer Weisheit, Güte und Größe, die unsere Vorstellung übersteigt –, dann müsste er den ehrlichen Zweifel eines Menschen vermutlich leichter ertragen können als die falsche Gewissheit seiner selbsternannten Sprecher. Ein Gott, der Anbetung benötigt, wäre kleiner als seine Gläubigen behaupten. Ein Gott, der Drohungen benötigt, wäre schwächer, als seine Priester sagen. Ein Gott, der Vernunft fürchtet, wäre ihrer nicht würdig. Und ein Gott, der wirklich vollkommen wäre? Der müsste uns nicht zwingen, vor ihm zu knien.

Vielleicht wäre gerade das der überzeugendste Grund, freiwillig stehenzubleiben – und ihm, falls es ihn gibt, auf Augenhöhe die einzige Frage zu stellen, die einer denkenden Kreatur wirklich angemessen ist: Warum?

Denn vielleicht ist der Mensch vor Gott nicht dann am würdigsten, wenn er schweigt.

Vielleicht ist er es gerade dann, wenn er fragt.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..